Trump kündigt voraussichtlich diese Woche neue Zölle an. Wieso die Schweiz nach wie vor auf seine Gunst hoffen mussDie Schweiz kam vielen Versprechen nach, die sie im Zuge des Handelsstreits mit den USA abgegeben hatte. Einige aber fehlen noch. Eine Momentaufnahme der schweizerisch-amerikanischen Handelsbeziehungen.Ralph Goldinger22.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBundespräsident Guy Parmelin mit US-Präsident Donald Trump am WEF in Davos.Laurent Gillieron / KeystoneIm Zollstreit zwischen der Schweiz und den USA ist die Absichtserklärung aus dem November 2025 so etwas wie der heilige Gral. Auf ihr lasten die Hoffnungen des Bundesrats. Und an ihr kann Trump die Schweiz festmachen, wenn er mit neuen Zöllen drohen möchte – gerade mit Blick auf das Ende dieser Woche, wenn Trumps neues Zollregime anläuft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit dem sogenannten Joint Statement haben die beiden Staaten vorgesehen, den amerikanischen Zollsatz bei 15 Prozent zu deckeln. Diese Absichtserklärung soll dereinst in ein rechtlich bindendes Abkommen übergeführt werden.Sie enthält Forderungen an die Schweiz in fünf Bereichen: Investitionen, Zölle, nichttarifäre Handelshemmnisse, Digitales und wirtschaftliche Sicherheit. Letztgenanntes kann als Standardelement interpretiert werden, das die Amerikaner zur Absicherung gegenüber China in die Erklärung aufgenommen haben.Der Fokus der Amerikaner ist nun besonders auf die nichttarifären Handelshemmnisse gerichtet. Dort liegt die Schweiz bei der Umsetzung noch zurück. Das gibt Trump Spielraum, um dem Land mit weiteren Zöllen zu drohen.Die Schweiz bietet nach wie vor AngriffsflächeAm 24. Juli geht das Übergangsregime der pauschalen amerikanischen Zölle von 10 Prozent zu Ende, doch dürfte Trump sofort für Ersatz sorgen. Das neue Regime soll sich auf Untersuchungen gegen unfaire Handelspraktiken abstützen, die das amerikanische Handelsministerium aus der Section 301 des Handelsgesetzes von 1974 ableitet. Anfang Juni verkündeten die Amerikaner, dass sie der Schweiz einen Zollsatz von 12,5 Prozent auferlegten, weil sie zu wenig gegen den Import von Gütern aus Zwangsarbeit vorgehe. Alle wichtigen Handelspartner der USA dürften von den neuen Zöllen betroffen sein.Somit hat Trump vorerst eine relativ stabile rechtliche Grundlage, um weiterhin Zölle gegen die Schweiz zu legitimieren. Doch der amerikanische Präsident baut im Hintergrund mit einer zweiten Untersuchung eine Drohkulisse auf: Gestützt auf den Vorwurf der strukturellen Überkapazitäten könnte er zusätzliche Zölle verhängen.Es ist gut möglich, dass Trump die Schlüsse aus diesen Untersuchungen vorerst zurückhält – und mit ihnen weitere Zölle. So könnte er in Zukunft flexibel mit neuen Zollsätzen drohen, wenn die Schweiz ihre Versprechen nicht umsetzt. Hier kommt wieder die Absichtserklärung ins Spiel.Helvetia, (fast) eine MusterschülerinDas Joint Statement ist aus Sicht der Amerikaner geschickt formuliert. Es ist gespickt mit vagen Forderungen, die Trump immer wieder neu deuten und so weitere Vorwürfe und Zölle gegenüber der Schweiz erheben könnte.Es gibt jedoch Bereiche, die den Amerikanern besonders wichtig sind. Bei einigen von diesen hat sich die Schweiz sehr kooperativ gezeigt. So lobte der Handelsminister Jamieson Greer die Schweiz vergangene Woche: «Sie machen vieles richtig.»Die Amerikaner begrüssen insbesondere, dass sie bei den Schweizern ihr übergeordnetes Ziel des Zollstreits zu erreichen scheinen: Trump will, dass Amerika mehr ins Ausland exportiert, als das Land importiert.Am 7. Juli äusserte sich das Handelsministerium dazu auf der Plattform X. Bei keinem anderen Land konnten die Amerikaner ihre Exportbilanz derart aufpolieren wie bei der Schweiz. Amerikanische Firmen exportieren mittlerweile mehr in die Schweiz als umgekehrt. Das liegt jedoch vor allem am Goldhandel, der nicht vom Bund gesteuert werden kann, sondern von der erwarteten Preisdifferenz zwischen den Goldmärkten in London und New York geprägt wird.From Beijing to London, President Trump’s trade agenda is rebalancing trade with our partners across the globe, shrinking our trade deficit while increasing market access for American farmers, ranchers, workers, and businesses. pic.twitter.com/dLmvnid8Ih— United States Trade Representative (@USTradeRep) July 7, 2026 Auch mit Blick auf das erste Kapitel der Absichtserklärung, bezüglich der Investitionen in den USA, kann die Schweiz Fortschritte vorweisen. Der Bundesrat hat den Amerikanern versprochen, dass Schweizer Firmen in den nächsten fünf Jahren 200 Milliarden Dollar investieren werden, verteilt über alle 50 Gliedstaaten.Wie die «NZZ am Sonntag» berichtet hat, ist die Schweiz diesbezüglich auf gutem Weg. Zwischen Januar und April haben Schweizer Firmen 27 Milliarden Dollar in den USA investiert.Zum zweiten Teil der Vereinbarung: Die Schweiz hat sich dazu verpflichtet, die Zölle auf alle amerikanischen Industriegüter, Meeresfrüchte und bestimmte Agrargüter abzuschaffen und Zollkontingente für einzelne Landwirtschaftsprodukte zu erhöhen.Auch hier ist sie auf Kurs. Die Schweiz senkte die Zölle auf amerikanische Meeresfrüchte und Fisch sowie sogenannte nicht sensitive Agrarprodukte. Letztere sind Lebensmittel wie Nüsse oder Früchte, die nicht in der Schweiz wachsen. Zudem gewährte der Bundesrat den Amerikanern zollfreie Kontingente für den Import von Fleisch. Er erlaubt, dass jährlich 500 Tonnen Rindfleisch, 1000 Tonnen Bisonfleisch und 1500 Tonnen Geflügelfleisch importiert werden.Die Industriezölle hatte die Schweiz bereits am 1. Januar 2024 unilateral abgeschafft. Bereits vor Trumps Zollhammer konnten über 99 Prozent aller Waren aus den USA zollfrei in die Schweiz exportiert werden.Ford Mustang und HerzschrittmacherDoch die Schweiz ist nicht in allen Bereichen eine Musterschülerin. Das dritte Kapitel der Absichtserklärung sieht den Wegfall nichttarifärer Handelshemmnisse vor: Damit wollen die Amerikaner sicherstellen, dass amerikanische Güter mit möglichst geringen regulatorischen Hürden in der Schweiz abgesetzt werden können.In der neuesten Stellungnahme des Bundesrats verspricht die Regierung hierzu unter anderem Anpassungen auf Verordnungsebene bis Ende 2027. Zwei Bereiche dürften für die Amerikaner besonders wichtig sein.Einerseits fordert das Handelsministerium, dass amerikanische Medtech-Produkte einfacher in der Schweiz zugelassen werden. Das Bundesamt für Gesundheit arbeitet bereits seit Mai 2025 an der Verordnungsänderung. Abklärungen zur Zulassung amerikanischer Produkte laufen seit dreieinhalb Jahren. Jüngst kritisierten Branchenvertreter, dass die Schweiz bei den Zulassungen nicht schneller voranschreite.Zweitens möchte der Bundesrat amerikanischen Autoproduzenten den Import von Personenfahrzeugen erleichtern, was auf innenpolitischen Widerstand stösst. Auto-Schweiz, die Vereinigung der Automobilimporteure, ist kritisch: «Um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden, sollten keine unterschiedlichen Sicherheits- und Umweltstandards gelten», sagt Mario Bonato, Chefökonom der Vereinigung.Auto-Schweiz begrüsse zwar den Deregulierungsansatz, bevorzuge jedoch nicht länderspezifische Lösungen. Auto-Schweiz fordert, dass die Automobilsteuer von 4 Prozent abgeschafft wird. Die Abschaffung des «faktischen Zolls» wäre von Vorteil für Schweizer Konsumenten und die «krisengeschüttelte Automobilwirtschaft» als Ganzes, so Bonato.Was bedeutet schon rechtlich verbindlich?Im Bereich des Digitalen, dem vierten Kapitel der Erklärung, sieht es für die Schweiz derweil gut aus. Insbesondere hat sie den Amerikanern versprochen, keine Digitalsteuer einzuführen. Davon profitieren amerikanische Tech-Unternehmen. Politisch ist eine solche Steuer hierzulande derzeit kein Thema, während sie beispielsweise in Frankreich bereits eingeführt wurde.Doch eben hier zeigt sich, wie fragil selbst ein rechtlich verbindliches Abkommen mit der Trump-Regierung sein könnte. Am 26. Juni mahnte der Präsident: Jedes Land, das eine solche Steuer erhebe, werde unverzüglich mit einem Zollsatz von 100 Prozent auf sämtliche Importe belegt. «Dieser Zollsatz hat Vorrang vor allen mit dem betreffenden Land geschlossenen Handelsabkommen – unabhängig davon, ob diese bereits in Kraft sind, lediglich unterzeichnet wurden oder noch nicht umgesetzt sind.»Passend zum Artikel
Handelsstreit Schweiz - USA: warum Trump neue Zölle verhängen könnte
Die Schweiz kam vielen Versprechen nach, die sie im Zuge des Handelsstreits mit den USA abgegeben hatte. Einige aber fehlen noch. Eine Momentaufnahme der schweizerisch-amerikanischen Handelsbeziehungen.






