Wären die Gründerväter am 250. Geburtstag stolz auf ihre Vereinigten Staaten? Nur ein knappes Fünftel der Amerikaner glaubt das. Die Männer, die in der Unabhängigkeitserklärung das unveräußerliche Menschenrecht auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück verankerten, wären vielmehr „enttäuscht zu sehen, was aus den USA geworden ist“. Selbst unter den Republikaner-Anhängern sieht das, so die Gallup-Erhebung, in der zweiten Trump-Präsidentschaft nur jeder Vierte anders.Vielleicht waren die Amerikaner noch nie so pessimistisch. Doch die Gründerväter wären wohl in vielen Momenten der Geschichte mindestens so erschrocken gewesen. Vergeblich hatten sie zu verhindern versucht, dass sich Parteien bilden. Bei denen handelte es sich beinah zwei Jahrhunderte lang zwar eher um heterogene Wahlvereine als um ideologisch getriebene Kampfverbände. Doch die Vision einer Republik, in der weise (und weiße) „Aristokraten“ mit Bedacht und Ausgleich das Gemeinwohl förderten, zerbröselte spätestens in der populistischen Aufwallung, die 1829 Andrew Jackson ins Weiße Haus trug. Das Zeitalter des „einfachen Mannes“ war angebrochen. So war das nicht gedacht gewesen!Richter auf Lebenszeit schwingen sich zum politischen Akteur aufDie Verwerfungen, die aus dem Widerspruch zwischen der 1776 postulierten Gleichheit aller Menschen und dem faulen Kompromiss zur Sklaverei erwuchsen, gipfelten 1861 im Bürgerkrieg. Auch der Machtzuwachs des zunehmend „imperialen“ Präsidenten im Zuge von Sozialstaatsaufbau und Kriegsführung im 20. Jahrhundert war nicht im Sinne der Republik-Erfinder.Die seit den Sechzigerjahren immer weiter zugespitzte, von interessierten Kräften geschürte Polarisierung der Gesellschaft brachte schließlich das Institutionengefüge aus dem Lot: Ein wegen Unfähigkeit zum Kompromiss gelähmtes System bot den auf Lebenszeit ernannten Obersten Richtern die Chance, mächtige politische Akteure zu werden. Und der Kongress, eigentlich der Gigant der Gewalten, verzwergte sich unter Trump zum Wohle eines autokratisch geneigten Präsidenten.Hauptsache, eine rote Kappe: Im Weißen Haus ist eine Gedenkmütze für den 250. Geburtstag der USA ausgestellt.ReutersDennoch wäre es verwegen, die „älteste Demokratie der Welt“ für gescheitert zu erklären. Die Gründerväter haben den Glauben an die Freiheit des Individuums in der DNA des Landes verankert – und in großen Teilen der Welt. Das Wahlrecht für Frauen und, unter größten Schmerzen, für Afroamerikaner folgte dem Auftrag der ältesten gültigen Verfassung der Welt, eine „immer vollkommenere Union“ zu schaffen.Das System einander kontrollierender und miteinander verschränkter Gewalten bot über die Stürme der Jahrhunderte hinweg guten Schutz vor Machtanmaßungen. Amerika ist wegen seines Stammeskriegs der politischen Lager zwar heute in denkbar schlechter Verfassung – aber auf seine Verfassung von 1787 kann es weiterhin bauen. Beide Lager berufen sich mit Inbrunst auf die heiligen Schriften der amerikanischen Zivilreligion.Deutsche, guckt auch mal in den Spiegel!Dieser seit Jahr und Tag pompös inszenierte Glaube an die eigene Größe, Besonderheit oder sogar Auserwähltheit ist wohl der Hauptgrund dafür, dass die amerikanische Demokratie neben Bewunderung hierzulande immer schon viel Kritik erfuhr. In der Tat lässt sich über das politische System streiten: über den Polarisierungssog durch das Mehrheitswahlrecht, die Vorwahlen und einen offen parteipolitisch motivierten Wahlkreiszuschnitt; über den überproportionalen Einfluss des ländlichen Amerikas im Senat und, abgeschwächt, im Wahlleute-Gremium zur Präsidentenwahl; über die Direktwahl sogar von Staatsanwälten und Polizeichefs oder auch die Flutung aller Wahlkämpfe mit Geld. Dazu kommen Werte-Kontroversen von Todesstrafe, Waffenrecht oder Abtreibung über eine zügellos wirkende Meinungsfreiheit bis zu militärischem Interventionismus.Gerade in unserem Land, für dessen Freiheit junge Amerikaner Blut vergossen haben, kommt derlei Kritik allzu oft ohne prüfenden Blick in den Spiegel aus. Erfüllt die Kandidatenaufstellung deutscher Parteien, die permanente Reform unseres Wahlrechts oder die Besetzung wichtiger Ämter immer die höchsten Maßstäbe demokratischer Teilhabe und Transparenz? Ist die aus unseren historischen Erfahrungen erwachsene Fünfprozenthürde aus sich heraus demokratischer als das „Electoral College“, das Amerikas Größe und Besiedlungsstruktur Rechnung trägt?Hilft Freud, unsere Hassliebe zur US-Demokratie zu verstehen?Besitzt per se das Land mehr demokratische Reife, das heikle Symbole verbietet und manche Parteien von einer Bundesbehörde beobachten lässt, als das Land, das dem Wähler das Urteil überlässt? Sollte man in einem Staat, der Kirchensteuer eintreibt, auf die Wirkmacht religiöser Überzeugungen in der US-Politik herabsehen? Wie glaubwürdig ist die Kritik am Datenhunger amerikanischer Geheimdienste, wenn das eigene Land auf deren Informationen angewiesen ist? Und was ist schlimmer: dass Elon Musk seinen Sohn X Æ A-Xii nennen durfte oder dass in Deutschland der Staat bei der Namensgebung mitredet?Solche deutsch-amerikanischen Dauerdispute hatte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck im Kopf, als er 2015 in Philadelphia erst die Freiheitsglocke besuchte und dann die deutsche Amerika-Skepsis mit Sigmund Freuds Theorie vom „Narzissmus der kleinen Differenzen“ erklärte: Ansonsten ähnliche Völker rieben sich angesichts verbleibender Unterschiede aneinander, was eine „bequeme und relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung“ sei. Nur elf Jahre später, 250 Jahre nach dem Läuten der Freiheitsglocke, wirkt das Reden von „kleinen Differenzen“ einerseits wie aus der Zeit gefallen.Andererseits drohen auch in Deutschland und anderen westlichen Staaten demokratische Fundamente ins Wanken zu geraten. Eine Rückbesinnung auf unsere freiheitlichen Werte tut not. Die zur Trump-Show mutierte Geburtstagsfeier dürfte die Amerikaner nicht aus ihrer Depression befreien. Doch ihr Moment wird kommen. Die Verfassung dafür haben sie.