Die Saison am Mount Everest (8848 Meter) ist mit einem neuen Rekord zu Ende gegangen. 1008 Bergsteiger und einheimische Bergführer schafften es im Mai über den Südsattel auf den Gipfel des höchsten Berges der Welt. Allein am 20. Mai sollen insgesamt 274 Menschen von der nepalesischen Seite aus erfolgreich den Gipfel erreicht haben, so viele wie nie zuvor an einem Tag.Das Tourismusministerium in Kathmandu hatte allein für den Mount Everest 494 Personen eine Genehmigung erteilt. Die auf chinesischem Staatsgebiet liegenden Achttausender Cho Oyu (8188 Meter), Shishapangma (8027 Meter) und auch die Nordroute des Mount Everest waren für ausländische Bergsteiger nicht zugänglich. Über Gipfelerfolge von der chinesischen Nordseite liegen bisher keine Informationen vor.Zwar schien es im April zunächst noch so, als könnte die Saison auf der Südseite beendet werden, bevor sie überhaupt begonnen hat. Fast drei Wochen suchten die Icefall Doctors nach einer sichereren Route durch den Khumbu-Eisbruch. Die wurde jedoch nicht gefunden. Und so führte der Auf- und Abstieg die Everest-Bergsteiger an einer gefährlichen Sérac-Passage vorbei und über eine Brücke, die aus fünf Leitern errichtet wurde.Der Sérac hätte jederzeit zusammenbrechen könnenDer nepalesische Expeditionsveranstalter Mingma G, in diesem Jahr treibende Kraft hinter der Öffnung der Eisfall-Route, schrieb vor wenigen Tagen in den sozialen Medien: „Es ist, als hätten wir das Risiko für alle auf uns genommen und die sicherste Route erschlossen, und dennoch standen wir die gesamte Klettersaison lang auf Messers Schneide.“ Der Sérac, der die Icefall Doctors ihre Arbeit unterbrechen ließ, hätte jederzeit zusammenbrechen und Menschen verschütten können.Früh am Morgen geht es los: Am 19. Mai bereiten sich Bergsteiger im Camp 3 auf den Aufstieg vor.AFPBesonders schnell unterwegs war in dieser Saison Tyler Andrews. Neun Stunden und 55 Minuten nach seinem Start im Basislager erreichte der amerikanische Trailrunner den Gipfel des höchsten Berges der Welt. Allerdings nutzte er nach Camp 2, das auf etwa 6400 Meter Höhe liegt, Flaschensauerstoff mit einer Flussrate von sechs Liter pro Minute, wie er der Himalaja-Chronistin Billi Bierling berichtete. Das führte bei Beobachtern zu Kritik. Unter Alpinisten gilt die Verwendung von Flaschensauerstoff als unzulässige Unterstützung. Als Erster bewies Reinhold Messner, dass die Gipfel sämtlicher Achttausender ohne Flaschensauerstoff erreicht werden können. In der Himalayan Database, der Chronik des Bergsteigens in Nepal, wird eigens verzeichnet, ob ein Bergsteiger mit oder ohne Flaschensauerstoff unterwegs war.Beim Trailrunning gibt es die Kategorie „Supported“, bei der die Sportler Unterstützung wie Sauerstoff, Seile, Hilfe durch Sherpas auf der Route sowie Verpflegung in Anspruch nehmen dürfen. Andrews unterbot den Rekord von Lhakpa Gelu Sherpa aus dem Jahr 2003 um etwa eine Stunde. Lhakpa Gelu Sherpa nutzte den Zusatzsauerstoff laut den Aufzeichnungen von Elizabeth Hawley in der Himalayan Database von Lager 4 an. Er selbst hatte ihn vorher oben deponiert.Direkte Vergleichbarkeit ist beim Bergsteigen schwierig. Die Besteigung des Mount Everest ist kein 100-Meter-Lauf. Wie Anja Blacha berichtet, die erfolgreichste deutsche Höhenbergsteigerin, die in diesem Jahr auf den Lhotse, den Nachbarberg des Mount Everest, stieg, verlief die umstrittene Route durch den Khumbu-Eisbruch in diesem Jahr sehr direkt und mit weniger Leitern als in früheren Jahren. Zudem dürfte aufgrund der großen Zahl an Bergsteigern in diesem Jahr die Spur gut ausgetreten gewesen sein.Im vergangenen Herbst, als Tyler Andrews ebenfalls einen Versuch am Everest gestartet hatte, wurde er durch den tiefen Schnee aufgehalten. Karl Egloff, ein ecuadorianisch-schweizerischer Bergführer, der in diesem Jahr ebenfalls in Rekordgeschwindigkeit auf den Mount Everest steigen wollte, brach seinen Versuch am Südsattel in 7950 Meter Höhe ab.Er war nun zweiunddreißigmal oben: Kami Rita Sherpa wird nach seiner erfolgreichen Besteigung am Flughafen in Kathmandu mit Blumen empfangen.dpaEverest-Rekordhalter Kami Rita Sherpa stand im Mai zum nunmehr 32. Mal auf dem Gipfel des Mount Everest. Und Kristin Harila ließ mit der Triple Crown aufhorchen: Die Norwegerin, die 2023 innerhalb von 92 Tagen mit Flaschensauerstoff auf alle 14 Achttausender stieg, erreichte in diesem Jahr nacheinander die Gipfel von Nuptse (7861 Meter), Lhotse (8516 Meter) und Mount Everest, die sich in einer Art Hufeisen um das Western Cwm, das Hochtal oberhalb des Everest-Basislagers, formieren. Der Plan war, das ohne Zusatzsauerstoff zu schaffen. Am Lhotse musste die Vierzigjährige auf Flaschensauerstoff zurückgreifen.Als „absolutes Highlight in dieser Saison“ wertet Billi Bierling, die in ihren vielen Jahren bei der Himalayan Database schon viele beeindruckende alpinistische Leistungen erlebt hat, den Erfolg von Bartek Ziemski. Nachdem der den Gipfel des Mount Everest ohne Flaschensauerstoff erreicht hatte, fuhr der 31 Jahre alte Pole mit Ski ins Basislager ab. Eine Woche vorher hatte er im gleichen Stil eine Skiabfahrt vom Lhotse absolviert.„Obwohl der Double-Header Everest und Lhotse innerhalb von wenigen Tagen inzwischen zum Massensport geworden ist, haben es bisher nur fünf Menschen geschafft, die beiden Achttausender in einer Saison ohne Flaschensauerstoff zu besteigen“, erklärt Bierling. Besonders hebt sie Ziemskis Stil hervor. Er war ohne Sherpa unterwegs und hatte kein großes Team bei sich. „Ich bin sprachlos“, sagt sie, „dass er es mit so wenigen Tagen der Regeneration so gut geschafft hat.“