Herr Professor Kümper, wenn man über Amerika spricht, landet man schnell bei großen Begriffen: Freiheit, Verfassung, Demokratie, Weltmacht. Ihnen kommt zunächst eine konkrete Szene in den Sinn, die sich um Elizabeth Eckford dreht. Warum?Weil diese Szene in großer Verdichtung zeigt, worum es in der amerikanischen Geschichte immer wieder geht: um das Versprechen gleicher Rechte – und um die Wirklichkeit, die diesem Versprechen oft dramatisch widerspricht. Elizabeth Eckford war eine der schwarzen Schülerinnen und Schüler, die im Jahr 1957 in Little Rock, Arkansas eine bis dahin nur weißen Kindern vorbehaltene Schule besuchen sollten. Die Rassentrennung an öffentlichen Schulen war verfassungsrechtlich schon gekippt – aber vor Ort wollten sie das nicht hinnehmen.Eckford kam am ersten Schultag allein zur Schule.Die Gruppe sollte eigentlich gemeinsam abgeholt und geschützt zur Schule gebracht werden. Durch ein Missverständnis verpasste Elizabeth Eckford die anderen und ging allein. Sie wurde von einem weißen Mob empfangen, von Menschen, die sie beschimpften, bedrohten, die offen Gewalt forderten. Und zugleich stand dort die Nationalgarde von Arkansas – nicht um sie zu schützen, sondern um ihr den Zugang zur Schule zu verwehren. Das ist eine unerhörte Szene: Eine amerikanische Staatsbürgerin, ein Kind, soll ein Recht wahrnehmen, das ihr zusteht, und der Staat stellt sich zunächst gegen sie.Der Präsident griff erst spät ein.Genau. Präsident Dwight D. Eisenhower zögerte lange, weil ein Eingriff des Bundes in die Angelegenheiten eines Bundesstaats in den Vereinigten Staaten immer heikel ist. Das ist bis heute so. Die Skepsis gegenüber dem Zentralstaat gehört zum amerikanischen Grundbestand. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem Washington handeln musste. Eisenhower schickte Soldaten, ausgerechnet Einheiten der 101. Luftlandedivision, also einer Einheit, die im Zweiten Weltkrieg in Europa gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatte. Nun schützte sie schwarze amerikanische Kinder vor ihren weißen Mitbürgern.Was sagt diese Episode über die Vereinigten Staaten?Sie zeigt mindestens drei Dinge. Erstens die unvollendete Integration der schwarzen Amerikanerinnen und Amerikaner, die nicht mit dem Bürgerkrieg beendet war und auch nicht mit der Bürgerrechtsbewegung einfach erledigt ist. Zweitens die Spannung zwischen Bundesstaat und Zentralstaat. Und drittens die Frage, wer eigentlich zu diesem „We the People“ gehört, auf das sich die Vereinigten Staaten seit ihrer Gründung berufen. Diese Frage ist nie abschließend beantwortet worden. Sie kehrt immer wieder zurück.Sie sprechen vom „American Creed“. Was meinen Sie damit?Der Begriff bezeichnet eine Grundüberzeugung davon, wie Politik und Gesellschaft funktionieren sollen. In Deutschland reden wir sehr abstrakt von Gesellschaft. In den Vereinigten Staaten spricht man eher von Community. Das ist nicht nur ein anderes Wort, sondern ein anderes Denken. Man fühlt sich der lokalen Gemeinschaft verpflichtet, der Stadt, der Nachbarschaft, dem Bundesstaat. Zugleich gibt es ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Zentralstaat. Das stammt aus der Kolonialzeit, aus der Erfahrung, von einer fernen Macht regiert zu werden. Daraus entsteht ein politisches Grundgefühl: Freiheit heißt auch, dass Washington einem nicht zu nahe kommt.Diese Skepsis gegenüber Washington kollidierte in Little Rock