Am 4. Juli 1776 erklärten die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit. Seither schreibt diese einzigartige und widersprüchliche Nation Weltgeschichte. Ein Rückblick in 25 historischen Objekten.NZZ-Redaktion04.07.2026, 05.30 Uhr17 LeseminutenInhaltsverzeichnis1776–1785: Der politische Teekrug1786–1795: Die Baumwollmaschine1796–1805: Kompass nach Westen1806–1815: The Star-Spangled Banner1816–1825: Die SchultertascheOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.1776–1785: Der politische TeekrugNational Museum of American HistoryWas hat ein gemütlicher Teekrug mit der Geburt einer Weltmacht zu tun? Als dreizehn nordamerikanische Kolonien am 4. Juli 1776 die Abspaltung vom Mutterland beschliessen, begründen sie dies in ihrer Unabhängigkeitserklärung mit der «Tyrannei» der britischen Krone. Besonders kritisieren sie die Erhebung von Steuern ohne ihre Zustimmung. Im Stempelsteuergesetz (Stamp Act) von 1765 hat London verfügt, dass alle gedruckten Materialien in Nordamerika mit Steuermarken versehen werden müssen. Mit den Einnahmen will Grossbritannien die Kolonien an der Sanierung des Staatshaushalts beteiligen.Die Massnahme löst Empörung aus und wird bald widerrufen. Der Krug mit der Aufschrift «No Stamp Act» erinnert an diesen frühen Erfolg der Kolonien. Diese halten die Besteuerung für illegal, weil sie im britischen Parlament nicht vertreten sind. Der Slogan «No taxation without representation» kommt in jener Zeit auf. Aber weil London weitere Steuergesetze erlässt, spitzt sich der Konflikt zu – und mündet 1775 in einen offenen Unabhängigkeitskrieg. (A. R.)1786–1795: Die BaumwollmaschineNational Museum of American HistoryDie Erfindung der «Cotton Gin» revolutioniert im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts die Baumwollproduktion in den Südstaaten der USA. Die Entkörnungsmaschine trennt mit einer rotierenden Bürste Baumwollfasern von den Samenkernen. Zuvor haben Sklaven auf den Plantagen die Baumwolle in mühseliger Handarbeit gesäubert. Eli Whitney patentiert seine Erfindung im März 1794. Er hofft, einen Beitrag dazu zu leisten, die Sklavenarbeit überflüssig zu machen.Seine Erfindung hat jedoch eine gegenteilige Wirkung: Die Baumwolle wird enorm profitabel, die Produktion explodiert. Die Ökonomie der Südstaaten steht bald ganz im Zeichen von «King Cotton». Damit steigt auch die Nachfrage nach Sklavenarbeit. 1790 arbeiten rund 700 000 versklavte Menschen in den USA, zwanzig Jahre später sind es 1,2 Millionen. 1860, kurz vor dem Bürgerkrieg und der späteren Abschaffung der Sklaverei, sind es 4 Millionen. Mitte des 19. Jahrhunderts erzeugen die USA rund zwei Drittel der weltweit produzierten Baumwolle. (ija.)1796–1805: Kompass nach WestenNational Museum of American HistoryIm Frühling 1803 bereitet sich Meriwether Lewis auf die erste amerikanische Expedition zur Pazifikküste vor. Er kauft dazu einen Kompass mit einem Gehäuse aus Mahagoniholz und einem silbernen Kranz. Kurz zuvor haben die USA unter ihrem dritten Präsidenten Thomas Jefferson im sogenannten «Louisiana Purchase» von Frankreich die Hafenstadt New Orleans und eine grosse Landfläche westlich des Mississippis bis zu den Rocky Mountains erworben – für nur 15 Millionen Dollar. Das Staatsgebiet verdoppelt sich damit beinahe.Jefferson beauftragt Lewis – seinen persönlichen Berater – damit, eine sichere Reise- und Transportroute zum Pazifik zu finden und Beziehungen mit lokalen Stämmen aufzubauen. Lewis ist ein erfahrener Offizier. Um die Expedition mit ihm zu führen, engagiert Lewis seinen Freund William Clark, der bereits mit 19 Jahren in der Milizarmee von Kentucky diente und erste Erfahrungen in