Schluss mit «monarchischer Tyrannei»: Wie die USA vor 250 Jahren ihre Unabhängigkeit erklärtenAm 4. Juli 1776 sagten sich die Kolonien in Nordamerika von der britischen Kolonialmacht los. So etwas hatte es bisher nicht gegeben – auf der ganzen Welt wirkte die amerikanische Revolution wie ein Paukenschlag.Ute Frevert07.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Mitglieder eines Ausschusses präsentieren dem Kongress ihren Entwurf der Unabhängigkeitserklärung, wie sich das der Maler John Trumbull 1819 vorstellte.United States Capitol; PDWas für ein Jahr! 1776 erschien in London das bahnbrechende Buch «Der Wohlstand der Nationen» des Ökonomen Adam Smith. Man nennt es heute die Bibel des Kapitalismus, jener Wirtschaftsform, die damals gerade in ihr industrielles Stadium trat. Denn im sel­ben Jahr wurde die erste funktionierende Wattsche Dampfmaschine in Betrieb genommen, in der Eisenhütte des Erfinders und Unternehmers John Wilkinson in Lancashire.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber Grossbritannien setzte sich 1776 nicht nur, theoretisch wie praktisch, an die Spitze der Industriellen Revolution. Es führte auch Krieg, um eine andere Revolution zu unterdrücken: den Aufstand seiner amerikanischen Kolonien gegen das Mut­ter­land. Am 4. Juli jenes Jahres erklärten sie sich für unabhängig und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika.Zwar dauerte der Krieg mit den Briten noch bis 1783. Und seine Verfassung erhielt der neue Staat erst 1787. Und doch wirkte die Amerikanische Revolution wie ein Paukenschlag: Nie zuvor hatte sich eine Kolonie von einer Kolonialmacht los­ge­sagt. Zudem war die Unabhängigkeitserklärung das erste Dokument, in dem von allgemeinen Menschenrechten die Rede war. Beides inspirierte Freiheitsbewegungen in aller Welt.In Grossbritannien nahm man diesen Paukenschlag allerdings nicht als solchen wahr. Die Öf­fent­lich­keit beschäftigte sich mit anderem, etwa dem Prozess gegen die adlige Gesellschaftsdame Elizabeth Chudleigh; sie war der Bigamie angeklagt und hielt das Land monatelang in Atem. Was sich auf der anderen Seite des Atlantiks abspielte, schien tagespolitisch weniger interessant. Hinzu kam, dass sich die Auseinandersetzungen mit den amerikanischen Kolonien bereits län­ge­re Zeit hingezogen hatten. Die Spannungen reichten bis in die 1760er Jahre zurück, und auch militärische Zusammenstösse zwischen Kolonisten und britischen Soldaten waren nichts Neues. Dass sie sich zu einem mehrjährigen Krieg ausweiten würden, sah in London niemand voraus. Noch unwahrscheinlicher war aus britischer Sicht, dass das Empire diesen Krieg verlieren und die einstigen Kolonien zu einer mächtigen staatlich verfassten Nation zusammenwachsen würden.Wer zahlt, soll mitredenTatsächlich hatten sich die dreizehn britischen Siedlerkolonien an der nordamerikanischen Ostküste bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts kaum umeinander gekümmert. Jede war politisch und ökonomisch direkt aufs Mutterland ausgerichtet. Als Agrarwirtschaften angelegt, durften die Kolonien Baumwolle, Zucker und Tabak ausschliesslich nach Grossbritannien exportieren. Fertigprodukte wie Eisen oder Kleider mussten sie von dort einführen, Eigenproduktion war verboten.Mit zunehmendem Wohlstand und wachsender Bevölkerung aber regte sich Widerstand gegen solche Beschränkungen. Als das Londoner Parlament den Kolonisten dann auch noch weitere Steuern und Zölle