In der Stadt Philadelphia wurde an diesem Samstag vor 250 Jahren, dem 4. Juli 1776, die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika unterzeichnet und ratifiziert – ein Akt des Hochverrats gegen die britische Krone. Im folgenden Vierteljahrtausend wuchs der neue Staat zur größten Supermacht der Welt. Über die Bedeutung des Jubiläums sprachen wir mit der amerikanischen Karrierediplomatin und Wissenschaftlerin Molly O’Neal.

Frau O’Neal, ein Rechtsschwenk im gesamten Westen, eine Gladiatorenfeier zum 80. Geburtstag des US-Präsidenten – beginnt für Amerika nach 250 Jahren eine autoritäre Epoche? So sehe ich es nicht. Das Jubiläum fällt in eine Zeit starker politischer Polarisierung. Die Stimmung ist auch nicht besonders feierlich. Laut Umfragen glauben mehr als die Hälfte der Amerikaner, ihr Land bewege sich in die falsche Richtung.Dennoch deutet alles darauf hin, dass die Mehrheit den grundlegenden Werten und Institutionen vertraut. Vielen Amerikanern ist ja gar nicht bewusst, dass es um die Feier der von Thomas Jefferson verfassten Unabhängigkeitserklärung geht. Darin steht geschrieben, dass alle Menschen gleich geschaffen und mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind: das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Glück. Das war damals revolutionär, ebenso die Idee, dass die Regierung ihre Macht aus der Zustimmung der Regierten bezieht. Und was diese grundsätzlichen Aussagen betrifft, sind sich die meisten Amerikaner nach wie vor sehr einig.