Hinter der HeadlineDas Fed belässt den Leitzins unverändert, doch zahlreiche Mitglieder des Führungsgremiums sehen die Notwendigkeit von Zinserhöhungen. Die Finanzmärkte reagieren mit Abgaben. In seiner ersten Pressekonferenz als Fed-Vorsitzender gibt Warsh Einblick in seine Kommunikationsphilosophie.Die Finanzmärkte werden sich an einen neuen Ton von der Spitze der mächtigsten Zentralbank der Welt gewöhnen müssen. Das Resultat der am Mittwoch beendeten, zweitägigen Sitzung des Offenmarktkomitees (Federal Open Market Committee, FOMC) wurde in einem äusserst knappen Statement festgehalten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In nur 132 Worten kündigte das Fed an, den Leitzins, die Federal Funds Rate, unverändert in der Bandbreite von 3,5 bis 3,75% zu belassen. Die US-Wirtschaft befinde sich in einem «soliden» Zustand, Produktivitätswachstum und Kapitalinvestitionen seien «stark», die Arbeitslosenquote unverändert tief. Die Inflationsrate verharre über dem Zielwert von 2%. Doch das Fed werde für Preisstabilität sorgen.Im Statement fehlt im Gegensatz zur Usanz der vergangenen zwei Jahrzehnte jeder Hinweis über die zu erwartende Geldpolitik in den kommenden Monaten. Die Politik der «Forward Guidance», teilweise eingeführt von Fed-Chef Alan Greenspan nach der Jahrtausendwende und weitgehend institutionalisiert unter dessen Nachfolger Ben Bernanke, ist Geschichte.«Das Komitee ist zur Einsicht gelangt, dass diese Kommunikationspolitik im gegenwärtigen Umfeld nicht mehr geeignet ist», sagte Warsh in seiner ersten Pressekonferenz als Fed-Chef im Anschluss an die Sitzung.Kevin Warsh an seiner ersten Pressekonferenz als Vorsitzender der US-Notenbank.Bild: BloombergGleichzeitig gaben die 19 Mitglieder des FOMC allerdings einen Einblick in ihr Denken, wie sie die geldpolitische Lage einschätzen. Und dort hat sich der Tenor im Verlauf der vergangenen drei Monate deutlich verändert: Im sogenannten Dot Plot, der die vierteljährlich erhobene Prognose der FOMC-Mitglieder abbildet, gehen neun Personen von mindestens einer Leitzinserhöhung bis Ende 2026 aus. Nur eine Person sieht die Notwendigkeit einer Zinssenkung. Acht FOMC-Mitglieder sehen einen unveränderten Leitzins bis Ende Jahr.«Dot Plot»: Prognose der 19 FOMC-Mitglieder zum Niveau des Leitzinses jeweils per Ende JahrNoch im März, anlässlich der letzten Publikation des Dot Plot, ging kein einziges FOMC-Mitglied von einer Zinserhöhung aus. Zwölf Mitglieder hatten damals mindestens eine Zinssenkung bis Ende Jahr prognostiziert.Auch in dieser Hinsicht machte Warsh an der Pressekonferenz seine Präferenzen klar: Er hat keinen «Dot» abgegeben, sprich, er hat vollständig auf eine Aussage zum Leitzinsniveau per Ende Jahr verzichtet.In der Summe zogen die Finanzmärkte ein klares Fazit: Das oberste Fed-Führungsgremium ist falkenhafter («hawkisher») geworden, die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinserhöhung ist gestiegen. Die Terminmärkte preisen eine Erhöhung bis Ende Jahr mittlerweile mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein. Der Bondmarkt sandte im Nachgang der Fed-Sitzung ein klares Signal seiner Erwartungen: Die Rendite zweijähriger Treasury Notes, in der Regel ein guter Indikator für die künftige Fed-Politik, kletterte unmittelbar um 15 Basispunkte (Bp) auf 4,2%.Damit liegen die zweijährigen Treasury-Renditen rund 45 Bp über dem oberen Ende der Bandbreite der Federal Funds Rate – ein historisch abnormal hoher Wert. Auf die Frage, wie er diese Marktreaktion interpretiere, meinte Warsh an der