Auch wenn es fraglich ist, ob die Gegenwart aus der Geschichte lernen kann, so kann man doch ziemlich gewiss sagen, dass die Geschichte etwas von der Gegenwart lernt. Als die „Frankfurter Zeitung“ 1876 in ihrem Morgenblatt über das hundertjährige Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zu berichten hatte, konnte sie sich vor geborgter Euphorie kaum bremsen. „Das Wort der Befreiung, das der vierte Juli 1776 der Welt verkündigt, das Wort, daß die Völker Herren ihrer Geschicke, daß die Gleichheit und Freiheit der Bürger die gesellschaftliche Grundlage, daß auf diesem Boden der Wille der Bürger Gesetz und Regent sei, – es ist zu einem Evangelium geworden, das den Völkern ihre Bahn und ihr Ziel weist.“ Man begehe das Fest der Union „mit dem Wunsche und der Hoffnung, daß dieser Geist sich auch daheim bald so entfalten möge“. Womöglich, so der unsignierte, da von der gesamten Redaktion getragene Leitartikel, sogar unter dem Banner der „Vereinigten Staaten Europas“.Im Feuilleton derselben Ausgabe, das sich damals noch unter dem Strich auf der ersten Zeitungsseite befand, war ein Gedicht von Otto Hörth abgedruckt, das nicht minder pathetisch ausfiel: Der Morgen naht! In Ahnungstrost / Erweitert sich das Herz der Besten: / Das Haupt empor! Doch nicht nach Ost, – / heut geht die Sonne auf im Westen! // Ihr jubelt heut, daß Berg und Fluß / Und alle Thäler wiederklingen, / Wir folgen nach! Das ist der Gruß, / den wir euch über’s Weltmeer bringen!Die Bürger sehnen sich nach einer „starken Hand“Fünfzig Jahre später war dieses Pathos nicht verklungen, doch in die hellen Töne hatten sich dunkle Vorahnungen gemischt. „Von den großen Verheißungen, die heute vor 150 Jahren in die Welt hinausgegangen sind, hat sich vieles nicht erfüllt. Aller Menschen Gleichheit ist nirgends verwirklicht. Nirgends ist die Freiheit gesichert“, hieß es am 4. Juli 1926 in derselben Zeitung. Ja, es scheine manchmal, als seien die Menschen ihrer Freiheit „überdrüssig geworden“. Sie sähen in den Katastrophen, „die ihre Torheit oder ihre Untüchtigkeit hervorgerufen hat“, nun Naturereignisse, „die über sie hereinbrechen und denen sie schutzlos gegenüberstehen“. Daher komme die Sehnsucht nach einer „starken Hand“, einem „Diktator“, der „das Geschehen meistert, das sie selbst verursachen“.Frankfurter Zeitung vom 4. Juli 1876F.A.Z.Wir, die wir heute das 250-jährige Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung zu begehen haben, sind wieder in einer historischen Lage, die einen pessimistischen Blick verlangt. Hilflos wäre es, sich auf die glorreiche Geschichte der amerikanischen Ideen von Freiheit und Gleichheit zu berufen, ohne in Rechnung zu stellen, dass sie nicht nur weltweit, sondern insbesondere im Land ihrer Entstehung einen großen Teil ihrer Kraft verloren haben. Unnötig, die vielen Verfehlungen, Rechtsbrüche und Gefahren aufzuzählen, die von dem gegenwärtigen Präsidenten ausgehen. Der spezielle Irrsinn, der in Washington herrscht, mag an seine Person gebunden sein. Die Krise, die seinen Aufstieg ermöglicht hat, ist so grundsätzlich, dass sie ihn überdauern und vielleicht noch einige Nachfolger hervorbringen wird.Es lohnt sich daher, in Erinnerung zu rufen, was für ein Wagnis diese amerikanische Republik darstellt, wie seltsam und eigentlich unwahrscheinlich ihr Fortleben erscheinen muss. Denn anders als es unser auf Fortschrittlichkeit zielendes Geschichtsbild will, hatten selbst die Anführer der amerikanischen Revolution große Zweifel, ob es möglich ist, unter neuzeitlichen Bedingungen einen Freistaat zu gründen, in dem das Volk sich selbst regiert. Einige von ihnen prophezeiten der jungen Republik sogar, dass sie sich schon bald in eine Oligarchie oder Tyrannei verwandeln würde. Ihre frühen Warnungen sollten wir heute ernster nehmen als die hoffnungsfrohen Freiheitsbotschaften