Viel Geld und keine Fragen: wie die mächtigsten Schweizer Firmen ganze Länder an sich bindenSchweizer Rohstoffhändler geben Entwicklungsländern Kredite in Milliardenhöhe, die über Jahre mit Öl abbezahlt werden. Manche Deals sind heikel. Über die meisten ist wenig bekannt.28.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie Schweiz ist bekannt als Bühne der internationalen Politik. Es ist die Bühne der Diplomatie und der Worte, der Gipfeltreffen und der Staatschefs. Auf dieser Bühne wird bei den Vereinten Nationen in Genf verhandelt oder bei Konferenzen wie den iranisch-amerikanischen Gesprächen auf dem Bürgenstock.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch manchmal entscheidet sich das Schicksal von Ländern auf einer anderen Bühne. Sie ist nicht so bekannt, und vieles bleibt dort im Dunkeln – eine Bühne des Geldes und der Abhängigkeiten. Dort haben die wohl mächtigsten Firmen der Schweiz ihren Auftritt: die Rohstoffhändler.Die Schweiz ist eine der führenden Drehscheiben für den Handel mit Bodenschätzen. Die oft sehr profitablen Unternehmen leisten mit ihren Steuern wichtige Beiträge zu den lokalen Finanzen, besonders an den beliebten Firmenstandorten Genf und Zug. Aber noch grösser ist ihr Einfluss auf die Staatsfinanzen mancher Länder, aus denen die Rohstoffe kommen.Ein Geldregen für GabonSelten treten die Händler freiwillig ins Licht. Anders ist es bei Trafigura. Das Unternehmen ist einer der weltgrössten Trader, seine wichtigste Handelsabteilung ist in Genf angesiedelt. Von dort verschickte die Firma Mitte April eine Mitteilung: Trafigura zahlt dem zentralafrikanischen Land Gabon eine Milliarde Dollar. Das ist viel Geld für eine Nation mit einem Bruttoinlandprodukt von nur 21 Milliarden Dollar und etwa 2,5 Millionen Einwohnern.Gabon ist eine Militärdiktatur, die Staatsfinanzen sind angeschlagen. Doch Trafigura zahlt die Milliarde gern, denn Gabon hat Öl. Die Regierung von Präsident Brice Clotaire Oligui Nguema (siehe Illustration), der sich 2023 an die Macht geputscht hat, erhält das Geld im Voraus. Gabon erstattet den Kredit über sieben Jahre mit Öllieferungen zurück. Mit der Vorauszahlung werde die Regierung die Entwicklung des Landes vorantreiben, verspricht Trafiguras Communiqué.Im Idealfall. «Es ist lobenswert, dass Trafigura diese Vorauszahlung öffentlich gemacht hat. Solche Mitteilungen sind die Ausnahme», sagt Gilles Carbonnier, Professor für Entwicklungsökonomie am Geneva Graduate Institute. Nun seien Politiker und die Zivilgesellschaft in Gabon informiert, dass es diese Transaktion gebe. Das erhöhe den Druck auf die Regierung, Rechenschaft über die Verwendung des Geldes abzulegen.Gabon ist wie Trafigura ein Mitglied der Extractive Industries Transparency Initiative (EITI), eines Zusammenschlusses von Staaten, Rohstoffkonzernen und Organisationen wie der Weltbank. Sie möchte erreichen, dass mehr Zahlungen an Rohstoffländer veröffentlicht werden. Kritiker monieren, dass die Mitgliedschaft freiwillig ist und die Länder und Firmen bei der Publikation Spielräume haben. Trafigura sagt, das Unternehmen wolle eine konstruktive Rolle dabei spielen, Finanzströme offenzulegen.Die grosse VerlockungTransparenz ist für den Ökonomen Gilles Carbonnier entscheidend. «Wenn die Vorauszahlungen im Verborgenen bleiben, besteht in vielen Entwicklungsländern das