PfadnavigationHomeRegionalesSachsen-AnhaltWahlkampf der AfD – Lächeln, Tätscheln, Land umbauenStand: 07:02 UhrLesedauer: 5 MinutenNoch ein Foto und noch eins: Bei einem Bürgerdialog in Wittenberg lassen sich sehr viele Menschen mit dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund ablichten. Quelle: Heiko Rebsch/dpaUlrich Siegmund wird im Wahlkampf gefeiert wie ein Popstar. Im Endspurt setzt er auf eine einfache Erzählung. Das radikale Wahlprogramm rückt in Wittenberg in den Hintergrund.Die Schlange reicht mehrere Meter bis zur Bühne und sie wird einfach nicht kürzer. Eine ältere Frau hält ihren Rücken hin, damit Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, ein T-Shirt signieren kann. Ein Kind hat das Autogramm schon, das AfD-T-Shirt bereits an und stellt sich jetzt auf, um mit ihm fotografiert zu werden. Es ist ein heißer Sommerabend in Wittenberg, im östlichen Zipfel von Sachsen-Anhalt. Ganze Familien lassen sich mit Siegmund ablichten. In vier Wochen ist Landtagswahl.Zwischendurch Small Talk, das liegt ihm. «Hallo, ich bin Ulrich Siegmund», sagt der 35-Jährige, als wüsste das hier niemand, reicht einem älteren Mann die Hand und lächelt – so wie er auf Hunderten Fotos lächelt, die an diesem Abend gemacht werden.Wie bei Höcke, aber ohne SprechchöreUlrich Siegmund wird in Wittenberg beim Bürgerdialog gefeiert wie ein Popstar. Seit Monaten geht das schon – auch an anderen Orten im ganzen Land. «Es ist die Art und Weise, wie er auf die Menschen zugeht», sagt eine Frau. Die Begeisterung der Menschen für Siegmund wirkt ähnlich euphorisch, aber weniger trotzig als bei Auftritten seines bekannten Parteikollegen Björn Höcke in Thüringen. Es gibt keine Sprechchöre, aber leuchtende Augen. Vielleicht wird auch mehr gelacht. Noch sind nicht alle Termine ausgemacht, aber bisher hat Höcke wohl noch keinen Auftritt in Sachsen-Anhalt. Er soll aber zum Wahlabend eingeladen werden, sagt ein AfD-Sprecher.Wie Höckes Landesverband in Thüringen wird auch Siegmunds AfD in Sachsen-Anhalt vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft und beobachtet. Das Wahlprogramm gilt als radikal: Ist sie an der Macht, will die Partei die «Einleitung einer Abschiebe- und Remigrationsoffensive», die Rundfunkstaatsverträge kündigen, Fördermittel sollen Vereine nach dem Willen der AfD nur noch erhalten, wenn sie «ein glaubhaftes Bekenntnis zur demokratischen Ordnung und zu einer patriotischen Grundhaltung» ablegen. Die Landeszentrale für politische Bildung soll abgeschafft werden. Die Schulpflicht will die AfD abschaffen und in eine Bildungspflicht abändern, Inklusion und Integration sieht sie nicht als Aufgabe von Schulen an.Hoffnung auf «gutes, altes, sicheres Deutschland»In Wittenberg spricht Siegmund aber nur wenig über Inhalte. Ihm reichen ein paar Minuten auf der Bühne und seine Erzählung geht so:Aufbruch: «Wann gab es so etwas das letzte Mal in Deutschland, dass so viele Bürger wieder Hoffnung in eine bessere Zukunft, Hoffnung in eine bessere Politik und wieder überhaupt Politik mit etwas Positivem verbunden haben?» sagte er. Jemand schreit «Nie!»Nostalgie: «Wir möchten unser gutes, altes, sicheres Deutschland zurück!», ruft Siegmund auf der Bühne. Er sagt diesen Satz in mehreren Varianten mehrfach an diesem Abend – wie auch bei anderen Terminen im Wahlkampf.Bestätigung: «Ich möchte, dass jeder hier heute auf dieser Veranstaltung mit einem guten Gefühl nach Hause geht, dass es das Richtige ist, was wir hier machen. Dass wir auf der richtigen Seite stehen und dass wir die Zukunft sind. Und das ist so: Wir sind die Zukunft.»Der Chemnitzer Politikwissenschaftler Benjamin Höhne spricht von einem «inhaltsleeren AfD-Wahlkampf in der heißen Wahlkampfphase». Die AfD liegt in Umfragen in Sachsen-Anhalt seit Monaten klar vorn – zuletzt bei 41 Prozent, 17 Punkte Abstand zur CDU von Ministerpräsident Sven Schulze. Die absolute Mehrheit, sie scheint möglich, fast greifbar.Höhne sagt, die AfD gebe sich auf den letzten Metern vor der Wahl programmatisch unscharf, «um Wählerstimmen zu maximieren und potenzielle Gruppen nicht durch konkrete Aussagen jenseits des rechtspopulistischen Grundsounds, wie das Beschwören der vermeintlich guten alten Zeiten, die es im Osten der Republik noch viel weniger als im Westen gab, abzuschrecken».AfD-Souvenirs gegen SpendeDas Warten in der Schlange dauert. Bevor es ein Foto gibt, kommen die Menschen an einem AfD-Souvenirstand vorbei. AfD-Zollstöcke, AfD-Energiedrink, AfD-T-Shirt, AfD-Beutel – die Spendenbox ist voll mit Geldscheinen. Ein AfD-Helfer am Stand sagt, die meisten zahlten um die 15 Euro für ein T-Shirt. Manche hier stellen sich zweimal in die Schlange. Siegmund tätschelt Schultern und lächelt in Smartphone-Kameras. Auf der Bühne spielt ein Mann Gitarre und singt «Let's come together». An einem Zapfhahn fließt Bier in große Humpen. Jemand wendet Bratwürste.Die Frau (63), auf deren Rücken Siegmund ein T-Shirt signierte, sagt, dass die anderen Parteien das Land an die Wand gefahren hätten. «Und da finde ich, kann eigentlich mal eine neue Partei ran.»Eine 26-Jährige offenbart, sie sei begeistert von Siegmund und seinen Reden. «Weil er uns Bürgern aus der Seele spricht.» Etwa beim Thema Migration: «Ich bin Krankenschwester und ich sehe es nicht ein, dass mir jeden Monat ganz viele Steuern abgezogen werden und ich selbst trotzdem jeden Monat gucken muss, wie ich über die Runden komme, um Leute durchzufüttern, die unsere Sprache nicht lernen wollen und sich hier nicht integrieren wollen», sagt sie. Ausländische Ärzte, die sich bemühten, könnten aber bleiben.Dann das Thema Familie: Sie und ihr Partner, ein Handwerker, müssten genau überlegen, ob sie ein Kind in die Welt setzen könnten oder nicht. «Wir können es uns schlichtweg einfach mal nicht leisten.» Sie wünsche sich eine familienfreundlichere Politik.dpa-infocom GmbH
Wahlkampf der AfD – Lächeln, Tätscheln, Land umbauen - WELT
Ulrich Siegmund wird im Wahlkampf gefeiert wie ein Popstar. Im Endspurt setzt er auf eine einfache Erzählung. Das radikale Wahlprogramm rückt in Wittenberg in den Hintergrund.