mit dem Anspruch gleicher Rechte.Ja, und gerade deshalb ist die Szene so stark. Der Gouverneur von Arkansas stellte sich faktisch gegen geltendes Verfassungsrecht. Der Präsident musste handeln, obwohl genau dieses Handeln vielen Amerikanern als Übergriff erschien. Man sieht daran: Die amerikanische Geschichte ist nicht einfach eine Geschichte stetigen Fortschritts. Sie ist eine Geschichte von Spannungen, Kompromissen, Rückschlägen und plötzlichen Entladungen.Eine zweite große Spannung betrifft die Erinnerung an die Gründung. In den Vereinigten Staaten wird 1776 gefeiert, zugleich verweisen viele auf 1619, das Jahr, in dem die ersten versklavten Afrikaner in Nordamerika ankamen. Was steht hinter diesem Streit?Es geht um die Frage, was und wen man feiert, wenn man die Vereinigten Staaten feiert. Das Jahr 1776 steht für Unabhängigkeit, für das Pathos der Erklärung, für Freiheit und Selbstregierung. Das Jahr 1619 erinnert daran, dass diese Republik auch auf der Arbeit versklavter Menschen aufgebaut wurde. Das „1619 Project“ der „New York Times“ hat diese Perspektive stark gemacht. Darauf gab es heftige politische Gegenreaktionen, besonders von konservativer Seite. Die „1776 Commission“ unter Donald Trump war der Versuch, dem eine patriotische Meistererzählung entgegenzustellen.Also ein Kampf um Geschichte.Ein regelrechter Geschichtskrieg. Und das ist nicht nebensächlich. Nationen erzählen sich durch Geschichte, wer sie sind. In den Vereinigten Staaten ist diese Erzählung besonders aufgeladen, weil das Land sich nicht über eine jahrhundertelange kulturelle Kontinuität definiert, sondern über ein politisches Versprechen. Wenn dieses Versprechen aber von Anfang an nur für manche galt, dann ist die Erinnerung daran politisch explosiv.Gehen wir an den Anfang zurück. Wer waren die Menschen, die aus Europa nach Nordamerika kamen?Sehr unterschiedliche Gruppen. Im Norden ließen sich viele nieder, die religiös unter Druck standen, gut ausgebildet waren und oft auch über gewisse ökonomische Mittel verfügten. Die später sogenannten Pilgrim Fathers sind in der Rückschau stark überhöht worden, aber sie stehen für einen Teil dieser frühen Siedlungsgeschichte. In Neuengland trafen die Siedler auf klimatische und landwirtschaftliche Bedingungen, die ihnen vertraut waren. Kleinere Farmen, lokale Selbstorganisation, frühe Städte, Druckereien, religiöse Gemeinden – daraus entsteht eine eigene Kultur.Und der Süden?Der Süden entwickelte sich anders. Dort entstanden früh große Plantagenwirtschaften, zunächst mit Tabak, später mit Zucker und Baumwolle. Diese Landwirtschaft war arbeitsintensiv. Arbeitskräfte waren knapp. Man griff zunächst auch auf vertraglich gebundene europäische Arbeitskräfte zurück, also Menschen, deren Überfahrt bezahlt wurde und die dafür über Jahre gebunden waren. Aber sehr früh setzte sich im Süden die Sklaverei als ökonomisch „rationales“ Modell durch – rational aus Sicht der Plantagenbesitzer, menschenverachtend aus Sicht der meisten anderen. Diese unterschiedliche ökonomische Entwicklung von Nord und Süd prägt die Vereinigten Staaten von Anfang an.Wann begannen die Kolonisten, sich nicht mehr nur als Briten zu fühlen?Das war ein Prozess. Viele verstanden sich zunächst durchaus als Briten, nur eben als Briten in den Kolonien. Der Konflikt verschärfte sich, als Großbritannien nach dem Siebenjährigen Krieg die Kolonien stärker besteuerte. Dieser Krieg