War Opa ein Nazi? Hunderttausende recherchieren das in Onlineangeboten von Zeit und Spiegel. Historiker Johannes Spohr warnt vor rechter Vereinnahmung.

Blick ins Berlin Document Center des Bundes­archivs

taz: Herr Spohr, im März hat das Nationalarchiv der USA die NSDAP-Mitgliedskarteien ins Netz gestellt. Zeit und Spiegel haben sie mit KI leicht durchsuchbar gemacht. Sie selbst bieten Familienrecherchen an. Macht Sie das jetzt arbeitslos?

Johannes Spohr: Nein, erst mal ist es die Vergesellschaftung eines bestimmten Wissens über die Mehrzahl der Mitglieder der Partei. Das ist aber nur einer von diversen relevanten Beständen. Und es gibt viele Archive, in denen sich recherchieren lässt. Als Historiker mache ich zudem mehr, als nur Material zusammenzusuchen. Die Erwartungen an Historiker sind oft, eindeutige, klare Antworten zu geben. Sie geben aber nicht einfach nur Fakten wieder, sondern interpretieren und kontextualisieren sie. Und setzen sie in Bezug zur Gegenwart. Historiker schreckt die Komplexität nicht, sondern sie schöpfen aus ihr, und sie sammeln Erfahrungen mit der Recherche und dem Erzählen. Familiengeschichten sind in der Regel auch heute nicht mit wenigen Klicks klärbar.

Im Interview: Johannes Spohr