Der neue Fed-Chef Kevin Warsh tritt selbstbewusst auf – und macht klar, dass er kein Befehlsempfänger von Trump istDer Kampf gegen die Inflation soll unter Kevin Warsh klare Priorität haben. Der wichtigste Zentralbanker der Welt will zudem mit alten Gewohnheiten brechen. Nicht alle am Finanzmarkt sind darauf vorbereitet.18.06.2026, 16.48 Uhr4 LeseminutenKevin Warsh will bei der amerikanischen Notenbank eine neue Ära einläuten.Tom Williams / GettyÜber Kevin Warsh und seine geldpolitischen Ansichten gab es bisher vor allem Spekulationen – und wenig Gewissheiten. Umso aufmerksamer verfolgten die Finanzmärkte am Mittwoch seinen ersten offiziellen Auftritt als Vorsitzender der amerikanischen Notenbank Fed. Wer dabei erwartet hatte, der neue Chef würde eine nahtlose Fortsetzung der bisherigen Politik seines Amtsvorgängers Jerome Powell signalisieren, sah sich getäuscht. Der Neue setzte sogleich eigene Akzente.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gleich zu Beginn der Pressekonferenz kündigte Warsh fünf Task Forces an, welche die bisherigen Praktiken des Fed kritisch unter die Lupe nehmen sollen. Die Arbeitsgruppen richten ihren Blick auf die Themen Kommunikation, Bilanz, Daten, Produktivität und Jobs, sowie Inflation. Das damit verbundene Signal: Die amerikanische Notenbank schlägt ein neues Kapitel auf. Unter Warsh – an der Wall Street schon als «New Sheriff in Town» tituliert – soll das Federal Reserve ein anderes sein.Vier Punkte fallen bei der erfrischenden Premiere des weltweit wichtigsten Zentralbankers auf:1. Die Inflation ist der HauptfeindKevin Warsh liess wenig Zweifel aufkommen, welche Aufgabe auf absehbare Zeit im Fokus des Fed stehen muss: die Gewährleistung der Preisstabilität. Mit diesem Bekenntnis konnte im Vorfeld zwar gerechnet werden, zumal die Inflation in den Vereinigten Staaten bereits seit über fünf Jahren über dem Zielwert von 2 Prozent liegt – derzeit ist sie mit 4,2 Prozent sogar mehr als doppelt so hoch. Das nährt bisweilen Zweifel, wie ernst es der Währungsbehörde mit ihrem Ziel überhaupt noch ist.Doch die geldpolitische Sitzung signalisierte stärker als erwartet, dass die Inflation sinken muss – und Leitzinserhöhungen unumgänglich sind. Zum einen spiegelte sich das im Statement: Dort steht kurz und bündig, man werde für Preisstabilität sorgen, wobei das zweite Ziel des Fed, nämlich die Beschäftigung, nicht einmal erwähnt wird. Zum andern betonte Warsh diese Botschaft auch vor den Medien, bis jedem klar wurde, dass von den zwei Zielen die Preisstabilität klare Priorität hat.2. Das Fed bleibt unabhängigSelten ging eine Neubesetzung des Fed-Vorsitzes mit so viel Lärm einher wie in diesem Fall. Der Grund liegt bei Präsident Donald Trump. Dieser fordert von der Notenbank seit Jahren eine lockerere Geldpolitik und somit tiefere Leitzinsen. Dass Trumps Wahl auf Warsh fiel, setzte diesen von Anfang an dem Pauschalverdacht aus, dass er sich dem Willen des Präsidenten beugen und für eine Politik des billigen Geldes eintreten würde. Diesen Verdacht hat Warsh glaubwürdig entkräftet.Zwar äusserte sich der neue Fed-Chef weder zu seiner Wahl noch zu seinem Verhältnis mit Trump. Er unterstrich die Unabhängigkeit des Fed aber vor allem dadurch, dass er sich als «Falke» und somit als Verfechter einer straffen Geldpolitik