Das Fed schiebt die erste Zinserhöhung unter Kevin Warsh weiter hinausDer Iran-Krieg verteuert das Benzin in den USA wieder spürbar. Trotzdem belässt die amerikanische Notenbank den Leitzins einmal mehr da, wo er seit Ende 2025 ist.29.07.2026, 20.07 Uhr4 LeseminutenKevin Warsh gibt den Finanzmärkten weiterhin keinen Hinweis, ob er eine baldige Erhöhung des Leitzinses ins Auge fasst.Nathan Howard / ReutersDer Fed-Vorsitzende Kevin Warsh erteilt all jenen, die sich von ihm eine restriktivere Geldpolitik erhofft haben, vorerst eine Absage. Auch im zweiten Zinsentscheid unter seiner Führung verzichtet die amerikanische Notenbank auf eine Erhöhung des Leitzinses, wie sie am Mittwoch bekanntgegeben hat. Der Leitzins bewegt sich weiterhin im Band zwischen 3,5 und 3,75 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Medienmitteilung des Fed – normalerweise eine wichtige Informationsquelle für die Finanzmärkte – gab es zudem nur sehr geringfügige Änderungen und keinerlei zusätzliche Informationen, ob die Notenbank schon für September eine Zinserhöhung einplant.Auffällig ist jedoch der Dissens im Fed-Offenmarktausschuss (FOMC), der die Zinspolitik bestimmt. Während es Warsh bei seinem ersten Entscheid im Juni noch gelungen war, den ganzen Ausschuss hinter sich zu scharen, gab es diesmal drei abweichende Stimmen. Im letzten Amtsjahr unter dem ehemaligen Fed-Chef Jerome Powell war das regelmässig vorgekommen.Der Dissens von Beth Hammack, Lorie Logan und Neel Kashkari kommt allerdings nicht unerwartet. Vor allem die Präsidentinnen der Fed-Regionalbanken aus Cleveland (Hammack) und Dallas (Logan) haben in den vergangenen Wochen deutlich gemacht, dass sie eine sofortige Zinserhöhung für angebracht halten, weil die Inflationsgefahr deutlich grösser sei als die Risiken am Arbeitsmarkt.Die Märkte tappten im DunkelnDie Finanzmärkte werten die ausbleibenden Veränderungen im Statement als Signal, dass eine vergleichsweise lockere Geldpolitik auch unter Warsh möglich bleibt. Amerikanische Aktien und kurzlaufende Staatsanleihen gewannen nach 14 Uhr (Ortszeit) daher leicht an Wert, während der der US-Dollar an Boden verlor.Im Vorfeld hatten die Meinungen, welchen Kurs das Fed einschlagen würde, auch ausserhalb der Notenbank für einmal deutlich divergiert. Das lag auch an Kevin Warsh selbst, der keine Forward Guidance mehr abgibt – also keine Hinweise zur zukünftigen Geldpolitik des Fed.Um eine Prognose zum Zinsentscheid zu fällen, musste sich die Börse nun selbst in die Schuhe von Warsh und seinen Kollegen im FOMC versetzen, was die Bandbreite der Schätzungen schlagartig vergrösserte. Daten von den Terminmärkten in Chicago implizierten, dass noch am Mittwochmorgen rund ein Drittel der Marktteilnehmer mit einer umgehenden Zinserhöhung rechneten.Eine Zinserhöhung «würde nachdrücklich die Ära der Forward Guidance beenden», schrieb etwa Frank Flight, Chef Makro-Strategie bei Citadel Securities. Zudem könne die Notenbank ihre Unabhängigkeit unterstreichen, nachdem diese zwei Jahre lang in Zweifel gezogen worden ist.Robin Brooks von der Denkfabrik Brookings Institution warnte dagegen vor einem «schweren Fehler» und einer «Falle», in welche sich Warsh mit einer Zinserhöhung begeben würde. Er verwies auf die negative Kerninflation im Juni gegenüber dem Vormonat. Warsh würde in dieser Ausgangslage mit einer Zinserhöhung das Narrativ stark befeuern, wonach das Fed unter seinem Vorsitz restriktiver geworden sei. Er würde die Märkte in Aufruhr versetzen und sie dazu verleiten, immer mehr Zinserhöhungen zu antizipieren – was wiederum den Spielraum des Fed selbst einengen würde.Streit um das InflationszielDie Marktteilnehmer waren sich uneinig, wie das Fed auf künftige Daten reagieren soll und wie die heutigen Daten zu interpretieren sind. Der Arbeitsmarkt ist weiterhin in ansprechender Verfassung, weil sich die Unternehmen mit Entlassungen stark zurückhalten.Umstritten ist aber, was die aktuellen Inflationsdaten aussagen. Schuld daran ist der Krieg zwischen den USA und Iran. Mitte Juni ist der prekäre Waffenstillstand zusammengebrochen, was die Aussichten auf eine baldige Normalisierung am Erdölmarkt zunichtegemacht hat. Die Benzin- und Dieselpreise sind seither auch in den USA wieder spürbar angestiegen.Teureres Benzin wirkt sich zwar nicht auf die vielbeachtete Kerninflation aus. Diese klammert Nahrungsmittel und Energiegüter aus, in erster Linie weil sich ihre Preise sehr sprunghaft und ohne Zutun der Notenbank verändern. Das Fed hat daher den Anreiz, einmalige Preisentwicklungen an der Zapfsäule zu ignorieren.Dieses Wegschauen hat jedoch Grenzen, denn die Bevölkerung spürt den höheren Benzinpreis ja unmittelbar. Die frühere Fed-Ökonomin Claudia Sahm schreibt denn auch, dass sich das Inflationsziel des Fed, zwei Prozent, auf alle Preise bezieht. Konzepte wie die von Warsh zuletzt oft erwähnte «zugrunde liegende Inflation» seien nützlich, aber eben nicht der Zielwert.Für Ungewissheit sorgt auch die weitere Entwicklung der KI-Branche. Der stürmische Ausbau von Rechenzentren war eine wichtige Stütze für den Aktienmarkt, aber auch für die amerikanische Wirtschaft insgesamt. Gleichzeitig wirkt er derzeit inflationär. Jüngst mehrten sich nun die Bedenken an den Märkten, es habe sich eine Blase gebildet.Eine striktere Geldpolitik könnte den Boom dämpfen, aber auch das Platzen einer solchen Blase befördern. Das Fed lässt sich in seinem Zinsentscheid nicht vom Aktienmarkt leiten. Im Falle einer Krise könnten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen indes rasch ändern, und von aussen kämen Forderungen auf, dass sich die Notenbank wieder einmal als Feuerwehr betätigen sollte.Passend zum Artikel
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