Beim Wahlkampfauftakt in Sachsen-Anhalt zeigt sich die AfD siegessicher. Ulrich Siegmund werde der nächste Ministerpräsident des Landes, sagt die Vorsitzende Alice Weidel, die selbst als zukünftige Bundeskanzlerin angekündigt worden war, am Samstag vor jubelnden Anhängern in Magdeburg.Sieben Wochen vor der Landtagswahl am 6. September führt die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem eingestufte Partei die Umfragen an – mit Werten jenseits der 40-Prozent-Marke liegt sie inzwischen weit vor der abgeschlagenen CDU. Eine absolute Mehrheit ist nicht ausgeschlossen.Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung in Magdeburg. Daran kann auch der Gegenprotest des Bündnisses „Solidarisches Magdeburg“ nichts ändern, an dem sich laut Angaben der Polizei rund 300 Personen beteiligen und der sich unweit des Veranstaltungsorts positioniert hat. Der Andrang bei der AfD ist groß, beim Einlass auf das Messegelände bilden sich lange Schlangen. Nach Angaben der Partei haben sich rund 3000 Menschen zum Wahlkampfauftakt angemeldet.Die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel und der sachsen-anhaltische AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund am Samstag in MagdeburgReutersÄltere und junge Menschen, Familien mit Kindern, Frauen in Jacken von AfD-Kreisverbänden zwischen Männern in T-Shirts mit Frakturschrift, stilisierten Adlern, Eisernen Kreuzen und „Nicht-Migrant“-Inschriften – das Publikum ist gemischt. Vor den Hallen werden Bier, Eis und Süßes verkauft.Von einem Stand mit Fanartikeln blickt Dutzende Male das Gesicht Ulrich Siegmunds von T-Shirts und Jutebeuteln herunter. „Unser Jahr!“ steht darauf und der Wahlkampfslogan „Vision 2026“. Auch Zollstöcke in AfD-Farben sind zu haben, Inschrift: „Nicht für linke Hände“. Direkt daneben, begleitet von einer ganzen Entourage, steht der Spitzenkandidat selbst, schüttelt Hände, beantwortet gut gelaunt Fragen, macht Selfies und gibt Autogramme.Er ist die Hoffnung vieler hier. Siegmund solle „das Ruder rumreißen“, wie es eine Frau formuliert, die an einem der Biertische vor der Messehalle sitzt. Die Situation in Deutschland sei nicht mehr zu ertragen: steigende Steuern, Energie- und Lebensmittelpreise, die Corona-Pandemie. Die Liste ist lang.Während das Leben hier immer teurer werde, schicke die Bundesregierung das Geld lieber in die Ukraine – das müsse endlich aufhören. Überall gehe das Geld hin, nur nicht zu den eigenen Bürgern, sagt sie. Ihr Mann, Mitte sechzig, mit Glatze und weißem Kinnbart, nickt, auch ihre Begleitung, ein Paar im gleichen Alter, stimmt zu. Dass Russland nach einem Sieg gegen die Ukraine die NATO angreifen könnte, halten sie für ein Hirngespinst. Sie alle kommen aus Sachsen-Anhalt, sind in der DDR aufgewachsen. „Ich habe vor den Russen weniger Angst als vor den Ukrainern“, sagt ihr Mann.Früher, erzählen die vier, hätten sie CDU gewählt, SPD, die Linke. Doch diese Parteien hätten für sie schon lange ihre Glaubwürdigkeit verloren. Und damit seien sie in ihrem Umfeld nicht allein: ihre Kinder, ihre Freunde, ihre Arbeitskollegen – die meisten wählten inzwischen AfD. „Früher wurde man dafür komisch angeschaut“, doch das sei längst vorbei.Auch der Wendler wünscht viel ErfolgSpäter peitscht der Landtagsabgeordnete Matthias Büttner das Publikum in der Messehalle ein. Über ihm leuchtet der Wahlslogan: „Alles ist möglich“. Zwischen Musikeinlagen, Techno-Beats, Grußworten aus den Landesverbänden und der Bundespartei – aber auch von prominenten Unterstützern wie dem Schlagersänger Michael Wendler, der Siegmund viel Erfolg im Wahlkampf wünscht – und politischen Reden schwenken die Menschen Deutschlandfahnen und blaue Pappherzen mit dem Konterfei des Spitzenkandidaten Siegmund. „Ministerpräsident der Herzen“ steht darauf, „Vision 2026“ und „Deutschland zuerst!“. Immer wieder skandieren sie seinen Namen.Gemäß dem Wahlkampfslogan erhofft sich die AfD von der Landtagswahl am 6. September ein Momentum auch in anderen Bundesländern. Sachsen-Anhalt sei nur der Anfang, so der Tenor auf der Bühne und bei den Besuchern am Samstag in Magdeburg.Darauf scheint auch Leif-Erik Holm zu setzen. Der AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern Ende September sagt in einer Videobotschaft: „Der erste Ministerpräsident heißt Ulrich Siegmund, ich möchte dann der zweite Ministerpräsident werden – in Mecklenburg-Vorpommern. Wenn ihr das packt, dann brechen auch bei uns alle Dämme.“„Abschieben, abschieben und noch mal abschieben“Besonders laut in der Halle wird es bei den Themen Migration und Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Als Oliver Kirchner, Fraktionsvorsitzender im Magdeburger Landtag, die Aufzählung der AfD-Vorhaben mit „abschieben, abschieben und noch mal abschieben“ beendet, bricht der Saal in lauten Jubel aus.Als Alice Weidel nach rund anderthalb Stunden dann unter frenetischem Jubel und „Alice“-Rufen die Halle betritt, springen die Menschen auf. „Ich liebe euch“, ruft sie den Anhängern von der Bühne zu, „ihr seid so großartig“. Und nutzt den Beginn ihrer Rede direkt für einen Angriff auf die Bundesregierung. Ohne Jens Spahn beim Namen zu nennen, sagt sie: „Heute ist die Bundesregierung noch einen Schritt weiter in den Abgrund gerutscht.“Die Altparteien machten Politik nur noch für sich selbst, sagt Weidel später: „Sie denken, sie können sich über alle Regeln hinwegsetzen und Regeln und Einschränkungen machen für uns, die für sie selbst nicht gelten.“ Dann geht Weidel auf bekannte AfD-Forderungen ein: Senkung der Energiekosten, Stopp der Ukraine-Hilfen, Verhandlungen mit Russland, Abschiebung von „illegalen“ Migranten.Die Rede von Siegmund ist deutlich weniger programmatisch. Als der Spitzenkandidat als Höhepunkt des Tages als letzter Redner ans Pult tritt, sagt er, das Manuskript bleibe heute in der Tasche. „Ich will einfach aus dem Herzen sprechen zu euch – so wie ich bin“. Die Partei sei, so Siegmund, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Schauen Sie sich doch mal um“, sagt Siegmund, „hier ist niemand rechtsextrem.“ Er ruft seinen Anhängern zu: „Ihr seid Teil von Geschichte.“ Ziel der AfD seien „45 Prozent plus X“. Auf seine erste Handlung freue er sich besonders, die Kündigung des Rundfunkstaatsvertrages. Den Termin sollten sich seine Anhänger schon einmal im Kalender anstreichen.