Die wahre Festansprache zum Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit ist längst gehalten worden. Es ist nicht ohne Ironie, dass es der britische Monarch König Charles war, der sie hielt: ein Nachfahre von Georg III., von dem sich am 4. Juli 1776 dreizehn Kolonien lossagten und die Vereinigten Staaten von Amerika begründeten.Ende April wandte sich Charles an beide Kammern des Kongresses in Washington und verneigte sich vor den amerikanischen Gründervätern: Sie seien kühne und phantasievolle „rebels with a cause“ gewesen, sagte der König – Rebellen aus gutem Grund. Vor 250 Jahren – Charles fügte augenzwinkernd hinzu: „Wie wir im Vereinigten Königreich sagen: erst neulich“ – hätten sie aus ungleichen Kolonien eine Nation geschmiedet, mit der revolutionären Idee von „Leben, Freiheit und dem Streben nach Glückseligkeit“.Kann man feiern, als wäre nichts?Womit wir beim Problem wären: Kann man Amerika im Jahr 2026 einfach so feiern? So, als wäre nichts? Kein Donald Trump? Kein Versuch, die Republik autoritär umzukrempeln? Keine schamlose Korruption des Trump-Clans? Kein Präsident, der seine politischen Gegner verfolgt und das Volk täglich anlügt, ohne rot zu werden?

Der Schauspieler und Filmemacher Robert De Niro sagte dieser Tage, der Satz „Wir lieben unser Land“ bleibe ihm im Halse stecken, weil das Land gegenwärtig nicht so liebenswert sei. „Ich sage es ungern, aber unser Land zu lieben, beginnt so zu klingen wie die Worte einer missbrauchten Ehepartnerin, die sagt, sie liebe ihren schlagenden Mann.“ De Niro ist kein linker Panikmacher. Er ist ein amerikanischer Patriot, der mit dem Film „Der gute Hirte“ der CIA ein kritisches Denkmal gesetzt hat.Der Talkmaster Bill Maher, der in seiner Show Trump und die MAGA-Welt ebenso aufs Korn nimmt wie linke Denkfaulheit und woke Auswüchse, hielt dem entgegen, dass es doch möglich sein müsse, Amerika zu feiern und Trump da herauszuhalten. Man könne patriotisch sein, unabhängig davon, wer gerade im Oval Office sitze. Trump sei nur der vorübergehende Hauswart. „Es geht um Amerika – und er ist nicht Amerika.“ Was Maher und De Niro da auf unterschiedliche Weise auf den Punkt brachten, drückt die innere Zerrissenheit aus, die viele Amerikaner derzeit spüren.Es war einst so leicht. Ein alter Schulfreund lud vor einigen Jahren zum 4. Juli an die „Finger Lakes“ in Upstate New York, dem nördlichen Teil des Bundesstaates, ein. Ein Onkel hat dort ein Landhaus. Familie und Freunde kamen zusammen. Man ging schwimmen, fuhr Wasserski, grillte und trank Bier, beziehungsweise das, was Amerikaner als Bier bezeichnen.Ein Mann, der als Roughrider kostümiert ist, wartet am 1. Juli 2026 auf die Ankunft Donald Trumps in Medora. Die Roughrider waren im Amerikanisch-Spanischen Krieg ein Freiwilligen-Kavallerieregiment.AP Photo/Matt RourkeDie Gegend ist anders als New York City. Der Bundesstaat hat hier durchaus konservative Landstriche. Und natürlich wurde auch damals am Nationalfeiertag politisiert. Der Onkel gehörte zur Generation derer, die im Vietnamkrieg gewesen waren oder, wie er sagte, gegen die „gelben Roten“ gekämpft hatten. Und wenn er über Europa sprach, tat er dies mit dem Selbstbewusstsein eines Volkes, das für sich in Anspruch nimmt, den alten Kontinent von den Faschisten befreit zu haben.Viele Amerikaner wachsen in dem Bewusstsein auf, im großartigsten Land der Welt zu leben. Die jüngere Generation fand aber mit der Zeit Wege, diese Geisteshaltung anderen gegenüber ohne Herablassung auszudrücken. Also ließ man den Onkel reden und biss sich auf die Lippen. Irgendwann sprach die Tante die erlösenden Worte: „Ich glaube, wir sollten nun essen.