aufbürdete, war das Mass voll. Seit Be­ginn der 1770er Jahre häuften sich gewaltsame Kollisionen; 1773 organisierten Siedleraktivisten die bald berühmte «Boston Tea Party», bei der sie 90 000 Pfund importierten Tee aus Protest gegen die Einfuhrzölle ins Hafenbecken schütteten. London reagierte mit neuen Zwangsmassnahmen.Die berühmte «Boston Tea Party»: Aus Protest gegen die Einfuhrzölle schütteten Siedler 1773 importierten Tee ins Hafenbecken(Lithografie von Nathaniel Currier, 1846).Sprin§gfield Museums; PDWährend der Konflikt eskalierte, veränderte sich die Haltung der Kolonisten. Noch 1754, als sich ihre Abgesandten erstmals über eine engere Zusammenarbeit verständigen wollten, hatten die strittigen Punkte überwogen. Der Zeitungsverleger Benjamin Franklin hatte den Plan für eine politische Union der Kolonien vorgelegt, doch er wurde von keinem der Kolonialparlamente ratifiziert. Manchen gingen die Vereinigungsbestrebungen zu weit, anderen nicht weit genug. Eine Abspaltung vom Mutterland kam für die meisten nicht infrage. Auch in dem bis 1763 andauernden Krieg mit Frankreich, das Gebiete im Norden, Süden und Westen für sich beanspruchte, standen die Kolonien fest an der Seite Grossbritanniens.Erst die Steuer- und Zollpolitik des Mutterlands liess die Allianz schliesslich bröckeln. Es ging bei Protesten wie in Boston auch um ein grundlegendes politisches Prinzip. Mit der Parole «No taxation without representation» beriefen sich die Kolonisten auf den britischen Parlamentarismus: Wer Steuern zahlt, soll eine Mitsprache in jenem Gremium haben, das über die Erhebung dieser Steuern bestimmt. Das aber war hier nicht der Fall, denn die Kolonien waren im Parlament in London nicht vertreten.Hätte sich das Mutterland darauf eingelassen, sein Verfassungsprinzip auch auf die Kolonien auszudehnen, wäre die Sache wohl anders ausgegangen. Denn nach wie vor fühlten sich viele Bürger ihrem Herkunftsland – die meisten kamen von den Britischen Inseln – eng verbunden.«Selbstverständliche Wahrheiten»Als 1774 die Delegierten von zwölf Kolonialparlamenten zum ersten Kontinentalkongress zu­sam­men­ka­men, beschlossen sie nur den Boykott britischer Waren; von Unabhängigkeit war nicht die Rede. Doch Grossbritannien lenkte nicht ein, weshalb der Kontinentalkongress, als er ab 1775 erneut in Philadelphia tagte, beschloss, zu den ­Waf­fen zu greifen, eine Armee aufzustellen und eine eigene Währung, den Dollar, einzuführen. Am 4. Juli 1776 erklärten sich die Kolonien für unabhängig. Hauptautor der «Declaration of Independence» war Thomas Jefferson, ein Anwalt und Plantagenbesitzer aus Virginia. Er machte wiederum Anleihen bei Thomas Paine, einem gerade erst aus England eingewanderten Zoll­be­am­ten, der sich nun als Journalist versuchte.Einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und von 1801 bis 1809 deren dritter Präsident: Thomas Jefferson. (Rembrandt Peale, 1800)The White House; PDPaine hatte Anfang Jahr eine Flugschrift mit dem Titel «Common Sense» (Gesunder Menschenverstand) veröffentlicht – ein Renner, denn sie zirkulierte in kürzester Zeit in einer halben Million Exemplaren unter einer Siedlerbevölkerung von 2,7 Millionen. Den «Bewohnern Amerikas» legte sie dar, warum sie eine eigene Republik bilden sollten. Jenen, die nach wie vor auf eine Versöhnung mit London setzten, führte Paine die Fehler der englischen Verfassung vor Augen (zu viel Macht für Monarchie und Oberhaus) und warnte davor, in die Machtkämpfe in Euro­pa verstrickt zu werden. Amerika sei nicht an Krieg interessiert, sondern am Handel, der ihm Frieden und die Freundschaft aller europäischen Staaten sichere.Jeffersons Erklärung, die er mit einem Vor­bereitungskomitee absprach und anschliessend dem Kongress vorlegte, griff Paines Argumente auf, vor allem im zweiten Teil, der die Übergriffe der britischen Krone («abuses and usurpations») aufzählte. Dagegen setzte die Präambel ein Bekenntnis zu den «selbstverständlichen Wahrheiten», dass alle Menschen «als Gleiche erschaffen» worden seien und dass sie ihr Schöpfer mit «unveräusserlichen Rechten» ausgestattet habe; dazu gehöre das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf das «Streben nach Glück». Aufgabe einer Regierung sei es, diese Rechte zu sichern; sie sei dafür auf die Zustimmung der Regierten angewiesen. Komme sie dieser Verpflichtung nicht nach, könne sie abgewählt werden. Eben das treffe auf die Londoner Regierung zu, weshalb sich die Vereinigten Staaten von Amerika, wie der dritte Teil ausführte, von ihren Treuepflichten lossagten.Nachahmer rund um den GlobusDamit war die Unabhängigkeit zwar erklärt, aber noch nicht erreicht: Der Krieg ging weiter. Grossbritannien schickte immer mehr Soldaten in die aufrührerischen Provinzen; dabei rekrutierte es auch etwa 30 000 Söldner in den deutschen Staaten. Die amerikanische Armee, von George Washington befehligt, bestand anfangs nur aus 15 000 schlecht ausgerüsteten und ausgebildeten Milizionären. Erst als Frankreich, Spanien und die Niederlande ihr mit eigenen Truppen beisprangen, gelang es, die britische Übermacht zu besiegen. Im Frieden von Paris 1783 erkannte Grossbritannien die Unabhängigkeit der USA an.Mehr als vierzig Jahre später nannte Thomas Jefferson – 1801 der dritte Präsident der USA geworden – die Unabhängigkeitserklärung ein «Instrument», das das Schicksal des Landes und der Welt massgeblich beeinflusst habe. Er erinnerte an den Tag, an dem sich der Kontinentalkongress «zwischen Unterwerfung und Schwert» entscheiden musste. Und er hoffte, dass die Menschen auch anderswo diese Entscheidung als Signal verstehen würden, die Ketten der Unwissenheit und des Aberglaubens zu zerbrechen und die «Segnungen und Sicherheit der Selbstregierung» anzunehmen. Etwa zwanzig Staaten hatten das damals bereits getan, vor allem in Lateinamerika, und sich von ihren spanischen oder portugiesischen Kolonialherren losgesagt, oft un­ter direkter Übernahme oder Anverwandlung des Texts aus Philadelphia. Viele weitere folgten.Auch die Betonung der Menschenrechte fand Nachahmung, am energischsten 1789 in der Französischen Revolution und 1948 in der Uno. Allerdings fehlten oft Kraft und Wille zur Umsetzung. Selbst in ihrem Ursprungsland dauerte es lange, bis sich neben weissen Männern auch Frau­en, Schwarze und Indigene die Bürgerrechte erkämpfen konnten, die die Unabhängigkeitserklärung allen Menschen gleichermassen zuerkannte.Bis heute aber blieb das Versprechen auf «life, liberty and the pursuit of happiness» lebendig und zieht Einwanderer aus aller Welt an. Und die selbst­bewusste Absage an das, was Thomas Paine «mo­nar­chi­sche Tyrannei» genannt hatte, hallt in der Parole «No Kings!» wider, mit der in unseren Tagen Millionen amerikanischer Bürger gegen die zunehmend autokratische Regierung ihres Präsidenten protestieren.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel