Ein russischer Geschäftsmann zieht von Zürich aus ein Millionengeschäft auf. Doch dann wird klar, woher das viele Geld wirklich kommtEine Schweizer Firma verspricht schnelle Überweisungen in die ganze Welt. Doch laut Ermittlern gehören auch Schwerverbrecher zu den Kunden. Mittendrin: Ein Firmenchef mit Verbindungen nach Russland.10.06.2026, 05.00 Uhr7 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZDie Zürcher Langstrasse ist nicht nur Rotlicht und Partyrausch. Sie ist vor allem eine Strasse des Geldes. Zwischen Bars und 24-Stunden-Shops finden sich hier kleine Finanzinstitute. Viele wirken etwas heruntergekommen: enge Räume, improvisierte Schalter, grelles Neonlicht. Oft haben sie nicht einmal ein eigenes Geschäft, sondern sind in vollgestopften Kiosken oder Ramschläden einquartiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man erkennt sie an ihren bunten Logos, an den Flaggen exotischer Länder, die an den Fensterscheiben kleben. Oder an aggressiv blinkenden Leuchttafeln mit der Aufschrift «Money Transfer».Das Geschäftsmodell dieser «Money Transmitter» ist simpel: Sie überweisen Geld in alle Regionen der Welt. Dafür verlangen sie eine Gebühr. Beliebt ist die Dienstleistung vor allem bei Migranten, die Geld an ihre Familien in der Heimat transferieren.Doch die Branche hat eine Schattenseite. Und diese Schattenseite zeigt sich am 28. April.Ein schwerwiegender VerdachtErmittler der Polizei und der Staatsanwaltschaft nehmen an jenem Dienstagmorgen fünf Personen eines Geldtransfer-Instituts fest. Vier davon sind hochrangige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – darunter der jetzige und der ehemalige Geschäftsführer.Die Zürcher Staatsanwaltschaft wirft ihnen in einer Mitteilung vor, seit Jahren «systematisch Gelder aus verbrecherischer Herkunft» ins Ausland verschoben zu haben. Schmutziges Geld in zweistelliger Millionenhöhe.Newsletter «NZZ Justiz»Das wöchentliche Update zu Kriminalität und Strafwesen – jeden Montag direkt in Ihrem Postfach.Jetzt kostenlos abonnierenEs ist nicht der erste Fall: Mehrfach standen in den letzten Jahren solche «Money Transmitter» im Verdacht, nicht nur Migranten zu dienen, sondern auch dem organisierten Verbrechen.Da war das brasilianische Ehepaar, das sich ein Jetset-Leben finanzierte – denn es wusch mit einem Geldtransfer-Büro mitten im Langstrassenquartier mindestens 20 Millionen Franken an Drogengeldern für internationale Kartelle.Oder der türkische Gemüsehändler, der von Kriminellen in seinem Laden Plastiksäcke voller Bargeld entgegennahm und so während Jahren über 10 Millionen Franken aus dem Kokainhandel und illegalem Glücksspiel ins Ausland verschob.Und nun, im jetzigen Fall, ist es ein russischer Spezialist für Geldtransfers, der sich als Startup-Unternehmer inszeniert. Ein Mann, dem nachgesagt wird, er habe beste Beziehungen zum Kreml. Und der bis vor wenigen Monaten einen international tätigen Finanzdienstleister führte – mit Hauptsitz an der Zürcher Langstrasse.In dieser Recherche nennen wir ihn Dmitri Karsunow, in Wirklichkeit heisst er anders.Der Mann mit der schillernden VergangenheitIm Eingang von Karsunows Reich liegt eine schwarz-weisse Fussmatte. Sie zeigt einen finster blickenden Mann mit Sonnenbrille. Darunter steht «Willkommen». Doch eintreten kann man hier nicht mehr. Die Tür ist verschlossen.Seit der Razzia der Polizei am 28. April klebt an der Fensterscheibe der Zürcher Filiale ein weisses Blatt Papier mit der Aufschrift «Shop is closed». Die Website der Firma ist ebenfalls offline. Und ruft man beim Unternehmen an, heisst es bloss, der Anschluss sei derzeit nicht besetzt.Dieser «Shop» war der Hauptsitz von Dmitri Karsunows Unternehmen. Von hier aus betrieb der 37-Jährige ein Netz mit zahlreichen Ablegern in ganz Europa. Zuletzt waren es laut Angaben auf der Firmenwebsite allein in der Schweiz fünf Filialen und mehr als ein Dutzend Agenturen. Über sie konnten Kundinnen und Kunden Geld in über 180 Staaten transferieren. Das Unternehmen ist zu einem der grössten Anbieter in der Branche geworden.Auch