NSDAP-Datenbank: warum die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit jetzt durch private Verlage stattfindetNeue Datenbanken der «Zeit», des «Spiegels» und der «Süddeutschen Zeitung» machen die Parteimitgliedschaft der Vorfahren leichter auffindbar. Die Nachfrage ist riesig. Doch was ist der Erkenntnisgewinn?30.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenBelanglos war eine NSDAP-Mitgliedschaft nicht. Wer in die NSDAP eintrat, bekannte sich zu einer Partei, die Diktatur, Krieg und Völkermord propagierte.ImagoNun hat auch die «Süddeutsche Zeitung» nachgezogen. Seit Ende Juni können ihre Leserinnen und Leser in einer online verfügbaren Datenbank herausfinden, ob ihre Vorfahren in der NSDAP gewesen sind. Zuerst hatten diese Möglichkeit seit April die Abonnenten der «Zeit» und seit Mai auch jene des «Spiegels». Grundlage sind digitalisierte Mikrofilme der NSDAP-Mitgliederkartei, die das Nationalarchiv der USA im März online gestellt hat. Die Redaktionen bereiteten die Daten mithilfe von KI und Suchtechnologie so auf, dass aus schwer zugänglichem Archivmaterial ein niedrigschwelliges Recherchetool entstanden ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bemerkenswert ist nicht nur die technische Leistung, sondern auch der publizistische Wettbewerb. Innerhalb von drei Monaten haben drei grosse Verlage ein nahezu identisches Datenbankprojekt auf die Beine gestellt. Das deutet auf einen grossen publizistischen Wert des Angebots hin, wirft aber zugleich die Frage auf, was aus dem Alleinstellungsmerkmal geworden ist.Bei der «Zeit» arbeitete nach Angaben einer Verlagssprecherin ein Team aus Datenjournalisten, Mathematikern, KI-Experten sowie Geschichts- und Wissenschaftsredaktoren an dem Angebot. Technisch sei es darum gegangen, Tausende PDF-Dateien mit rund zehn Millionen Karteikarten und etwa 1,5 Terabyte Rohmaterial in eine strukturierte, durchsuchbare Datenbank zu überführen. Beim «Spiegel» befassen sich gemäss Verlagsangaben in Redaktion, Dokumentation und IT gut ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen mit der Kartei und ihrer Weiterentwicklung.«Was hat Ihre Familie unter Hitler getan?»Die Datenbanken machen sichtbar, was in vielen Familien lange beschwiegen, beschönigt oder gar nicht erst gefragt wurde. Zwar konnten Bürgerinnen und Bürger schon früher beim Bundesarchiv Auskunft darüber erhalten, ob jemand NSDAP-Mitglied war. Eine kostenlose Suche, die allerdings einen schriftlichen Antrag und einige Geduld erfordert.Die neue Suchfunktion auf den Websites der «Zeit» und des «Spiegels» – und neu eben auch der «SZ» – senkt den Aufwand; sie lädt dazu ein, es einfach einmal zu versuchen. So wirbt der «Spiegel» auch mit der Aufforderung: «Finden Sie heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat.»Das ist zugespitzt, aber zu vollmundig. Die Karteikarten geben Auskunft über Parteieintritt, Mitgliedsnummer und Verwaltungsdaten. Sie sagen nicht, ob jemand überzeugter Nationalsozialist war, wie er im Krieg handelte, ob er profitierte oder an Verbrechen beteiligt war. Dafür braucht es weitere Quellen wie Entnazifizierungsakten, lokale Archive und Familiengespräche.Für den Historiker Felix Ackermann können die Datenbanken daher «eigentlich nur den Ausgangspunkt für Gespräche innerhalb der Familie – im Whatsapp-Chat, bei Familienfesten, am Abendbrottisch» sein. Ob solche Gespräche zu weiteren Recherchen führten, hänge von den konkreten Personen ab.Sybille