Pressekonferenz lakonisch: «Ich bin nicht besonders interessiert daran, wie die Finanzmärkte in den ersten Minuten oder auch in den ersten Tagen nach unserer Entscheidung reagieren.»Die Finanzmärkte bekundeten sichtlich Mühe, den Kommunikationsstil von Warsh zu absorbieren. Der S&P 500 verlor während der Pressekonferenz an Terrain und schloss mit einem Minus von 1,2%. Der technologielastige Nasdaq 100 ging mit einem Verlust von 1,3% aus dem Handel. Der Goldpreis ermässigte sich um 2% auf 4267 $ je Unze.Der Dollar dagegen wertete sich auf. Der handelsgewichtete Dollar-Index (DXY) erreichte im Nachgang der Fed-Sitzung den höchsten Stand seit Ende März.Es ist offensichtlich, dass die Fed-Verantwortlichen vor dem Dilemma stehen, wie sie mit dem besonders seit Ausbruch des Kriegs am Persischen Golf wieder erhöhten Inflationsdruck umgehen sollen. Warsh versuchte einerseits, darauf hinzuweisen, dass der durch den Ölpreisanstieg ausgelöste Teuerungsschub bloss temporärer Natur sei. Gleichzeitig räumte er ein, dass besonders der Boom im Bau von Rechenzentren die Konjunktur aufheize und auch von dieser Seite zumindest in der kurzen Frist Inflationsdruck entstehe.«Wir haben unser Mandat der Preisstabilität in den letzten fünf Jahren nicht erfüllt. Wir werden das in Ordnung bringen», sagte er.Warsh will sich aber die Option offen lassen, ob zur Bekämpfung des jüngsten Inflationsschubs wirklich eine Erhöhung der Leitzinsen – ein Schritt, den die Europäische Zentralbank vor einer Woche vollzogen hat – notwendig ist. Bereits in sechs Wochen, am 29. Juli, findet das nächste FOMC-Meeting statt. «Bis dann werden wir mehr Informationen haben», sagte Warsh.Bis auf weiteres wird das Fed damit «auf Sicht» fliegen, und Warsh hält sich mit seinen öffentlichen Aussagen noch zurückhaltend bedeckt. Allerdings liess er keinen Zweifel daran, dass er fundamentale Veränderungen in der Art und Weise anstrebt, wie das Fed seine Politik betreibt. Er kündigte die Einsetzung von fünf Expertengremien – «Task Forces» – an, die Empfehlungen ausarbeiten sollen, wie das Fed künftig agieren soll.Konkret geht es dabei um:die Kommunikation mit der Öffentlichkeit und den Finanzmärktendie Verwendung der Fed-Bilanz als Politikinstrumentdie Prüfung und Modernisierung der verwendeten Datenquellendie Frage, wie Produktivitätswachstum und die Daten vom Arbeitsmarkt interpretiert werdendie Frage, wie die Inflation gemessen wirdDie Task Forces sollen ihre Arbeit in den kommenden Wochen aufnehmen und ihre Berichte bis Ende Jahr abliefern. Angesprochen auf die Kommunikation sagte Warsh, alles werde hinterfragt: ob die Usanz der Dot Plots noch sinnvoll sei, ob Pressekonferenzen nach jeder Fed-Sitzung notwendig seien, ob es nützlich sei, die Protokolle der FOMC-Sitzungen zu publizieren. Alles stehe zur Debatte.«Die Finanzmärkte werden viele Veränderungen zu verdauen haben», sagte Warsh. Ihre erste Reaktion zeigte, dass es dabei auch zu Verdauungsbeschwerden kommen kann. Die Zeit, als die mächtigste Notenbank der Welt den Märkten möglichst unzweideutig ihre Absichten zu telegrafieren versuchte, ist vorbei. Unter Kevin Warsh dürfte das Fed unberechenbarer werden.
Der neue Fed-Chef Kevin Warsh will die Geldpolitik auf ein neues Fundament stellen
Das Fed belässt den Leitzins unverändert, doch zahlreiche Mitglieder des Führungsgremiums sehen die Notwendigkeit von Zinserhöhungen. Die Finanzmärkte reagieren mit Abgaben. In seiner ersten Pressekonferenz als Fed-Vorsitzender gibt Warsh Einblick in seine Kommunikationsphilosophie.











