Im März haben die National Archives in den USA sämtliche verbliebenen Mitgliedskarten der NSDAP im Netz veröffentlicht. Seitdem sind rund zwölf Millionen Karteikarten digital verfügbar. In Deutschland hat zuerst „Die Zeit“, dann „Der Spiegel“ den Archivinhalt übernommen und eigene Datenbanken gebaut, in denen Namen eingegeben werden können. Das Eintrittsdatum in die NSDAP kann auf diese Weise ebenso ermittelt werden wie die Mitgliedsnummer, manchmal auch Fotos und zusätzliche Quellen wie Entnazifizierungsakten oder Urteile aus Kriegsverbrecherprozessen. Seit der Veröffentlichung wurden mehrere Millionen Suchanfragen verzeichnet.Herr Gross, hätten Sie mit einem solchen Interesse auf die digital veröffentlichte NSDAP-Mitgliederkartei gerechnet?Eigentlich ja. Der Nationalsozialismus ist für die deutsche Gesellschaft immer noch sehr nah. Das sehen wir auch am Deutschen Historischen Museum – Themen, die sich darauf beziehen, sind gefragt.Viele Deutsche, die jetzt die Namen ihrer Großväter eingeben, ahnten oder wussten schon, dass diese Parteimitglieder gewesen sind, kannten aber das Datum ihres Eintritts nicht. Was für einen Unterschied macht es, ob jemand 1933 oder 1938 eingetreten ist?Zunächst einmal: Fakten sind für das Verständnis historischer Zusammenhänge zentral. Natürlich spielt es eine Rolle, ob jemand der NSDAP beigetreten ist, als diese noch eine kleine Partei war – in Österreich sogar eine verbotene – oder als sie dann eine Massenpartei geworden war. Zugleich ist es für die historische Betrachtung wichtig zu wissen, ob jemand überhaupt eingetreten ist, da dieser Beitritt normalerweise eine aktive Zustimmung mit der Partei und ihren Werten bedeutet. Das heißt im Umkehrschluss allerdings nicht, dass nicht auch Menschen ohne Parteimitgliedschaft sich an Verbrechen des Regimes schuldig gemacht hätten – das waren übrigens viele – und es heißt auch nicht, dass jede Parteimitgliedschaft denselben Grad an Involviertheit in Verbrechen mit sich brachte. Aber es bleibt ein wichtiges historisches Faktum. Niemand hat unfreiwillig mitgemacht.Das ist richtig. Zur Unterschrift gezwungen wurde niemand. Wobei der Begriff „freiwillig“ während der NS-Zeit etwas anderes bedeutet als in der Weimarer Republik. Man muss also trotzdem sich die Mühe machen, Biographien genau einzeln zu betrachten. Der Unterschied zwischen „ahnen“ und „wissen“ besteht darin, dass man sich weniger leicht in die Phantasie flüchten kann, es sei doch nicht so schlimm gewesen. Ganz genau: In Gesprächen mit deutschen Freunden und Freundinnen ist mir oft erzählt worden, dass der Vater oder Großvater in den NS „verwickelt“ war, aber man nicht so genau wisse, was er getan hat. Und damit öffnete sich dann ein weites Feld an Phantasien – vom Hauptkriegsverbrecher bis zum kleinen Mitläufer. Hier – soweit möglich – Klarheit zu schaffen, scheint mir wichtig. Ich halte es für gut, wenn man sich um Tatsachen, um reale Vorgänge und Geschehnisse kümmert und nicht Dinge in einer Wolke der Unklarheit belässt. Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches MuseumsPicture AllianceMit dem Wissen um die Mitgliedschaft müsste eigentlich eine weitergehende Recherche beginnen. Im Bundesarchiv aber sind Unterlagen erst 100 Jahre nach der Geburt beziehungsweise zehn Jahre nach dem Tod einer Person einsehbar. Sind das künstliche Hürden?Der Schutz persönlicher Daten ist ein wichtiges Anliegen – aber in dem Moment, wo die Daten jetzt schon öffentlich sind, stellt sich die Frage, wie man mit dieser Situation umgeht. Der „Spiegel“ fragt, ob das Interesse an der NSDAP-Mitgliederkartei den Willen der Enkel und Urenkel markiere, 81 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft „endlich reinen Tisch zu machen“. Und die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann spricht von einem „erheblichen Wandel der Erinnerungskultur“. Wie sehen Sie das? Das halte ich für eine völlige Übertreibung. Wichtig ist jedenfalls: Es ist ein neues Tool vorhanden, um sich zu informieren. Dass es über eine Bezahlschranke funktioniert, finde ich allerdings insofern ungut, als diese Information wirklich frei zugänglich sein sollte. Die Aufbereitung ist teuer. Sie meinen, sie müsste von staatlicher Seite finanziert und umgesetzt werden?Wer es bezahlt, ist nicht unbedingt relevant: Wichtig ist, dass es möglichst vielen Menschen frei zugänglich ist – auch ohne dass man dazu ein bestimmtes Medium abonnieren muss . . .Immer mehr Enkel arbeiten die Taten ihrer Nazigroßväter auf, in manchen Fällen nach dem Tod der eigenen Eltern. „Mein Großvater, der Täter“ heißt etwa das Buch meines Kollegen Lorenz Hemicker, auch die „Spiegel“-Journalistin Susanne Beyer nimmt in „Kornblumenblau“ diese Perspektive ein. Es gibt sicher insgesamt eine Bewegung im Umgang mit der Familiengeschichte im Nationalsozialismus. Wir hatten kürzlich am Deutschen Historischen Museum im Rahmen des neuen, bei uns angesiedelten Dokumentationszentrums „Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzung in Europa“ eine aufschlussreiche Veranstaltung. Eingeladen haben wir den Bundespräsidenten außer Dienst Joachim Gauck und Rüdiger von Fritsch, den ehemaligen deutschen Botschafter in Warschau und Moskau. Thema waren die langfristigen Folgen der Besatzung. Interessant scheint mir, dass beide an dem Abend dabei jeweils zuerst über die NSDAP-Mitgliedschaft ihrer Väter sprachen. Und was diese für sie persönlich bedeutet. Das wäre wohl vor zwanzig Jahren kaum so denkbar gewesen. Das sehe ich als eine positive Entwicklung. Gleichzeitig: Es scheint mir wichtig, nicht nur die privaten Geschichten zu erkunden, wenn wir über die Folgen und die Langzeitwirkungen des NS im europäischen Umfeld nachdenken. Es muss auch mehr Wissen über die europäischen Länder geben, die von Deutschland zwischen 1939 und 1945 besetzt waren. Welche Wunden hat die deutsche Besatzung hinterlassen? Was haben dort Schoa, Patientenmorde, Verbrechen gegen Kriegsgefangene, Gefangene, Massenerschießungen von Geiseln, Kulturzerstörung und Raub oder Zwangsarbeit für Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein? Denn diese Länder sind die wichtigsten Partner für Deutschland heute. Herr Gauck hat dabei zu Recht gesagt, es reiche nicht, die Verbrechen der deutschen Besatzung zu vergegenwärtigen. Dieses Erinnern müsse von einer positiven demokratischen Erzählung begleitet werden. Solche Perspektiven lassen sich jedoch nur entwickeln, wenn das Wissen über diese Vergangenheit vorhanden ist.