Der frühere Yakin-Assistent Giorgio Contini sagt, wie Murat Yakin funktioniert: «Er wird nicht nervös»Der 52-jährige Contini hebt die Ruhe des Nationaltrainers hervor. Er erklärt, welcher Spieler im Vergleich zur EM 2024 aus dem Schatten getreten ist und wer auf den Rücktritt Granit Xhakas warten muss.10.07.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten2024 war Giorgio Contini ein Jahr lang an der Seite von Murat Yakin, hier bei einem Training in Stuttgart.Peter Klaunzer / KeystoneGiorgio Contini, Sie waren an der EM-Endrunde 2024 in Deutschland Trainerassistent und sind ein erklärter Yakin-Supporter. Hat der Nationalcoach während der WM etwas gemacht, das Sie nicht haben nachvollziehen können?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn auf der rechten Abwehrseite Denis Zakaria oder Luca Jaquet zum Einsatz kommen, fragen sich viele: Was soll jetzt das schon wieder? Das ist die grösste Veränderung, zumal ja eigentlich Silvan Widmer bereitsteht. Als Trainerassistent an der Euro 2024 in Deutschland sah ich: In einem Turnier kann man durchaus auf solche Ideen kommen, je nach Gegner.Was hat Yakin mit Zakaria im Sinn?An der WM ist man auf Persönlichkeiten angewiesen. Zakaria ist in Monaco ein Leader, hat aber den Platz im Nationalteam nie richtig gefunden. Das war schon 2024 so. In der Spielmitte sind Remo Freuler und Granit Xhaka gesetzt. Das wäre das Zakaria-Terrain. Jetzt gibt Zakaria in der Abwehrreihe Stabilität. Er eroberte gegen Kolumbien Bälle und wurde immer mutiger. Auf einer Position, die er nicht kennt.Die Nominierung von Ardon Jashari gegen Kolumbien überraschte.Ich tippte auf Djibril Sow, der von der Charakteristik her die Achter-Position spielt, von Strafraum zu Strafraum. Jashari ist auf der zentralen Sechser-Position zu Hause. Er war auf der Seite etwas verloren.Muss Jashari schlichtweg warten, bis Xhaka zurücktritt? Die Liaison zwischen dem Nationalteam und Jashari zeugt bis jetzt nicht von Liebe.Ja, das ist leider so und hat nichts mit den Qualitäten Jasharis zu tun. Er ist eigentlich der Klon von Xhaka. Und Xhaka kann man nicht entbehren, es sei denn, er würde gesperrt oder er würde sich verletzen.Vor zwei Jahren waren Sie an der Seitenlinie. Haben Sie heute vor dem Bildschirm oft Gedanken zum Coaching, als würden Sie immer noch auf der Bank sitzen?Ich kann immer noch gut nachvollziehen, was sie sich für einen Plan zurechtgelegt haben. Je nach Matchentwicklung wird das oder etwas anderes verändert. Es schien mir klar: Wenn das mit Jashari nicht greift, sehen wir nach der Halbzeit Sow. Das war von Beginn weg im Kopf des Trainers. Die Wechsel gegen Kolumbien waren auf die Physis zurückzuführen. Die Einwechslung Cedric Ittens mochte überraschen, aber er hat Verdrängung und ist ein guter Penaltyschütze.Wie funktioniert Murat Yakin an einem solchen Turnier?Er befindet sich im Wettkampf-Tunnel. Da kann er extrem fokussiert sein, wochenlang. Immer begleitet von der Frage: Was können wir verbessern, verändern? Auch in Details. Yakin ist ein Stratege, lässt den Trainerstaff mitarbeiten und hält Nebenschauplätze von sich fern. Da entsteht immer wieder Dampf, der abgelassen werden muss. In solchen Fällen sind auch Trainerassistenten gefragt. Eine Qualität von Yakin ist: Er wird nicht nervös und tigert nicht herum. Er hat eine gewisse Gelassenheit und lässt sich kaum ablenken. Das tut nicht nur dem Team, sondern auch dem Staff gut.Fällt er mehr einsame Entscheide – oder eher im Verbund mit dem Trainerteam?Es kann Momente geben, in denen er aus dem Bauch heraus eine Idee wälzt. Aber er würde nichts entscheiden, ohne kurz ein Feedback einzuholen. Ich glaube nicht, dass er etwas tun würde ohne anderweitigen Support.Das WM-Team 2026 ist mit demjenigen der Euro 2024 vergleichbar, das den EM-Viertelfinal erreicht hat. Abgesehen von Yann Sommer und Fabian Schär: Gibt’s Unterschiede?Alle sind reifer geworden. Das Team hat als Ganzes mehr Vertrauen und mehr Leadership. Breel Embolo ist in einer anderen Situation und hat Vertrauen in seinen Körper. Das sieht man. Da sind noch ein paar Prozente mehr als früher. 2024 kam er direkt nach einer Kreuzbandverletzung an die Euro. Früher schulterten Xhaka und auch Manuel Akanji mehr, heute haben zum Beispiel Ruben Vargas und Dan Ndoye eine andere Körperhaltung.Im Oktober 2025 wird Contini als YB-Trainer freigestellt. Für ihn spricht später, dass YB mit seinem Nachfolger Gerardo Seoane schlechter wird.Peter Klaunzer / KeystoneWer machte den grössten Sprung im Vergleich zu 2024?Nico Elvedi hat nach dem Abgang von Schär einen Schub gemacht, das war schon in der letzten Saison in Mönchengladbach zu sehen. Er wird dreissig und erhält mehr Anerkennung, nachdem er lange im Schatten von anderen gestanden ist.Wie beurteilen Sie den Captain Granit Xhaka?Es steht und fällt schon viel mit ihm. Er bringt Stabilität. Der erste Match gegen Katar war sinnbildlich, da gelang auch ihm nicht so viel. Er war unzufrieden.Xhaka war gegen Kolumbien fast ohne Fehler, aber dann folgten die Schlussphase, sein kapitaler Fehler und der kolumbianische Matchball. Was dachten Sie da?Das war heftig. Das WM-Niveau verzeiht auf einer solchen Stufe eigentlich nichts. Die Schweiz und Xhaka beanspruchten auch Glück. Auch Xhaka kann nicht immer auf hundert Prozent sein. Aber das Beispiel zeigt, dass der Match auch anders hätte enden können.Vor zwei Jahren wart ihr einen oder zwei Elfmeter vom EM-Halbfinal entfernt. Aber England gewann. Jetzt im WM-Achtelfinal wieder Penaltyschiessen. Wie sehr ist es einem dort auf dem Rasen in dem Moment bewusst, wie schnell Glück auf die eine oder andere Seite kippen kann?Zum professionellen Verhalten gehört die schnelle Einordnung. Wir hatten 2024 mehr Pech gehabt, jetzt hatten sie mehr Glück. Das ist Penaltyschiessen. Viel mehr zu analysieren gibt’s nicht. Da muss man sich nichts vormachen. Das ist auch wichtig in der Vorbereitung auf den Argentinien-Match.Gegen Argentinien ist wieder physische Widerstandskraft gefragt.Die Argentinier brillierten gegen Ägypten ebenfalls nicht, aber sie hatten viel Ballbesitz. Das wird auch gegen die Schweiz ähnlich sein. Welche Strategie? Sie spielen lassen und es mit Nadelstichen versuchen? Oder auf sich schauen und sogar versuchen, Argentinien das eigene Spiel aufzuzwingen?Was ist gegen den Fussball-Oldie Lionel Messi zu tun?Gegen Ägypten war gut zu sehen, wie er sich verhält. Am Ende waren so viele argentinische Offensivspieler zugegen, dass es in der Mitte keinen Platz mehr hatte. Messi war auf dem rechten Flügel und wurde noch gefährlicher, weil er schier vergessenging. Von dort zog er in die Mitte. Oder er flankte. Und plötzlich stand er vor dem Torschuss wieder in der Mitte. Der Gegner muss Messi im Verbund begegnen.Die Schweiz ist weit vorgestossen. Hatten Sie im Verlauf der ersten fünf Spiele nie Skepsis, dass das schiefgehen könnte?Nein. Schon die WM-Qualifikation war souverän. Am Anfang war eine gewisse Nervosität zu sehen. Aber man hatte den Achtelfinal schon vor dem Turnier fast hundert Prozent auf sicher. An der Euro 2024 war das anders: Wir wussten, dass wir am Anfang Ungarn besiegen mussten. Solche Zweifel hatten sie jetzt nicht. Und die Schweiz ist auch nicht auf der Tableauhälfte mit den ganz grossen Brocken. Es hätte schwierigere Gegner als Kolumbien gegeben. Es braucht immer von allem etwas. Dazu gehört auch Wettkampf- und Losglück.Passend zum Artikel
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