“ Nach Sonnenuntergang erhellte ein Feuerwerk den Himmel über dem Canandaigua-See.Vielfach sind solche Zusammenkünfte heute nicht mehr möglich. Trump hat Freundschaften zerstört und Familien entzweit.Der Patriotismus der Amerikaner hatte früher etwas UnbefangenesDie Freundschaft mit dem Klassenkameraden reicht in die Achtzigerjahre zurück – zu einem Austauschjahr an einer High School in Rochester am Ontariosee, unweit der Niagarafälle. Damals saß Ronald Reagan im Weißen Haus, der Amerika nach der Schmach in Vietnam wieder aufgerichtet hatte und sich daranmachte, den Kalten Krieg zu gewinnen. Als er 1989 abtrat, verabschiedete er sich mit einer Farewell-Rede, in der er den Puritaner John Winthrop und dessen Wort von Amerika als „shining city upon a hill“ zitierte, einem Leuchtturm für Hoffnung und Freiheit für die Welt.Ronald Reagan und seine Ehefrau Nancy Reagan am 20. Januar 1981 in Washington nach Reagans AmtseinführungAPDer Patriotismus der Amerikaner hatte damals etwas Unbefangenes – und insbesondere für jemanden aus Deutschland, das sich seinerzeit noch schwertat mit der Vaterlandsliebe, etwas Wohltuendes. Morgens, bei Schulantritt, wurde der Flaggeneid gesprochen: „Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.“ In der Schule und vor den hübschen Eigenheimen im Vorort prangte der „Star-Spangled Banner“. Und wenn die Amerikaner bei Olympischen Spielen wieder einmal alle Rekorde brachen, schallte es lauthals: „USA, USA.“Wenn heute „USA, USA“-Rufe aufbranden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man sich auf einer MAGA-Kundgebung befindet, auf der Trump die grölenden Massen aufpeitscht. Patriotismus ist in Nationalismus und Chauvinismus umgeschlagen. „America first“ und „Make America great again“ verdrängen zunehmend den Wappenspruch im Großen Siegel der Vereinigten Staaten: „E pluribus unum“ – aus vielen eines.Das Motto bezog sich ursprünglich darauf, dass die 13 ehemaligen Kolonien nun eine Union bildeten. Mit den Jahren wandelte sich aber seine Bedeutung: Diversität sei Amerikas Stärke. Das passt Trump, dessen Bewegung im Kern weiß, christlich und nationalistisch ist, nicht in den Kram, weshalb er die Geschichte umzuschreiben versucht.Trump weiß nicht viel über amerikanische Geschichte. Als ihn im vergangenen Jahr ein Reporter im Oval Office fragte, was ihm die Unabhängigkeitserklärung bedeute, die er an der Wand angebracht hatte, erwiderte er: „Nun, es ist genau das, eine Erklärung. Eine Erklärung der Einheit und der Liebe und des Respekts. Und das bedeutet viel.“Liebe, Einheit, Respekt? Am 4. Juli 1776, mehr als ein Jahr nach den Schlachten von Lexington und Concord gegen die britische Armee, nahm der Zweite Kontinentalkongress mit Delegierten aus den dreizehn Kolonien die Unabhängigkeitserklärung an und formalisierte dadurch den Revolutionskrieg, der erst 1783 enden sollte. Die Erklärung ist der Beginn der großen amerikanischen Demokratiegeschichte. Ein Dokument der Liebe ist sie nicht.Amerikanischen Schülern wurden in den vergangenen fünfzig Jahren nicht nur die Sonnenseiten dieser Geschichte beigebracht: Thomas Jefferson war nicht nur der aufklärerische Autor der Zeilen über die „selbstverständlichen Wahrheiten“, „dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass zu diesen Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit gehören“. Er war auch Sklavenhalter. Zeitweise