mit kriminellen Geschäften, wie die Ermittler vermuten.Auf dem einzigen Video, das von Dmitri Karsunow zu finden ist, sieht man einen Mann mit Kinnbart und einem Man-Bun – zu einem Dutt gebundenen Haaren. Es stammt aus dem Jahr 2019. Karsunow ist damals Anfang dreissig und tritt an einer Konferenz für Geldtransfer-Unternehmen in Afrika vor die Kamera. Er spricht von den Möglichkeiten, die in diesem Geschäft schlummern. Karsunow ist damals noch für eine britische Finanzvermittlungsfirma tätig. Davor arbeitete der Russe laut seinem Linkedin-Profil für verschiedene Finanzdienstleister in ganz Europa.Doch es gibt eine auffällige Lücke, eine Station in seinem Berufsleben, die er in seinem Profil unerwähnt lässt: seine Tätigkeit für eine russische Bank, ebenfalls spezialisiert auf Geldtransfers – und mit auffälligen Tätigkeiten in der Ukraine.Es ist das Jahr 2014, eine Zeit also, als die Separatistengebiete im Donbass vom ukrainischen Bankverkehr abgeschnitten sind. Geldautomaten funktionieren nicht mehr. Wer Bargeld braucht, muss in die Ukraine oder nach Russland reisen. In diese Lücke stossen russische Geldtransfer-Dienste. Sie bieten etwas an, das es in Donezk kaum noch gibt: einen Weg, Geld aus Russland zu empfangen.Einer dieser Anbieter ist die russische Bank, für die Karsunow damals arbeitet. Bereits mit Mitte zwanzig nimmt er dort eine Führungsfunktion ein. Doch dann gerät das Unternehmen ins Visier der ukrainischen Behörden. Diese werfen der russischen Bank vor, mit ihrem Zahlungssystem ein Sicherheitsrisiko für die Ukraine darzustellen. Später erscheinen Medienberichte, wonach die Bank Geldflüsse an prorussische Separatisten im Donbass ermöglicht habe. In diesen Berichten wird auch der Name von Dmitri Karsunow genannt – und der seiner Frau.Aus dieser Zeit existieren auch einige private Bilder des Paares. Fotos zeigen die beiden in Hochzeitskleidung auf dem Roten Platz in Moskau oder verliebt vor einem Nationaldenkmal in Rom. Zwischen 2014 und 2016 soll das Paar noch in eine andere Region gereist sein: in den Donbass. Gemäss den Medienberichten haben sie dort geholfen, ein illegales Finanzsystem der Separatisten am Laufen zu halten. Belege dafür fehlen allerdings.Sicher ist hingegen, dass Karsunow ab 2020, also etwa vier Jahre nach seiner Tätigkeit für die russische Bank, in der Schweiz aktiv wird – für den Finanzdienstleister an der Zürcher Langstrasse. Zunächst ist er dort Geschäftsführer, später sogar Verwaltungsratspräsident.Aus Unterlagen, die beim Handelsregisteramt eingereicht wurden, geht hervor, dass der Russe bei der Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft insgesamt 340 000 Franken eingebracht hat. Dafür erhielt er den Grossteil der Namensaktien. Später wurde er Alleinaktionär. Das war im Juni 2023.Karsunow trimmt seine Firma auf Wachstum. In Werbevideos aus jener Zeit, die in den sozialen Netzwerken gepostet wurden, spart die Führungscrew nicht mit Superlativen. In einem Filmchen spricht eine der Ende April festgenommenen Führungskräfte von einem revolutionären Geschäftsmodell, und der spätere CEO der Firma wirbt in einem anderen Video: «Möchten Sie Ihrer Familie Geld schicken, dann sind wir die Nummer eins.»Beste Konditionen, schnellste Transfers, so lauten die Versprechungen.Doch 2024 passiert etwas Seltsames: In einem Dokument des Zürcher Handelsregisteramts besitzt Dmitri Karsunow plötzlich eine andere Nationalität. Gemäss seinem Pass stammt er nicht mehr aus Russland, sondern aus Rumänien. Und er wohnt in Ungarn, an einer Adresse in Budapest. Der Pass erweist sich als gefälscht, wie die Staatsanwaltschaft auf Anfrage bestätigt. Und als die Ermittler später genauer nachforschen, stellt sich heraus, dass Karsunow zwar am Genfersee wohnt, aber in der Schweiz gar nicht gemeldet ist.Im September 2025 tritt der Russe schliesslich als Geschäftsführer ab. Die Gründe dafür bleiben unklar. Vermerkt ist in den Dokumenten einzig, dass er seinen Nachfolger, einen Schweizer, selbst vorschlägt.Verdachtsmomente gegen die Firma und ihren Boss gab es offenbar