Risiko, dass die Mittel zweckentfremdet werden», sagt er. Ebenso wichtig seien faire Bedingungen in den Verträgen. Zum Beispiel, dass ein Land nicht all seine geförderten Rohstoffe über viele Jahre hinweg exportieren müsse und somit keine Chance habe, im Inland eine eigene Verarbeitung und Wertschöpfung aufzubauen.Vorauszahlungen werden im Rohstoffhandel immer wichtiger, wie Carbonnier beobachtet hat. Denn die Alternativen schwinden: Seit der Finanzkrise würden Banken den rohstoffreichen Entwicklungsländern zurückhaltender Kredite geben, weil die Vorschriften und die Aufsicht verschärft worden seien. Die Emission von Staatsanleihen am internationalen Kapitalmarkt kostet sie oft hohe Zinsen. Und in jüngster Zeit kürzen viele Industrieländer ihre Budgets für Entwicklungshilfe.Im Gegenzug haben die Vorauszahlungen ihre Vorzüge, zumindest für die gerade amtierenden Politiker und Herrscher: «Auf diese grossen Summen haben die Regierungen sofort Zugriff. Das ist verführerisch, zum Beispiel kurz vor Wahlen, um sich Stimmen zu erkaufen», sagt der Ökonom Carbonnier.Rohstoffhändler übernehmen die Rolle als Geldgeber. So wie Trafigura. Im Jahr 2013 hatte das Unternehmen weltweit erst insgesamt Vorauszahlungen im Wert von 700 Millionen Dollar geleistet. Per Ende März 2026 waren es 4,5 Milliarden Dollar. Hinzu kamen weitere 1,8 Milliarden Dollar, die Banken und andere Finanzakteure beigesteuert hatten. Trafigura weist sie aus, hat sie aber nicht in der Bilanz verbucht.Von Iran bis Jamaica: die Anfänge mit Marc RichSolche Angaben wären früher kaum denkbar gewesen. Zum Beispiel vor sechzig Jahren, in der damaligen Nahostkrise: 1967 griff Israel Ägypten und Syrien an, es begann der Sechstagekrieg. Kairo sperrte den Suezkanal, schon damals eine der wichtigsten Wasserstrassen der Welt. Die Sperrung dauerte acht Jahre. Aber für den Rohstoffhändler Marc Rich (siehe Illustration), der zur prägenden Figur der Branche in der Schweiz werden sollte, bot sie eine einmalige Chance.Zu jener Zeit waren Israel und Iran keine Kriegsgegner, sondern Geschäftspartner, wenn auch im Geheimen. Israel kaufte iranisches Öl, doch mit der Suez-Sperre war der Handelsweg über das Wasser blockiert. Also vereinbarten Jerusalem und Teheran den Bau einer Pipeline von der israelischen Küste am Roten Meer, wo Irans Tanker ankamen, zur Stadt Ashkelon am Mittelmeer.Der Betrieb der Pipeline wurde eines der bestgehüteten Staatsgeheimnisse Israels. Doch nicht alles iranische Öl, das hindurchfloss, war für Israel bestimmt. Marc Rich verkaufte einen Teil weiter nach Europa – zuerst für seinen damaligen Arbeitgeber Philipp Brothers und später auf eigene Rechnung mit seiner in Zug ansässigen Marc Rich + Co AG, einem der weltweit wichtigsten Rohstoffhändler.Rich lernte, wie sich ein Rohstoffhändler Einfluss sichern kann. Wo andere Firmen vor direkten Geschäften mit Teheran zurückschreckten, kannte Rich wenig Skrupel. Die Iran-Pipeline wurde einer der Grundsteine seines Imperiums.