Steinbacher, die Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts, hat es in einem Interview der NZZ kürzlich nüchtern formuliert. Die Informationen auf den Karten seien «sehr dünn». Wer wirklich etwas über das Verhalten einer Person in der NS-Zeit erfahren wolle, brauche deutlich mehr Kontext. Allein die Mitgliedschaft in der NSDAP sage noch wenig aus.Belanglos war eine Mitgliedschaft freilich nicht. Wer in die NSDAP eintrat, bekannte sich zu einer Partei, die Diktatur, Krieg und Völkermord propagierte. Eine NSDAP-Mitgliedschaft setzte in der Regel einen eigenen Aufnahmeantrag mit eigenhändiger Unterschrift voraus. Nicht jedes Mitglied war ein eingefleischter Nazi, es gab auch Gruppendruck und Mitläufertum. Doch auch wenn die Motive des Beitritts unterschiedlich sein mochten, blieb die politische Wirkung der Mitgliedschaft dieselbe.Aber ein Treffer in der Datenbank ist erst eine Spur, noch keine Aufarbeitung.Die Karteikarte ist eine erste SpurWie notwendig weitere Recherchen sind, zeigen die Befunde der Memo-Studie der Universität Bielefeld und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Die über Jahre durchgeführten Befragungen belegen eine tiefgreifende Asymmetrie im deutschen Familiengedächtnis. Die Verbrechen des Nationalsozialismus werden allgemein anerkannt, die eigene Familiengeschichte wird jedoch emotional stark entlastet. Viele Befragte berichten von Vorfahren als Opfern von Krieg, Flucht oder Bombenangriffen. Deutlich seltener hingegen werden sie als Mitläufer oder gar Täter bezeichnet.Gerade weil die Täter- und Mitläufergeschichte wichtig ist, stellt sich die Frage, welche Form von Erinnerung diese neuen Suchangebote erzeugen. Die Suchmaske folgt einer einfachen Dramaturgie: Name eingeben, Treffer prüfen, Familiengeschichte neu betrachten. Doch sie beantwortet nicht die Frage, was jemand «unter Hitler» getan hat. Sie zeigt, wo eine weiterführende Recherche beginnen könnte.Familiengeschichte ist zunächst privat. Aber sie bleibt es nicht ganz, wenn Millionen Familien über die Jahrzehnte ähnliche Entlastungserzählungen weitergeben. Denn in solchen Erzählungen entsteht auch ein gesellschaftliches Bild der NS-Zeit, das möglicherweise wenig mit der Realität zu tun hat. Daher ist es nicht gleichgültig, ob neue Quellen Gespräche anstossen. Der Historiker Ackermann sagt: «Ich bin überzeugt, dass das Private öffentlich ist, weil wir mit unserer Auseinandersetzung in der Familie auch einen Teil der NS-Vergangenheit aufarbeiten können.»Die besseren Digitalisate liegen in BerlinAufschlussreich ist auch, wem diese neue Suchmöglichkeit zu verdanken ist. Die Original-NSDAP-Mitgliederkartei liegt im Bundesarchiv in Berlin. Dort sind die Karteikarten nicht nur vorhanden, sondern auch hochauflösend und in Farbe digitalisiert. Die Digitalisate des amerikanischen Nationalarchivs beruhen dagegen auf Mikrofilmen, also auf Schwarz-Weiss-Kopien.Doch warum sind die Karteien beim Bundesarchiv nicht frei zugänglich? Das Archiv verweist auf personenbezogene Schutzfristen nach dem Bundesarchivgesetz, da die Kartei auch Informationen über Personen des Jahrgangs 1926 und jünger enthält. Ziel sei es, die Kartei insgesamt online zu stellen, wenn die Fristen in den kommenden Jahren ablaufen. Diese enden hundert Jahre nach der Geburt beziehungsweise zehn Jahre nach dem Tod einer Person. Bis dahin recherchieren Mitarbeiter des Bundesarchivs zu Anfragen der Familienforschung.Das Bundesarchiv verweist auf Rechercheleitfäden, Themenseiten und weitere Digitalisate zur NS-Zeit. In den vergangenen Jahren habe es jährlich mehr als 75 000 Anfragen zu Personen aus der NS-Zeit gegeben, teilt das Archiv mit. Seit der Veröffentlichung der amerikanischen Bestände und mit den Angeboten der «Zeit» und des «Spiegels» sei das Interesse noch einmal deutlich gestiegen.Wie gross dieses Interesse ist, zeigen die Angaben der Verlage. Die «Zeit» spricht von einer ausserordentlich hohen Resonanz: Das Tool sei seit der Veröffentlichung millionenfach aufgerufen und tausendfach geteilt worden; Kommentare und Nachrichten seien im vierstelligen Bereich eingegangen. Der «Spiegel» sprach Mitte Juni von «Hunderttausenden Leserinnen und Lesern», die in den vergangenen Wochen «Millionen Suchanfragen» gestellt hätten.Mittlerweile sind es drei grosse Verlagshäuser, die diese Suchfunktion anbieten. Sollten in Zukunft weitere Medien eine solche Datenbank führen, wird die Exklusivität weiter schwinden. Es dürfte dann noch stärker darauf ankommen, wie die Journalisten das Angebot einordnen und mit welchen anderen Recherchemöglichkeiten sie die Datenbank verknüpfen, um einen Mehrwert zu schaffen. Der «Spiegel» beispielsweise hat das Recherchetool erweitert, indem man auch nach einer SS-Mitgliedschaft suchen kann.Die «Zeit» begründet die Zugangsbeschränkung mit dem Aufwand der Aufbereitung: Man habe die Rohdaten analysiert, eine eigene Suchmaschine entwickelt und das Tool in eine laufende Berichterstattung eingebettet.Obwohl also die besseren Digitalisate in Berlin aufbewahrt werden, sind derzeit die amerikanischen Mikrofilmkopien und die daraus entwickelten Suchangebote grosser Medienhäuser öffentlich wirksam.«Es ist offenkundig, dass der ‹Spiegel› und die ‹Zeit› in einem Monat mehr Impulse gesetzt haben als das Bundesarchiv in mehreren Jahrzehnten», sagt Felix Ackermann. Für ihn ist das nicht nur eine technische oder rechtliche Frage. Dass kommerzielle Verlage die Initiative ergriffen, zeige, «dass es das Ergebnis politischer Entscheidungen ist, dass nicht die Bundesrepublik aktiv tätig wird, um diese Bestände zu verknüpfen».Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Kennkarten von Wehrmachtssoldaten. Auch sie enthielten zunächst nur technische Informationen, etwa über eine Einheit. Interessant würden sie erst, wenn man sie mit gesichertem Wissen über die Verbrechen der Wehrmacht, der SS und der Polizei in den besetzten Gebieten verbinde. «Dann könnte jede Familie recherchieren, wo ihre Vorfahren Verbrechen ermöglichten.»Spätestens hier müsste die Perspektive der Betroffenen sichtbar werden. Ackermann sagt, es sei besonders wichtig, «auch konkrete Stimmen von Opfern zu Wort kommen zu lassen, damit sie Namen, Gesichter, Familiengeschichten und eine Stimme haben».Wer auf der Täterseite sucht, findet nun vielleicht eine Karteikarte mit Eintrittsdatum, Mitgliedsnummer, Ortsgruppe. Wer auf der Opferseite sucht, findet oft Fragmente. Nummern, Transportlisten, Lagerakten, Todesvermerke. Auch diese Archive erzählen Familiengeschichten. Aber sie sind aus der Perspektive jener Bürokraten entstanden, die Menschen erfassten, entrechteten, verschleppten und ermordeten. Diese Archive erzählen anders.Gerade deshalb sollte die Erinnerung nicht beim Familienfund stehenbleiben. Die Frage, ob Opa in der NSDAP war, ist wichtig. Entscheidend ist aber, welche Geschichte aus dem Treffer rekonstruiert wird. Und ob aus der privaten Suche ein genauerer Blick auf die Verantwortung entsteht.Passend zum Artikel