PfadnavigationHomeGeschichteBundesarchivDie NSDAP-Mitgliederkartei „ist benutzbar, auch wenn sie nicht online steht“Stand: 07:08 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Karteischränke der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv (Foto von 2008)Quelle: BArch, B 198 Bild-00001/Gisa SpiegelSeit jedermann im Netz schauen kann, ob eigene Vorfahren zur Hitler-Bewegung gehörten, nimmt die Benutzerschaft im Bundesarchiv zu, erklärt Präsident Michael Hollmann im WELT-Interview. Wie geht es in Berlin weiter mit der Digitalisierung von NSDAP-Unterlagen?Mitte März 2026 stellte das US-Nationalarchiv in College Park (US-Bundesstaat Maryland) Scans der 1945 sichergestellten Mitgliederkartei der NSDAP frei zugänglich ins Internet. Die Reaktion überraschte: Der Ansturm war so gewaltig, dass die Server zeitweise zusammenbrachen; mehrere Medienhäuser bereiteten das kostenlos zugängliche Material in eigenen, komfortableren Datenbanken hinter einer Paywall auf.Digitalisiert wurden Anfang der 1990er-Jahre in Berlin hergestellte Sicherungsfilme. Die Originale der Kartei, etwa 12,7 Millionen verschiedene Karten, liegen im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde. Sie sind problemlos auf Antrag hin zu benutzen – allerdings nicht frei im Netz. Präsident des Bundesarchivs ist seit 2011 der gelernte Historiker Michael Hollmann.Lesen Sie auchWELT: Herr Hollmann, Ihre Scans der NSDAP-Mitgliederkartei haben eine wesentlich bessere Qualität als die digitalisierten Mikrofilme, die das US-Nationalarchiv kürzlich freigegeben hat. Wann ziehen Sie nach?Michael Hollmann: Es bleibt unverändert unser Ziel, die Karteien insgesamt online zu stellen, wenn die Fristen in den kommenden Jahren ablaufen. Kurzfristige Planungen haben wir aber nicht.WELT: Warum nicht? Rechtlich betrachtet sind höchstens die allerjüngsten damaligen Parteimitglieder noch von der 100-jährigen Schutzfrist erfasst, und zusätzliche Kosten würden doch wohl auch nicht entstehen?Lesen Sie auchHollmann: Die Onlinestellung der Kartei ist nicht allein, aber auch eine rechtliche Frage. Die gesamte Kartei ohne weitere Prüfungen online stellen, könnte das Bundesarchiv erst, wenn alle gesetzlichen Schutzfristen auch für die „allerjüngsten Parteimitglieder“ abgelaufen sind.Lesen Sie auchWELT: Wie ist der gegenwärtige technische und praktische Stand?Hollmann: Das Bundesarchiv hat die Kartei bereits vor zehn Jahren digitalisieren lassen, um zum einen die internen Recherchen erheblich zu beschleunigen und zum anderen, um Anfragenden digitale Kopien in hoher Qualität überlassen zu können. Die Kartei ist also benutzbar, auch wenn sie nicht online steht. Tatsächlich gehören die Unterlagen, die bis 1994 im Berlin Document Center für deutsche Behörden und Bürger nicht zugänglich waren, seit der Übernahme durch das Bundesarchiv zu den am intensivsten genutzten Beständen.WELT: Und wie sieht es mit den Kosten aus?Lesen Sie auchHollmann: Auch wenn die Kartei bereits in guter Qualität digital vorliegt, sind mit der Onlinestellung doch beträchtliche Betriebs- und Lizenzkosten verbunden, die das Bundesarchiv nicht durch Gebühren refinanzieren kann und will. Vor allem aber sind wir darauf bedacht, unsere begrenzten Haushaltsmittel gezielt einzusetzen. WELT: Das heißt konkret? Hollmann: Eine Recherche zur eigenen Familie ist wichtig und oft der Beginn weiterer Recherchen, unbestritten – aber während jede einzelne Karteikarte nur für wenige Menschen von Interesse sein wird, enthalten die Reichs- und NS-Bestände des Bundesarchivs Unterlagen in hoher Zahl, die von vielen Interessierten