Der Seelenverkäufer: Wie Ulrich Siegmund der erste Ministerpräsident der AfD in Deutschland werden willDer 35-jährige Rechtspolitiker und seine Partei führen mit weitem Abstand die Umfragen vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt an. Die Alleinregierung scheint in greifbarer Nähe. Für die AfD ist Siegmund Chance und Risiko zugleich.Lisa Plank (Text), Carlotta Steinkamp (Bilder), Magdeburg24.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenUlrich Siegmund, Chef der Landtagsfraktion der AfD Sachsen-Anhalt, vor einer Baustelle im Parlament in Magdeburg.Den vielleicht freundlichsten Anrufbeantworter Deutschlands hat Ulrich Siegmund. Da spricht eine Männerstimme, locker und dynamisch, und sagt, man habe gerade viel zu tun und deshalb solle eine E-Mail geschrieben werden, damit das Anliegen möglichst schnell beantwortet werden könne. Wenn man das hört, freut man sich fast ein wenig. Die sind also am Arbeiten, sehr gut.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber woran arbeiten die? Viele Menschen in Deutschland finden, die arbeiten an der Abschaffung der Demokratie. Ulrich Siegmund findet, er arbeite daran, dass es in Deutschland endlich wieder bergauf gehe. Er ist auch nicht irgendjemand, sondern der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt. Das ist das ostdeutsche Bundesland, in dem am 6. September der Landtag gewählt wird – und in dem bald der erste Ministerpräsident der AfD regieren könnte. Der erste Regierungschef einer in Teilen rechtsextremen Partei in der Geschichte der Bundesrepublik. Laut der jüngsten Wählerumfrage liegt die AfD in Sachsen-Anhalt bei 42 Prozent. Die CDU, die das Land seit 15 Jahren regiert, bei nur 24 Prozent.Dass die Alternative für Deutschland gerade in Sachsen-Anhalt so erfolgreich ist, hat Gründe. Einer davon ist, dass Sachsen-Anhalt ein Niedriglohnland ist, jede fünfte Stelle im Land wird mit Mindestlohn vergütet, also 13 Euro 90 brutto die Stunde. Die Inflation schlägt hier hart zu. Dazu kommen die Abwanderung, die schlechte Infrastruktur und das Gefühl, vom Rest der Republik vergessen worden zu sein.Es gibt aber noch einen anderen Grund. Und der heisst Ulrich Siegmund. Am vergangenen Mittwoch sitzt der 35-Jährige in der ersten Reihe des Plenarsaals des Landtags in Magdeburg, ganz rechts aussen. Während die anderen Abgeordneten Fragen an die Regierung stellen, ist er unaufmerksam. Er schaut auf seinen Laptop, tippt, flüstert dem Sitznachbarn etwas ins Ohr, kichert mit ihm über eine Parlamentarierin der CDU, die den Saal betritt und einen luftigen Rock trägt.Als ein neues Gesetz zur Kulturförderung besprochen wird – darin soll unter anderem festgehalten werden, dass rassistische, antisemitische oder nationalsozialistische Kunst nicht vom Land gefördert wird –, schaut Siegmund auf sein Handy. Als der Kulturminister Rainer Robra erklärt, «Heimat und Identität, Nation und Vaterland, auch Patriotismus sind Begriffe, die wir uns nicht wegnehmen lassen», schaut Siegmund auf und ruft: «Super!» Robra bezieht sich in seiner Rede auf das Wahlprogramm der AfD. Dort steht, dass vorwiegend Kultur gefördert werden solle, die der deutschen Identitätsfindung dienen solle. Auch alle anderen Abgeordneten beziehen sich auf das Programm der AfD. Sie ist der Fixpunkt des Landes.Ulrich Siegmund ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Tangermünde, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt.«Da sehen Sie mal, wie wir Politik machen», sagt Siegmund dazu wenig später. Wir sitzen in einem kleinen Besprechungsraum der AfD-Fraktion. Der Oppositionsführer ist gut gelaunt, bietet Kaffee an, will wissen, wie es heute so gehe, woher man denn eigentlich komme. Ach, vom Land – Siegmund, der Kleinstädter, ist zufrieden.Siegmund ist ein Verkäufertalent, er sucht gleich nach einer persönlichen Ebene mit dem Kunden. Das ist es, was er gelernt hat. Kaufmann, Vertriebsleiter, Key-Account-Manager bei einer Augenklinik in Berlin, parallel dazu Studium der Wirtschaftspsychologie und BWL. Mit 24 macht er sich selbständig, gründet ein Unternehmen für Raumdüfte. Nicht die Art, die man sich vielleicht ins Wohnzimmer stellt, sondern jene, die in Einkaufszentren versprüht wird, um das Kaufverhalten zu beeinflussen. Auf Teppich, erklärt Siegmund, gehe man 40 Prozent langsamer als auf Parkett, das findet er spannend. Supermärkte wissen das. Er auch.Aber die Politik? Wieso ist er dort gelandet? Noch dazu in einer Partei, die der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft hat, wie es im Juristendeutsch heisst?Mit 19, nach der Schule, trat Siegmund in die CDU ein. Er spricht heute davon, als sei es eine Jugendsünde gewesen. Mit Deutschland gehe es in allen Bereichen bergab, erklärt er, dagegen habe er etwas unternehmen wollen. Die CDU sei nicht der richtige Ort dafür gewesen. Vielleicht war sie aber auch nicht der richtige Ort für einen schnellen Aufstieg in der Politik. 