war im Grunde ein Weltkrieg des 18. Jahrhunderts, ausgetragen auch in Übersee. Frankreich verlor große Teile seines nordamerikanischen Kolonialbesitzes, Großbritannien gewann – aber die britischen Kolonien zahlten mit. Mit Menschen, Material, Steuern. Und sie stellten immer stärker die Frage: Wenn wir zahlen und kämpfen, warum haben wir dann keine politische Repräsentation?Daraus wurde „No taxation without representation“.Richtig, und das war kein abstrakter Slogan, sondern eine sehr konkrete Forderung. In Großbritannien war politische Beteiligung zwar ebenfalls begrenzt, aber es gab Repräsentation. Die Kolonien hatten lokale Versammlungen, Petitionen, Formen der Selbstorganisation. Doch sie konnten in London nicht wirklich mitentscheiden. Aus dieser Erfahrung entstand zunächst keine fertige Nation, eher eine gemeinsame Leidens- und Interessengemeinschaft. Die Kolonien hatten sehr unterschiedliche Wirtschaftsweisen und Mentalitäten. Sie einte vor allem ein gemeinsames Problem.Wie wurde daraus die Unabhängigkeit?Durch eine Eskalation aus Steuern, wirtschaftlichen Maßnahmen, Protesten und Gewalt. Die Boston Tea Party ist das berühmteste Symbol, aber es gab viele Konflikte. Beim Boston Massacre starben Menschen durch die Kolonialmacht. Das radikalisierte die Situation. Dennoch war der Weg in die Unabhängigkeit keineswegs zwangsläufig. Es gab Loyalisten, Gemäßigte, Zögernde. Der Kontinentalkongress war mühsam. Viele wussten gar nicht, ob sie wirklich etwas völlig Neues wollten. Erst im Nachhinein entstand die große Erzählung einer Nation, die geschlossen auf ihre Freiheit zuging.George Washington wurde zur zentralen Figur dieses Kampfes. War er der große Sieger über die Briten?Natürlich war Washington wichtig, als militärischer Führer und später als Symbolfigur. Aber streng genommen haben die Amerikaner nicht einfach heroisch gesiegt; die Briten haben vielmehr strategisch verloren. Nachschubprobleme, falsche Entscheidungen, fehlende Anpassung an die Lage – all das spielte eine Rolle. Washington wurde im Nachhinein ideal erzählt, auch weil es starke Bilder gab, etwa die Überquerung des Delaware. Und weil er selbst schrieb, Briefe verfasste, in der Öffentlichkeit präsent war. Der Unabhängigkeitskrieg war auch ein Medienkrieg.Nach dem Sieg standen die Kolonien plötzlich vor der Frage: Was nun?Die Briten waren weg, aber ein fertiger Staat existierte nicht. Es dauerte Jahre, bis man sich auf eine Verfassung einigte. Diese Zeit ist entscheidend, weil sich dort die Grundspannung der Vereinigten Staaten institutionell verfestigte: ein hoher universalistischer Anspruch auf Freiheit und Gleichheit – und eine politische Wirklichkeit, die diesen Anspruch nicht einlösen konnte. Thomas Jefferson etwa schrieb große Sätze über Freiheit und besaß selbst Hunderte Sklaven. Man kann das Doppelmoral nennen. Man kann auch sagen: Die Vereinigten Staaten leben von Anfang an in einer Disharmonie, die sie nie ganz auflösen.Sie beziehen sich dabei auf den verstorbenen Politologen Samuel Huntington und sein Buch „American Politics: The Promise of Disharmony“.Huntington beobachtete, dass sich in den Vereinigten Staaten etwa alle zwei oder drei Generationen ein Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit zuspitzt. Er nennt das „creedal passion“. Irgendwann wird die Spannung so groß, dass sie sich entlädt: Menschen gehen auf die Straße, Institutionen werden herausgefordert, die