250 Jahre USA: Mit der Unabhängigkeitserklärung wagten die Gründerväter Amerikas ein grosses ExperimentFreiheit und Gerechtigkeit oder Zufall und Gewalt? Das ist die Frage, die hinter der Gründung der USA steht. Sie ist heute so drängend wie 1776, als die «Founding Fathers» das Fundament für Amerikas Zukunft schufen.Ronald D. Gerste03.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDurch Überlegung und freie Entscheidung eine gute Regierungsform schaffen: Die Freiheitsstatue wird im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der USA in den Farben der amerikanischen Flagge beleuchtet.Eduardo Munoz / ReutersObwohl an diesem Morgen die Kollegen wieder einmal sein wichtigstes Schriftstück diskutierten und zu seinem Verdruss auch abänderten, fand Thomas Jefferson Zeit und Musse, wie jeden Tag die Daten in sein ganz spezielles Tagebuch einzutragen. Gegen sechs Uhr morgens, schrieb der Pflanzer und Jurist aus Virginia und Besitzer zahlreicher Thermometer, sei es 68 Grad (Fahrenheit) warm gewesen, gegen neun Uhr sei die Temperatur auf 72 Grad gestiegen. Die sonst übliche Eintragung am Nachmittag fehlt. Zu gross dürfte für Jefferson die Ablenkung gewesen sein. Vermutlich war er mit seinem frisch genehmigten Text auf dem Weg zu Mr. John Dunlap, dem offiziellen Drucker des Kongresses.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach der Abstimmung zwei Tage zuvor mit zwölf Ja-Stimmen bei Enthaltung der Delegierten aus New York (die auf Ermächtigung durch ihre heimische Administration warteten) war um die Mittagszeit das Dokument, das Jefferson als federführender Autor eines Komitees, dem ausser ihm noch Benjamin Franklin, John Adams, Robert Livingston und Roger Sherman angehörten, verfasst hatte, einstimmig ratifiziert worden. Genannt wurde es «Declaration of Independence». Es war, wie Jefferson in seinem «Meteorological Diary» notierte, ein überwiegend sonniger Tag: Donnerstag, der 4. Juli 1776.Ob alle 56 Delegierten der bisherigen 13 britischen Kolonien wirklich noch am gleichen Tag die heute in den National Archives in Washington in einem hermetisch verschlossenen, mit inertem Argongas gefüllten Titangehäuse aufbewahrte Unabhängigkeitserklärung direkt unterschrieben haben, ist umstritten. Wahrscheinlich hat sich immerhin eine Mehrheit dem Kongresspräsidenten John Hancock aus Massachusetts angeschlossen, der an jenem 4. Juli seine Signatur so gross setzte, dass, wie der von den Briten als «Schmuggler» bezeichnete Bostoner Geschäftsmann sagte, König Georg III. von England sie auch ohne Brille würde lesen können.John Trumbulls Gemälde «Die Unabhängigkeitserklärung» zeigt das Redaktionskomitee der Unabhängigkeitserklärung, wie es dem Kongress sein Werk vorlegt.United States CapitolDer Mitunterzeichner und spätere zweite Präsident der USA, John Adams, prophezeite am Vorabend in einem Brief an seine Frau Abigail, dass nachfolgende Generationen den Tag mit «Prunk und Festzug, mit Vorführungen, Spielen, Sport, Kanonenschüssen, Glockengeläut, Freudenfeuern und Lichterketten» feiern würden. Er hatte indes den 2. Juli als künftigen Nationalfeiertag im Sinn.Weisse MännerRestlos daneben lag Adams zumindest mit Blick auf dieses Jahr nicht. Der 250. Geburtstag der USA ist ein zu grosses Ereignis, als dass man die Feierlichkeiten – die im Prinzip bereits im April mit dem Besuch von König Charles III. als Repräsentanten der im sich über acht Jahre hinziehenden Unabhängigkeitskrieg unterlegenen Seite begonnen haben – auf einen einzelnen Tag beschränken könnte. Zu der nationalen Festtagsstimmung scheint es zu passen, dass sich die veröffentlichte Meinung weniger, als es noch vor wenigen Jahren zu erwarten gewesen wäre, an der Tatsache stört, dass alle 56 Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung weisse Männer waren.Die historischen Konsequenzen ihrer Tat, die nur rudimentär «vereinigten» bisherigen Kolonien mit einem ideologischen Grundgerüst auszustatten – darunter sowohl das Recht, sich gegen eine als tyrannisch empfundene Regierung zu erheben, als auch die «inalienable rights» auf «Leben, Freiheit und das Streben nach Glück» –, das letztlich auf den Weg zur Weltmacht führte, sind unzweifelhaft.Das schliesst nicht aus, die Gründerväter als Menschen wahrzunehmen: mit menschlichen Mängeln und Schwächen, zu denen vor allem die Tatsache gehört, dass zahlreiche Verkünder dieser auch in späteren Dokumenten (Bill of Rights, US Constitution) verbrieften Freiheitsrechte Sklaven besassen – in der Diktion der meist in der Academia residierenden Gralshüter hiess es in politisch korrekter Sprache: «enslaved people».Der Begriff «Founding Fathers», der sich erst im frühen 20. Jahrhundert und ausgerechnet aufgrund von Bemerkungen des wenig respektierten Präsidenten Warren Harding (1921–1923) etablierte, ist nicht eindeutig definiert. Neben den Unterzeichnern des Zweiten Kontinentalkongresses können auch die Teilnehmer der verfassunggebenden Versammlung in Philadelphia 1787 als solche gelten.Washingtons MachtverzichtEinige Historiker sehen als Gründerväter einen wesentlich engeren Kreis. Sie beschränken ihn ausser auf Jefferson, Franklin und Adams auf Alexander Hamilton, den Begründer des amerikanischen Finanzsystems und Hauptautor der «Federalist Papers», die die Ratifizierung der Verfassung propagieren. Dazu auf James Madison als treibende Kraft hinter dieser Verfassung (und späteren Präsidenten), den Juristen und Diplomaten John Jay sowie vor allem George Washington.Washington nahm nicht am Zweiten Kontinentalkongress und somit an der Genese der Unabhängigkeitserklärung teil, da er zu diesem Zeitpunkt seit fast einem Jahr die noch weitgehend amateurhafte Armee der revoltierenden Kolonien vor Boston und dann in beziehungsweise bei New York gegen die als erdrückend wahrgenommene britische Militärmacht befehligte.Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776.PDEr war wie kein anderer seiner Landsleute dafür verantwortlich, dass die Amerikaner den Krieg, letztlich dank dem Bündnis mit Frankreich, nicht nur überlebten, sondern gar als Sieger aus ihm hervorgingen. Wäre es anders ausgegangen, hätte die britische Regierung zweifellos alles darangesetzt, die heute als Founding Fathers bekannten Personen als Hochverräter hinzurichten.Es ist indes Washingtons bemerkenswerte Neigung zu Machtverzicht, die ihm noch zu Lebzeiten die Bezeichnung «father of his country» eintrug: Nachdem er als siegreicher General 1783 unmittelbar mit Ende des Unabhängigkeitskrieges ohne zu zögern sein Amt vor der zivilen Autorität, dem damals in Annapolis tagenden Kongress, niederlegte, ist es seine Selbstlimitierung als (erster) Präsident, die bis heute nachwirkt.SklavenhalterTrotz dem Drängen zahlreicher Seiten stand er nach zwei Amtszeiten nicht mehr zur Verfügung. Er gab damit ein Beispiel, dem bis auf einen alle Nachfolger folgten. Es ist nicht, wie seine Gegner vielfach insinuieren, Präsident Donald Trump, der nach einer dritten Amtszeit strebt – der einzige Abweichler von George Washingtons Maxime war ein Demokrat, Franklin Delano Roosevelt, der sich viermal ins höchste Amt wählen liess. Selbst viele seiner Parteifreunde stimmten danach für den 1951 in Kraft getretenen 22. Verfassungszusatz, der maximal zwei «terms» für einen Präsidenten festschreibt.Wie weit man den Kreis der Founding Fathers auch ziehen mag, ihre Wahrnehmung hat sich im Laufe der Zeit naturgemäss gewandelt, durch