In einem kleinen Kino im Reinhold Messner Haus, 2000 Meter hoch über dem Dorf Sexten in Südtirol gelegen, ist sie noch heute in einer fesselnden Dokumentation zu sehen: die Geschichte der österreichischen Everest-Expedition 1978. Jener Expedition, bei der erstmals ein Österreicher den höchsten Punkt der Welt erreichte, der Grazer Robert Schauer. Und bei der erstmals zwei Menschen aus eigener Kraft, ohne Verwendung von Flaschensauerstoff, auf den 8848 Meter hohen Gipfel des Mount Everest stiegen – mit letzter Kraft, teils auf allen vieren kriechend, trotz ihrer damals phänomenalen Physis. Es war der 8. Mai 1978, als Reinhold Messner und Peter Habeler, einer im roten, einer im blauen Anzug, die Grenzen des Menschen Möglichen verschoben. Ikonische Bilder der Alpinhistorie.48 Jahre später, am vergangenen Freitag, sitzen Messner und Habeler neben dem Mediziner Rudi Hipp vor dem Reinhold Messner Haus, einer umgebauten früheren Seilbahn-Bergstation, heute Ausstellungshalle, Begegnungsstätte, Veranstaltungsort. Zusammengeführt hat sie wieder der Everest. Diesmal aber durch Bilder, die ganz anders wirken als jene vom 8. Mai 1978: Massenandrang im Basislager, Schlangen auf der Aufstiegsroute, Staus am Gipfelgrat. „Ausverkauf Everest“, so lautet der Titel der Gesprächsrunde, und die vergangene Saison hat die passende Vorlage geliefert: Nie zuvor erreichten mehr Menschen den Gipfel des Everest in einem Frühjahr als diesmal, 1008 Bergsteiger waren es, 274 davon an einem einzigen Tag. Ist aus dem Mythos des höchsten Bergs der Welt, der früher nur in wackligen Dokumentarfilmaufnahmen durchschien, heute eine für jedermann käufliche Modetrophäe geworden?Am Reinhold Messner Haus in Südtirol: Reinhold Messner (Mitte) diskutiert mit Peter Habeler (rechts) und Mediziner Rudi Hipp.Bernd SteinleDer Mount Everest hat die Menschen immer fasziniert, seit Jahrhunderten. Erst waren es die Berichte derer, die sich als Erste dort versuchten, dann die Bilder jener, die als Erste erfolgreich waren oder außergewöhnliche Routen bewältigten, nun ist es der Drang vieler, selbst auf dem Gipfel zu stehen, erweckt und ermöglicht durch moderne Technik und Ausrüstung. Der Massenandrang sei, sagt Messner, ohne den „weltweit großen Hunger nach dem Fluchtpunkt unserer menschlichen Eitelkeiten“ nicht denkbar – „und ich nehme mich da selbst nicht aus“. Der Everest-Gipfel ist heute für viele zum Distinktionsmerkmal geworden, obwohl natürlich gilt, wie Messner sagt: „Wir sind nicht was Besonderes, nur weil wir am Everest-Gipfel waren.“Den Weg für die Massenbewegung ebneten nicht zuletzt fest eingerichtete Seilversicherungen und große Mengen Flaschensauerstoff. Jedes Frühjahr werde am Everest eine „Piste“ für die Kunden kommerzieller Expedition errichtet, vom Basislager bis zum Gipfel, sagt der 81 Jahre alte Messner. „Man kann heute den Everest buchen. Es ist nicht das Gleiche wie eine Reise nach Mallorca, aber es ist auch Tourismus. Der Abenteurer, der Alpinist, geht dorthin, wo die anderen nicht sind, wo keine Infrastruktur ist. Der Pistenbergsteiger geht dahin, wo Piste, Zelte, Lager, Köche, Ärzte und Sauerstoff sind.“ Er wolle das nicht kritisieren, sagt Messner, nur beschreiben. Aber: „Der Berg ist in unserer Vorstellung ein anderer geworden.“Nepal profitiert von den vielen BergsteigernMassentourismus? Das sieht einer der erfolgreichsten aktuellen Expeditionsveranstalter, der Österreicher Lukas Furtenbach, der am Freitag im Publikum sitzt, anders. Angesichts von knapp 500 Besteigungsgenehmigungen im Jahr sei das der falsche Begriff, sagt er – auf der Zugspitze etwa drängten sich an einem Tag bis zu 4000 Menschen. Die Kritik an der Infrastruktur kontert er mit dem Hinweis, in den Alpen würden Seilbahnen und Panoramarestaurants problemlos akzeptiert. „Aber wir verlangen, dass wir in Nepal einen unberührten Berg vorfinden“, sagt Furtenbach. „Das ist für mich fast schon koloniales Denken: Wer sind wir, den Nepalesen vorschreiben zu wollen, wie sie ihren Berg in Wert setzen dürfen?