KommentarNeigen plötzlich alle Eidgenossen zur ökonomischen Selbstverstümmelung?Die SVP ist zwar mit ihrer 10-Millionen-Initiative gescheitert, aber das Virus der Wachstumsmüdigkeit wütet nun in allen Lagern. Plötzlich steht die Standortförderung in der Kritik, das Freihandelsabkommen mit Mercosur vor dem Scheitern – und bald die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel.21.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenWas einst linke Jünger der Degrowth-Religion predigten, grassiert nun in allen Lagern. Parlamentarier debattieren am letzten Tag der der Sommersession der Eidgenössischen Räte am Freitag, 19. Juni 2026 im Nationalrat in Bern.Anthony Anex / KeystoneMan sieht ihn nicht, man riecht ihn nicht, und man spürt ihn erst, wenn man ihn verloren hat. Im globalen Wirtschaftskrieg fallen Entscheide statt Bomben, sterben Jobs statt Menschen, streiten Nationen pausenlos um einen Teil vom Kuchen – so wie vor wenigen Tagen in Zürich. Die Agenten der EDB sind auf geheimer Mission unterwegs. Hinter dem kryptischen Kürzel verbirgt sich ein Gigant im Monopoly der Standortförderung. Die Anwerber aus Singapur machen hier einem Konzernchef ein lukratives Angebot. Mit einem «fixfertigen Vorteilspaket» buhlten sie darum, dass die Schweizer eine Zentrale fürs Asiengeschäft im Stadtstaat eröffneten, erzählt ein Insider. Die Singapurer strotzen vor Selbstbewusstsein, stehen in der Disziplin «Wettbewerbsfähigkeit» auf Platz 1 – dort, wo die Schweizer seit dieser Woche nicht mehr stehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die schlechte Nachricht aus der Lausanner Business-Schule IMD trifft auf ein Land mitten in einer Identitätskrise. Der Verlust der Spitzenposition sorgt heute nur noch für Achselzucken. Gewissheiten wie der Primat der Wirtschaft gehen stückweise über Bord. Die Ablehnung des 10-Millionen-Deckels der SVP kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Geist der Nachhaltigkeitsinitiative aus der Flasche ist. Selten bot das Projekt einer bürgerlichen Partei der Wachstumskritik eine so grosse Bühne. Ihr Heimatschutz verkommt zum Bauplan für ein Heimatmuseum. Zwar ist das nur der Kollateralschaden geschickten Marketings, weil die SVP ihren Anti-Ausländer-Kurs neu verpackt hat, aber das macht es nicht besser. Was einst linke Jünger der Degrowth-Religion predigten, grassiert nun in allen Lagern.Ja, die Politik sollte die Wut über die Wohnungsnot ernst nehmen. Doch Selbstmord aus Angst vor dem politischen Tod ist auch keine Lösung. Dass die SP mit der Standortförderung fremdelt, weil sie Reichtum für eine statische Grösse und die Schweiz für «attraktiv genug» hält, erstaunt nicht. Doch nun kommt Druck von ungewohnter Seite. «Wenn wir die Zuwanderung senken wollen, dann müssen wir uns überlegen, ob wir weiterhin Firmen aus dem Ausland in die Schweiz holen wollen», sagt der Mitte-Chef Philipp Matthias Bregy.Während die Konkurrenten der Schweiz die Mindeststeuer für Konzerne bereits abgeschafft haben, will ein bürgerlicher Parteichef dem Land lieber ein weiteres Handicap aufbürden. Und die SVP legt nach. Sie lehnt nicht nur die Botschaft des Bundesrates zur Standortförderung ab, sondern widerspricht sich selber. Nachdem sie im Kampf gegen die EU für Freihandelsabkommen ausserhalb Europas getrommelt hat, blockiert die Partei nun im Auftrag der Bauern und in einer Allianz mit den Linken den Handelsdeal mit den Mercosur-Staaten in Südamerika.Die Eidgenossen setzen auf ökonomische Selbstverstümmelung, obwohl ihre Exportausrichtung im Zeitalter der Zollkriege laut den IMD-Forschern eh schon als Wettbewerbsnachteil gilt. Die Agenten aus Singapur kommen sicher bald öfter vorbei.Ich wünsche Ihnen weiterhin ein wachsames Wochenende.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel