InterviewKein Zolldeal mit den USA – doch der Handelskammer-Chef sagt: «Die Schweiz hat das Maximum herausgeholt»Die Schweiz kann den USA im Zollstreit keine Zusicherung abringen. Rahul Sahgal, Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, bleibt gelassen. Es sei ein guter Zeitpunkt, um Donald Trump zu vertrauen – zumindest ein bisschen.30.06.2026, 15.26 Uhr5 Leseminuten«Die Schweiz ist nicht das Problem der USA»: Rahul Sahgal von der Handelskammer Schweiz-USA.Laurent Gillieron / KeystoneHerr Sahgal, die Schweiz hält an der Absichtserklärung mit den USA fest. Im Gegenzug erhält sie aus Washington aber keine Zusicherung für die künftigen Zölle. Überrascht Sie das?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nein. Die Amerikaner haben im vergangenen November gesagt: Wenn die Schweiz A, B und C umsetzt, sollen die Zölle maximal 15 Prozent betragen. Bis jetzt haben sie sich daran gehalten. Jetzt zeigen wir im Gegenzug, dass wir die Abmachung ebenfalls umsetzen. Deshalb sehe ich im Moment keinen Grund, weshalb die USA von dieser Vereinbarung abrücken sollten.Aus der unverbindlichen Absichtserklärung hätte ein verbindliches Handelsabkommen werden sollen. Daraus wird vorerst nichts. Ist das eine Niederlage für die Schweiz?Entscheidend ist momentan nicht, ob wir ein formelles Abkommen haben oder nicht, sondern welche Zölle Ende Juli tatsächlich gelten.Die aktuelle Abmachung genügt also . . .Mittelfristig brauchen wir ein verbindliches Handelsabkommen, schon aus Gründen der Rechtssicherheit und WTO-Konformität. Aber bei der Trump-Regierung sieht man auch: Entscheidend ist weniger, ob sie etwas unterschrieben hat oder nicht, als was sie politisch erreichen will.Donald Trump hat den europäischen Ländern vergangene Woche mit Zöllen von 100 Prozent gedroht, sollten sie Digitalsteuern einführen – unabhängig davon, ob bereits Abkommen existieren.Das ist der entscheidende Punkt. Trump sagt im Grunde: Es spielt keine Rolle, ob ein Handelsabkommen besteht oder nicht. Er ist am Resultat interessiert, nicht am Prozess.Hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gut genug verhandelt?Unter den gegebenen Umständen würde ich sagen: Die Schweiz hat das Maximum herausgeholt.Das müssen Sie erklären. Am 23. Juli läuft die Rechtsgrundlage für die derzeitigen Zusatzzölle von 10 Prozent aus. Danach muss die Schweiz darauf hoffen, dass Donald Trump sein Wort hält. Das ist ein wackliges Konstrukt.Aber das gilt für beide Seiten. Die Vereinbarung ist nicht nur für sie unverbindlich, sondern auch für uns. Und: Wenn die Amerikaner den Prozess mit den Zollsätzen nicht sauber und nachvollziehbar führen, riskieren sie wiederum eine gerichtliche Niederlage.Trotzdem: Die Schweiz sitzt am kürzeren Hebel.Ja, die Machtverhältnisse sind ungleich. Aber bisher haben sich die Amerikaner an die Absichtserklärung gehalten. Bei den Pharmazöllen beispielsweise haben Schweizer Firmen nur 15 Prozent Zölle erhalten statt wie andere Länder 100 Prozent. Das ist schon bemerkenswert.Sie sagen, mittelfristig brauche es ein verbindliches Abkommen. Rechnen Sie noch in diesem Jahr damit?Im Moment eher nicht. Die Amerikaner sind derzeit stark absorbiert. Es fehlt nicht nur an Zeit, sondern vielleicht auch am politischen Appetit.Warum?Die Amerikaner stehen mit ihrer Zollpolitik vor einem Scherbenhaufen. Was die Trump-Regierung im April 2025 eingeführt hat, wurde vom Supreme Court kassiert. Und nicht nur das: Einen Teil der Zölle muss sie sogar zurückzahlen. Auch die derzeit geltenden Zusatzzölle von 10 Prozent sind rechtlich umstritten. Es ist keineswegs sicher, dass sie vor Gericht Bestand haben. Deshalb glaube ich, dass auch Washington ein Interesse daran hat, Ruhe und Stabilität ins System zu bringen. Und dazu gehört, dass Länder wie die Schweiz einen einigermassen akzeptablen Zollsatz erhalten.Mit anderen Worten: Die weiteren Entwicklungen im Zollstreit haben weniger mit dem Schweizer Verhandlungsgeschick zu tun als mit den Entwicklungen in den USA.Genau. Im Moment würde ich gar nicht sagen, dass ein verbindliches Abkommen zwingend der beste Weg wäre. Wenn wir Ende Juli wissen, dass für die Schweiz maximal 15 Prozent gelten, ist das zunächst einmal das Wichtigste. Dann kann man im Herbst immer noch über ein formelles Abkommen sprechen.Die Trump-Regierung hat im März zwei neue Untersuchungen angekündigt, die zu zusätzlichen Zöllen führen könnten: eine wegen angeblicher Zwangsarbeit, eine zweite wegen industrieller Überkapazitäten. Wie geht es da weiter?Die 12,5 Prozent für die Schweiz wegen der angeblichen Zwangsarbeit dürften aus meiner Sicht die heutigen 10-Prozent-Zölle ersetzen. Ich nenne das den neuen Basiszoll. Die Amerikaner scheinen einen Mindestzoll von 10 bis 12,5 Prozent für fast alle Importe etablieren zu wollen, mit Ausnahmen etwa für Kaffee oder Pharma.Beim zweiten Zoll ist die Höhe noch offen.Die Untersuchung zu den industriellen Überkapazitäten dürfte für länderspezifische Zölle genutzt werden. Dort wird beurteilt, ob ein Land die Vereinbarungen mit den USA umsetzt oder nicht. Im Idealfall sagt Washington zur Schweiz: Ihr haltet euch an die Absichtserklärung, wir sind zufrieden – also bleibt es bei maximal 15 Prozent.Die Industrie befürchtet, dass die Zölle je nach Lust und Laune des Präsidenten am Ende deutlich über 15 Prozent liegen könnten.Ende Juli werden wir mehr Klarheit haben. Für mich gibt es drei Szenarien: Entweder die Schweiz landet wie vereinbart bei maximal 15 Prozent. Oder die Zölle liegen höher. Oder die USA wählen einen stufenweisen Ansatz und sagen: Ihr habt einen grossen Teil der Absichtserklärung umgesetzt, deshalb gilt vorerst ein höherer Zollsatz. Sobald der Rest umgesetzt ist, sinkt er schrittweise auf 15 Prozent. Das wäre aus amerikanischer Sicht sogar eine clevere Verhandlungstaktik. Sie könnten damit nicht nur der Schweiz, sondern auch anderen Ländern signalisieren: Wer liefert, wird belohnt.Viele Unternehmen hatten gehofft, dass die Verhandlungen endlich für Planungssicherheit sorgen.Sie werden mehr Planbarkeit haben. Natürlich bleiben einzelne Unsicherheiten bestehen, etwa wegen anderer laufender Untersuchungen der USA. Gleichzeitig sieht man auch, dass Ausnahmen möglich sind. Kaffee wurde ausgenommen, was für gewisse Schweizer Firmen wichtig ist. Grossbritannien erhielt eine Ausnahme für Scotch Whisky. Es gibt durchaus Potenzial, für einzelne Branchen oder Produkte Erleichterungen zu erreichen.Braucht es nochmals eine Unternehmensdelegation wie jene um Alfred Gantner, die mit Goldbarren und Rolex nach Washington reist, um Donald Trump milde zu stimmen?Im Moment sehe ich dafür keinen Grund. Die Amerikaner halten sich bis jetzt an das, was wir vereinbart haben. Warum sollten wir jetzt schon wieder mit einer Delegation nach Washington reisen?Falls die Zölle Ende Juli doch höher ausfallen als erwartet.Dann muss man die Lage neu beurteilen. Man darf die heutige Situation aber nicht mit jener vom vergangenen Sommer vergleichen. Damals standen plötzlich 39 Prozent Zölle im Raum. Allen war klar, dass das viel zu hoch war. Trump sagte später in Davos sinngemäss: «I hit them very hard, then all hell broke loose.» Das habe ich als positives Signal verstanden. Er hat gemerkt, wie gross der Widerstand war und dass die Schweiz das nicht einfach hinnimmt.Sie sagen also: Wenn die Schweiz Ende Juli bei maximal 15 Prozent landet, wäre das für beide Seiten die beste Lösung.Genau. Dann haben wir Ruhe, die Amerikaner haben Ruhe – und sie können sich um die wirklich grossen Themen kümmern: China, Iran, Russland oder die Zusammenarbeit mit der EU. Die Schweiz ist nicht das Problem der USA.Von der Privatwirtschaft zur DiplomatieRahul SahgalRahul Sahgal, geboren 1977, führt die Schweizerisch-Amerikanische Handelskammer seit zwei Jahren als CEO. Nach einem Studium der Betriebswirtschaft und der Rechtswissenschaften an der Universität St. Gallen arbeitete er zunächst in der Privatwirtschaft, bevor er 2013 in den diplomatischen Dienst wechselte. Von 2017 bis 2021 war er für die Schweizer Botschaft in Washington tätig, danach im Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) in Bern.Passend zum Artikel
Kein Deal im Zollstreit mit den USA: «Die Schweiz hat das Maximum herausgeholt»
Die Schweiz kann den USA im Zollstreit keine Zusicherung abringen. Rahul Sahgal, Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, bleibt gelassen. Es sei ein guter Zeitpunkt, um Donald Trump zu vertrauen – zumindest ein bisschen.







