Früher verkaufte er Düfte, heute das Programm der AfD: der Triumphzug des Ulrich SiegmundAuf seiner Wahlkampftour löst der AfD-Spitzenkandidat wahre Euphorie aus. Doch die Erwartungen der Wähler an eine erste AfD-Regierung sind hoch.25.08.2026, 04.30 Uhr9 LeseminutenSein Programm ist gute Laune: Ulrich Siegmund will in Sachsen-Anhalt als Ministerpräsident die erste Alleinregierung der AfD anführen.Jens Schlueter / GettyDie Mittagssonne brennt unbarmherzig auf den Platz im Städtchen Zahna-Elster. Die Luft ist heiss und trocken, trotzdem hat sich eine Schlange von Wartenden gebildet. Sie führt zu einem Mann im weissen Polohemd. Er lächelt breit, die Zähne blitzen. Mit seiner sportlichen Figur sticht er schnell heraus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Hallo, ich bin der Ulli», sagt er und streckt einem Herrn im ausgeblichenen dunklen Tanktop und mit aufgestellter Sonnenbrille die Hand entgegen – herzlich, als kenne man sich seit Jahren. Er muss seinen Namen nicht dazu sagen. Ulrich Siegmund. Jeder hier kennt ihn bereits.Er ist der Mann, der am 6. September die Republik erschüttern könnte. An diesem Tag wählt das ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Und Siegmund hat eine veritable Chance, Ministerpräsident zu werden.«Hier geht ein Ruck durch dieses Land!»Davon gehen auch die Menschen aus, die ihm auf seiner Wahlkampftour quer durch Sachsen-Anhalt begegnen. Wo er hinkommt, wird Ulrich Siegmund gefeiert wie ein Pop-Star. Bei grösseren Veranstaltungen branden Sprechchöre mit seinem Vornamen auf: «Ulli, Ulli, Ulli!»Mal fährt er auf einer himmelblauen Simson Schwalbe («Das ist einfach nur der Hammer! Hier geht ein Ruck durch dieses Land!») – dem legendären Fortbewegungsmittel der DDR-Jugend –, mal eröffnet er Familienfeste («Hallo Merseburg, hallo gesunder Menschenverstand!»), mal greift er zur Bohrmaschine, um einen Handwerker bei der Altbausanierung zu unterstützen («Seite an Seite mit den Leistungsträgern unseres Landes!»).Eine ältere Frau mit rötlichem Haupthaar wartet geduldig an ihrem Rollator, die Hände fest um die Griffe gelegt. Die Sonne über ihr ist an ihrem höchsten Punkt. Siegmund entdeckt sie. Und reagiert sofort. Seine Stimme schneidet durch die Umstehenden: «Wollen Sie ein Foto? Dann können Sie danach wieder in den Schatten gehen.» Im nächsten Moment steht die Dame neben Siegmund. Beide grinsen in die Kamera. Geschafft.Am Nachmittag hat er einen Moment Pause. Jemand hat ihm ein Softeis gebracht. Der grossgewachsene Kastanienbaum spendet Schatten. Statt die ruhige Minute zu nutzen, um durchzuatmen, stellt er sich zur Reporterin: «Mensch, Sie sind ja immer noch hier. Ach, jetzt haben Sie gar kein Eis. Soll ich Ihnen eins holen?» Womöglich begründet sich damit ein Teil seines Erfolgs: Siegmunds Herzlichkeit ist keine Rolle, in die er – wie so manch anderer Politiker – für die Bühne schlüpft. Sie ist sein erster Impuls.Ein Fernsehreporter fragt Siegmund später, ob er sich schon auf das erste Bier freue. Bei einem Fest am Abend mit dem Motto «Politik bei Bierchen und Bratwurst» erklärt Siegmund deshalb präventiv auf der Bühne, dass er heute kein Bier trinke, sondern erst, wenn sie gewonnen hätten. Ganz ohne Abstriche lässt sich so eine Tour eben doch nicht durchhalten.Die Simson Schwalbe ist in Ostdeutschland Kulturgut.Jens Schlueter / GettyDenn an solchen Abenden geht es oft länger. «Endlich ein Ende mit dieser ungeregelten Migration», ruft er der Menge zu. «Damit wir endlich unsere eigenen Gesetze einhalten und trennen zwischen denjenigen, die gerne mitmachen und mit anpacken wollen, und denjenigen, die unser System ausnutzen. Die können die Heimreise antreten. Die sind hier nicht willkommen.» Dafür gibt es tosenden Applaus.Er macht eine Pause, schaut in die Gesichter. «Ich möchte, dass