präsentierte. Nichts an seinem Auftritt liess darauf schliessen, dass er die Leitzinsen zu senken bereit ist, um dem Wunsch des Weissen Hauses entgegenzukommen. Man kann sich den selbstsicheren Warsh schlecht als Befehlsempfänger Trumps vorstellen.3. Weniger ist mehr bei der KommunikationGeldpolitische Geschwätzigkeit ist Warsh ein Greuel. Er ist überzeugt: Weniger ist mehr, wenn es um die Kommunikation des Fed geht. Das am Mittwoch unter seiner Ägide veröffentlichte Statement zählt nur gerade 132 Worte – das ist weniger als die Hälfte der noch im April publizierten Mitteilung. Anders als seine Kollegen im Führungsgremium verzichtete Warsh auch darauf, eine Zinsprognose abzugeben. Ob das Fed an solchen Prognosen – den sogenannten Dot-Plots – festhalten wird, ist unklar.Schon zu Grabe getragen hat Warsh die Praxis der Forward Guidance. Mit diesem Instrument kommunizieren Zentralbanken ihre zukünftigen geldpolitischen Absichten. Für die Abschaffung solcher Selbstbindung gibt es gute Gründe. So zeigte sich bei der Inflationswelle von 2022, dass einige Notenbanken auch deshalb zu spät reagierten, weil sie lieber ihren eigenen Versprechen treu blieben als sich den neuen Daten anzupassen. Sie gewichteten Transparenz höher als Lernbereitschaft und Flexibilität.4. Die Notenbankbilanz muss schrumpfenWenn das Fed der Öffentlichkeit weniger Einblick gewährt, sehen das viele Akteure am Finanzmarkt ungern. Denn mehr Verschlossenheit erschwert die Erwartungsbildung und kann zu höherer Volatilität führen. Wenig Freude haben Investoren auch am Ansinnen von Warsh, die nach der Finanzkrise stark aufgeblähte Fed-Bilanz zu verkleinern. Denn ein solches Schrumpfen wirkt wie eine geldpolitische Straffung: Die Liquidität im System sinkt und die Finanzierungskosten steigen.Bei der Bilanzverkleinerung scheint Warsh vorderhand noch nicht aufs Tempo zu drücken. Vielmehr bekräftigt das Fed in seinem Statement, «im Bankensystem ausreichende Reserven aufrechtzuerhalten». Warsh ist sich bewusst, dass die Entwöhnung des Finanzmarktes vom vielen Geld der vergangenen Jahre mit Entzugserscheinungen verbunden ist. Dass Warsh aus Gründen der Finanzstabilität von einem kalten Entzug absieht, heisst aber nicht, dass er auf eine Entwöhnung verzichten wird.Nostalgie und NormalitätWas verbindet diese vier Punkte? Vielleicht so etwas wie Nostalgie. Es scheint, Warsh wolle das Fed zurückführen in die Welt vor Ausbruch der Finanzkrise. Damals schien Preisstabilität fast selbstverständlich; die Unabhängigkeit der Geldpolitik war breit akzeptiert; die Grenzen der klassischen Zinspolitik mussten nicht mit dem Forward-Guidance-Versprechen, die Zinsen sehr lange niedrig zu halten, ausgeweitet werden; und Geld war noch ein knappes und somit wertvolles Gut.Die Börsen finden jedoch wenig Gefallen am Ausblick auf mehr geldpolitische Normalität. Sie haben mit Kursrückschlägen auf Warshs Auftritt reagiert. Das spricht durchaus für den neuen Fed-Chef. Denn als Verbündeten der Wall Street darf er sich nicht verstehen, wenn er seine hochgesteckten Ziele erreichen will. Noch ist vieles unklar. Erkennbar sind erst Ambitionen, noch kein konkreter Plan. Kevin Warsh hat am Mittwoch jedoch einen vielversprechenden Einstand geliefert.Passend zum Artikel
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