GastkommentarRaphael BühlmannAuf dem Boden bäuerlicher TatsachenDie exportorientierte Schweizer Milchwirtschaft steht in einem internationalen Wettbewerbsumfeld. Produziert werden muss aber unter politischen Rahmenbedingungen, die Wachstum und strukturelle Entwicklung systematisch begrenzen.17.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Milchwirtschaft steht unter Druck: Es gibt zu viel Milch.Christoph Ruckstuhl / NZZIn der Schweiz gibt es derzeit ein strukturelles Überangebot an Milch. Milch ist, vermarktet der Landwirt diese nicht selbst, ein Industriegut. Langfristig sind folglich jene Produzenten wettbewerbsfähig, die am ressourceneffizientesten und kostengünstigsten produzieren können. Damit dies möglich ist, muss der Staat die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, so dass Ressourcen effizient allokiert werden können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Widersprüchliche PolitikDie heutige Situation auf dem Schweizer Milchmarkt ist indes das Resultat einer Strategie, die nie konsequent zu Ende gedacht wurde. Einerseits hat man den Markt teilliberalisiert: Die Öffnung des Käsehandels mit der EU sowie die Abschaffung der Milchkontingentierung waren klare Signale an die Schweizer Milchwirtschaft, dass man konkurrenzfähig werden und sich langfristig auf dem internationalen Markt behaupten soll.Andererseits hat man es versäumt, den Milchbauern die dafür notwendigen Instrumente mitzugeben. Denn ja, in der Milchwirtschaft ist Boden der entscheidende Produktionsfaktor. Dieser müsste so austauschbar sein wie der Käse im Verkaufsregal. Die entsprechende strukturelle Liberalisierung bleibt die Politik den Milchbauern aber bis heute schuldig. Während sich der Absatzmarkt internationalisierte, blieb der Zugang zum Produktionsfaktor Boden politisch weitgehend immobilisiert. Damit entstand ein Widerspruch, der die Schweizer Milchwirtschaft bis heute prägt.Das Parlament diskutiert derzeit die Revision des bäuerlichen Bodenrechts. Die Vorlage enthält zwar einzelne Massnahmen zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der Landwirtschaftsbetriebe. So sollen unter anderem die Belastungsgrenze erhöht, die Bestimmungen zur Selbstbewirtschaftung flexibilisiert sowie gewisse ausserlandwirtschaftliche Tätigkeiten erleichtert werden.Bemerkenswert ist dabei, dass der Bundesrat die Erhöhung der Belastungsgrenze selbst mit den stark gestiegenen Baukosten begründet. Die Revision soll insbesondere die Finanzierung von Stallbauten und Investitionen erleichtern. Damit anerkennt die Politik zwar den zunehmenden Kapitalbedarf moderner Landwirtschaftsbetriebe, verwehrt den Bauern aber weiter die dafür nötige Strukturentwicklung. Kleine, vielseitige Familienbetriebe bleiben das Idealbild in Bundesbern.Noch immer schlägt die Schweizer Agrarpolitik die Schweizer Landwirtschaft über den gleichen Leisten, ohne den stark divergierenden wirtschaftlichen Anforderungen Rechnung zu tragen. Während in gewissen Bereichen Nebenerwerb, Direktvermarktung oder staatlich gestützte Produktionsformen durchaus funktionieren können, steht die exportorientierte Milchwirtschaft in einem internationalen Wettbewerbsumfeld, das andere strukturelle Voraussetzungen verlangt. Wer internationale Wettbewerbsfähigkeit fordert, muss auch bereit sein, die dafür notwendigen strukturellen Rahmenbedingungen zuzulassen.Die Zeche bezahlen die SteuerzahlerDie geplanten Reformen ändern nichts am grundlegenden Problem, dass der entscheidende Produktionsfaktor politisch weiterhin immobilisiert bleibt. Gerade in einer kapitalintensiven Branche wie der Milchproduktion stellt sich zunehmend die Frage, weshalb Millionenbeträge in Stallungen, Technik und Tierbestand investiert werden sollen, wenn gleichzeitig die politischen Rahmenbedingungen Wachstum und strukturelle Entwicklung systematisch begrenzen.Unternehmerisch denkende Landwirte werden deshalb auch künftig gut abwägen müssen, wo sie Kapital, Fähigkeiten und Zeit einsetzen wollen. Viele von ihnen sind gut ausgebildet und sehen anderweitig bessere Entwicklungs- und Verdienstmöglichkeiten, während der eigene Hof und Boden noch bestmöglich verwaltet werden.Langfristig dürfte damit ausgerechnet jenes Steckenpferd der Schweizer Landwirtschaft weiter geschwächt werden, das international eigentlich grosses Potenzial hätte: die Schweizer Milchwirtschaft. Die Zeche zahlen am Ende die Steuerzahler und jene Bauern, die bereit gewesen wären, sich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen weiterzuentwickeln.Raphael Bühlmann ist Landwirt EFZ, Betriebsökonom FH und seit mehreren Jahren Agrarjournalist.