“Staat und Bewohner des armen Landes profitieren in mehrerer Hinsicht von der Vielzahl an Bergsteigern. Messner hebt auch hervor, dass die einheimischen Sherpas zuletzt endlich mehr Anerkennung gefunden hätten für ihre Arbeit am Berg, die viele Besteigungen erst ermöglicht. „Und natürlich haben die Sherpas das Recht, ihren Berg zu nutzen. Aber man kann schon fragen, ob es richtig ist, was sie heute machen, oder ob sie heute das nachmachen, was wir in den Alpen falsch gemacht haben.“ Dort hätten viele Touristiker inzwischen verstanden, dass die Gäste möglichst gut auf den gesamten Alpenraum verteilt werden sollten. Am Everest dagegen ist das Problem, dass sich die Hauptsaison auf einige Wochen oder Monate konzentriert. Bei den Gipfelbesteigungen sind es manchmal nur wenige Tage.Messner bestreitet nicht, dass die modernen Expeditionen die Sicherheit erhöht und den Berg gewissermaßen demokratisiert haben: „Heute können viele das machen, was früher nur eine winzige Elite tun konnte.“ Das Erlebnis aber sei dadurch ein anderes geworden. „Ich bin dankbar, meine Erfahrungen gemacht zu haben und nicht mit einer 250-köpfigen Kolonne auf dem Gipfelgrat im Stau stecken zu bleiben.“Zurück in München: Reinhold Messner (links) und Peter Habeler nach ihrem Erfolg am Mount Everest im Mai 1978picture alliance/KEYSTONETatsächlich lässt sich knapp 50 Jahre nach Messners und Habelers Pionierleistung die Zahl der Bergsteiger, die ohne Flaschensauerstoff auf den Everest-Gipfel steigen, in einer Saison an einer, höchstens zwei Händen abzählen. „Die Frage ist doch, was für eine Erfahrung ich als Mensch habe, wenn ich mit einem Maximum an Flaschensauerstoff auf den Everest steige“, sagt der Südtiroler. „Ich habe einen großartigen Berg bestiegen, aber eben keinen Achttausender, sondern vielleicht einen Sechstausender. Wie will ich die Erfahrung machen, wie es auf einem Achttausender für uns Mängelwesen Mensch zugeht, wenn ich nicht unter den echten Bedingungen hinaufsteige?“ Stattdessen nutze man den historisch gewachsenen Mythos des Bergs „als PR-Gag, um möglichst viele Leute auf den Everest zu locken“.Am Ende ist es immer eine persönliche Entscheidung, wie einer auf einen Berg steigt. Messner liegt es am Herzen, die Werte des traditionellen Bergsteigens weiterzutragen. Ein grundlegender Satz dazu lautet für ihn: Das Können ist des Dürfens Maß. Nur wer eine schwierige Route beherrscht, sollte dort auch einsteigen. Anders gesagt: „Wenn jemand nicht ein guter Bergsteiger ist, sollte er nach dieser Haltung nicht an den Everest gehen.“ Denn: „Ich kann nicht mit viel Flaschensauerstoff auf den Everest steigen und dann sagen, ich bin noch innerhalb dieser Werte unterwegs.“Traditionelles Bergsteigen hat für Messner auch damit zu tun, auf sich und die eigenen Fähigkeiten zurückgeworfen zu sein, sich damit in schwierigen Situationen behaupten zu können. „Was wir tun, ist nichts anderes als die Auseinandersetzung zwischen der Menschennatur, den Gesetzmäßigkeiten, die wir in uns tragen, und der Natur draußen“, sagte Messner. „Aus diesem Spannungsverhältnis entstehen Emotionen und Erfahrungen, die uns die Natur schenkt, und das sind die großartigsten Erfahrungen. Es gibt keinen besseren Lehrmeister als einen großen Berg.“Wie wird die Zukunft am Mount Everest aussehen? Wie sollte sie aussehen? Darauf konnte auch diese Gesprächsrunde keine letztgültige Antwort geben. Sie zeigte aber beispielhaft, was die Bergsteiger-Legende mit ihrem Projekt Reinhold Messner Haus schaffen will: einen Ort des Austauschs, an dem wichtige Zukunftsfragen des Berglebens verhandelt werden, gerne auch kontrovers. Hätten sich an diesem Nachmittag nicht finstere Gewitterwolken hinter den Bergspitzen zusammengeballt, man hätte sehr gerne noch länger zugehört. Aber am Ende hat dann doch die Natur das letzte Wort.