Herr Kälin, mit Ihrem Unternehmen Henley & Partners vermitteln Sie Staatsbürgerschaften und Aufenthaltsbewilligungen. Sie waren gerade in Dubai, als der Krieg gegen Iran begann und Raketen einschlugen. Wie haben Sie das erlebt?Ich hätte nie gedacht, dass Dubai direkt angegriffen würde. Ich war dort mit meiner jüngeren Tochter. Als es losging, haben wir einen Fahrer organisiert, der uns nach Oman gebracht hat. Das dauerte die ganze Nacht, auch weil es nicht so leicht war, über die Grenze zu kommen. Von Maskat haben wir dann einen Flug nach Rom ergattert.Nach den Erhebungen Ihres Unternehmens hatten sich im vergangenen Jahr 9800 Millionäre in den Vereinigten Arabischen Emiraten angesiedelt. Nehmen die nun wieder Reißaus?Wir haben in Dubai jetzt sehr viel zu tun. Wer dort ist, fragt sich: Was mache ich jetzt? Die Ausgangslage hat sich verändert. Es gibt zwar keinen Massenexodus, aber die Vereinigten Arabischen Emirate waren Plan B. Jetzt braucht man einen Plan C. Die Leute wollen vorbereitet sein.Wohin zieht es die Leute jetzt?Das ist sehr unterschiedlich. Europäer neigen dazu, wieder zurück nach Europa zu gehen, allerdings nicht unbedingt in das Land, aus dem sie einst in den Nahen Osten gezogen sind. Briten gehen also eher nicht nach London zurück, sondern ziehen in die Schweiz oder nach Italien oder Monaco. Auch Griechenland ist populärer geworden. Asiaten tendieren eher in Richtung Singapur, Thailand und Malediven. Mauritius und die Seychellen sind ebenfalls als Rückzugsorte interessant. Frankophone Europäer gehen gern nach Mauritius, weil die Insel stark französisch geprägt ist.Und was machen die Deutschen, die Dubai und Abu Dhabi jetzt verlassen wollen?Viele Deutsche zieht es in die Schweiz. Dort ist es zwar teurer als in Abu Dhabi, aber unter den Aspekten der Sicherheit, politischen Stabilität und Lebensqualität ist das Land sehr attraktiv.Werden nun auch Vermögenswerte in großem Stil von den Emiraten in die Schweiz verschoben?Ja, Vermögenswerte werden verschoben, aber nicht nur in Richtung Schweiz, sondern auch in die USA sowie nach Singapur und Hongkong. Es geht darum, die Gelder geographisch möglichst breit zu diversifizieren.Sie schätzen, dass in diesem Jahr rund 165.000 Millionäre ihre Heimat verlassen. Was sind die wichtigsten Gründe für einen solchen Schritt?Mit Ausnahme von Großbritannien und Norwegen, die mit ihren Steuerreformen viele Reiche vergrault haben, sind es in der Regel nicht die Steuern, die Millionäre zum Wegzug bewegen. Wichtiger sind Aspekte wie persönliche Sicherheit, politische Stabilität und Lebensqualität. Seit Anfang des Jahres haben wir Anträge von Menschen aus 86 Ländern erhalten. Die geopolitische Unsicherheit nimmt zu, und Menschen wollen sich absichern. Auch in Europa.Welche Länder verlieren derzeit die meisten Millionäre?Russland, China und Indien. In Europa verlieren vor allem Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Das sind nicht zufällig die Länder, in denen es im Moment politisch und wirtschaftlich ein bisschen in die falsche Richtung geht. Die Briten haben jetzt den siebten Premierminister in zehn Jahren. Da herrschen fast italienische Verhältnisse, wobei Italien mittlerweile in einigen Aspekten stabiler ist als diese drei Länder.Christian KälinHenley & PartnerSie stellen fest, dass sich immer mehr Deutsche nach einem Standbein im Ausland umschauen. Woran liegt das?Zu unseren Klienten zählen vor allem wohlhabende Familien und Unternehmer. Sie monieren, dass sich die Lebensqualität vielerorts verschlechtert hat. Der Aufstieg der AfD und die generelle Polarisierung in der Politik lösen Unbehagen aus. Das ist so ähnlich wie in den USA unter Trump. Auch die mögliche Reaktivierung der Wehrpflicht sehen einige unserer deutschen Kunden kritisch, gerade in Verbindung mit dem Krieg in der Ukraine, der sich in Europa ja noch ausweiten könnte. Wer Söhne hat, macht sich darüber so seine Gedanken. Früher wurden wir von den Deutschen belächelt, wenn wir einen Zweitwohnsitz in der Karibik vorschlugen. Heute schauen sich alle wohlhabenden Familien, die sich das leisten können, auch Standorte außerhalb Europas an. Das Interesse