Es war nicht klar, ob es diesen Aufritt überhaupt geben würde. Schließlich hatte der neue Fed-Chef Kevin Warsh durchblicken lassen, dass er die Pressekonferenzen abschaffen könnte, mit denen die US-Notenbank ihre Zinsentscheidungen erklärt. Das ist vorerst abgesagt. Warsh trat am Mittwoch in Washington vor die Journalisten und verkündete, was viele erwartet hatten: Der Leitzins bleibt unverändert, er liegt wie gehabt bei 3,5 bis 3,75 Prozent.Die US-Notenbank hat sich damit vorerst für einen anderen Kurs entschieden als die Europäische Zentralbank. Die EZB hatte den Leitzins vergangene Woche erstmals nach fast zwei Jahren erhöht. Sie begründete das mit dem vom Krieg im Nahen Osten ausgelösten „Druck auf die Inflation“. Der ist in den USA nicht viel geringer. Auch dort ist die Inflation im Mai auf 4,2 Prozent gestiegen.Aber selbst wenn man die hohen Energiepreise herausrechnet, liegt die Inflation weit über der Zielmarke von zwei Prozent. Ein Grund ist wohl der explosionsartige Ausbau von KI-Rechenzentren in den USA, der die Preise nach oben treibt. Gleichzeitig hat sich die Lage auf dem US-Arbeitsmarkt entspannt. Beides – die anziehende Inflation und der stabile Jobmarkt – würden Zinserhöhungen rechtfertigen.Warum die US-Notenbank das nicht tat? Warsh sagte nicht mehr, als in dem knappen Statement des Fed-Direktoriums stand. Es nannte den Krieg im Nahen Osten als Inflationstreiber und versprach: „Das Direktorium wird Preisstabilität sicherstellen.“ Wie es das genau zu gedenken tut, wollte Warsh auch auf Nachfrage nicht beantworten. Ungewöhnlich ist auch, dass die Notenbank in ihrem Statement auf jede Aussage verzichtete, ob ihre Geldpolitik künftig eher locker oder eher restriktiv ausfallen werde. Warsh hält solche Prognosen nach eigenen Angaben für „nicht hilfreich“.Trumps WunschkandidatDer konservative Jurist und ehemalige Investmentbanker ist erst seit knapp vier Wochen im Amt. Er war der Wunschkandidat von US-Präsident Trump. Dieser hatte Warsh ausgewählt, weil er sich von ihm eine lockere Geldpolitik erhoffte. Trump spekulierte darauf, dass niedrige Zinsen die US-Wirtschaft vor den Zwischenwahlen anheizen würden. Warsh beteuerte seine Unabhängigkeit, aber Trump machte seine Erwartungen an ihn klar: Er werde enttäuscht sein, wenn Warsh die Zinsen nicht schnell senke, sagte er erst vor wenigen Wochen. Doch schon jetzt ist klar, dass es damit so schnell nichts wird.Schon in ihrer letzten Prognose waren die Notenbanker davon ausgegangen, die Zinsen in diesem Jahr bloß einmal leicht zu senken und ansonsten stabil zu halten. Das hat sich nun ins Gegenteil verkehrt, die Zeichen stehen auf Zinserhöhungen. In ihrer neuesten Prognose schrieben neun von 19 Fed-Gouverneuren, dass sie eine Zinserhöhung bis Ende des Jahres für wahrscheinlich halten. Warsh enthielt sich der Stimme. Er begründete das mit seinen „langjährigen Überzeugungen“, keine Vorhersagen zu treffen.Die ökonomischen Bedingungen legen eine restriktive Geldpolitik nahe: Auch wenn die Straße von Hormus bald wieder für den Schiffsverkehr öffnen könnte, ist es unwahrscheinlich, dass die Energiepreise schnell auf das Niveau von vor dem Krieg sinken. Die Inflation könnte sich bald sogar noch deutlicher bemerkbar machen, wenn Trump seine vom Supreme Court abgeräumten Gegenzölle wie angedroht reaktiviert.Statt seine Lesart der wirtschaftlichen Entwicklung in den USA zu erklären, so wie es sein Vorgänger Jerome Powell getan hatte, präsentierte Warsh eine Reihe von Reformideen für die Fed. Er will fünf Arbeitsgruppen einsetzen. Sie sollen unter anderem die Kommunikation der Notenbank und ihre Datenquellen überprüfen. Warsh schloss nicht aus, die Pressekonferenzen abzuschaffen.Daneben glaubt er, dass die Fed in der Vergangenheit auch deshalb die falsche Zinspolitik gefahren habe, weil ihre Daten veraltet seien. Um wirklich zu verstehen, wie es der Wirtschaft gehe, müsse die Notenbank künstliche Intelligenz nutzen und sich an der Privatwirtschaft orientieren, sagte Warsh.Der 56-Jährige setzt damit sein Versprechen um, die Notenbank umzubauen. Dennoch läuft es für ihn nicht nach Plan. Vor seinem Antritt hatte Warsh erklärt, er sehe Spielraum für Zinssenkungen. „Inflation ist eine Wahl“, sagte er immer wieder. Das gefiel Trump. Nun ist die Realität dazwischengekommen.