2014 wechselt Siegmund zur AfD, noch vor dem Rechtsruck der Partei. Zwei Jahre später sitzt er bereits im Landtag, er ist 26 und Berufspolitiker.Sein Auftreten passt zu beidem, zum Verkäufer wie zum rechtsgerichteten Politiker. Der Anzug sitzt, die Haare sind an den Seiten kurz geschoren, oben steil zur Seite gekämmt. Und dann ist da die gute Laune, das immer freundliche Verkäuferlächeln. Es wirkt nicht aufgesetzt in diesen Tagen. Siegmund fühlt sich auf dem Sprung zur Macht. Stimmen die Umfragen, fehlen der AfD nur wenige Prozentpunkte, um nach der Wahl allein regieren zu können.Siegmund ist nicht der Typ AfD-Politiker, der die ganze Zeit über Migration und «Messermänner» redet. Der Mann aus der Kleinstadt Tangermünde am Ufer der Elbe will für die Arbeiter kämpfen. Politisch spricht er bevorzugt die Leute an, die sich den Buckel krumm machen. Nicht die, die im Büro sitzen. Wie das mit seiner eigenen Vita zusammenpasst? Siegmund wirkt auf die Frage ehrlich irritiert. Er erzählt, dass er mit 15 angefangen habe zu arbeiten. Er habe für 4 Euro die Stunde Steine geschleppt. «Ich habe mir gern die Finger schmutzig gemacht.»So präsentiert er sich auch auf Social Media. Auf Youtube hat er eine Serie begonnen, «Anpacken statt zuschauen: Seite an Seite mit den Leistungsträgern». Bisher war er in einer Walzengiesserei und im Schuttabladedienst. Letzteres sei «ein Beruf, wo man sich definitiv die Hände schmutzig macht», wie Siegmund im Video erklärt und dabei doch Handschuhe trägt. «Ich zeige euch heute, was das genau ist, was die Kollegen genau machen und warum das auch für unsere Gesellschaft wichtig ist. Ein harter Job, aber ich mache gerne mit, weil Steuergeld fällt nicht vom Himmel.» Bei den Leuten kommt das gut an, über 170 000 Menschen haben sich bereits das Container-Video angesehen. 646 000 folgen ihm auf Tiktok. Sven Schulze, der amtierende Ministerpräsident der CDU, hat 2200.Es scheint so, als könnten ihm deshalb auch seine bisher angesammelten Fehler und Skandale nicht schaden. Da war seine Teilnahme am Treffen rechter und rechtsextremer Politiker in einer Villa in Potsdam 2023, wo es um die «Remigration» nichtdeutscher Bürger ging – eine «Kaffeerunde», wie Siegmund sagt. Er sei mit einer Präsentation dort gewesen, «um für unsere Vision 2026 zu werben», den Machtwechsel in Sachsen-Anhalt. Dann weigerte er sich im vergangenen Herbst in einem Podcast des Portals Politico, sich festzulegen, ob die NS-Zeit das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte gewesen sei. «Das masse ich mir nicht an zu bewerten», sagte er. Die Parteiführung in Berlin korrigierte ihn: «Der Holocaust ist das schlimmste Menschheitsverbrechen», sagte ein Sprecher der AfD.Kurz darauf, im Dezember 2025, brach die Vetternwirtschaftsaffäre der AfD los, und auch die führt zu Siegmund. Sein Vater bezog ein überdurchschnittliches Gehalt im Büro eines Parteikollegen. Und er selbst hatte eine Geschäftsführertätigkeit nicht im Abgeordnetenregister eingetragen, obwohl er dazu verpflichtet gewesen wäre.Aus mehreren Quellen innerhalb der AfD ist zu hören, dass es Zweifel gibt, ob Siegmund der richtige Mann ist, um der erste Ministerpräsident der Partei zu sein. Manchen gilt er als Leichtgewicht, als einer, der die Partei blamieren könnte. Andere in der AfD neiden ihm auch seinen Erfolg. Das Wahlprogramm hat radikale Töne. Sachsen-Anhalt soll aus dem öffentlichen Radio und Fernsehen aussteigen, Schulbesuche in NS-Gedenkstätten sollen abgeschafft werden, eine «Abschiebeoffensive» gegen Migranten soll beginnen. 150 bis 200 Beamte im Land werde er austauschen, damit sie die AfD-Politik nicht blockierten, kündigte Siegmund zudem dieser Tage an.Doch überall drohen rechtliche Hürden. Was, wenn Siegmund nicht liefern kann? Ist er einmal Ministerpräsident, reichen Videos und schmissige Reden nicht mehr aus. Und die gute Laune ebenso wenig.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel