Der hausgemachte Notstand: Wie sich die Schweiz in die Pflegefalle manövriert hatDas Gesundheitswesen ist existenziell auf Zuwanderung angewiesen. Entsprechend gross ist die Sorge über die 10-Millionen-Initiative. Jetzt warnen sogar die SVP-Vertreter vor einer zu strikten Umsetzung.23.05.2026, 21.58 Uhr6 LeseminutenDie Stimmbevölkerung entscheidet: Die Gesundheitsbranche warnt vor dramatischen Folgen, falls das Volk der SVP-Initiative zustimmt.Illustration: Alice Mollon für NZZaSSie sind schon seit sechs Uhr morgens unterwegs. Jetzt kommen die Pflegerinnen und Pfleger der Spitex Aare Gürbetal AG von ihrer ersten Runde zurück. «Sinnstiftend, aber streng», so beschreibt eine junge Frau ihre Arbeit und stellt den Rucksack ab. Während sie Pause macht, schaut sie mit einem Auge aufs Tablet, das schon die nächsten Einsätze anzeigt. «Die Menschen geben mir viel zurück», sagt eine junge Emmentalerin, die noch in Ausbildung ist. Doch die Bedingungen in der Branche seien zunehmend herausfordernd. «Viele werden schon in der Lehre verheizt», tönt es im Znüniraum. «Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erik Kyburz ist Geschäftsleiter des Pflegedienstes. «Die Rekrutierung von gutem Personal ist sehr herausfordernd», erzählt er. In seinem Büro zeigt er seine offenen Stelleninserate. «Ich müsste zurzeit drei bis fünf zusätzliche Personen fest anstellen können.» Schaffen werde er das nicht. Die Schweiz habe in den vergangenen Jahrzehnten die Ausbildung systematisch vernachlässigt. «Wir haben uns viel zu wenig um den Nachwuchs gekümmert.» Die Folge: Heute hat rund ein Fünftel des Betreuungs- und Pflegepersonals in der Schweiz einen ausländischen Abschluss.Die Schulen sind bis auf den letzten Platz ausgebuchtViel Unverständnis hat deshalb eine E-Mail des Berner Ausbildungszentrums für Gesundheitsberufe ausgelöst. Es hat diesen Frühling die Notbremse gezogen und den Anmeldeschluss für die Pflegeausbildung vorverlegt. Man habe nur «beschränkte Aufnahmekapazitäten». Das Bildungszentrum schrieb den Lehrbetrieben weiter: «Wir behalten uns zudem vor, den Anmeldeschluss bei weiterhin stark steigenden Zahlen nochmals vorzuverlegen.»Das Gesundheitsamt des Kantons hat mit einem geharnischten Brief interveniert. «Wir haben diese Nachricht mit Befremden zur Kenntnis genommen», so das Schreiben, das der «NZZ am Sonntag» vorliegt. Angesichts des Fachkräftemangels sei es «äusserst schwierig», motivierte und geeignete Kandidaten abzuweisen.Nach der Intervention ist die Schule zurückgekrebst. Man werde alles tun, um jede Person aufzunehmen, sagt die Leitung nun auf Anfrage. Der grosse Andrang in Bern ist kein Einzelfall. Die Image- und Werbekampagnen für die Gesundheitsberufe tragen offensichtlich Früchte. Das Careum-Ausbildungszentrum Zürich vermeldet «erfreulich» hohe Zahlen. Auch das Zentralschweizer Ausbildungszentrum Xund verzeichnet sehr viele Anmeldungen und baut seine Kapazitäten mit einem Neubau aus. Der Verband meldet schweizweit rekordhohe Zahlen.Doch das wird nicht reichen. Denn laut einer viel zitierten Studie des Beratungsunternehmens PwC läuft die Schweiz in einen doppelten Hammer. Zum einen steigt in einer alternden Gesellschaft der Bedarf an Pflegeleistungen massiv an. Auf der anderen Seite gehen viele Babyboomer bald in Pension. Unter dem Strich fehlen der Schweiz so bis 2030 rund 30 000 Pflegekräfte.Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Die Schweiz hat erfolgreich Talent-Shopping betrieben. Für ein reiches Land mitten in Europa war das ein bequemer und billiger Weg. Dank vergleichsweise guten Bedingungen und hohen Löhnen konnte die Gesundheitsbranche ausgebildetes Fachpersonal aus dem Ausland abschöpfen. Die Schweiz hat so Ausbildungskosten gespart – gleichzeitig ist aber eine grosse Auslandabhängigkeit entstanden. Die sich jetzt zu rächen beginnt. Denn mittlerweile herrscht praktisch europaweit ein Mangel an Pflegekräften.Die grosse Auslandabhängigkeit ist gefährlichIn der Not gab es bereits verschiedene Projekte, aus dem weiter entfernten Ausland Personal zu rekrutieren. So hat das Spital Baselland ein Pilotprojekt gestartet, um Pflegerinnen aus den Philippinen zu holen. SRF hat das Projekt mit grossen Reportagen bekannt gemacht. Doch letzten Herbst musste das Spital einräumen, dass das Projekt gescheitert ist. Es sei «nicht wirtschaftlich» und «nicht tragfähig».So bleibt die Auslandabhängigkeit eine Achillesferse der Schweizer Gesundheitsversorgung. Das weiss auch der Bundesrat. Beat Jans hat die Krankenpflegerin und den Krankenpfleger zur wichtigsten Figur seiner Kampagne gegen die SVP-Initiative gemacht. Über nichts spricht der Justizminister so oft wie über den drohenden Notstand im Gesundheitswesen: «Wenn die Spitex nicht kommt, bleibt die Pflege Ihrer kranken Eltern an Ihnen hängen», erklärte er diese Woche den Studierenden der Universität Bern bei einem Auftritt.«Wir haben zu wenig Personal ausgebildet», sagt der Bundesrat gegenüber der «NZZ am Sonntag» am Rande seiner Rede. Das sei jahrelang aufgegangen. «Doch jetzt haben wir ein Problem.» Auch bei den Ärztinnen und Ärzten habe die Schweiz die Ausbildungsplätze beschränkt und sei deshalb auf Zuwanderung angewiesen. «Sehr viele Hausärzte sind heute über 55 Jahre alt, und es kommt eine riesige Pensionierungswelle auf uns zu.» Wenn die Bevölkerung mehr einheimisches Gesundheitspersonal wolle, gelte es, die richtigen Massnahmen zu treffen: «Dann muss man in die Schulen investieren und die richtigen Löhne bezahlen.» Doch in Zeiten knapper Mittel sei das leider politisch schwierig.Ausgerechnet die SVP hat sich mehrfach dezidiert gegen bessere Arbeitsbedingungen und mehr Ausbildungsplätze gewehrt. Das zeigt zum Beispiel die Umsetzung der Pflegeinitiative. Als es im Dezember 2022 im Nationalrat darum ging, mehr Geld für die Ausbildung zu sprechen, kamen sämtliche 40 Nein-Stimmen aus der SVP. Parteigrössen wie Marcel Dettling, Thomas Aeschi oder Thomas Matter sagten Nein.Auch diesen Frühling war es wiederum die SVP, die sich am schärfsten gegen bessere Arbeitsbedingungen wehrte: «Das wird richtig teuer», sagte der Nationalrat Andreas Glarner. Es gehe nicht mehr darum, die Situation der Pflegenden zu verbessern, sondern sich «richtig unanständig die Taschen zu füllen». Auch von einer Ausbildungsoffensive wollte er nichts wissen. «Bald braucht es einen Bachelor, um einen Nachttopf fachgerecht auszuleeren», erklärte der SVP-Gesundheitspolitiker.«Das ist ein unredliches Spiel. Ich verurteile das scharf», sagt der GLP-Nationalrat Patrick Hässig. Er ist der wohl bekannteste Pflegefachmann des Landes. Der ehemalige Radio- und Fernsehmoderator arbeitet in einem Teilzeitpensum auf dem Kindernotfall am Zürcher Stadtspital Triemli. «Ich habe viele Arbeitskollegen aus Österreich und Deutschland. Und ich bin sehr froh, dass sie da sind.» Als Praktiker an der Front könne er sagen: «Ohne Zuwanderung geht es im Gesundheitswesen nicht.»Hässig schaut mit Sorge auf die