«Angriff auf Spaniens territoriale Integrität»: der Regierungschef Sánchez und eine Exklave im Ausnahmezustand60 000 Menschen sollen laut dem Bürgermeister von Ceuta aus Marokko eingedrungen sein. Auch die Zahl der Todesopfer steigt weiter. Das Stadtfest wurde abgesagt, Spaniens Regierung steht in der Kritik.Florian Haupt, Barcelona31.07.2026, 14.30 Uhr5 LeseminutenMembers of Moroccan security forces disperse people attempting to cross from the Moroccan northern town of Fnideq to the Spanish enclave of Ceuta, Friday, July 31, 2026. (AP Photo)
Morocco Spain CeutaAPDie Sicherheit in der Stadt war am Freitag so weit hergestellt, dass Ceuta den Regierungschef empfangen konnte. Pedro Sánchez besuchte eine Exklave im Ausnahmezustand, um ihr die Solidarität des ganzen Landes zu versichern – und einen «Angriff auf Spaniens territoriale Integrität» zu verurteilen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ceuta erlebt einen Ansturm wie noch nie. Laut spanischem Innenministerium sollen rund 50 000 Menschen in den vergangenen Tagen von Marokko aus illegal die Grenze überschritten haben, ob zu Land oder zu Wasser. Ceutas Bürgermeister Juan Jesús Vivas nannte sogar eine Zahl von 60 000. Rund 25 000 Menschen seien inzwischen wieder nach Marokko zurückgekehrt, hiess es aus dem Ministerium am frühen Freitagnachmittag.Ceuta, neben dem weiter östlich an der Küste gelegen Melilla eine von zwei spanischen Besitzungen in Nordafrika, hat regulär 83 600 Einwohner. Medienberichte zeigen dicht bevölkerte Strassen und Menschen, die sich in den Parks niedergelassen haben. Das Leben fühle sich in diesen Stunden an wie inmitten einer «Dauerdemonstration», wird ein Bewohner zitiert. Längst überlastet ist Ceutas herkömmliches Aufnahmezentrum, konzipiert für 512 Menschen, die Stadt arbeitet fieberhaft daran, weitere Kapazitäten zu schaffen.Das Flüchtlingsdrama ist wie so oft auch ein tödliches: Die Zahl der toten Schwimmer allein in den letzten 48 Stunden stieg am Freitagnachmittag auf 24. Im ganzen Jahr 2026 sind es damit 52 Personen, die bei dem Versuch starben, Ceuta über das Meer zu erreichen.Viele Migranten kehren umUnterdessen soll sich an der Landgrenze zu Ceuta eine Menschenschlange von bis zu fünf Kilometern gebildet haben. Um sie zu bändigen, setzte die marokkanische Polizei laut der spanischen Nachrichtenagentur EFE in der Nacht zum Freitag auch Tränengas und Wasserwerfer ein. An der südlichen Grenze der Stadt herrsche nun Fussgängerverkehr in beide Richtungen. Während manche weiter versuchen, nach Spanien zu kommen, kehrten andere freiwillig zurück.Gerne alle 3 Bilder im Text verteilen. MADRID, SPAIN - JULY 31: Boat people and migrants after crossing the border between Ceuta and Morocco, on 31 July, 2026 in Madrid, Spain. Large numbers of people continued to enter Ceuta from Morocco in an uncontrolled manner as night fell on Thursday, 30 July. From early in the morning, thousands of migrants had entered the autonomous city by swimming and also on foot, skirting the breakwater that separates the autonomous city from Morocco. The units responsible for border control in Ceuta have recovered the bodies of 16 people from the water in the last 24 hours, bringing the total number of foreign nationals found dead in Ceuta’s waters whilst attempting to swim across from Morocco so far this year to 47. (Photo By Marcos Moreno/Europa Press via Getty Images)Marcos Moreno / GettyCeuta liegt auf einer Halbinsel an der Meerenge von Gibraltar. Ein acht Kilometer langer Zaun trennt Spanien von Marokko. Im Norden bei Benzú ist er wegen rauer Küste und starker Strömungen schwer zu umschwimmen. Im Süden am Strand von El Tarajal ist das Wasser meist ruhiger; wenn auch nicht immer. Seit im Winter 2014 dort mehrere Flüchtlinge zu Tode kamen, wurde über Massnahmen wie eine Verlängerung des Walls um Hunderte Meter ins Meer hinein oder Sensoren unter der Wasseroberfläche nachgedacht. Diese Massnahmen wurden aber nie ergriffen.Angesichts des neuen Menschenansturms hatte Bürgermeister Vivas schon am Donnerstagmorgen von der Regierung die Ausrufung eines nationalen Notstandes verlangt, so wie es jüngst bei den Waldbränden um die Hauptstadt Madrid geschah. Doch er erhielt die Antwort, dass