gehörten ihm 600 Leibeigene auf seiner Plantage in Monticello.George Washington, Kommandeur der Kontinentalarmee und später der erste Präsident der Vereinigten Staaten, besaß 300 Sklaven in Mount Vernon. Die Geschichte ist nicht schwarz oder weiß. Die Widersprüche einzelner Staatsmänner und Epochen zu lehren, galt seit der Kulturrevolution in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr als unamerikanisch.Kritische Bücher verschwinden aus BibliothekenDas ist heute anders. Trump lässt an Schulen und Colleges einen Kulturkampf führen. Die Geschichte der Sklaverei, der Rassentrennung und der Ermordung der amerikanischen Ureinwohner soll aus den Lehrplänen zwar nicht wegretuschiert, aber doch zurückgedrängt werden: Die obsessive Fokussierung auf die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte, so die Lesart Trumps und der Seinen, traumatisiere die jungen Leute. Es müsse Schluss damit sein, das Land schlechtzureden.Man kennt diese Geisteshaltung auch aus Deutschland. Hier aber, im „land of the free“, verschwinden tatsächlich kritische Bücher aus Schulbibliotheken, Bilder unbequemer Geister werden abgehängt, Gelder für Diversitätsprogramme gestrichen und universitäre Lehrpläne von bigotten Gesinnungsschnüfflern durchforstet. 250 Jahre nach Gründung der Demokratie in Amerika hat der Präsident eine reaktionäre Gegenrevolution in Gang gesetzt.Vor den großen Feierlichkeiten: Der Schatten des Riesenrad fällt am 29. Juni auf die National Mall in Washington. (AP Photo/Jen Golbeck)AP Photo/Jen GolbeckEs ist nun zehn Jahre her, dass die beiden angelsächsischen Demokratien, einst Säulen des liberalen Westens, durch den Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in die Krise stürzten. In Großbritannien waren es die antieuropäischen Brexiteers, in den Vereinigten Staaten war es Trump. Bei allen Unterschieden, die Gründe sind auch im Versagen des Establishments zu suchen.Überspitzt formuliert, haben es die Rechten mit dem Kapitalismus übertrieben und die Linken mit ihrer politischen Korrektheit. Der einfache weiße Mann, Kern der Bewegungen, fühlte sich ökonomisch abgehängt und kulturell an den Rand gedrängt. Der politische Backlash hat den Westen tief verunsichert. Das spielt anderswo den autoritären Systemen, die derzeit ihre Muskeln spielen lassen, in die Hände.Der Präsident wird seine übliche Rede liefernTrump wird am 4. Juli auf der „National Mall“ in Washington eine Ansprache zum Nationalfeiertag halten. Das heißt, er wird seine übliche Kundgebungsrede liefern: Amerika ist wieder da. Das goldene Zeitalter hat begonnen. Er ist derjenige, der das Land wieder zum großartigsten auf der Welt gemacht hat et cetera. Viele Amerikaner werden nicht einschalten, wenn der Präsident sich an die Nation wendet. Sie werden sich auf Grillpartys treffen und hoffen, dass die Kongresswahlen im November der Anfang vom Ende des Trumpismus sind.Die Verherrlichung des Landes durch den Präsidenten, die freilich vor allem eine Selbstverherrlichung Trumps ist, drückt auch eine Art von Realitätsverweigerung aus. Ja, Amerika hat das mit Abstand größte Militär – dem aber gerade von der Regionalmacht Iran seine Grenzen aufgezeigt werden.Ja, Amerika hat immer noch die größte Volkswirtschaft, aber die ökonomische Macht kumuliert sich in den Händen weniger Tech-Oligarchen. Und politisch ist das Land so gespalten wie seit dem Bürgerkrieg nicht. Amerika ist schon lange nicht mehr das großartigste Land auf der Welt. Wohl aber hat es das Potential, es wieder zu werden.