Demografie: «Ich frage mich, wer die heute 60- bis 70-jährigen Menschen dereinst pflegt.» Vor allem in den Randregionen werde es schwierig. Die SP-Gesundheitspolitikerin Ursula Zybach ist im Vorstand von Spitex Schweiz. Ausgerechnet dort, wo die SVP einen besonders hohen Zuspruch habe, wären die Folgen der 10-Millionen-Initiative besonders stark zu spüren, ist die Nationalrätin überzeugt. Das bereitet ihr auch persönlich Sorgen: «Ich frage mich ernsthaft, wer mich dereinst im Alter pflegen soll, wenn das Volk am 14. Juni Ja sagt.»Auch die Privatklinik Meiringen hat ihren Sitz in einer Randregion. Das Hauptgebäude liegt idyllisch, direkt unter den weltbekannten Reichenbachfällen im Berner Haslital. Das Familienunternehmen ist über die Jahre zu einer auf Psychiatrie und Rehabilitation spezialisierten Gruppe gewachsen. Der SVP-Grossrat Andreas Michel ist Verwaltungsratspräsident des Unternehmens mit rund 800 Angestellten. Er wird der Initiative seiner Partei zustimmen. «Es ist offensichtlich, dass es mit der Zuwanderung so nicht weitergehen kann.»Einfacher werde das seinen Job aber nicht machen, räumt er ein. «Wir müssen der Realität in die Augen schauen. Das Gesundheitswesen ist auf Zuwanderung angewiesen», so der Berner Oberländer. Und er sagt einen Satz, der für einen Vertreter der SVP überrascht: «Meine Überzeugung ist, dass es im Pflegebereich ohne die Personenfreizügigkeit nicht geht.» Ohne wäre die Rekrutierung deutlich schwieriger, so der Spitalmanager. Vor allem in Randregionen könnte es wirklich eng werden: «Möglicherweise müsste man gewisse Angebote einschränken und könnte bestimmte Leistungen nicht mehr anbieten.»Warum sagt er trotzdem Ja zu einem Volksbegehren, das in letzter Konsequenz die Kündigung der Personenfreizügigkeit verlangt? «Ich bin überzeugt, dass diese Initiative in der Praxis mit Augenmass umgesetzt wird», so Michel. Die Kündigung der Personenfreizügigkeit wäre erst die Ultima Ratio, so der Spitaldirektor mit SVP-Parteibuch. Vorher habe die Schweiz noch viele andere Möglichkeiten, die Zuwanderung zu drosseln.Damit widerspricht er seiner eigenen Parteileitung, die schon heute eine harte Umsetzung der Initiative fordert. Auch der Bundesrat hat stets betont, dass das Volksbegehren klar formuliert sei und den bilateralen Weg der Schweiz gefährde.Solche politischen Ränkespiele kommen bei den Pflegenden nicht gut an. «Die SVP-Initiative löst kein einziges meiner Probleme und macht es für uns zukünftig nur noch schwieriger, gutes Personal zu finden», sagt der Münsinger Spitex-Chef Erik Kyburz. Doch seine allergrösste Sorge ist nicht einmal, neues Personal zu finden. Noch fast mehr beschäftigt ihn, dass viele schon nach wenigen Jahren aussteigen. «Das ist für einen Betrieb, aber auch volkswirtschaftlich eine Katastrophe.»Er selber tut alles, um sein Personal zu halten. Vor drei Wochen hat seine Spitex neue Räume bezogen. Endlich hat der Betrieb einen Pausenraum, der den Namen verdient. «Den habe ich nur dank Geldern aus einem Spendenfonds finanzieren können», sagt der Geschäftsführer. Gratis-Kaffee und -Früchte gehören zu den kleinen Goodies, die er seinem Team bieten kann. Doch bei der zentralen Frage, beim Lohn, kann er nicht viel machen: «Als Chef muss ich sagen, dass meine Leute zu wenig verdienen, für das, was sie leisten.» Sein Personal gehe jeden Tag raus, auch bei Wind und Wetter. «Sie hätten mehr Wertschätzung verdient.»Passend zum Artikel
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