Hinter der HeadlineDer neue Präsident der US-Notenbank belässt den Leitzins unverändert. An den Finanzmärkten wird weiterhin darüber spekuliert, wie er die Geldpolitik künftig gestalten will. Das Poker um eine mögliche Straffung im September spitzt sich zu.Kevin Warsh will die Geldpolitik in den USA grundlegend reformieren. Beim Zinsentscheid von gestern Mittwoch setzte der neue Chef des Federal Reserve jedoch auf Kontinuität – zumindest vorerst. Angesichts der grossen Unsicherheit bezüglich des makroökonomischen Umfelds lautet seine Devise weiterhin Abwarten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Entsprechend belässt der Offenmarktausschuss der US-Notenbank das Zielband für die Fed Funds Rate konstant bei 3,5 bis 3,75%. Seit das Fed den Leitzins letztmals verändert hat, sind es inzwischen rund siebeneinhalb Monate her.Doch im Fed-Gremium steigt der Druck, die Geldpolitik zu straffen stetig. Das lässt sich dem Statement zur zweitägigen Sitzung entnehmen. Drei der insgesamt zwölf stimmberechtigten Mitglieder votierten gegen den Entscheid und sprachen sich für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte aus: Beth Hammack, die Präsidentin der Fed-Distriktnotenbank Cleveland, Neel Kashkari (Minneapolis) und Lorie Logan (Dallas).Es ist das erste Mal seit 2016, dass drei Mitglieder im Ausschuss gegen den Mehrheitsbeschluss und für eine straffere Geldpolitik gestimmt haben.Inflation ist das grösste Risiko für das FedDie Dissonanz im Fed-Vorsitz ist nicht überraschend. Der Krieg im Nahen Osten ist in den vergangenen Tagen weiter eskaliert. Die Energiepreise bleiben hoch, womit das Risiko steigt, dass sie sich verzögert auf die Kerninflation durchschlagen werden. In der knappen Medienmitteilung weist das Fed gleich zweimal auf diese Gefahr hin.Fed-Chef Kevin Warsh bekräftigte an der Pressekonferenz seine Absicht, die Inflation zu dämpfen. Die Kernrate des Index der US-Konsumentenpreise, bei der Energie und Nahrungsmittel ausgeklammert werden, verharrt seit rund fünf Jahren über dem langfristigen Ziel von 2%. Der leichten Abkühlung im Juni, die auf den temporären Rückgang des Ölpreises folgte, messe er keine grosse Bedeutung zu, sagte Warsh.Wichtiger sind seiner Meinung nach zwei andere Entwicklungen in der amerikanischen Wirtschaft, die «eine beeindruckende Widerstandsfähigkeit» zeige. Erstens haben die nominalen wie auch die realen Zinsen seit der letzten Fed-Sitzung von Mitte Juni deutlich angezogen. Die Rendite zehnjähriger Treasury Notes zum Beispiel erhöhte sich um fast 25 Basispunkte auf zweitweise mehr als 4,7%.Gemäss Warsh könnte das unter anderem daran liegen, dass die US-Notenbank unter seiner Leitung strikt auf «Forward Guidance» verzichtet. Bezeichnet werden damit gezielte Ankündigungen zur geplanten Geldpolitik. Seit der Abkehr von dieser Praktik konzentriere sich die Aufmerksamkeit der Märkte auf die realwirtschaftlichen Daten und Trends, und nicht mehr auf das Fed, sagte er. Dies sei «eine Veränderung zum Positiven, und wir fangen gerade erst an.»Zweitens verwies er auf den boomenden Infrastrukturausbau im Bereich künstliche Intelligenz. «Der Anstieg der High-Tech-Investitionen ist bemerkenswert, doch das macht die Rolle des Fed nicht zwangsläufig einfacher», sagte er. Generell würden Kapitalausgaben die Basis für künftiges Wachstum legen. «Dennoch bleibt es schwierig, den genauen Zeitpunkt und Umfang der Effekte auf der Angebotsseite vorherzusagen.»Heftige Kursschwankungen an den BörsenWenn Warsh mit solchen Aussagen mehr Verwirrung als Klarheit schaffen wollte, dann ist ihm das gelungen. Die Börsen in New York reagierten zunächst freundlich auf die Nachrichten aus dem Fed; möglicherweise aus Erleichterung darüber, dass es nicht überraschend zu einer Zinserhöhung gekommen war. Während der Pressekonferenz setzte sich Auftrieb fort, doch in der letzten Handelsstunde kippte die Stimmung abrupt.Der Leitindex S&P 500 schloss 1,5% schwächer. Der Nasdaq 100 mit den grössten Technologiewerten büsste 2,1% ein und hat seit dem Hoch von Anfang Juni über 10% korrigiert. Erneut gerieten vor allem Aktien aus der Halbleiterindustrie unter Druck.Kursverlauf des S&P 500 am Mittwoch, 29. Juli.Quelle: FinVizNachbörslich richtete sich der Fokus auf die Quartalsberichte der Tech-Schwergewichte Microsoft und Meta Platforms. Bei Microsoft wurde das robuste Wachstum der Cloud-Sparte Azure positiv aufgenommen, wogegen Meta mit dem Ausblick enttäuschte.Was genau den Stimmungsumschwung auslöste, bleibt diffus. Eine mögliche Erklärung sind grössere Bewegungen am Bondmarket, speziell am langen Ende der Zinskurve. Die Rendite zehnjähriger Treasury Notes stieg am Mittwoch um 6 Basispunkte auf 4,67%, die Rendite dreissigjähriger Treasury Bonds legte 11 Basispunkte auf 5,24% zu, was dem höchsten Stand seit Juli 2007 entspricht.Am kurzen Ende verhielt es sich umgekehrt. Die Rendite zweijähriger Treasury Notes sank um 4 Basispunkte auf 4,22%, wobei es im Nachgang des Fed-Entscheids zu grösseren Schwankungen kam. Die Zinskurve richtet sich dadurch weiter auf, wobei dieser Trend bereits gegen Ende Juli eingesetzt hat – praktisch zeitgleich mit dem Beginn der Turbulenzen bei Aktien mit Bezug zu KI.Im Devisenhandel büsste der Dollar leicht an Terrain ein. Der DXY Dollar Index sank 0,6%. Vor dem Hintergrund der unberechenbaren Lage im Nahen Osten verteuerte sich der Ölpreis gemessen an der Referenzsorte Brent um 8% auf 90.68 $ pro Fass. Der Goldpreis stieg 0,9% auf 4066 $, Silber erhöhte sich in gleichem Umfang auf 57.60 $.Was sagt Warsh in Jackson Hole?Nach dem Auftritt von Warsh dürften Spekulationen um den weiteren Kurs der US-Geldpolitik in den kommenden Wochen zunehmen. Vielleicht war das seine Absicht. Der nächste Fed-Entscheid fällt am 16. September. Bis dahin werden der US-Notenbank zwei weitere Berichte zum Arbeitsmarkt und zur Inflation zur Verfügung stehen.Die Terminmärkte rechnen neu mit einer Wahrscheinlichkeit von etwas mehr als 40%, dass der Leitzins auch an der nächsten Fed-Sitzung unverändert bleibt. Zuvor waren es knapp 25%. Dahinter stecken möglicherweise Annahmen, dass die steigenden Renditen am langen Ende der Zinskurve dem Fed einen Teil der Arbeit abnehmen, die Geldpolitik zu straffen. Dazu passt, dass die Rendite zweijähriger Treasury Notes, die besonders empfindlich auf Veränderungen der Zinserwartungen reagiert, gestern leicht gesunken ist.Der neue Fed-Chef befindet sich zudem in einer politisch heiklen Situation. Warsh ist von Donald Trump mit der unzweideutigen Aufforderung für seinen Posten ernannt worden, die Zinsen zu senken. Bislang verhält sich der US-Präsident ruhig. Sollte das Fed die Geldpolitik jedoch kurz vor den US-Zwischenwahlen Anfang November straffen, wäre scharfe Kritik aus dem Weissen Haus so gut wie sicher.Entscheidend bleibt letztlich, wie Warsh die US-Notenbank als Institution reformieren will. Er hat dafür fünf Arbeitsgruppen initiiert, die sich mit der Kommunikation, der Bilanzpolitik, der Bewertung von Datenquellen und anderen Aufgaben befassen. Darunter befinden sich hochkarätige Experten wie Mervyn King, ehemaliger Gouverneur der Bank of England, Raghuram Rajan, Ex-Gouverneur der Reserve Bank of India, und Bill White, ehemaliger Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.Warsh machte dazu an der Pressekonferenz nur vage Aussagen. Er stellte aber in Aussicht, dass er dazu möglicherweise mehr Informationen am jährlichen Wirtschaftssymposium in Jackson Hole, Wyoming, geben könne. Allerdings sei das noch nicht sicher. «Ich habe noch nicht entschieden, ob es eine Grundsatzrede wird oder eher eine traditionelle Einstimmung auf all das, was uns zwischen September und Dezember bevorsteht», sagte er.
US-Notenbank: Kevin Warsh spielt auf Zeit
Der neue Fed-Chef belässt den Leitzins vorerst unverändert. Das Poker um eine mögliche Straffung der Geldpolitik spitzt sich zu.