Historiker wohl mehr als durch die breite amerikanische Bevölkerung. Es handelte sich um Vertreter einer besitzenden Elite, mit wenigen Ausnahmen: Hamilton war als unehelich Geborener und Migrant aus der Karibik ein Exot in diesem Kreis und vielfach sozialer Diskriminierung und verletzendem Spott ausgesetzt.Deshalb hat man vor allem seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Rolle von unterprivilegierten Persönlichkeiten und ihre Beiträge zur Amerikanischen Revolution verstärkt erforscht. So werden Frauen der Epoche wie Abigail Adams und die Schriftstellerin Mercy Otis Warren prononcierter wahrgenommen; die Rolle afroamerikanischer Teilnehmer wird von sogenannten inklusiven Historikern und «equity-focused historical research» herausgestellt. Das «Paradoxon der Sklaverei» hat die museale Didaktik in den «presidential homes», unter anderem von George Washington (Mount Vernon), Thomas Jefferson (Monticello) und James Madison (Montpelier), nicht nur erweitert, sondern zeitweise dominiert.Institutionen wie der American Battlefield Trust, der sich für die Erhaltung der Schauplätze des Unabhängigkeitskrieges einsetzt, formulieren es etwas milder: «Zwar schufen die Gründerväter eine Regierungsform, die in der damaligen Welt ihresgleichen suchte, doch waren sie keineswegs perfekte Menschen. Fast die Hälfte von ihnen waren Sklavenhalter, und alle profitierten vom System der Sklaverei in den Vereinigten Staaten. Die von ihnen gegründete Nation stellte sicher, dass die Rechte weisser, vermögender Männer geschützt wurden, doch es sollte fast 200 Jahre dauern, bis allen Amerikanern derselbe Schutz gewährt wurde.»Ein Jein aus DelawareBemerkenswerterweise hat die Populärkultur der «whiteness» der Founding Fathers einiges an Schärfe genommen. Nachdem Lin-Manuel Mirandas Erfolgsmusical «Hamilton» je nach Ensemble unterschiedliche Persönlichkeiten der Epoche durch afroamerikanische Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Angehörige anderer ethnischer Minderheiten porträtiert hatte, waren jüngst im ehrwürdigen Ford’s Theater in Washington im Musical «1776» unter Beifall von Publikum und Kritik eine Reihe von Gründervätern «of color» sowie eine schwarze Martha Jefferson zu sehen.Im heutigen Kontext scheint eine weitere Beobachtung wichtig: Die Gründerväter waren kein ideologisch und politisch homogener Block. Dissens, oft durch persönliche Beleidigungen gewürzt, war auch diesen Gentlemen nicht fremd. Noch drei Tage vor dem «Glorious Fourth» war die Mehrheit der Delegationen von Pennsylvania und South Carolina gegen die Unabhängigkeit, die Delegation aus Delaware war gespalten.Heute wird die Polarisierung in der amerikanischen Politik beklagt. Der Blick zurück auf die frühen Jahre der Republik unter den Präsidentschaften der Founding Fathers Washington, Adams und Jefferson zeigt vielfach weitaus hitzigere Debatten als in der Gegenwart, mit Beleidigungen und persönlichen Anfeindungen, die in einem Fall zu einer ultimativen Konfrontation führten: Dass ein amtierender Vizepräsident (Aaron Burr) einen ehemaligen Finanzminister (Alexander Hamilton) erschiesst – dies zumindest ist 2026 undenkbar.Es war Hamilton, der vielleicht schillerndste der Gründerväter, der im ersten «Federalist Paper» erklärte, das amerikanische Experiment sollte «die wichtige Frage klären, ob menschliche Gesellschaften tatsächlich in der Lage sind, durch Überlegung und freie Entscheidung eine gute Regierungsform zu schaffen, oder ob sie für immer dazu verdammt sind, ihre politischen Verfassungen dem Zufall und der Gewalt zu überlassen.» Es bleibt auch 250 Jahre nach jenem warmen Sommertag in Philadelphia eine Herausforderung, überall.Passend zum Artikel