Ähnlich wie bei Jamaica: Anfang der 1980er Jahre fehlten dem Karibikstaat 10 Millionen Dollar, um den Import von Rohöl zu bezahlen. Der örtlichen Raffinerie ging der Nachschub aus. Marc Rich, der Jamaica bereits Bauxit und Alumina abgekauft hatte, wurde nachts in Zug aus dem Bett geklingelt – und sprang als Retter ein.Kurzerhand liess Rich einen seiner Tanker mit Rohöl den Kurs ändern, wie die Journalisten Javier Blas und Jack Farchy in ihrem Buch «The World for Sale» beschreiben. Die Vorauszahlung in Form von Öl bewahrte Jamaicas Regierung vor leeren Tankstellen und einem Gesichtsverlust. Richs Geschäftsbeziehung zu einem der weltweit wichtigsten Lieferanten von Aluminiumrohstoffen war auf Jahrzehnte gefestigt.Wenn der Währungsfonds lästig wirdDie Rohstoffhändler handeln nicht nur schnell, sie stellen auch wenig Fragen. In jedem Fall weniger als der Internationale Währungsfonds (IWF). Wenn Entwicklungsländer Zahlungsprobleme haben, hilft der IWF. Dafür stellt die Washingtoner Organisation Bedingungen und fordert eine restriktivere Haushaltspolitik.Jamaica, das bereits auf IWF-Kredite angewiesen war, wollte sich weitere Auflagen ersparen. Deshalb tauchten die Verpflichtungen an Marc Rich + Co nie in den Büchern auf. Bis in die heutige Zeit sind solche Verschleierungen keine Seltenheit. Laut Gilles Carbonnier gab es Fälle, in denen die Offenlegung der Vorauszahlungen ein IWF-Programm aus dem Ruder laufen liess.Ein solches Beispiel ist Kongo-Brazzaville, das vor rund einer Dekade unter anderem von Glencore, dem Nachfolgeunternehmen der Marc Rich + Co AG, und Trafigura Vorauszahlungen für Öllieferungen erhielt. Es ging um 1,9 Milliarden Dollar. Nachdem das afrikanische Land 2017 den IWF zu Hilfe gerufen hatte, stellten die Experten fest, dass die Staatsverschuldung deutlich höher lag als angenommen.In manchen Fällen machten die Vorauszahlungen diese Hilfe auch erst nötig. Tschad hatte 2014 von Glencore 1,4 Milliarden Dollar bekommen. Als wenig später der Ölpreis einbrach, musste das Land einen grossen Teil seiner Ölproduktion für den Schuldendienst aufwenden. Die Staatseinnahmen kollabierten, Tschad rutschte in eine Finanzkrise. Nun griff der IWF ein, der eine Restrukturierung der Glencore-Kredite verlangte.Auch Gabon verhandelt derzeit mit dem IWF. Präsident Brice Oligui Nguema hat im März um Unterstützung ersucht, um die Staatsfinanzen zu stabilisieren. Dass Trafiguras Vorauszahlung von einer Milliarde Dollar Teil dieser Finanzen ist, ist nun frühzeitig bekannt. Dem Land könnte es wichtig gewesen sein, ein Zeichen des Entgegenkommens an die Washingtoner Experten zu senden.Die Hochfinanz mischt mit – und PensionäreSo weiss die Welt auch, dass noch weitere Akteure involviert sind. Die Summen, welche die Rohstoffhändler im Voraus an Lieferländer vergeben, sind inzwischen sehr gross. Zu gross, als dass die Firmen sie aus eigener Kraft stemmen und die Ausfallrisiken allein schultern möchten.Deshalb sind Vorauszahlungen heute oft mehrstufige Finanzgeschäfte: Die Händler sammeln für die Kredite Kapital von institutionellen Investoren und Banken ein, das sie dann an die Rohstoffländer weitergeben. Auch Trafigura hat einen Teil der Summe für Gabon bei internationalen Finanzakteuren aufgetrieben. Es habe einen «grossen Appetit des Marktes» gegeben, schreibt das Unternehmen.Manchmal ist der Markt zu gierig. In den 2010er Jahren schossen Vitol, Trafigura, Glencore und andere Händler der kurdischen Regionalregierung insgesamt 3,5 Milliarden Dollar vor – eine für die Region im Norden des Iraks enorme Summe, die über die Jahre mit Öllieferungen zurückgezahlt werden sollte.Kurdistan befand sich damals in einem Unabhängigkeitskampf mit der Zentralregierung in Bagdad. Glencore wollte seinen Vorschuss von 500 Millionen Dollar nicht in den eigenen Büchern haben. Das Unternehmen richtete ein Finanzvehikel ein, in das unter anderem amerikanische Pensionsfonds investierten.Als der Ölpreis im Jahr 2020 einbrach, hatte Kurdistan nicht genug Öl, um die Rückzahlungen zu leisten. Das Darlehen musste restrukturiert werden – zum Leidwesen mancher amerikanischer Rentner. Auch einige Jahre zuvor, beim Zahlungsausfall der Glencore-Kredite in Tschad, hingen amerikanische Pensionsfonds mit am Haken.Gabons Schatten auf GunvorJeder Investor sollte eben wissen, worin er investiert. Im Fall Gabon gibt es viele Dinge, über die sich die Investoren informieren könnten. Nicht nur über die seit 1967 wechselnde Herrschaft autoritärer Machthaber. Sondern auch über die früheren Beziehungen des Landes zu Rohstoffhändlern.Vor Trafiguras Deal machte Gabon Geschäfte mit Gunvor, einem Konkurrenten mit Sitz in Genf. 2024 stach Gunvor Trafigura aus und sicherte sich über fünf Jahre grosse Öllieferungen – gegen eine Vorauszahlung von einer Milliarde Dollar an die staatliche Gabon Oil Company. Oft werden diese Geschäfte nicht direkt mit den Ländern, sondern mit staatlich kontrollierten Unternehmen vereinbart.Mitte Mai dieses Jahres durchsuchte die Schweizer Bundesanwaltschaft die Genfer Büros von Gunvor, wie die Nichtregierungsorganisation Public Eye aufdeckte. Die Ermittler führen ein Strafverfahren gegen Unbekannt wegen des Verdachts auf Bestechung ausländischer Amtsträger.Gunvor soll einen Mittelsmann dafür bezahlt haben, das Öl aus Gabon zu beschaffen, wie Public Eye recherchierte. Das Unternehmen weist den Vorwurf zurück. In der Branche kommt es immer wieder vor, dass diese Mittelsmänner die Schlüsselpersonen der Rohstoffländer mit Bestechungsgeld überzeugen. Gunvor wurde in der Schweiz bereits 2019 und 2024 verurteilt, weil die internen Abläufe nicht verhinderten, dass im Namen des Unternehmens Amtsträger bestochen wurden.Die Schweiz hat einen Hebel – nutzt sie ihn?«In vielen Fällen, in denen wir Korruption aufzeigen konnten, sind Vorauszahlungen involviert», sagt Robert Bachmann, Rohstoffexperte bei Public Eye. Die Kredite laden seiner Meinung nach zur Bestechung ein: Es geht um sehr hohe Beträge, die staatliche, oft intransparente Gesellschaften betreffen. Selten herrscht ein öffentlicher Wettbewerb darüber, welcher Rohstoffhändler sich aufgrund welcher Kriterien bei den Lieferdeals durchsetzt.Um diese Risiken zu entschärfen, wünscht sich Bachmann verbindliche Offenlegungspflichten. Erstens in den Rohstoffländern selbst, aber zweitens ebenso in den Staaten, in denen die Händler ihren Sitz haben – so wie in der Schweiz.Zudem sollten die Rohstoffhändler ihre Vorauszahlungen nicht nur aggregiert veröffentlichen müssen, sondern auch die Kreditbedingungen und die einzelnen Transaktionen. «Der Bundesrat hätte die rechtliche Grundlage, das umzusetzen», sagt Bachmann.Auch der Entwicklungsökonom Gilles Carbonnier sieht die Schweiz in der Pflicht, sich für grössere Transparenz einzusetzen. Natürlich sei es wichtig, als Standort für den Rohstoffhandel wettbewerbsfähig zu bleiben. «Aber die Schweiz könnte in der internationalen Diskussion um Pflichten zur Offenlegung von Vorauszahlungen eine vorausschauend aktivere Rolle einnehmen», fordert er.Passend zum Artikel