ist so groß, dass wir Anfang September in Zürich erstmals eine Konferenz zu dem Thema veranstalten: „The Safe Haven Forum“.Reiche Leute kaufen sich mit Ihrer Hilfe eine Villa und einen Pass in der Karibik, anstatt in ihrem Heimatland in der Krise mitanzupacken und Verantwortung zu übernehmen. So geht die Welt erst recht zugrunde, oder?Die Frage nach der Verantwortung kann man immer stellen. Aber es sind nicht nur reiche Menschen, die sich darüber Gedanken machen, Deutschland zu verlassen. Ich werte das als eine Art Frühindikator, der den Politikern zu denken geben sollte.Welche Rolle spielt der Klimawandel bei Umzugsentscheidungen?Die Leute denken schon darüber nach, wie widerstandsfähig ein Land gegenüber dem Klimawandel ist. Das spielt eine immer größere Rolle, ist aber selten der entscheidende Grund. Meist geht es um die Kombination aus Sicherheit, politischer und wirtschaftlicher Stabilität, Lebensqualität, Bildung, Gesundheitsversorgung und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Man schafft sich Optionen, ohne seine Heimat grundsätzlich aufzugeben.Wie verhindern Sie, dass Ihre Dienste von Kriminellen, Geldwäschern oder Sanktionierten genutzt werden?Erst einmal machen wir keine Geschäfte mit sanktionierten oder auch nur dubiosen Personen. Jeder Kunde durchläuft eine strenge Prüfung, bevor wir ein Mandat überhaupt annehmen. Danach muss der Antragssteller auch noch die strengen Vorgaben der jeweiligen Regierung erfüllen, etwa die Herkunft seines Vermögens nachweisen. Dann entscheiden die Staaten selbst und nicht wir, welchen Antrag sie annehmen und welchen sie ablehnen. Das ist kein Automatismus, das ist komplex.Würden Sie einen russischen Oligarchen heute noch als Klienten akzeptieren?Wir akzeptieren keine Klienten, die in Russland wohnen und nicht bereits eine Beziehung ins Ausland haben. Man sollte aber genau hinschauen. Aus einem Pass allein lässt sich nicht ablesen, wo jemand gelebt, sein Unternehmen aufgebaut oder Steuern gezahlt hat. Jeder Fall wird einzeln und unter Einhaltung aller Sanktionen und regulatorischen Vorgaben geprüft. Ein reicher Russe also, der in Kanada lebt, könnte beispielsweise als Klient infrage kommen. Aber die Anforderungen sind sehr streng.Wie groß sind die Einnahmen, die Staaten durch „Golden Visa“-Programme erzielen?Solche Programme führen zu Investitionen in Milliardenhöhe. Allein zwischen 2011 und 2019 erzielten Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftsprogramme in der EU laut dem Europäischen Parlament Einnahmen von mehr als 21,8 Milliarden Euro. Und das sind nur die direkten Einnahmen. Gute Programme ziehen mobiles Kapital, unternehmerisches Know-how und langfristige Investitionen an. Das schafft Arbeitsplätze, fördert das Wirtschaftswachstum und stiftet breiten gesellschaftlichen Nutzen.Sie haben selbst mehrere Pässe. Welches Land bezeichnen Sie als Ihre Heimat?Herkunft ist ja so eine Lotterie. Ich bin Schweizer und hab damit ziemlich Glück gehabt. Zusätzliche Staatsbürgerschaften und Aufenthaltsrechte geben mir aber etwas, das in der heutigen Welt immer wertvoller wird: Wahlmöglichkeiten und gesicherte Mobilität.Zur PersonAls Chairman und Teilhaber des Beratungsunternehmens Henley & Partners vermittelt Christian Kälin Staatsbürgerschaften und Aufenthaltsbewilligungen. Der 55 Jahre alte Schweizer berät vermögende Privatpersonen und Familien, die ihre Zelte in der Heimat abbrechen wollen oder nach einem Zweit- oder Drittwohnsitz suchen. Der gelernte Bankkaufmann und promovierte Jurist hilft Regierungen dabei, Programme für die Ansiedlung ausländischer Investoren zu entwickeln, deren finanzieller Einsatz mit einem Pass belohnt wird. Zu den bisherigen Kunden zählen Länder wie Malta, Zypern, Antigua, Grenada und St. Kitts and Nevis. Henley & Partners beschäftigt rund 500 Mitarbeiter in mehr als 70 Büros rund um den Globus.
Passvermittler Christian Kälin: Deutsche zieht es in die Schweiz
Wohlhabende Familien und Unternehmer reagieren auf die wachsende geopolitische Unsicherheit. Sie suchen sich einen Zufluchtsort in der Schweiz, der Karibik oder auf Mauritius. Christian Kälin hilft ihnen dabei.