bewaffneten Auseinandersetzungen mit Ureinwohnern gesammelt hat. Begleitet von Sacagawea – einer indianischen Übersetzerin und Pfadfinderin – erreicht die Expedition im November 1805 in Oregon den Pazifik. Die «Lewis and Clark Expedition» legt einen Grundstein für die weitere Expansion in Richtung Westen. (ws.)1806–1815: The Star-Spangled BannerNational Museum of American HistoryIm Sommer 1813 fertigt die Näherin Mary Pickersgill in Baltimore zwei Fahnen für die Festungsanlage im Hafen der Stadt: das Fort McHenry. Das Land befindet sich im sogenannten zweiten Unabhängigkeitskrieg gegen das britische Königreich. In der Nacht auf den 14. September 1814 bombardiert die britische Flotte das Fort während Stunden. Doch die Festung hält dem Angriff stand, und der zuständige Kommandant lässt die grössere der zwei Flaggen hissen. Mit ihrer Fläche von etwa 10 auf 13 Metern ist sie weitherum sichtbar.Als der von den Briten festgehaltene Unterhändler und Laienpoet Francis Scott Key im Morgengrauen aus der Ferne erkennt, dass die amerikanische Flagge immer noch weht, schreibt er den Text für ein Lied, das 1931 zur Nationalhymne der USA wird: «The Star-Spangled Banner». In den Zeilen heisst es: «And the rockets’ red glare, the bombs bursting in air, / Gave proof through the night that our flag was still there.» Das Grundmuster der amerikanischen Flagge mit Sternen und Streifen wurde bereits 1777 gesetzlich festgehalten. Die Hymne auf die Fahne entsteht aber erst über dreissig Jahre später, inspiriert durch die Schlacht von Baltimore und den unbändigen Willen im Freiheitskampf. (ws.)1816–1825: Die SchultertascheNational Museum of American HistoryDie traditionelle Schultertasche zeigt die ganze Kunstfertigkeit der Creek. Die Ureinwohner nutzen sie, um Tabak oder Feuersteine zu transportieren. Doch der Eindruck täuscht: Das um 1820 hergestellte Stück besteht aus Seide, eingearbeitet sind Glasperlen. Es besteht somit auch aus Produkten, die erst mit den Europäern den amerikanischen Kontinent erreichen. Diese erwerben die Indianerstämme durch Handel mit den Siedlern.Allerdings bleibt das friedliche Miteinander die Ausnahme. Die Geschichte der USA ist eng mit Gewalt gegen die «Native Americans» verbunden. Besonders brutal geht Andrew Jackson als Feldherr und Präsident vor. Er zwingt 1814 die Creek in die Knie und legt mit der Indian Removal Act 1830 die Grundlage für die Vertreibung zahlreicher Stämme. Tausende von Menschen kommen auf dem «Pfad der Tränen» ums Leben. Für die Siedler bedeutet dies die Konsolidierung und Ausweitung ihres Staatsgebiets. Für die meisten Ureinwohner bleibt ein Leben in Elend. (mij.)1826–1835: Ein Kragen für SklavenNational Museum of American HistoryDieser eiserne «Sklavenkragen» ist ein Zeugnis der brutalen Sklavereiwirtschaft in den USA, die rund 250 Jahre dauert. Solche Fesseln – oft mit Dornen oder Schellen ausgestattet – dienen der Bestrafung geflohener Sklaven. Nach einer Festnahme werden sie ausgepeitscht, verstümmelt und von ihren Familien getrennt. Trotzdem riskieren geschätzt hunderttausend Menschen die Flucht über die Mason-Dixon-Linie in den freien Norden der USA oder nach Kanada.In allen 13 Kolonien existiert die Sklaverei; die Nordstaaten schaffen sie jedoch schrittweise ab. 1835 gelten sie als frei. Trotzdem müssen Befreite befürchten, von Kopfgeldjägern ergriffen zu werden, denn das Gesetz schützt die Besitzrechte der Sklavenhalter. Die Frage entzweit die Vereinigten Staaten zunehmend und eskaliert 1861 im Amerikanischen Bürgerkrieg. Präsident Abraham Lincoln proklamiert 1863 die Emanzipation der Sklaven; am Ende des Bürgerkriegs 1865 werden rund 4 Millionen Afroamerikaner befreit. (ija.)1836–1845: Die TelegrafenmaschineNational Museum of American HistoryDer erste Schreibtelegraf von 1837 sieht eher aus wie eine Guillotine oder eine Kreissäge als wie ein modernes Kommunikationsmittel. Tatsächlich hat ihn der Maler und Erfinder Samuel Morse aus einem Keilrahmen zusammengebaut. Der Telegraf revolutioniert die globale Kommunikation. Erstmals ist es möglich, Nachrichten in Sekundenschnelle über weite Distanzen zu versenden, ohne Läufer, Pferde oder Eisenbahnen. Morse muss zwar jahrelang um Geld und um politische Unterstützung kämpfen. Als es ihm aber am 24. Mai 1844 gelingt, ein Signal über 60 Kilometer zu senden, ist das eine Sensation. Die Botschaft «What hath God wrought», was Gott geschaffen hat, würdigt den grossen Moment angemessen.Morse geht in die Geschichte ein – er ist zwar nicht der Erfinder des Telegrafen, entwickelt aber als Erster ein System, das Bestand hat. 1858 tauschen Europäer und Amerikaner die erste Nachricht über ein Unterseekabel aus. Die USA haben zu diesem Zeitpunkt schon Zehntausende Kilometer Leitungen gelegt und sind Europa weit voraus. Der Telegraf spielt bis weit ins 20. Jahrhundert eine entscheidende Rolle in der Kommunikation. (mij.)1846–1855: Foto aus dem KriegAmon Carter Museum of American ArtIn einem seltenen Foto aus dem Jahr 1847 ist der amerikanische General John Ellis Wool zu sehen, wie er durch die Calle Real in der mexikanischen Stadt Saltillo reitet. Zwei Jahre zuvor annektierten die USA die Republik Texas, die von 1835 bis 1836 einen erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg gegen Mexiko geführt hatte. Die Annexion und ein unklarer Grenzverlauf führen 1846 zum mexikanisch-amerikanischen Krieg. Die amerikanischen Truppen stossen bis nach Mexiko-Stadt vor und feiern einen Sieg. Es ist der erste militärische Konflikt, der fotografisch dokumentiert wurde.Im Vertrag von Guadalupe-Hidalgo verzichtet Mexiko 1848 auf rund 55 Prozent seines bisherigen Territoriums. Für die USA bedeutet dies die grösste territoriale Expansion ihrer Geschichte. Washington dehnt seine Macht unter anderem auf Gebiete aus, die heute die Gliedstaaten Texas, Kalifornien, Nevada, New Mexico, Arizona und Utah ausmachen. Die Gebietsabtretung geht als «Mexican Cession» in die Geschichtsbücher ein. (ws.)1856–1865: Lincolns ZylinderNational Museum of American HistoryDie Amerikaner lieben Ranglisten, nicht nur im Sport. Als bedeutendster Präsident der Geschichte gilt Abraham Lincoln. Der Republikaner ist auch sonst der Grösste, mit 1,93 Metern überragt er all seine Vorgänger und Nachfolger im Weissen Haus. Die hohen Hüte, die er trägt, machen seine Erscheinung noch imposanter. Lincoln, ein Autodidakt aus ärmlichen Verhältnissen, steigt in Illinois zum Anwalt auf, wird Politiker und 1861 der 16. Präsident. Ausgerechnet in einer Zeit, in der das Land auseinanderzubrechen droht. «Ein Haus, das in sich gespalten ist, kann nicht bestehen», zitiert Lincoln das Markusevangelium. Die USA könnten nicht zur Hälfte aus sklavenhaltenden und zur anderen Hälfte aus freien Staaten bestehen.Den Bürgerkrieg, der in den folgenden vier Jahren rund 700 000 Tote fordert, kann Lincoln nicht verhindern. Aber er riskiert alles, um die Vereinigten Staaten zu erhalten – und gewinnt. Am 9. April 1865 kapituliert der Süden, die Abschaffung der Sklaverei wird Tatsache. Abraham Lincoln erlebt es nicht mehr. Nur sechs Tage nach dem Ende des Bürgerkriegs wird er bei einem Theaterbesuch in Washington von einem fanatischen Sezessionisten erschossen. Neben seinem Sessel: der letzte Zylinder, den Lincoln getragen hat. (tri.)1866–1875: Der goldene SchienennagelNational Museum of American HistoryAm 10. Mai 1869 bohren Arbeiter ein Loch in einen Schienenstrang auf dem Promontory Summit bei Salt Lake City. Dann hebt der Eisenbahn-Tycoon und spätere Universitätsgründer Leland Stanford einen silbernen Hammer in die Höhe und lässt ihn auf einen goldenen Nagel niedersausen. Mit diesem «last spike» sind der Westen und der Osten der USA zum ersten Mal direkt miteinander verbunden: Über 3000 Kilometer fahren die Züge nun auf dem Netz der ersten transkontinentalen Eisenbahn.Mit der gesamtamerikanischen Zugverbindung wächst das Land vier Jahre nach Ende des Bürgerkriegs zusammen. Die Bahn beschleunigt die wirtschaftliche Entwicklung und ermöglicht die ständige Besiedlung der entlegensten Ecken. Und sie steht für einen Casino-Kapitalismus, der Oligarchen wie Stanford unfassbar reich macht, auf Kosten der ausgebeuteten Arbeiter und der Natur. (mij.)1876–1885: Edisons GlühbirneNational Museum of American History«Genie – das ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration», so witzelt Thomas Alva Edison einmal über seinen Erfindergeist, der nicht nur die USA, sondern die ganze Welt erleuchtet. 1879 entwickelt er den Prototyp seiner «electric lamp»: einen Glaskolben mit einem speziell gefalteten Kohlefaden, der sich durch den elektrischen Widerstand erwärmt und zu glühen beginnt. Ein Jahr später lässt er das Produkt patentieren, das seriell angefertigt zum Erfolg wird. Schon 1881 erhellen Tausende von Edisons Glühbirnen die erste internationale Ausstellung für Elektrizität in Paris.Edison wird in Urheberrechtsprozesse verwickelt, gewinnt sie aber alle. Tatsächlich ist der gefeierte Grosserfinder – er meldet allein in den USA über 1000 Patente an, darunter den Phonographen und die Filmkamera – weniger Visionär als vielmehr Verbesserer von bereits Erdachtem. Als Unternehmer mit einer Fabrik voller Tüftler setzt er neue Massstäbe: Es ist die Geburtsstunde der modernen Industrie- und Innovationsmacht USA. Mit dem Geld des Bankers J. P. Morgan treibt er die Elektrifizierung Amerikas voran, gründet die Edison Electric Light Company, die später zu General Electric wird. Doch Edison muss auch Niederlagen einstecken, die bitterste im «Stromkrieg»: Beim Aufbau des öffentlichen Netzes setzt er auf Gleichstrom. Am Ende triumphiert das überlegene Wechselstromsystem seines einstigen Angestellten Nikola Tesla. (tri.)1886–1895: Die FreiheitsstatueNational Museum of American HistoryBevor die Freiheitsstatue 1886 zum höchsten Monument der Welt wird, zirkuliert sie im Miniformat: Um ihren Bau zu finanzieren, verkauft das American Committee of the Statue of Liberty Zehntausende dieser Figürchen als Souvenirs. Die Göttin der Freiheit des Franzosen Frédéric-Auguste Bartholdi ist somit bereits vor ihrer Fertigstellung weltbekannt. Ihr offizieller Titel, «Freiheit erleuchtet die Welt», betont die globale Strahlkraft, welche die Amerikaner für sich in Anspruch nehmen.Die Freiheitsstatue wird für Millionen zum Symbol des Aufbruchs in ein neues Leben. Sie ist das Erste, was die Einwanderer sehen, wenn sie im Hafen von New York ankommen. Gleich daneben liegt jahrzehntelang die zentrale Registrierstelle für Einwanderer auf Ellis Island. Heute sind beide Inseln Museen. Statt Migranten kommen nun Millionen von Touristen. (mij.)1896–1905: Das Modell AGettyHenry Ford gründet 1903 in Detroit die Ford Motor Company. Damit beginnt der Aufstieg des Autos zum Massenprodukt. Zunächst tüftelt der Ingenieur am Ford Modell A. Ein wohlhabender Zahnarzt kauft den Prototyp. Furore macht das Modell T, das ab 1908 produziert wird. Fords Vision: Er will ein Auto bauen, das sich breite Bevölkerungsschichten leisten können. Mit der «Tin Lizzie» gelingt der Durchbruch. Ford zerlegt die Produktion in immergleiche Arbeitsschritte und rationalisiert jeden Handgriff. Weil schwarze Farbe rasch trocknet, werden bald nur noch schwarze Fahrzeuge hergestellt. Ab 1913 läuft das Modell T am Fliessband im Akkord, die Verkäufe steigen rasant. Bis 1927 werden rund 15 Millionen Exemplare verkauft.Doch Ford hat eine dunkle Seite: In seiner Zeitung «The Dearborn Independent» veröffentlicht der glühende Antisemit ab 1920 die Artikelserie «Der internationale Jude». Frühe Nationalsozialisten lesen die Hetzschrift, insbesondere Adolf Hitler. (ija.)1906–1915: Jack Johnsons BoxhandschuhNational Museum of African American History and CultureDie Sklaverei ist abgeschafft, aber der Rassismus bleibt zentraler Teil der sozialen Ordnung. Mit allerlei Schikanen hält das weisse Amerika die Schwarzen vom Wählen ab, segregiert sie nach dem Grundsatz: «separate but equal». Jack Johnson begehrt dagegen auf.Bereits mit sieben Jahren verlässt der Sohn ehemaliger Sklaven die Schule, boxt sich auf der Strasse und in Schaukämpfen nach oben: leichtfüssig, grossmäulig und erfolgreich: 1903 ist er «Colored Heavyweight Champion». Er provoziert mit seinem Reichtum und seinen weissen Freundinnen. Doch gegen Weisse darf er in den USA lange nicht antreten. Seine Stunde schlägt am 4. Juli 1910, als er in Reno gegen Jim Jeffries kämpfen kann, der damals als bester Boxer der Geschichte gilt. Im «Kampf des Jahrhunderts» prügelt Johnson seinen Gegner vor 20 000 Zuschauern durch den Ring, bis dessen Team das Handtuch wirft. Das Dogma der «white supremacy» liegt am Boden. Im ganzen Land kommt es zu Tumulten, wütende Weisse machen Jagd auf Schwarze, Hunderte kommen ums Leben. Johnson wird zur Symbolfigur der Rassenkonflikte – und zu einem Helden der Bürgerrechtsbewegung, die erst in den 1960er Jahren die Gleichstellung erstreiten wird. (tri.)1916–1925: Das verbotene BierPDFast wie Bier soll Bevo sein: «Near Beer» lautet der Slogan. Aus Malz hergestellt, muss es ähnlich schmecken und schäumen. Einfach ohne Alkohol. Denn dieser ist in der Ära der Prohibition ab 1920 verboten. Bevo, ein Kofferwort aus «beverage» und dem slawischen «pivo» für Bier, ist beliebt. Die Brauerei Anheuser-Busch kann damit einen Teil der weggefallenen Einnahmen ersetzen. Doch die Prohibition ist auch die Zeit des Schmuggels und der Mafia. Kriminelle wie Al Capone errichten ganze Imperien auf dem Verkauf von illegalem Alkohol.Der Alkohol fliesst weiterhin, in geheimen Hinterräumen und an Partys. Die Prohibition wird immer unbeliebter, Franklin D. Roosevelts Demokraten gewinnen die Wahlen auch mit dem Versprechen, sie abzuschaffen. 1933 halten sie Wort. Die Produktion von Bevo ist da bereits eingestellt. Der Alkoholschmuggel hat die Verkäufe einbrechen lassen. Die Amerikaner haben lieber echtes Bier. (mij.)1926–1935: Die GeldmuschelNational Museum of American HistoryMit dem Börsenkrach im Oktober 1929 enden auf einen Schlag die Roaring Twenties, eine Zeit des Aufschwungs, der kulturellen Blüte, aber auch der spekulativen Exzesse. Innert Tagen verliert der Aktienmarkt einen Viertel seines Wertes, bis zum Tiefpunkt 1932 sogar 89 Prozent. Der Crash löst die schwerste Krise in der Geschichte der USA aus, die Great Depression. 1933 kommt der kalifornische Strandort Pismo Beach auf eine originelle Idee, wie sich der Zahlungsverkehr inmitten einer Bankenkrise sicherstellen lässt: Er gibt selber Geld heraus, auf der Basis eines «Rohstoffs», der hier im Überfluss vorkommt – Muscheln.Die Abbildung zeigt das Muschelgeld eines Hotelleriebetriebs mit einem Nominalwert von 50 Cent, signiert und versehen mit dem auf Münzen üblichen Leitspruch «In God We Trust». Die wohl auch ironisch gemeinte «Geldemission» erfolgt während einer landesweiten Bankenschliessung, die Präsident Roosevelt angeordnet hat. Er steuert das Land mit einer neuen Wirtschaftspolitik aus der Krise, doch diese wird erst im Zweiten Weltkrieg ganz überwunden. (A. R.)1936–1945: Rupert am D-DayPDEs ist eines der kühnsten Kapitel der Kriegsgeschichte: die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944, dem D-Day. Sie eröffnen im Westen eine zweite Front gegen Nazi-Deutschland, die entscheidend sein wird für den Untergang von Hitlers Reich. Die Invasionsabschnitte der amerikanischen Streitkräfte – Omaha Beach und Utah Beach – sind bis heute im kollektiven Gedächtnis verankert, auch wegen der vielen Opfer. Weniger bekannt ist das Täuschungsmanöver in der Nacht zuvor.In der Operation Titanic werfen die Briten über dem Hinterland der Atlantikküste Hunderte von Fallschirmjäger-Attrappen ab: rund 50 bis 90 Zentimeter grosse, in den USA hergestellte Puppen aus Sackleinen, «Rupert» genannt – oder offiziell: «Device Camouflage No. 15». Am Nachthimmel wirken sie täuschend echt, einige von ihnen sind mit Spreng- und Brandsätzen versehen, sie detonieren oder fangen Feuer nach dem Aufprall am Boden. Die vermeintliche Luftlandeoperation der Alliierten verwirrt die deutschen Militärs. Der Rest ist Geschichte: Die USA tragen massgeblich zur Befreiung Europas bei und werden zur westlichen Supermacht. Mit dem Marshall-Plan, dem Bretton-Woods-System und der Nato prägen sie die Nachkriegsordnung der freiheitlichen Welt – und garantieren deren Fortbestand auch während des Kalten Kriegs. (tri.)1946–1955: Die Tappan-MikrowelleNational Museum of American HistoryDas starke Wirtschaftswachstum ab den 1950er Jahren spiegelt sich auch in der Küche. Neuartige Geräte werden für immer breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich. Die Waschmaschine, der Kühlschrank, der Mixer – oder der Tappan Model RL-1, der erste Mikrowellenherd für den Privathaushalt, der 1955 auf den Markt kommt und das Kochen ganz einfach machen soll: «convenient», wie man sagt. Es sind eigentliche Zeitspar- und Bequemlichkeitsprodukte. Sie stehen nicht nur für die «Herrschaft der Mechanisierung», wie es der Kulturtheoretiker Sigfried Giedion 1948 nennt. Sondern auch für den Zukunftsoptimismus, die schöne neue Konsumwelt, den «American Way of Life», dem alle westlichen Gesellschaften nacheifern.Die Folgen im Alltag sind revolutionär, gerade für das Familienleben. Die Hausfrauen sollen die durch Effizienz gewonnene Zeit anders nutzen, etwa für die Pflege des Eigenheims mit Vorgarten in den sich rasant ausdehnenden Suburbs. Aber auch für sich, für die Kinder und den Ehemann, wie es die boomende Werbeindustrie verkündet. Das behagt nicht allen. Der Soundtrack gegen den Konformismus jener Jahre heisst schon bald: Rock’n’Roll. (tri.)1956–1965: Helikopter über VietnamNational Museum of American HistoryDer Film «Apocalypse Now» macht den «Huey» zum Sinnbild des Vietnamkriegs. In der berühmtesten Szene vernichtet ein Schwarm dieses Mehrzweckhelikopters zu Wagners «Ritt der Walküren» ein Fischerdorf. 7000 Stück kommen während des Kriegs in Indochina zum Einsatz. Nur 2000 kehren in die USA zurück. Sie stehen für die Unfähigkeit der technologisch hoch überlegenen Amerikaner, den Widerstand der Vietcong-Guerilla zu brechen. 58 000 amerikanische Soldaten und mehrere Millionen Vietnamesen verlieren ihr Leben.Der Vietnamkrieg prägt die USA. An ihm zeigen sich die Grenzen der Weltmacht und die gesellschaftlichen Bruchlinien. Stars wie Bob Dylan singen gegen ihn an, während junge Männer vor dem Wehrdienst fliehen. Konservative sehen das als Verrat und fordern ein noch viel härteres Vorgehen. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges erleiden die USA eine empfindliche geopolitische Niederlage. Gleichzeitig schafft die 68er-Bewegung eine Gegenkultur, die Amerika erneuert und zu einem zentralen Teil seiner «Soft Power» wird. (mij.)1966–1975: Die Kamera vom MondNational Air and Space MuseumDer Flug von «Apollo 11» zum Mond 1969 fesselt die ganze Welt. Als erster Mensch setzt Neil Armstrong seinen Fuss auf die Oberfläche des Erdtrabanten. Später fotografiert er seinen Mitastronauten Buzz Aldrin in der kargen Mondlandschaft. Das Bild prangt bald auf den Titelseiten unzähliger Zeitungen. Doch die Kamera, die es aufgenommen hat, bleibt auf dem Mond zurück – die beiden Männer müssen auf jedes unnötige Gewicht verzichten, bevor sie zur Kommandokapsel «Columbia» zurückfliegen.Erhalten bleibt eine ähnliche Kamera. Mit ihr macht der dritte Astronaut der Mission, Michael Collins, an Bord der «Columbia» Aufnahmen. Es ist eine Hasselblad-70mm-Kamera mit automatischem, batteriebetriebenem Filmtransport, einer Neuheit jener Zeit. Von Collins stammt das berühmte Bild, das die zurückkehrende Mondfähre zeigt und im Hintergrund die halb im Schatten liegende Erdkugel. Mit der erfolgreichen Landung auf dem Mond gewinnen die USA den Weltraum-Wettlauf mit der Sowjetunion. (A. R.)1976–1985: Der Apple IIGettyDie Garage im Crist Drive in Palo Alto ist heute weltberühmt. Dort, im Elternhaus von Steve Jobs, entstehen die ersten Produkte einer 1976 gegründeten Firma, die – wieso auch immer – Apple heisst. Das Logo indes, ein angebissener Apfel, ergibt sogleich Sinn: «Bite» klingt wie «Byte», und darum geht es ja. «Wir hatten alle denselben Traum: einen programmierbaren Computer zu bauen, der für alle bezahlbar war und vor allem: leicht zu bedienen», so erinnert sich später Steve Wozniak, der geniale Entwickler neben dem Marketing-Guru Jobs. 1977 bringen sie mit dem Apple II den ersten richtigen Personalcomputer auf den Markt. 8-Bit-Prozessor, 48 Kilobyte Arbeitsspeicher, fixfertig verbaut im schicken grauen Plastikgehäuse. Neupreis: 1298 Dollar. Er wird zum Schrittmacher der PC-Industrie und verkauft sich millionenfach.Im Dezember 1980 wagt Apple den Börsengang. Zum ersten Mal schafft ein Kleinunternehmen aus dem Silicon Valley den Sprung an die Wall Street. In den folgenden Jahren wird die Firma eine der hippsten und am schnellsten wachsenden in den USA. Und der südliche Teil der San Francisco Bay Area als führender Hightech-Standort noch prominenter. (tri.)1986–1995: Adidas «Superstar»PDDer weisse Sneaker mit den drei Streifen und der Zehenkappe aus Gummi stammt natürlich aus Deutschland, genauer: aus Herzogenaurach. Aber er macht Karriere in den USA, zuerst bei den Basketballern, dann in einer Subkultur, die in den siebziger Jahren in der Bronx entsteht: Hip-Hop. Ein Trio namens Run-DMC widmet dem Schuh 1986 sogar einen Song. Als der Marketingchef von Adidas davon erfährt, sagt er: «Was zum Teufel ist Rap?» Er fliegt nach New York, besucht im Madison Square Garden ein Konzert. Run-DMC tragen den «Superstar» ohne Schnürsenkel – eine Referenz an die Freunde im Knast, denen sie aus Sicherheitsgründen abgenommen werden. Als sie ihren Hit «My Adidas» spielen, ziehen Tausende im Publikum ihre Schuhe aus und halten sie in die Höhe. Der Manager ist verzückt. Wenig später unterzeichnet die Band den ersten Sponsoringvertrag zwischen Rappern und einer Sportmarke.Hip-Hop ist eine Mitmachkultur, die Selbstermächtigung der Mittellosen und Marginalisierten in den USA, der Schwarzen und der Hispanics. Man muss dafür kein Instrument spielen können. «Rap ist das CNN des Ghettos», heisst es. Und von dort treten Musik und Mode ihren weltweiten Siegeszug an. 2019 verzeichnet das Magazin «Forbes» den Rapper Jay-Z als ersten Hip-Hop-Milliardär der Geschichte. (tri.)1996–2005: Der Überrest von 9/11National Museum of American HistoryAm sonnigen Morgen des 11. September 2001 steuern Terroristen des islamistischen Netzwerks al-Kaida zwei gekaperte Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York, die kurz darauf einstürzen. Eine weitere Maschine schlägt im Pentagon bei Washington ein. Eine vierte stürzt über Pennsylvania ab, nachdem sich die Passagiere heldenhaft gegen die Attentäter gewehrt haben; niemand überlebt. Es ist das erste Mal seit Pearl Harbor, dass die USA auf eigenem Territorium attackiert werden. Manhattan befindet sich lange im Ausnahmezustand; es dauert sieben Monate, bis die 1,8 Millionen Tonnen Trümmer von Ground Zero entfernt sind.Dieses Fragment eines Flugzeugfensters aus dem Rumpf einer der entführten Maschinen erinnert an die Katastrophe mit insgesamt 2977 Toten und rund 6000 Verletzten. Da die Rümpfe der Flugzeuge im Feuer der Türme geschmolzen sind, werden nur Teile geborgen, die beim Aufprall abgebrochen und zu Boden gefallen sind. (ija.)2006–2015: Die beiden BräutigameNational Museum of American HistoryDas Bild der zwei Plastikfigürchen geht im Jahr 2008 um die Welt. Die Bräutigame im Frack stecken zuoberst auf der Hochzeitstorte von David DeFelice und Paul Scherbak. Das schwule Paar muss erfinderisch sein. Die beiden kaufen zwei reguläre Hochzeitstortendekorationen, brechen die Bräute ab und stellen die Bräutigame nebeneinander. Der Gliedstaat Kalifornien hat am 16. Juni die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert. David und Paul heiraten elf Tage später in San Francisco, zusammen mit 269 anderen schwulen und lesbischen Paaren. Der damalige Bürgermeister Gavin Newsom unterschreibt die Heiratsurkunden.Die Heiratswilligen nutzen ein enges Zeitfenster. Im November nimmt das kalifornische Volk die Proposition 8 an, die das Heiratsrecht wieder einschränkt. Ein Gericht stoppt allerdings die Umsetzung des Gesetzes. 2015 entscheidet der Supreme Court im Fall Obergefell v. Hodges, dass die gleichgeschlechtliche Ehe landesweit eingeführt wird. Sie bleibt bis heute ein Politikum. (ija.)2016–2025: Der TacoPDMan nehme eine Tortilla und belege sie mit schwarzen Bohnen, Gemüse, Fleisch und Käse. Dann faltet man sie und isst sie von Hand: Der Taco ist ein pflegeleichtes Lebensmittel. Eingeführt wurde er einst aus Mexiko, erfunden von Bergleuten, Conquistadores oder Indigenen. So genau weiss das niemand. Klar ist nur, dass sich der Taco rasend schnell verbreitet. Allein in den USA bereiten ihn über 80 000 mexikanische Restaurants zu. Die Zutaten dafür verkauft inzwischen auch jeder Schweizer Supermarkt.Der Siegeszug des Taco unterstreicht, wie sehr die Latino-Kultur Teil des amerikanischen Mainstreams geworden ist. Die Zahl der Einwohner aus dem Süden des Kontinents hat sich durch die Zuwanderung in den letzten fünfzig Jahren versiebenfacht auf über 60 Millionen Menschen. Damit sind sie nach den Weissen klar die zweitgrösste ethnische Gruppe. Bei manchen löst das Ängste aus. Die Migration ist zum zentralen politischen Thema geworden. Ohne sie wäre auch der Aufstieg von Donald Trump undenkbar. Den steigenden lateinamerikanischen Einfluss in den USA wird aber keine Grenzmauer aufhalten. (mij.)Autoren: Isabelle Jacobi (ija.), Ivo Mijnssen (mij.), Andreas Rüesch (A.R.), Marc Tribelhorn (tri.), Christian Weisflog (ws.)Bildredaktion: Roman SigristPassend zum Artikel