«Wir sind die Musterschüler»: Schweizer Firmen haben bereits 27 Milliarden in den USA investiertDie Schweiz erfüllt ihre Versprechen gegenüber den USA. Ob es etwas nützt, ist ungewiss. Die Trump-Administration droht mit neuen Strafzöllen.06.06.2026, 21.45 Uhr4 Leseminuten«Es muss ein Geben und Nehmen sein»: Die Seco-Chefin Helene Budliger Artieda hält sich bedeckt zum Stand der Verhandlungen mit den USA.Annick Ramp / NZZEs ist ein grosses Versprechen: 200 Milliarden Dollar sollen Schweizer Firmen in den nächsten fünf Jahren in den USA investieren. So steht es im Joint Statement mit den USA vom 14. November. Präsident Donald Trump hatte der Schweiz Anfang August einen Strafzoll von 39 Prozent aufgebrummt. Mit der Vorab-Einigung sank dieser auf 15 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun muss die Schweiz liefern. Und sie tut es. Von Januar bis April investierten Schweizer Firmen in den USA bereits 27 Milliarden Dollar. Die Zahl findet sich in einer internen E-Mail der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer (Swiss Amcham) an ihre Mitglieder, die der «NZZ am Sonntag» vorliegt.Die Schweiz erfüllt die VerpflichtungenDie Liste der Investoren liest sich wie ein Who is who der Schweizer Wirtschaft. Novartis glänzt gleich mit zwei Projekten, einem biomedizinischen Forschungszentrum in San Diego und einer Produktionsstätte für Krebsmedikamente in Texas. Der Lokalrivale Roche baut derweil seine Produktion in North Carolina aus. Im gleichen Gliedstaat erstellt auch der Burgdorfer Medizinaltechnikkonzern Ypsomed eine neue Fabrik.Aber nicht nur die Gesundheitsbranche bereitet Trump Freude. Die Genfer Reederei MSC hat Anfang Januar ihr neues Hauptquartier für Nordamerika in Miami eröffnet, mit dem Investitionen in den amerikanischen Kreuzfahrt- und Logistiksektor verbunden sind. Die klassische Industrie ist mit dem Aargauer Werkzeugmaschinenbauer Pfiffner Group und dem Zürcher Elektronikkonzern Elma vertreten, die beide ihre Produktionskapazitäten in den USA ausbauen.Die Handelskammer amtet als Buchhalterin der Schweizer Investitionen. Zu Einzelfirmen macht sie keine Angaben. Die genannten Beispiele wurden von den Unternehmen selbst kommuniziert. Die Summe der Investitionen zeige aber, dass die Schweiz ihre Verpflichtungen sehr ernst nehme, sagt der Swiss-Amcham-CEO Rahul Sahgal: «Wir sind Musterschüler und erfüllen unsere Versprechen.»Genützt hat es bisher allerdings wenig. Diese Woche kündigten die USA neue Zölle gegen Länder an, die angeblich zu wenig gegen Zwangsarbeit unternähmen. Weil die Schweiz kein explizites Importverbot für Waren aus Zwangsarbeit kennt, landete sie in der Kategorie mit den höheren Zöllen. Schweizer Waren wollen die USA mit 12,5 Prozent belasten, die EU soll mit 10 Prozent davonkommen.Die Differenz zu den Nachbarländern könnte bald noch grösser werden. Neben Zwangsarbeit nimmt Washington die Schweiz und weitere Länder wegen angeblicher industrieller Überkapazitäten ins Visier. Der Vorwurf: Die Schweiz unterhalte einen zu grossen Produktionsapparat und verschaffe sich so unfaire Vorteile im Exportgeschäft.Die Stärke der Schweiz ist ihre AchillesferseTrump sieht Länder, die einen Handelsbilanzüberschuss mit den USA haben, generell als Schmarotzer. Die Schweiz sei nur dank den USA reich geworden, sagte er im Januar am WEF in Davos. Die US-Regierung könnte versucht sein, erneut besonders hohe Strafzölle gegen die Schweiz zu verhängen – ein Horrorszenario für die Exportindustrie.Für Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor des Industrieverbandes Swissmem, ist klar, dass die Vorwürfe der Überkapazitäten haltlos sind. «Wir haben die ökonomischen Argumente auf unserer Seite», sagt er. Swissmem habe eine Stellungnahme in Washington hinterlegt. So erhebe die Schweiz im Gegensatz zu anderen Ländern keine Zölle, um die eigene Industrie abzuschirmen. Sie betreibe auch keine Industriepolitik, die «mittels Subventionen künstliche Überkapazitäten schafft».Die jüngste Entwicklung der Handelsbilanz verbessert die Schweizer Position. Derzeit erzielen die USA einen Überschuss im bilateralen Handel. Klammert man allerdings den Goldhandel aus, liegt die Schweiz weiterhin im Plus.Die Frage ist allerdings, ob rationale ökonomische Argumente für die USA überhaupt zählen. Der Bericht zum Thema Zwangsarbeit zeige, dass es den USA primär darum gehe, eine Begründung für neue Zölle zu finden, sagt der Swissmem-Vertreter Kohl. Dabei werde zum Teil mit «haarsträubenden Herleitungen» argumentiert.Wenn die USA dieses Muster auch im Bericht zu den Überkapazitäten anwendeten, seien ökonomische Argumente zwecklos. Dann, so Kohl, «besteht das Risiko, dass es kein gutes Ende nimmt und es für die Schweiz im Zollstreit knüppeldick kommt. Es sei denn, der Schweiz gelingt rechtzeitig der Abschluss eines Handelsabkommens mit den USA.»Verordnungsänderung könnte Problem aus der Welt schaffenZum Stand der Verhandlungen macht der Bund keine Angaben. «Der Bundesrat will, wenn immer es geht, eine Einigung erzielen. Aber es muss ein Geben und Nehmen sein», sagte Helene Budliger Artieda, die Chefin des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) am Freitag beim Swiss Economic Forum in Interlaken.Die Bedeutung eines baldigen Handelsabkommens betont auch Franz Grüter, SVP-Nationalrat und Mitglied der Aussenpolitischen Kommission. «Der Bundesrat wäre gut beraten, eine aktivere Rolle zu spielen und auf einen raschen Abschluss hinzuarbeiten», sagt er. Die Lücke bei der Zwangsarbeit könnte mit einer Verordnungsänderung schnell geschlossen werden.«Zudem sollte der Bundesrat offensiver kommunizieren, wie stark Schweizer Firmen in den USA investieren», sagt Grüter. Damit könnten Vorbehalte wegen industrieller Überkapazitäten aus dem Weg geräumt werden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel