Auch nach 250 Jahren in transatlantischer Hassliebe verbundenDie amerikanische Unabhängigkeitserklärung bedeutete nicht nur eine politische Abnabelung von Grossbritannien, sondern auch eine kulturelle Abgrenzung. Das Vereinigte Königreich galt als verknöcherter Obrigkeitsstaat, dem man eine junge Nation gegenüberstellte. Aber die Wirklichkeit ist komplexer.07.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie antimonarchische Haltung ist bis heute tief verwurzelt in der amerikanischen Kultur: «Keine Könige» steht auf der Flagge der USA, die Demonstranten am 11. Januar bei einem Anti-Trump-Protest durch New York tragen.Carlos Chiossone / ImagoIn Washington hat König Charles bei seiner vielbeachteten Rede im April ein Bonmot zitiert: «Wir haben heutzutage wirklich alles mit Amerika gemeinsam – ausser, natürlich, die Sprache!» Man kann es auch umgekehrt sehen: Abgesehen von der Sprache unterscheiden sich die beiden Nationen in fast allem.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gemeinhin wird die Unterschiedlichkeit historisch so erklärt: Die frühen Auswanderer verliessen das Vereinigte Königreich, weil sie in der Heimat kein Auskommen mehr fanden und von einem freien Leben auf dem neuen Kontinent träumten, fern von der verstaubten Monarchie und dem rigiden Klassensystem. Der Alltag in der Kolonie war geprägt durch den harten Überlebenskampf der Siedler. Entsprechend bildete sich eine individualistische, raue Mentalität heraus. Man konnte sich nicht auf die Regierung oder die staatlichen Institutionen verlassen, sondern nur auf sich selbst.Die Verheissungen der GeschichtslosigkeitEs war ein junges, offenes Land, das jedem, der tüchtig genug war, Erfolg versprach. Herkunft, Klassenzugehörigkeit oder Konfession spielten keine Rolle. Es ging um einen radikalen, hoffnungsvollen Neuanfang, und die Unabhängigkeitserklärung von 1776 bedeutete nicht nur eine politische Trennung, sondern auch eine kulturelle Emanzipation. Was fortan zählte, war nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft. Schluss mit den gepuderten Perücken und den alten Zöpfen, hinaus in die Prärie! Go west, young man! An die Stelle der überkommenen Traditionen trat die autonome und mutige Gestaltung einer dynamischen, modernen Welt. Bis heute verbinden wir mit den Stichworten des amerikanischen Traums oder des American Way of Life diesen Ruf der Freiheit, dieses «born to be wild».Die Abwertung des jeweils anderen Landes als Folge dieser Trennung ist bis heute spürbar. Die Briten, und die Europäer generell, werfen den USA – abgesehen von der Bewunderung – gerne Oberflächlichkeit, Materialismus, Hyperkapitalismus oder Kulturlosigkeit vor. Coca-Cola statt Bordeaux, Hamburger statt Entrecôte, Walt Disney statt Sixtinische Kapelle, Taylor Swift statt Schönberg, Plastik statt Marmor. Umgekehrt mokieren sich Amerikaner gerne über den konservativen Snobismus der Europäer: Sie hätten sich in einem Museum eingerichtet, wo sie nicht merkten, wie sich die Welt ohne sie weiterdrehe, heisst es.Ein extremes Beispiel für diese Verachtung ist der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance. Unaufhörlich wiederholt er in Reden und Interviews, Grossbritannien und Europa überhaupt unterdrückten die Redefreiheit, seien dekadent, woke, realitätsfremd-pazifistisch, ökonomisch todgeweiht, demografisch bedroht durch tiefe Geburtsraten sowie unkontrollierte Immigration und kulturell desorientiert durch die Abkehr vom Christentum und schleichende Islamisierung. Gelegentlich geht er so weit zu behaupten, Europa begehe einen zivilisatorischen Suizid.«Keine Könige!»Vance ist kein Einzelfall. Ähnlich äussern sich auch Steve Witkoff, der Sondergesandte für den Nahen Osten und Russland, oder Elon Musk. Aber das Verhältnis ist nicht so eindeutig, auf beiden Seiten herrscht Ambivalenz.Vance zum Beispiel verbrachte letztes Jahr die Familienferien ausgerechnet in den malerischen Cotswolds. Englischer geht es nicht. Und Trump ist ein grosser Bewunderer des britischen Königshauses. Seinen Empfang bei Charles III. bezeichnete er als eine der grössten Ehren seines Lebens. Immer wieder liebäugelt er selbst mit monarchischen Symbolen und liess im Februar 2025 ein KI-Bild von sich mit Krone und dem Slogan «Lang lebe der König!» zirkulieren.Folgerichtig liefen die Demonstrationen gegen ihn, an denen Millionen teilnahmen, unter dem Slogan «No Kings». Hier geht es um uramerikanische Themen. Denker wie Curtis Yarvin oder Peter Thiel, die grossen Einfluss auf Vance und seine Entourage ausüben, argumentieren hingegen offen gegen die Demokratie und für eine autoritäre Führung.Auch die «special relationship» hat sich relativiertAber Grossbritannien selbst ist auch nicht mehr, was es einmal war oder was sich Amerikaner darunter vorstellen. Das Königshaus leidet unter Bedeutungsverlust und schwindender Unterstützung. Im Oberhaus, Inbegriff des überkommenen Einflusses der Aristokratie, wurden die erblichen Sitze kürzlich endgültig abgeschafft.Antiamerikanismus und Bewunderung existieren im Vereinigten Königreich nebeneinander oder wechseln sich ab. So wird politisch immer wieder die «special relationship» zwischen den beiden Ländern beschworen, obwohl sie den Briten vermutlich wichtiger ist als den Amerikanern.Gerade vor zwei Monaten konstatierte ein vielbeachteter Bericht des britischen Oberhauses, dass Grossbritannien die sentimentale Vorstellung der «Sonderbeziehung» ablegen und die USA nüchterner als pragmatischen, gelegentlich unberechenbaren Partner betrachten müsse.Unter Trump und seinem Druck auf London, mit ihm in den Krieg gegen Iran zu ziehen, brauchte es denn auch nicht viel, bis für die Briten der vermeintliche Freund wieder zum Feind wurde. Trump stichelte zurück mit der Bemerkung, Premierminister Starmer sei kein Churchill, was abermals für Empörung in den Medien sorgte.Manchmal erinnern die beiden Länder an geschiedene Ehepartner, die weiterhin emotional aneinander gebunden sind und sich irgendwie arrangieren müssen, aber immer wieder von den Verletzungen, die sie sich vor langer Zeit zufügten, eingeholt werden.Der Tellerwäscher wird selten MillionärWie dialektisch oder komplex das transatlantische Verhältnis ist, lässt sich am Beispiel der Musik zeigen. Schon vor sechzig Jahren liessen sich die Beatles vom amerikanischen Rock’n’Roll und die Rolling Stones vom Blues inspirieren. Sie exportierten ihre Mischung dann wieder in die USA, wo sie die weitere Entwicklung der Musik, zusammen mit anderen britischen Stars, tief prägten. Man kann das als gegenseitige Befruchtung betrachten, oder, wie es heute im Zusammenhang mit der Diskussion um kulturelle Aneignung häufiger geschieht, als Diebstahl.Dabei ist nicht nur das Bild des anderen rissig, sondern auch das Selbstbild, gerade auch, weil es in Abgrenzung vom «Ex» gezeichnet wird. So reden sich die USA gerne ein, bei ihnen gebe es keine rigiden Klassen wie in Grossbritannien, wo sie manche Kritiker wegen ihrer angeblichen Undurchlässigkeit sogar als Kasten bezeichnen. Die Redensart «Vom Tellerwäscher zum Millionär» verweist auf die amerikanische Vorstellung von den unbegrenzten Karrieremöglichkeiten für den Tüchtigen.Was lange tatsächlich galt, ist jedoch zunehmend zum Mythos geworden. Zwar hört und sieht man einem Amerikaner tatsächlich weniger an, zu welcher Schicht er gehört als einem Briten. Aber im weltweiten Vergleich ist die soziale Mobilität sowohl in Grossbritannien wie auch in den USA relativ niedrig, und in Amerika ist es inzwischen sogar noch schwieriger, aufzusteigen, als in Grossbritannien. Laut dem Global-Social-Mobility-Index liegt Grossbritannien auf Platz 21, die USA auf Platz 27. Das hat vor allem auch mit dem Bildungssystem zu tun. Zwar gelten die britischen Spitzenuniversitäten Cambridge und Oxford als Inbegriff von exklusiven, altehrwürdigen Institutionen, die der alteingesessenen Elite vorbehalten sind. Das stimmt so aber nicht ganz. Für einen «Aufsteiger» ist es schwieriger, weil teurer, in eine amerikanische Ivy-League-Universität zu gelangen als nach Cambridge.Manchmal stimmen die KlischeesDie USA sehen sich auch gerne als Land der Freien und der Toleranz im Gegensatz zum alten Kontinent der Monarchen und Despoten sowie der religiösen Intoleranz, dem sie vor 250 Jahren den Rücken kehrten. Angeblich gilt zwischen New York und San Francisco «leben und leben lassen».Der Umgang mit den Ureinwohnern und die Sklaverei werden dabei bis heute zugunsten dieser Selbstidealisierung gerne ausgeklammert. Und was die Idee vom Einwanderungsland als Schmelztiegel angeht, so ist die Segregation in Städten wie Chicago immer noch enorm und London punkto Durchmischung bedeutend kosmopolitischer.Zwar strahlen Amerikaner oft Optimismus und Fortschrittsgläubigkeit aus; das heisst aber nicht, dass sie deshalb, was sie selber oft glauben, durchgehend liberaler und gelassener sind als die «steifen, rückwärtsgewandten Briten». In Bezug auf Religion, Geschlechterbilder, Waffen, Patriotismus, Law and Order oder Alkohol sind Amerikaner, vor allem ausserhalb der grossen Städte, oft unglaublich konservativ.Wie im Yin-Yang-Zeichen ist in beiden Ländern auch das jeweils Andere enthalten, selbst wenn man es nicht wahrhaben will. Allerdings muss man trotz allem festhalten, dass die USA wirtschaftlich und technologisch dynamischer und innovativer sind, was nicht nur an ihrer Grösse liegt, während Grossbritannien ökonomisch seit langem stagniert und sich politisch im Kreis bewegt. Manchmal stimmen die Klischees halt doch.Passend zum Artikel