jeder von euch heute mit einem guten Gefühl nach Hause geht. Dass wir auf der richtigen Seite stehen. Wir sind die Zukunft, liebe Freunde. Hier in Sachsen-Anhalt schreiben wir gerade Geschichte. Nicht nur der Osten blickt auf diese Wahl. Ganz Europa blickt darauf.»Sogar die Konkurrenz erheitert ihn. Einer Handvoll Journalisten, die sich am Rande des kleinen Ansturms für die Signierstunde auf dem gepflasterten Marktplatz in der Lutherstadt Wittenberg drängen, sagt er: «Die CDU ist ja mittlerweile unser bester Wahlkämpfer geworden.» Und schiebt dann nach: «Es gibt Leute, die meinen, wir brauchten gar nichts mehr machen. Aber ich möchte diese Wahl wegen unserer eigenen Positionen und Inhalte gewinnen.»Eines hat der Spitzenkandidat bereits klargemacht: Er will nur eine Alleinregierung anführen. Koalitionen mit CDU, Linken, SPD, Grünen oder FDP kommen für die anderen sowieso nicht infrage. Auch die Aussicht, sich durch Enthaltung des BSW im dritten Wahlgang wählen zu lassen, weist Siegmund zurück. Er möchte eine stabile Mehrheit, und die hätte er mit dem BSW nicht. Dass jemand die Ware, die Siegmund verkauft hat, wegen Enttäuschung zurückgeben will, kommt für ihn nicht infrage.Entwaffnende FreundlichkeitVor wenigen Tagen erklärte das Hamburger Magazin «Der Spiegel» ihn zum «gefährlichsten Mann Deutschlands». Kaum war das Cover öffentlich, kursierte ein Video, in dem Siegmund einen Stapel des Magazins, das sein Gesicht ziert, entspannt signierte. Von Empörung oder Ärger keine Spur. Das ist typisch Siegmund: lächelnd noch einen draufsetzen.Gerade für die AfD, deren Mitglieder und Funktionäre mitunter zur schnellen Kränkung neigen, ist das bemerkenswert. Wo andere mit Rückzug, eiserner Kälte oder Aggression reagieren, hat er sich ein anderes Mittel zurechtgelegt: entwaffnende Freundlichkeit.Das Gespräch suchen, wo andere die Tür zuschlagen. Dem Podcaster Ben Berndt sagte er in ihrem vierstündigen Gespräch: «Ich habe mir jetzt angewöhnt, da gehe ich mal rüber zu diesen Linken.» Zu dem Format war auch sein Rivale Sven Schulze eingeladen, der amtierende Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat. Die CDU liegt in Umfragen zwischen 22 und 26 Prozent, weit abgeschlagen hinter der AfD. Schulze sagte ab.Der Podcast erreichte nach einer Woche fünf Millionen Klicks und über 60 000 Kommentare, die meisten restlos begeistert. Der Salesman hatte den Laden für sich allein.Siegmund ist ein Jahr nach dem Mauerfall in Havelberg geboren. Gross geworden ist er im beschaulichen Tangermünde, einer 10 000-Einwohner-Stadt mit einer mittelalterlichen Burg, direkt an der Elbe gelegen. «Da ist einfach heile Welt», sagte er im Podcast «Ungeskriptet», eine Stadt «wie aus dem Bilderbuch, als wenn du ein Buch aufmachst und alles ist stehengeblieben.»«Sagen, was ist»? Laut dem «Spiegel»-Cover vom August 2026 ist der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund der «gefährlichste Mann Deutschlands».NZZEinst verkaufte er Raumdüfte, jetzt das AfD-ProgrammGenau dieses Bild verspricht er seinen Wählern: das gute alte Deutschland, in dem Kinder noch unbeaufsichtigt spielen konnten und Asylheime höchstens ein weit entferntes Grossstadtproblem waren. Nostalgie und Aufbruchsversprechen in einem. «Deutschland hat ganz viele Tangermündes», so drückte er es kürzlich aus.Mit «18 oder 19» trat Siegmund zunächst in die CDU ein. Die Partei-Veranstaltungen seien immer die gleichen gewesen, erzählt er heute. Das frustrierte ihn. 2014 folgte der Eintritt in die AfD, Auslöser sei die Euro-Rettungspolitik gewesen. Nach der kaufmännischen Ausbildung machte er sich selbständig.Er verkaufte Raumdüfte: beruhigenden Lavendel an Zahnarztpraxen, Orange oder Bergamotte für Fitnessstudios. Die meisten seien «mit dem positiven Gefühl» gegangen. Da wusste er: «Das