Gesellschaft ruft sich selbst ihre Ideale in Erinnerung. Man sieht solche Momente in der Jefferson-Ära, dann um das Jahr 1900 herum, dann in den Sechzigerjahren – und möglicherweise heute wieder. Als Historiker bin ich vorsichtig mit Gesetzmäßigkeiten. Aber die Beobachtung ist klug.Leben die Vereinigten Staaten derzeit in einem solchen, nennen wir es Dampfkesselmoment?Ich glaube ja. Die Chronologie passt übrigens fast unheimlich gut, um 1900, in den Sechziger- und Siebzigerjahren, nun die 2020er-Jahre. Der entscheidende Unterschied ist allerdings: Frühere Konflikte waren hart, aber die Streitenden teilten oft noch eine gemeinsame Vorstellung davon, was Wahrheit ist, was Institutionen leisten sollen und warum die Verfassung gilt. Heute erleben wir, dass selbst offensichtliche Lügen viele Menschen nicht mehr wirklich aufrütteln oder dass sie die gemeinsame Faktenbasis nicht mehr akzeptieren. Das ist gefährlicher als ein gewöhnlicher ideologischer Konflikt.Welche Rolle spielt die Verfassung in dieser Krise?Die Verfassung sollte Spannungen ausbalancieren. Bundesstaaten und Bund, Präsident und Kongress, Supreme Court und politische Mehrheiten – alles ist auf Kontrolle und Gegengewicht angelegt. Diese Checks and Balances funktionieren aber nur, wenn die Beteiligten die Regeln anerkennen. Wenn ein Präsident sagt: Ein Urteil interessiert mich nicht, der Kongress ist mir lästig, die Institutionen hindern mich nur – dann wird es ernst. Institutionen sind keine Maschinen, die unabhängig von politischer Kultur funktionieren. Sie brauchen Menschen, die sie respektieren.Ist Donald Trump historisch einzigartig?In einzelnen Aspekten kann man Parallelen ziehen. Andrew Jackson kommt einem in den Sinn, auch wegen des Stils und des Konflikts mit den Institutionen. Trump selbst bezieht sich auf frühere Präsidenten, etwa William McKinley mit dessen Schutzzollpolitik. Vieles erinnert auch an Ronald Reagan, etwa die Rhetorik von Amerika als auserwählter Nation und die Hoffnung, über wirtschaftsliberale Politik alte Stärke wiederherzustellen. Aber Trump verbindet diese Elemente mit einer Missachtung institutioneller Grenzen, die in dieser Massivität neu ist.„America First“ klingt wie ein Rückzug aus der Welt. Zugleich waren die Vereinigten Staaten lange Weltpolizist. Ist das ein Widerspruch?Nicht unbedingt. Wenn ein Land glaubt, es habe Freiheit und Gleichheit in besonderer Weise verwirklicht, liegt ein missionarisches Denken nahe. Im 19. Jahrhundert richtete sich das zunächst auf den eigenen Kontinent: Frontier, Expansion nach Westen, Verdrängung und Vernichtung indigener Gesellschaften. Dann kamen Lateinamerika und die Monroe-Doktrin hinzu. Europa wollte man lange eher fernhalten. Erst im 20. Jahrhundert verband sich ökonomische und militärische Macht mit dem Anspruch, weltpolitisch Verantwortung zu tragen. „America First“ kann also isolationistisch klingen, passt aber zugleich in eine Tradition, in der Amerika seine Interessen als etwas Besonderes deutet.Sie sprechen von der Frage, wer dazugehört. Ist das der Kern des heutigen Konflikts?Ja. „We the People“ ist die amerikanische Formel schlechthin. Aber wer ist dieses Volk? Weiße Eigentümer? Alle Staatsbürger? Auch Einwanderer? Auch Menschen ohne Papiere, die seit Jahren im Land leben? Diese Frage zieht sich durch die ganze Geschichte: Sklaverei, Bürgerkrieg, Bürgerrechte, Migration. Heute wird sie wieder mit großer