«Angriff auf den Zaun von Ceuta»: Wie sich im Internet der Sturm auf die spanische Exklave organisierteEnthüllungen über das Ausmass der Vorbereitungen bringen die spanische Regierung weiter in Erklärungsnot. Die Opposition wirft dem Regierungschef Sánchez Erpressbarkeit gegenüber Marokko vor.Florian Haupt, Barcelona09.09.2026, 18.30 Uhr5 LeseminutenNach wie vor warten in Ceuta Migranten darauf, was mit ihnen nun passiert. Können sie in Europa bleiben, oder werden sie in ihre Heimat abgeschoben?Violeta Santos Moura / ReutersCeuta kommt nicht zur Ruhe, und die spanische Politik auch nicht. Über einen Monat nach dem Ansturm von über 70 000 Menschen auf die spanische Exklave am 30. Juli bleibt die Lage prekär. Rund 90 Prozent der Flüchtlinge kehrten innerhalb der folgenden 48 Stunden nach Marokko um, doch der Rest befindet sich grösstenteils weiterhin in der Stadt. Seither befinden sich die Kapazitäten und das Zusammenleben im gut 80 000 Einwohner zählenden Ceuta im permanenten Stresstest. Am Mittwoch bewilligte die EU-Kommission knapp 115 Millionen Euro an Hilfen und eine stärkere Präsenz der Grenzschutzagentur Frontex.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Madrid begann die Regierung am Abend, die Akten der zuständigen Behörden zu den Vorgängen von Ende Juli zu veröffentlichen. Das Kabinett von Premier Pedro Sánchez versucht mit allen Mitteln, den Eindruck zu korrigieren, es habe das Thema unterschätzt und Ceuta alleingelassen. Die Vorwürfe der rechten Opposition sind heftig, die konservative PP und die rechtsnationale Vox überbieten sich in Alarmismus. «Spanien ist im Krieg, und die Regierung steht aufseiten Marokkos», erklärte am Mittwoch im Parlament die Sprecherin von Vox, Pepa Millán.Der PP-Chef Alberto Núñez Feijóo wiederholte seine Überzeugung, der Regierungschef Sánchez sollte im Zuge eines laufenden Ermittlungsverfahrens des Nationalen Gerichtshofs juristisch zur Rechenschaft gezogen werden. Fürs Erste ist die Regierung selbst dem Verfahren beigetreten, wie auch die Stadt Ceuta. Untersucht wird ein «mutmasslich im Ausland begangenes strafbares Verhalten, das die territoriale Integrität Spaniens schwer angegriffen hat».Das Verfahren gilt schon deshalb als brisant, weil die leitende Richterin María Tardón früher für die PP als Stadträtin in Madrid amtierte. Als sie bei der Polizeistelle für Grenz- und Immigrationsangelegenheiten, Cenif, einen Bericht über die Vorfälle anforderte, wies sie die Beamten an, die Untersuchungsergebnisse vor den Vorgesetzten unter Verschluss zu halten. Von dem Inhalt erfuhr die Regierung dann aus der Presse.Influencer steigern ihre Klickzahlen massivDie Ergebnisse des Cenif-Reports beschädigten in hohem Masse die Regierungsthese, es gebe keine belastbaren Anhaltspunkte für eine marokkanische Beteiligung an den Geschehnissen. Laut Cenif wären Ausmass und Logistik des Grenzübertritts ohne eine solche kaum möglich gewesen. Zum Beweis wurden unter anderem Fotos beigelegt, auf denen marokkanische Gendarmen in Uniform oder – häufiger – in Zivil den Ansturm nicht nur zu tolerieren, sondern geradezu anzuleiten scheinen. An der Authentizität der Bilder oder ihrer Zuordnung in den spezifischen Kontext gibt es inzwischen allerdings auch Zweifel.Der Bericht spricht von Akteuren, die den Andrang potenziert und gesteuert haben. Allerdings müssen dies nicht staatliche Stellen gewesen sein, wie die spanische Regierung betont. Unbestritten ist der Einfluss von Influencern in den sozialen Netzwerken. Auch Recherchen unabhängiger Institute kommen zu diesem Schluss.Am 8. Juli veröffentlichte Spaniens oberstes Gericht eine Pressemitteilung zu seinem Urteil, wonach direkte Zurückweisungen an der Grenze nur beim Vorhandensein klar erkennbarer Sperren erlaubt seien – also etwa nicht, wenn Migranten schwimmend über das freie Meer ankämen. Schon