ist gut, was du machst.» An seinem Unternehmen ist er mittlerweile nicht mehr beteiligt.Das Verkaufstalent aber ist geblieben. Nur verkauft Siegmund nun statt Düften das Programm der AfD. Und es funktioniert. Ob in Wittenberg, Teicha oder Querfurt: Wo er auftaucht, warten schon seine Fans, überwiegend männlich, zwischen 30 und 70. Auf einem T-Shirt steht «Aufstehen für Deutschland».Aber auch Familien, Teenager-Pärchen und Frauen fortgeschrittenen Alters reihen sich für ein Selfie ein. Siegmund selbst ist verheiratet und Vater für zwei Töchter, eine von ihnen hat seine Frau mit in die Ehe gebracht.Eine Frau um die 60 mit krausen Haaren und lila getönter Brille drückt seine Hand: «Ich wünsche mir, dass du gewinnst.» Eine jüngere in Capri-Hosen und geblümtem Oberteil sagt zu ihrer Tochter: «Jetzt ist mein Traum erfüllt, jetzt geht’s nach Hause.» Es gibt allerdings nicht nur Selfie-Wünsche, sondern es werden Sorgen angesprochen. Immer wieder kommen die hohen Energie- und Spritpreise zur Sprache, aber auch teure Pflegeheime, das als indoktrinierend wahrgenommene Schulsystem.«Mit der Liebe zum Land geht alles»Ein Herr mit Schnauzbart, Ladenbesitzer, steht in Sandalen vor ihm. Er habe Corona-Hilfen angenommen und müsse sie nun zurückzahlen. Er könne nichts dafür, dass sein Laden habe schliessen müssen, sagt der Mann: «Das war der Staat.» Was die AfD dagegen tun werde? Der Mann hofft auf Amnestie.Siegmund nennt das eine «politische Schweinerei», wiegelt dann aber ab: Man müsse sich an die Rechtslage halten. Den Scherbenhaufen der Landesregierung könne er nicht mit einem Fingerschnippen beseitigen. Die Erwartungen an die erste AfD-Regierung sind extrem hoch. Manchmal scheint er sie ein wenig senken zu wollen.Am Ende eines solchen Tages hat er über 500 Fotos und Videos aufgenommen. Geht ihm da nicht die Luft aus? «Nein, wieso? Das Ganze gibt mir Kraft», sagt er der NZZ. 35 Grad Hitze? «Mit der Liebe zum Land geht alles. Es gibt kein zu warm oder zu kalt.»Ein Reporter fragt, ob er verstehe, dass einige Menschen Angst vor einer AfD-Regierung hätten. «Nein, überhaupt nicht, es gibt keinen Grund, hier Angst zu haben.» Die Vorbehalte erklärt sich Siegmund so: «Das ist oftmals sehr emotional begründet, was dann die vermeintlichen Sorgen sind.» Mit einem Gespräch und mit einem «Blick auf die Fakten» liesse sich das «sehr schnell entkräften».Zwielichtiges Umfeld?Das ist die Geschichte, die Siegmund bestens zu verkaufen weiss. Vollständig ist sie nicht. Denn in seinem engsten Umfeld gibt es Männer, die einst handfeste Verbindungen zum Rechtsextremismus pflegten. Sein Pressesprecher Patrick Harr, ein freundlicher Mann, dem er vertraut.Einst war Harr Abteilungsleiter bei der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Auch Laurens Nothdurft, Justiziar der Fraktion, war nach Recherchen des «Spiegels» in dem Verein aktiv, als «Zweiter Bundesführer». Der 1990 gegründete Verein wurde 2009 verboten, wegen «Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus, insbesondere mit der früheren Hitlerjugend».Nach MDR-Recherche arbeiten vier ehemalige HDJ-Funktionäre für die AfD in Sachsen-Anhalt. Die HDJ steht auf der Unvereinbarkeitsliste der Partei. Siegmund weiss von der Vergangenheit. Doch was vor 20, 30 Jahren gewesen sei, sei ihm egal. «Ich blicke nach vorne», sagte er dem «Spiegel».Teilnahme am Potsdamer Treffen hat FolgenBundesweite Bekanntheit erlangte Siegmund durch seine Teilnahme am Potsdamer Treffen im November 2023, wo der neurechte Aktivist Martin Sellner über Remigration sprach. Die Recherche des Mediums «Correctiv» löste grosse Empörung aus. Heute spricht Siegmund belustigt vom «Potsdamer Kaffeekränzchen».Damals waren die Folgen für ihn aber weniger lustig. Ende Februar 2024 wurde er als Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung abberufen. Siegmund sei damals in ein Loch gefallen, sagt ein Weggefährte heute.Im Februar 2026 gerät Siegmund in den Sog einer Vetternwirtschaftsaffäre. Mehrere Familienangehörige von AfD-Abgeordneten, unter ihnen sein eigener Vater, sind bei Parteikollegen in Magdeburg und Berlin beschäftigt. Die sogenannten Über-Kreuz-Anstellungen sind zwar legal, treffen die Partei jedoch an einem wunden Punkt, weil sie den etablierten Parteien genau solchen Filz vorwirft. Siegmund spielt die Vorwürfe herunter, während selbst aus den eigenen Reihen Kritik kommt.Nicht alle lassen sich von der Euphorie anstecken: Beschädigtes Plakat des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund zur Landtagswahl 2026 am Europaring in Magdeburg-Stadtfeld.Axel Kammerer / ImagoProgramm: «Abschiebeoffensive» und «Geburtenwende»Während um ihn herum die Skandalfeuer aufflackern, verliert Siegmund das Ziel nicht aus den Augen: die AfD in die Regierung bringen. Hinter dem 256 Seiten starken Regierungsprogramm steht massgeblich Hans-Thomas Tillschneider, Islamwissenschafter und Fraktionsvize. Siegmund und er kennen sich gut.Tillschneider will für Sachsen-Anhalt die «patriotische Wende» bringen. Kernstück ist eine «Abschiebeoffensive», für die 100 Millionen Euro in einem Alternativhaushalt bereitgestellt werden sollen. Die einstige Aufnahmestelle Stendal soll zur Abschiebehaftanstalt werden. Den Fachkräftemangel will er mit einer «Geburtenwende» lösen, nicht durch Zuwanderung.In der Bildung sollen dauerhafte «Sonderklassen für Flüchtlingskinder» getrennt von den Regelklassen eingerichtet werden, um zu signalisieren, dass der Aufenthalt «nur vorübergehend» sei, und «unsere Kinder» vor den «Belastungen» fremder Kulturen zu bewahren.Wenn Siegmund vorgeworfen wird, das Programm habe eine Zwei-Milliarden-Lücke, bleibt er ruhig. «Das Geld ist da», sagt er den Reportern, die ihn beim Wahlkampf beobachten. «Man müsste es nur für unser eigenes Land und für unser eigenes Volk investieren. Sachsen-Anhalt ist der erste Schritt. Aber das grosse Rad muss in Berlin gedreht werden.»Als erste Amtshandlung will Siegmund den Medienstaatsvertrag kündigen und die «GEZ-Zwangsgebühren» abschaffen. Das Verhältnis zu den Medien spielt in der AfD eine grosse Rolle. «Vom ersten Tag an hatten wir nun mal andere Spielregeln als andere Parteien», sagt Siegmund.Social Media wurde sein Ausweg. Auf Tiktok zählt er über 700 000 Abonnenten. Früher hat man sich dafür über ihn lustig gemacht, heute ist das ein Wahlkampffaktor. Sven Schulze reagierte mit einem Plakat: «Tiktok wählt keinen Ministerpräsidenten.»Tillschneider dagegen sagt der NZZ, Siegmund sei «für die Leute ein Hoffnungsträger. Sie projizieren ihre Hoffnungen auf ihn und feiern ihn wie einen Heilsbringer.» Mit seiner Ausstrahlung, seinem Charisma und seinem Kommunikationstalent. Für die AfD «ein grosser Glücksfall».Warum er die Republik erschüttern könnteSachsen-Anhalt soll zur Vorlage werden. Eine AfD-Regierung im kleinsten ostdeutschen Bundesland könnte zum Dominostein werden, der andere Länder kippen lässt und die Brandmauer der CDU einreisst. Im Herbst 2026 hätte Sachsen-Anhalt turnusmässig den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz. Das könnte Siegmund neben Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Verhandlungsbühne heben.Alice Weidel hat es beim Wahlkampfauftakt in Magdeburg unverblümt ausgesprochen: «Dank euch, dank Sachsen-Anhalt, wird Ulrich Siegmund der erste Ministerpräsident der Alternative für Deutschland!»Würde Siegmund Kunden statt Wähler gewinnen, sein Umsatz an einem Wahlkampftag wie in Zahna-Elster wäre enorm. Der Salesman hat die Ware. Und die Menschen stehen Schlange. Ob es für eine Alleinregierung reicht, entscheidet sich am 6. September.Passend zum Artikel