der vergangenen zweihundert Jahre.Ist Volksherrschaft in der Moderne überhaupt möglich?Die Skepsis der Gründergeneration hatte einen einfachen Grund: Republiken galten als etwas Unzeitgemäßes. Europa wurde im 18. Jahrhundert weitgehend von Monarchien beherrscht – eine Regierungsform, die für große, zentralisierte Flächenstaaten mit stehenden Heeren und kommerziellen Interessen weit passender schien als die kleinräumigen, auf Bürgermilizen und Bürgertugend angewiesenen fragilen Stadtrepubliken der Antike. Die Sprache, die in der Unabhängigkeitserklärung anklang, hatte deshalb teilweise etwas Anachronistisches. Ihr antikisierender Ton war von den italienischen Stadtstaaten und der alten britischen Whig-Opposition über den Atlantik gewandert, um dort der Korruption des englischen Königs die Kraft der einfachen, freien Leute Amerikas entgegenzusetzen, die fortan ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen wollten.Als der Unabhängigkeitskrieg gewonnen war, brach jedoch sofort ein Streit darüber aus, wie die fragile Volksfreiheit der ehemaligen Kolonien gesichert werden könne. Gelehrte Politiker wie James Madison, Alexander Hamilton und John Jay, die schließlich den Sieg davontrugen, argumentierten, dass selbst eine Republik von kontinentalen Ausmaßen gegen die Wechselfälle der Geschichte bestehen könne. Man müsse ihr lediglich eine kluge, ausbalancierte Institutionenordnung zur Verfügung stellen, die die Leidenschaften zügelt und die auf Zeit verliehene Macht guten und weisen Repräsentanten überträgt.Weniger bekannt, aber heute womöglich wichtiger ist die große Gruppe derer, die dem Verfassungsprojekt der Federalists wenig abgewinnen konnten und die Prinzipien von 1776 gerade durch die Errichtung eines solchen Riesenstaates gefährdet sahen. Sie hingen der klassischen Überzeugung an, dass ein Freistaat von „bürgerlicher Gegenwärtigkeit“ (Christian Meier) lebt – wenn nicht durch direkte Volksabstimmungen, dann zumindest durch eine besondere räumliche und persönliche Nähe des Volks zu seinen Vertretern, kurze Amtszeiten, eine schwache Exekutive, Ämterrotationen und viele Abberufungsmöglichkeiten für den Fall, dass sich die politische Elite über das Gemeinwohl hinwegsetzt. Einrichtungen, die nur die kleineren Einzelstaaten bieten konnten.Die frühen Warnungen der AntifederalistsIn der amerikanischen Verfassung dagegen, wie sie schließlich in Kraft trat, sahen Politiker wie George Clinton, Robert Yates und Richard Henry Lee, die unter Namen wie Brutus, Cato oder Federal Farmer veröffentlichten, ein Vehikel der Selbstzerstörung. Der aristokratische Charakter des Senats, die Schwäche des Repräsentantenhauses, die außerordentliche Stellung des Präsidenten ließen sie zu der Überzeugung gelangen, dass die amerikanische Republik auf kurz oder lang dem Untergang geweiht sei.George Clinton, gemalt von Ezra Ames, 1814Wikimedia/CommonsNicht alles, aber vieles davon liest sich heute erschreckend aktuell: „Die Distanz zwischen dem Volk und seinen Repräsentanten wird so groß sein“, schreibt etwa Melancton Smith 1787, „dass kein Farmer in den Kongress gewählt werden und niemand dort vertreten sein wird außer die Reichen“. Die Gesetze der Vereinigten Staaten werden also „nicht dem Willen der Vielen, sondern denen der Wenigen entsprechen“. In einem großen Staat, heißt es ähnlich bei Robert Yates im selben Jahr, werden einige wenige große Reichtümer anhäufen und beträchtlichen Einfluss auf Kongress und Regierung ausüben. Das einfache Volk dagegen ist in so viele Gewohnheiten und Interessen zersplittert, dass es zu einem „ständigen Kampf der Meinungen“ kommt, der die Abgeordneten dazu anstacheln wird, sich „unaufhörlich zu bekriegen“.Man muss nur an die bis zur Erstarrung vorangeschrittene Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern denken und an die ungeheure Macht, die die amerikanische Tech- und Finanzelite auf die amerikanischen Wahlen ausübt, um die Aktualität dieser Prognosen einzusehen. Erst am Dienstag hat der Supreme Court wieder einmal eine gesetzliche Schranke für Wahlkampfspenden aufgehoben. Gegenwärtig sitzt das große Geld sogar direkt mit am Tisch, wenn in Washington Politik gemacht wird, und gewiefte Volksvertreter üben sich darin, ihr Insiderwissen gegen finanzielle Beteiligungen einzutauschen. Spiegelbildlich dazu hat die Zufriedenheit der Bürger mit der Arbeit ihrer Repräsentanten erst vor Kurzem wieder einen neuen Tiefstand erreicht.Hellsichtige PrognosenEs war aber nicht nur die Oligarchie der Reichen und Gebildeten, die die Antifederalists in ihren Pamphleten und Aufsätzen fürchteten. Ebenso sehr sorgten sie sich vor der Errichtung einer Tyrannenherrschaft. Die Befugnisse des amerikanischen Präsidenten, schreibt etwa George Clinton 1787, grenzen an die eines Monarchen. Vier Jahre ist er im Amt – und nur schwer wieder daraus zu entfernen, wie allerjüngste Beispiele belegen. Er wird durch seine Macht, Ämter zu verteilen, so Clinton weiter, von Schmeichlern umgeben sein und dank seines Oberbefehls über das Militär selbstherrlich Außenpolitik treiben – wenn er nicht gar, wie einige der Antifederalists befürchten, amerikanische Truppen im Inland einsetzt, um demokratischen Widerstand zu brechen. Sein Begnadigungsrecht erlaube ihm außerdem, so die hellsichtige Prognose des New Yorker Gouverneurs, „Verschwörer, mit denen er selbst verbündet ist“, davonkommen zu lassen und so „seine eigene Schuld zu verbergen“. Fast 250 Jahre später unterzeichnete der amerikanische Präsident ein Dekret, das den 1600 Verurteilten und Angeklagten, die beim Sturm auf das Kapitol beteiligt waren, ihre Strafe erließ.„Meine Freunde, der Tag, an dem ein grausamer Nero die Herrschaft übernimmt, kommt schnell“, heißt es in einer der vielen warnenden Schriften, die in der Debatte um die Verfassungsgebung gedruckt wurden. Geirrt haben sich die Catos und Brutus darin, wie schnell ihre klassisch-antiken Einwände gegen die moderne Großrepublik USA zutreffen würden. Die Entstehung großer Massenparteien im Zuge der Demokratisierung im 19. Jahrhundert, die Wichtigkeit der Bundesebene im Kampf gegen Sklaverei und Segregation, die Nützlichkeit des Verwaltungsstaates in Zeiten von Depression, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit – all dies liegt quer zu den teils altertümlichen Argumenten der Verfassungsgegner und Verfassungsunterstützer.Immer wieder schienen die Vereinigten Staaten dazu in der Lage zu sein, die Tendenzen zu Oligarchie und Tyrannei abzuwenden und durch einen Akt demokratischer Erneuerung die Zukunftsträchtigkeit ihrer modernen Republik unter Beweis zu stellen. Auch deswegen ist die Geschichte über die Antifederalists weitgehend hinweggegangen, während Madison fest zum Kanon moderner politischer Philosophie gehört. Doch vergangener Erfolg garantiert keinen zukünftigen. Wir, die wir heute den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung mit begehen und selbst mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, schicken daher keinen freudigen Gruß mehr über das Weltmeer, wo ihn der Nero unserer Tage entgegennähme. Wir hoffen nicht mehr, der Richtung nachzufolgen, in die der große Kontinent eilt. Doch der Geist der Freiheit, der aufblitzt, sobald man sich in die Schriften und Zeugnisse der amerikanischen Revolution vertieft, wächst hoffentlich auch über diese Krise hinaus.
250 Jahre USA: Die Gründerväter prophezeiten früh einen Tyrannen wie Trump
Lange galt die amerikanische Demokratie als die stabilste der Welt. Doch einige der Gründerväter sahen früh den drohenden Abstieg in Oligarchie und Tyrannei voraus – ihre Prognosen klingen heute erstaunlich aktuell.