dies rechtlich nur zum Zivilschutz bei Naturkatastrophen oder technologischen Notfällen möglich sei. Allerdings wurden Soldaten und zusätzliche Polizeieinheiten entsandt.Während die Grenze in Ceuta für legale Einreisen am Freitag weiter offen blieb, wurde jene von Melilla in der Nacht geschlossen, nachdem es dort ebenfalls zu gehäuften, teilweise von Ausschreitungen begleiteten Übertritten gekommen war. Melilla, etwa gleich gross wie Ceuta, verfügt über einen Flughafen, derweil Ceuta von Spanien aus nur per Schiff oder Helikopter erreicht werden kann. Beide Orte sind seit 1995 als autonome Städte verfasst und verfügen über einen ähnlichen Status wie Spaniens siebzehn Regionen.Spanien hat die Exklave schon seit dem 17. JahrhundertHistorisch gehören sie schon lange zu Spanien, Ceuta wurde 1668 von Portugal abgetreten. Das Stadtwappen ist bis heute identisch mit dem portugiesischen. Marokko erhebt Anspruch auf die Gebiete, allerdings ohne Dringlichkeit. Für die EU bedeuten sie eine schwer zu schützende Aussengrenze auf dem afrikanischen Kontinent.Die Regierung des Sozialisten Sánchez muss sich daher nicht nur vor ihren innenpolitischen Gegnern verantworten, die Tatenlosigkeit konstatieren. Sondern auch vor auswärtigen Regierungschefs wie Italiens Giorgia Meloni, die wie inzwischen auch das ebenfalls rechts regierte Finnland einen vorübergehenden Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum zur Debatte stellte. Auch ausserhalb Europas wird versucht, offene Rechnungen mit dem inoffiziellen Weltleader des progressiven Lagers zu begleichen. Eine Sprecherin der amerikanischen Regierung machte die «linksextreme Politik» von Sánchez für die Krise verantwortlich; eine Anspielung auf die kürzlich beschlossene Legalisierung Hunderttausender Ausländer im Königreich.Auslöser gesuchtDoch die Wirklichkeit scheint komplexer. Einen direkten Effekt der Legalisierungsmassnahme gibt es nicht, weil diese nur für Menschen gilt, die vor Beginn des Jahres 2026 ins Land kamen. Die spanische Regierung nennt daher immer wieder ein Urteil des Obersten Gerichts als Auslöser des jüngsten Andrangs. Danach dürfen Migranten, die Spanien schwimmend erreichen, also nicht über klar erkennbare Sperren hinweg, nicht mehr umgehend wieder abgeschoben werden.Vivas und die Polizei hatten schon im Verlauf der Woche vor einem Lockeffekt durch das Urteil gewarnt; die konservative Volkspartei des Bürgermeisters fordert, die entstandene Lücke auf dem Gesetzesweg zu schliessen. Sánchez erklärte bei seinem Besuch in Ceuta nun, man wolle durch die Anbringung von Bojen und anderen Wasserhindernissen die sofortigen Ausschaffungen legal erleichtern.Andererseits betonen Juristen und Aktivisten, dass das Oberste Gericht nur bereits seit Jahren existierende Urteile von Gerichten in Ceuta und der Region Andalusien ratifiziert habe – und dass ja auch massiv Flüchtlinge auf dem Landweg nach Ceuta drängten. Die gegenwärtige Entwicklung schulde sich auch dem Umstand, dass die Route über die Kanarischen Inseln schärfer kontrolliert werde und sich Schlepperbanden daher wieder den spanischen Enklaven zuwenden würden.Auch wenn Sánchez bei seinem Besuch die gute Zusammenarbeit mit den marokkanischen Behörden lobte, bleibt ausserdem die diplomatische Erklärung. Die Beziehungen der beiden Länder sind schwankend, die rigorose oder eben nicht so rigorose Kontrolle seiner Aussengrenze für Marokko dabei das perfekte Druckmittel. 2021 folgte der bis dato heftigste Ansturm auf Ceuta auf die humanitäre Spitalaufnahme des westsaharischen Separatistenführers Brahim Ghali aus dem algerischen Exil. Nun könnte Sánchez’ Staatsbesuch vorige Woche beim afrikanischen Nachbarn und Rivalen Algerien den marokkanischen König verstimmt haben.Mohammed VI. leitete am Donnerstag und Freitag die Feierlichkeiten zum 27. Jahrestag seiner Thronbesteigung. Ceuta hingegen hat sein jährliches Stadtfest, das an diesem Samstag beginnen sollte, wegen der «Ausnahmesituation» abgesagt.Migrants rest as they wait for a chance to cross to the Spanish enclave of Ceuta, on the Moroccan side of the border in Fnideq, Morocco, July 31, 2026. Picture taken with a mobile phone. REUTERS/Stringer TPX IMAGES OF THE DAYReutersPassend zum Artikel