einen Tag später erhielt ein marokkanischer Influencer über 400 000 Klicks für einen Aufruf, sich mit Taucher- oder Neoprenanzügen auf den Weg zu machen.Besonders in der letzten Juliwoche lassen sich dann massive Zunahmen solcher oder ähnlicher Appelle feststellen, laut der Polizei um 3300 Prozent. Eine regierungsnahe marokkanische Webseite berichtete in jenen Tagen, dass ein algerischer Schlepper zu diesem Zweck über Whatsapp diverse Gruppen in den Wäldern um die Grenze organisiere. Ein Video von zwei Mädchen, die es am 28. Juli schwimmend nach Ceuta geschafft hatten, wurde in den folgenden Stunden über 32 Millionen Mal aufgerufen.Sehr wohl gewarntAus den nun veröffentlichten Akten geht laut ersten Analysen hervor, dass Beamte des spanischen Geheimdienstes am 29. Juli sowohl ihre marokkanischen Kollegen als auch den Kabinettschef der spanischen Regierungs-Dépendance in Ceuta sowie die Militärpolizei Guardia Civil und die Cenif vor Whatsapp- oder Facebook-Gruppen mit Namen wie «Angriff auf den Zaun von Ceuta» mit zum Teil 180 000 Mitgliedern gewarnt haben. Die Regierungs-Dépendance bestritt bis jetzt, irgendeine Mitteilung erhalten zu haben; während die Darstellung der Regierung besagte, dass es Informationen über einen steigenden Andrang gegeben habe, aber keine, die das schlussendliche Ausmass erwarten lassen.Am Mittwoch räumte Sánchez in einem TV-Interview ein, der Staat müsse sich künftig besser gegen «hybride Attacken» rüsten. Unterdessen unterstellte ihm Feijóo im Parlament erneut persönliche Erpressbarkeit: «Wenn Marokko singt, sind Sie erledigt.»Der Hintergrund dieses Vorwurfs ist schon etwas älter. 2022 entdeckte der spanische Geheimdienst, dass die Telefone von Sánchez und einiger Minister mit der israelischen Spionage-Software Pegasus gehackt worden waren. Wegen mangelnder Kooperation der Israeli scheiterten mehrere Versuche der Gerichte, die Urheberschaft der Cyberattacke aufzuklären. Wie im Fall von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron führen aber viele Spuren nach Marokko, das die Software zu jenem Zeitpunkt nachweislich besass.Sánchez entgegnete am Mittwoch, «keine Erpressung von niemandem zu akzeptieren». Bei allen Verdachtsmomenten gegen Marokko könne eine verantwortliche Regierung nur auf Grundlage von Beweisen handeln. Tatsächlich gibt es in den nun veröffentlichten Akten auch Entlastendes für das Nachbarland. So wurde in den Whatsapp-Gruppen offenbar der 30. Juli für den illegalen Grenzübertritt empfohlen, weil die Sicherheitskräfte an diesem Tag mit den Feierlichkeiten zu König Mohammeds Thronjubiläum beschäftigt seien.Keine Amtshilfe aus RabatSpaniens Regierung befindet sich zweifellos in einer Zwickmühle. Die Angreifbarkeit Ceutas und Melillas sowie Marokkos zentrale Bedeutung für die Sicherung der EU-Aussengrenze verengen den Handlungsspielraum. Die grösstmögliche Konzession hat Madrid vor vier Jahren bereits gemacht, als es die marokkanische Hoheit über die Westsahara, ehemals eine spanische Kolonie, anerkannte.Dem vorausgegangen war im Mai 2021 ein Migrantensturm auf Ceuta. Damals erkannte Marokkos Botschafterin in Madrid die Verwicklung ihrer Regierung in die Vorgänge offen an: als Antwort auf die humanitäre Aufnahme des an Covid erkrankten Anführers der westsaharischen Autonomiebewegung, Brahim Ghali, zur Behandlung in Spanien. Offenbar auf Druck aus Rabat opferte Sánchez kurz später seine Aussenministerin, die Ghalis Transport eingefädelt hatte.In der aktuellen Krise kam aus Rabat kein Wort über Verantwortung – sondern bloss Reklamationen einer marokkanischen Souveränität über Ceuta und Melilla durch diverse Minister. In zwei Wochen wählt Marokko ein neues Parlament. Mindestens bis dahin ist mit Amtshilfe aus Rabat für Sánchez kaum zu rechnen.Passend zum Artikel
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