schon zuvor. Laut einem Bericht von CH Media soll eine Quelle bereits 2024 die Aufsichtsorgane auf problematische Verbindungen von Dmitri Karsunow aufmerksam gemacht haben. Welche Informationen genau übermittelt wurden, bleibt indes unklar.Es ist nicht das einzige Warnsignal. Denn im Februar dieses Jahres entziehen die griechischen Behörden einer Tochtergesellschaft von Karsunows Unternehmen die Lizenz. Diese war ebenfalls im Geschäft mit Geldtransfers tätig. Der Grund für den Lizenzentzug: «schwerwiegende Verstösse gegen die Auflagen zur Bekämpfung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung».In der Schweiz wird die Firma von einer sogenannten Selbstregulierungsorganisation überprüft. Diese kontrolliert Finanzdienstleister, die keine Banken sind, aber trotzdem mit Geld arbeiten. Parabanken nennt man sie. Gemäss Informationen der NZZ gab es bei der Firma in den letzten Jahren keine Beanstandungen. Der Ruf der Branche ist allerdings angekratzt und provoziert immer wieder massive Kritik – zu unwirksam und zu einfach auszutricksen seien die Kontrollen.Im Fall von Karsunows Firma heisst die Kontrollorganisation Polyreg. Dort ist das Unternehmen des Russen Mitglied. Auf Anfrage wehrt sich der Verein gegen den Vorwurf der Untätigkeit. Bei Hinweisen auf Verstösse leite man vertiefte Abklärungen ein und ergreife wenn nötig aufsichtsrechtliche Massnahmen. Als Vorteil betrachtet Polyreg, dass seine Mitglieder zur «wahrheitsgetreuen Auskunft und uneingeschränkten Mitwirkung» verpflichtet sind.Polyreg will keine Auskünfte geben zu Untersuchungen und allfälligen Massnahmen gegen ihre Mitglieder – auch nicht im Fall von Karsunows Firma. Aber: Bei komplexen Geldwäschereifällen sei es meist am effektivsten, wenn die Strafverfolger die Selbstregulierungsorganisation bereits frühzeitig in die Abklärungen einbeziehen würden.Die Nigeria-ConnectionWie genau das System funktioniert hat, mit dem mutmasslich das dreckige Geld gewaschen und ins Ausland transferiert wurde, ist bisher noch unklar. Die Ermittler halten sich dazu bedeckt. In der Mitteilung der Zürcher Staatsanwaltschaft heisst es dazu bloss, die Transfers seien über ein ausgeklügeltes System mit Kryptowährungen und fiktiven Unterlagen verschleiert worden.Laut Informationen der NZZ tauchten immer wieder dubiose Kuriere in den Filialen des Geldtransfer-Instituts an der Zürcher Langstrasse auf, um Bargeld zu verschicken. Es waren Kuriere von Drogenhändlern – oder Handlanger von kriminellen Gruppierungen, die ihren Opfern die Ersparnisse mittels Liebesbetrugs und anderer Betrugsmaschen abgeknöpft hatten.Eine Spur führt dabei nach Nigeria, zum kriminellen Netzwerk Black Axe. Denn parallel zur Durchsuchung von Dmitri Karsunows Firmenbüros starteten die Ermittler eine Operation, die sich gezielt gegen hochrangige Figuren der nigerianischen Mafia richtete.Bei der grossangelegten Aktion nahmen sie in Zürich und weiteren Kantonen insgesamt zehn Männer im Alter zwischen 32 und 54 Jahren fest. Unter den Verhafteten befand sich auch der Black-Axe-Regionalchef für das südliche Europa. Die zehn Männer werden verdächtigt, Millionenbeträge ertrogen und danach gewaschen zu haben. Ein Teil des dreckigen Geldes soll über die Firma von Dmitri Karsunow transferiert worden sein.Seit seiner Festnahme sitzt Dmitri Karsunow in Zürich in Untersuchungshaft. Auf Anfrage schreibt die Zürcher Staatsanwaltschaft, man werfe ihm und den anderen Beschuldigten primär gewerbs- und bandenmässige Geldwäscherei vor.Ob Karsunow und die Mitbeschuldigten geständig sind, darüber macht die Behörde keine Angaben. Weder die Firma noch die Beteiligten reagierten auf die Anfragen der NZZ. Für sie gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.«Überweisungen, so einfach und schnell wie eine Abfahrt in den Alpen»: So bewarb die Firma des Russen einst in den sozialen Netzwerken ihre Dienstleistung. Heute erinnert an der Zürcher Langstrasse nur noch das weisse Blatt Papier an der Fensterscheibe an Karsunows Unternehmen. Die Aufschrift: «Shop is closed».Passend zum Artikel