Härte gestellt. Die Debatte über „undocumented Americans“ ist nicht neu, aber sie hat unter Trump eine neue Aggressivität bekommen. Auffällig ist, dass nicht einmal Staatsbürgerschaft immer schützt. Wer anders aussieht oder eine andere Familiengeschichte hat, gerät schnell unter Verdacht.In Europa stellen sich ähnliche Fragen, aber anders.So ist es. Deutschland war lange eine Auswanderungsgesellschaft und ist spätestens seit dem 20. Jahrhundert auch eine Einwanderungsgesellschaft. Wir haben das lange nicht wirklich anerkannt. Gleichzeitig denken europäische Staaten stärker in Kategorien von Staat und Gesellschaft. In den USA ist die Individualität unmittelbarer mit dem nationalen Versprechen verbunden. Dort heißt es: Die Nation ist alles – und ich bin es auch. Wenn Menschen dann den Eindruck haben, nicht wahrgenommen zu werden, entsteht ein besonderer Frust.In Deutschland wird derzeit ebenfalls um Erinnerung gestritten. Sehen Sie Parallelen?In der Innenpolitik schon. Geschichte wird auch hier zunehmend als Steinbruch benutzt. Die Vorstellung eines homogenen „Wir“ wird behauptet, ohne historisch sauber definiert zu werden. Wenn man ernsthaft über Nation sprechen wollte, müsste man auch über Vielfalt sprechen, über Migration, über koloniale Vergangenheit, über die vielen Erinnerungen, die in einer heutigen Schulklasse nebeneinander existieren. Unsere Gesellschaft hat längst keine einzige kollektive Erinnerung mehr, sondern viele Erinnerungen – statt „kollektiv“ eine „Kollektion“, eine Sammlung, wenn Sie so wollen. Das müssen wir politisch und pädagogisch ernst nehmen.Kommen wir zurück zu den Vereinigten Staaten. Warum wurden sie eigentlich zur größten Wirtschaftsmacht der Welt?Mehrere Faktoren kamen zusammen. Nordamerika war ein Experimentier- und Expansionsraum, den europäische Siedler brutal nutzten – auf Kosten der indigenen Bevölkerung und auf der Grundlage versklavter Arbeit. Daraus entstand zunächst eine agrarische Großmacht. Auch und gerade weil die Gründergenerationen dem Manufaktursystem und den großen Handelsgesell­schaften, die sie ja noch aus der Kolonialzeit kannten, profund misstrauten. Später kamen Industrialisierung, Ressourcen, Binnenmarkt, Unternehmertum und schließlich auch staatlich-private Kooperation und große Kapitalgesellschaften hinzu. Interessant ist, dass die Amerikaner Zentralinstitutionen lange misstrauisch betrachteten. Ein stabiles Zentralbanksystem entstand vergleichsweise spät. Aber als Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatwirtschaft funktionierte, etwa im New Deal, wurde sie sehr mächtig.Europa hat solche Modelle nur begrenzt kopieren können.Weil Europa stärker durch Nationalstaaten geprägt ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es durchaus Versuche, transnationale wirtschaftliche Räume zu organisieren. Aber die Nationalstaaten wollten Kontrolle behalten. In den USA gibt es trotz aller Unterschiede zwischen den Bundesstaaten eine starke nationale Ideologie. Große amerikanische Unternehmen verstehen sich auch als amerikanisch. Das kann problematisch sein, aber es schafft Zusammenhalt und Handlungsfähigkeit.Ist die amerikanische Demokratie heute in existenzieller Gefahr?Ich bin vorsichtig mit endgültigen Urteilen. Amerika hat historisch sehr viel ausgehalten: enorme Konflikte, schlechte Präsidenten, Bürgerkrieg, massive soziale Spannungen. Man sollte die Widerstandskräfte der amerikanischen Gesellschaft nicht unterschätzen. Aber die Lage ist ernster als in Trumps erster Amtszeit. Damals konnte man vieles noch als Lärm, als Provokation, als politische Zumutung betrachten. Heute werden Institutionen systematisch ausgehöhlt, Bürokratien geschwächt, Regeln offen missachtet. Das verändert die Qualität.Wo läge der Kipppunkt?Politisch ist aus meiner Sicht schon viel überschritten. Ob das System irreversibel kippt, ist eine andere Frage. Ein dramatischer Moment wäre natürlich, wenn ein Präsident nach Ablauf seiner Amtszeit nicht gehen wollte. Aber Demokratie erodiert oft vorher: wenn Gerichte delegitimiert werden, wenn Behörden nicht mehr funktionieren, wenn Parlamente umgangen werden, wenn politische Gewalt normalisiert wird. Gleichzeitig entstehen Gegenkräfte. Man sieht eine enorme Politisierung auch auf der anderen Seite: Proteste, lokale Initiativen, Bundesstaaten, die sich wehren, Menschen, die vorher unpolitisch waren und nun Stellung beziehen.Vertrauen Sie auf diese Gegenkräfte?Ich halte sie für real. Die Politik der Vereinigten Staaten findet seit dem Jahr 1776 nicht nur in Washington statt, sondern sehr stark in den Bundesstaaten und Gemeinden. Wenn dort Widerstandskräfte wachsen, kann das bedeutsam werden. Man merkt ja, dass nicht alle konservativen Milieus völlig geschlossen hinter Trump stehen. Loyalitäten bröckeln. Aber ob das ausreicht, weiß ich nicht.Nehmen die Amerikaner Ratschläge von außen an?Als Historiker erlebe ich die amerikanische Geschichtsschreibung nicht immer als sehr offen für externe Perspektiven. Bei konkreten Menschen ist das anders. Viele Amerikanerinnen und Amerikaner sind sehr interessiert und selbstkritisch. Aber der Patriotismus ist tief verankert, viel stärker als in Deutschland. Schon in der Schule lernen viele eine sehr klare nationale Erzählung. Selbst wer kritisch wird, wächst mit dem Gefühl auf, dass Amerika einen besonderen Beitrag zur Weltgeschichte geleistet hat.Hat es das nicht?Doch, natürlich. Die Vereinigten Staaten haben die moderne Demokratie nicht allein erfunden, aber sie haben ein Modell geschaffen, das weltgeschichtlich enorm wirksam wurde: Verfassung, Rechte, Repräsentation, institutionelle Kontrolle. Gerade deshalb ist die gegenwärtige Krise so ernst. Wenn ein Land, das sich so stark über seine Verfassung definiert, den Respekt vor dieser Verfassung verliert, betrifft das nicht nur Amerika.Wenn Trump nach zwei Amtszeiten geht: Bricht seine Bewegung dann zusammen?In der ersten Amtszeit hätte ich eher gesagt, dass das eine Episode ist, mit Nachwirkungen, aber beherrschbar. Heute bin ich skeptischer. Es gibt inzwischen einen Apparat, ein Umfeld, eine nächste Reihe von Politikern, die dieses Erbe übernehmen könnten – vielleicht weniger chaotisch, vielleicht sogar effizienter. Das macht mir Sorgen. Mein Optimismus schwindet, ehrlich gesagt, von Woche zu Woche.Das ist ein düsterer Schluss.Ich weiß. Aber man sollte nicht vergessen: Amerika hat in seiner Geschichte schon sehr schwere Krisen ausgehalten. Es besitzt enorme demokratische Energien, lokale Selbstorganisation, Protesttraditionen, institutionelle Erinnerungen. Ob das reicht, kann niemand sicher sagen. Aber die amerikanische Geschichte ist nicht nur die Geschichte ihrer Brüche. Sie ist auch die Geschichte ihrer Fähigkeit, sich an das eigene Versprechen erinnern zu lassen – manchmal spät, manchmal unter Schmerzen, aber immer wieder.