KommentarDie Schweiz braucht dringend ein Handelsabkommen mit den USA. Denn sie ist für Trump ein leichtes OpferNeue Zolldrohungen aus Washington zeigen, wie entscheidend ein Abkommen für die Schweiz ist. Die Bundespolitik muss sich bewegen.04.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAm Ende wird Bundespräsident und Wirtschaftsminister Guy Parmelin den Amerikanern ein Zollabkommen schmackhaft machen müssen.Anthony Anex / KeystoneAus Washington kommen wieder Angriffe im Zollstreit. Eine erste neue Zolldrohung hat der amerikanische Handelsbeauftragte in der Nacht auf Mittwoch ausgestossen. Die Schweiz und viele andere Länder unternähmen zu wenig gegen den Import von Waren, die unter Einsatz von Zwangsarbeit hergestellt würden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vorwurf der ÜberkapazitätenEine zweite und gefährlichere Zolldrohung dürfte allerdings erst noch folgen. Im Rahmen der sogenannten «Section 301»-Untersuchungen prüft der amerikanische Handelsbeauftragte auch, ob die Schweiz Überkapazitäten in der Industrie unterhalte und damit den bilateralen Handel verzerre. Diese Untersuchung zielt auf den Kern dessen, was den US-Präsidenten Donald Trump an der Schweiz so stört: den grossen Handelsbilanzüberschuss.In den Augen der Trump-Administration gibt es einen direkten Zusammenhang. Die Schweiz habe etwa mit einer Schwächung des Frankens dafür gesorgt, dass die eigene Industrie gross und international konkurrenzfähig bleibe, und so zum hohen Handelsbilanzüberschuss gegenüber den USA beigetragen.Zwar sind diese Vorwürfe an den Haaren herbeigezogen – sowohl im Fall der Überkapazitäten wie auch im Fall der Zwangsarbeit. Ökonomisch lassen sie sich gut entkräften. Der Schweizer Handelsbilanzüberschuss beruht nicht auf künstlicher Förderung der Industrie, sondern vor allem darauf, dass Schweizer Firmen Medikamente, Uhren oder Maschinen herstellen, welche die Amerikaner kaufen wollen.Zurück zu geordneten VerhältnissenDoch rationale Argumente helfen nichts. Die US-Regierung sucht nach immer neuen Vorwänden, um den Handelspartnern Zölle anzudrohen – und um ihnen in Verhandlungen Konzessionen abzupressen. Trump gleicht einem Teppichhändler, der einen hohen Preis nennt, um am Ende mehr für sich herauszuschlagen.Die Schweizer Öffentlichkeit dachte eigentlich, mit der gemeinsamen Absichtserklärung zwischen den beiden Ländern vom November 2025 sei das Schlimmste überstanden. Doch das hat sich als trügerisch erwiesen. Die neuen Zolldrohungen zeigen, dass die Schweiz dringend ein rechtsverbindliches Handelsabkommen mit den USA braucht.Zwar weiss man bei Trump nie, ob er sich dann auch daran halten würde. Aber ein Abkommen ist die beste Chance für die Schweiz, zu einigermassen geordneten Verhältnissen im bilateralen Handel zurückzukehren. Auch wenn es wohl für lange Zeit nicht mehr so tiefe Zollsätze geben wird wie die knapp 1,5 Prozent, die Schweizer Firmen in der Vor-Trump-Zeit handelsgewichtet für Lieferungen in die USA zahlten.Reale Gefahr eines neuen ZollhammersDie Schweizer Politik darf sich deshalb von den neuen Drohungen aus Washington nicht einschüchtern lassen. Stattdessen sollte sie die Verhandlungen mit den Amerikanern entschlossener denn je vorantreiben. Es braucht auch klare Signale, dass die Bundespolitik ernsthaft dazu bereit ist, nötige Gesetzesänderungen anzupacken.Bundesrat und Parlament könnten zum Beispiel damit beginnen, den Marktzugang für amerikanische Autos zu erleichtern. Für die Schweiz wäre es weitgehend ein symbolischer Schritt, denn die Schweizer Konsumenten würden amerikanische Autos derzeit ohnehin nicht in Scharen kaufen. Für die amerikanischen Verhandler hingegen ist es wichtig, dass Bern glaubhafte Konzessionen macht, die sie als Erfolg verkaufen können.Es braucht ein neues Gefühl der Dringlichkeit dafür, was auf dem Spiel steht. Man darf sich nichts vormachen: Die Schweiz bleibt für Trump ein leichtes Opfer. Wenn er sich mit China oder der EU anlegt, muss er mit Gegenmassnahmen rechnen, die auch amerikanische Firmen schmerzen, weil China und Europa grosse Absatzmärkte sind.Die Schweiz hingegen ist klein und relativ unbedeutend. Sie droht im Sommer, wenn die Verhandlungen auf ihre Endphase zusteuern, wieder da zu stehen, wo sie am vergangenen 1. August schon stand: gedemütigt und getroffen vom Zollhammer des US-Präsidenten Trump. Dieses Trauma sollte sich nicht wiederholen.Passend zum Artikel
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