und für vielfältige Fragestellungen herangezogen werden können. Der Digitalisierung und Onlinestellung dieser Archivalien messen wir daher eine höhere Priorität zu.WELT: Hat Sie das Interesse für das Angebot Ihrer US-Kollegen überrascht?Hollmann: Nein, überhaupt nicht. Das Interesse vieler Menschen an der Geschichte ihrer Familie in der Zeit des Nationalsozialismus ist nicht nur ungebrochen, es wächst. Das zeigt zum Beispiel die hohe Zahl von Anfragen bei uns nach dem Schicksal von Vätern und Großvätern, die als Soldaten am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben. Ich spreche von mehr als 75.000 Anfragen pro Jahr, und die Kurve ist stetig steigend.WELT: Muss das Bundesarchiv angesichts der anderswo verfügbaren Karteidigitalisate fürchten, dass ihm die Benutzer wegbleiben?Hollmann: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Die Mitgliederkartei gibt schließlich nur Auskunft, wer Mitglied der NSDAP war und seit wann. Wer diese Information hat, steht dann aber eigentlich erst am Anfang seiner Fragen. Was bedeutete die Mitgliedschaft, war sie rein opportunistisch oder mit einem echten Bekenntnis zum Nationalsozialismus verbunden, waren die Familienmitglieder gar in die Menschheitsverbrechen des NS-Regimes verwickelt? Diese und viele weitere Fragen werden nun an das Bundesarchiv oder auch die Landesarchive gestellt. Seit der Onlinestellung der NSDAP-Kartei haben die familiengeschichtlichen Anfragen noch einmal erkennbar zugenommen.Lesen Sie auchWELT: Wie geht das Bundesarchiv überhaupt mit der Digitalisierung von Akten aus dem Dritten Reich um?Hollmann: Das Bundesarchiv verfolgt seit Jahren ein Digitalisierungsprogramm, in dessen Fokus die zentralen Überlieferungen der Reichsministerien und -behörden, aber auch der NSDAP und der ihr angeschlossenen Verbände stehen. Bis etwa 2028 sollen die wesentlichen Unterlagen zur Geschichte des Nationalsozialismus bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs digitalisiert und online für jedermann zugänglich sein. Der Deutsche Bundestag unterstützt dieses Projekt seit Jahren, indem er dem Bundesarchiv schon mehrfach zusätzliche Haushaltsmittel für die Digitalisierung von NS-Archivgut zur Verfügung gestellt hat. Auf diese Weise wollen wir den Debatten über die Geschichte des sogenannten Dritten Reichs, die anlässlich der nahenden Zentenarien zu erwarten sind, eine sichere und breite Faktenbasis bieten. „(F)Akten statt FakeNews“, gesicherte und nachprüfbare Information statt Pseudowissen. Die Unterlagen für die Zeit bis 1945 werden in dem Maße folgen, in dem uns die notwendigen Haushaltsmittel zur Verfügung stehen. WELT: 2027 begeht das Bundesarchiv sein 75. Jubiläum. Was sind die größten Baustellen?Hollmann: Seit vielen Jahren sind wir Vorreiter in der Digitalisierung. Der rasant fortschreitende digitale Wandel stellt das Bundesarchiv vor erhebliche Herausforderungen, für deren Bewältigung uns die notwendigen Ressourcen weitgehend fehlen. Aber abgesehen von der strukturellen Unterfinanzierung des Bundesarchivs sind es vor allem die fehlenden Magazinkapazitäten, die mir Sorgen bereiten: Das Bundesarchiv platzt aus allen Nähten. Nur wenn wir bald die dringend benötigten Erweiterungsbauten in Koblenz, Berlin und einigen weiteren Orten erhalten, können wir weiterhin die Verantwortung dafür übernehmen, dass das Gedächtnis des deutschen Staates und unserer Gesellschaft sicher erhalten wird.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus in jeder Form. Im Bundesarchiv arbeitet er regelmäßig seit 1993, mit der NSDAP-Mitgliederkartei erstmals 1995.