Frau Rühl, seit Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 ist die Bevölkerung in der Schweiz um 1,7 Millionen auf 9,1 Millionen gewachsen. Am Sonntag stimmen die Schweizer über eine Initiative der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) ab. Sie verlangt, die Wohnbevölkerung in der Zukunft auf unter zehn Millionen zu begrenzen. Was halten Sie davon?Ein solcher Bevölkerungsdeckel ist nicht zielführend. Es ist eine irreführende Scheinlösung, die wie ein Bumerang auf die Schweiz zurückschlagen würde. Die Initiative sorgt für Unsicherheit und Chaos und wäre ein Affront gegenüber vielen ausländischen Personen, die schon heute ihren Beitrag zum Wohlergehen der Schweiz leisten.Die SVP propagiert Abschottung, obwohl die Schweiz ihren Wohlstand zu großen Teilen ihrer Offenheit verdankt.In der Tat. Offenheit und Exportorientierung zählen zur DNA der Schweizer Wirtschaft. Die Schotten einfach dichtzumachen, funktioniert nicht. Wir sind nicht autark. Isolation war noch nie ein Erfolgsrezept für die Schweiz. Weil wir einen sehr kleinen Heimatmarkt haben, suchen wir schon immer den Zugang zu den Weltmärkten. Viele ausländische Arbeitskräfte haben zum Aufbau und zur Entwicklung der Schweiz entscheidend beigetragen, angefangen mit dem Bau des ersten Gotthard-Eisenbahntunnels durch italienische Gastarbeiter.Falls der Bevölkerungsdeckel angenommen wird: Welche Folgen hätte das?Die Folgen wären gravierend. Die Schweiz ist allein schon wegen der demographischen Entwicklung auf Zuwanderung angewiesen. Unsere Bevölkerung überaltert. Für die in Rente gehenden Babyboomer rücken zu wenig junge Leute nach. Schon heute herrscht Fachkräftemangel. Wenn Unternehmen keine geeigneten Arbeitskräfte mehr finden, weichen sie mit Investitionen ins Ausland aus oder verlagern Standorte. Damit gingen der Schweiz Arbeitsplätze, Innovationskraft und Steuereinnahmen verloren. Schon Trumps Zollhammer im vergangenen Sommer hat gezeigt, wie schnell sich die Unternehmen nach Alternativen umschauen, inklusive einer Verlagerung nach Deutschland.In Sorge: Monika Rühl, Direktorin von Economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer WirtschafteconomiesuisseWelche Branchen wären am stärksten betroffen?Gesundheitswesen, Baubranche, Pharmaindustrie, Gastronomie, Hotellerie und Landwirtschaft sind besonders abhängig von ausländischen Arbeitskräften. Bleiben die weg, müssen Pflege- und Altersheime schließen und Krankenhäuser ihre Versorgung einschränken. Restaurants werden aus Mangel an Personal vielleicht nur noch an vier Tagen in der Woche öffnen können. Forschungsstarke Unternehmen müssten ihre Entwicklungsabteilungen ins Ausland verschieben.Malen Sie nicht arg schwarz? Selbst unter dem Bevölkerungsdeckel könnten jährlich wohl immer noch 35.000 bis 40.000 Personen einwandern.Erstens würde das bei Weitem nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Zweitens würde es deutlich schwieriger werden, Fachkräfte aus dem EU-Raum in die Schweiz zu holen. Denn die Initiative verlangt, mit Erreichen des Schwellenwertes das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU zu kündigen. An die Stelle des aktuell unbürokratischen Verfahrens zur Rekrutierung von Fachkräften aus der EU würde dann wohl ein staatlich gesteuertes bürokratisches Kontingentsystem rücken. Überdies fielen wegen der sogenannten Guillotine-Klausel sechs weitere wichtige bilaterale Abkommen mit der EU weg, in denen es um den Abbau technischer Handelshemmnisse, die Forschung, das öffentliche Beschaffungswesen sowie den Land- und Luftverkehr geht.Gemäß der Initiative müsste die Regierung schon mit Erreichen der Schwelle von 9,5 Millionen Einwohnern Maßnahmen ergreifen wie eine Einschränkung des Familiennachzugs.Schon das wäre einschneidend – und weltfremd. Wer zieht denn ohne seine Familie in ein anderes Land? Zudem verstieße eine solche Regelung gegen das Freizügigkeitsabkommen.Unterstützung bekommt die Initiative nicht nur von rechts, sondern auch aus Wählerkreisen der liberalen FDP und der christdemokratischen Mitte-Partei. Wie erklären Sie das?Die Frage, für wie viele Leute es in diesem kleinen Land Platz hat und in welchem Umfang Zuwanderung tragbar ist, treibt die Schweizer seit Jahrzehnten um. Mit 27 Prozent haben wir einen deutlich höheren Ausländeranteil als beispielsweise Deutschland. Das weckt über Parteigrenzen hinweg Ängste und Abwehrreaktionen.Die Befürworter der Initiative sagen: Wenn weniger Leute einwandern, entschärft sich die Wohnungsnot.Dies ist zu kurz gedacht. Es zahlen dann auch weniger Leute in unsere Sozialversicherungen ein. Wie finanzieren wir denn künftig die Renten für die wachsende Anzahl der Pensionierten? Aktuell tragen die relativ jungen Zuwanderer aus der EU 27 Prozent zur Finanzierung der staatlichen Altersvorsorge bei, sie beziehen aber nur knapp 15 Prozent der Leistungen. Davon profitieren die Schweizerinnen und Schweizer heute.Die Schweizer Wirtschaft ist stabil, die Arbeitslosigkeit mit drei Prozent gering. In der aufgeregten Debatte um die Zuwanderungsbremse spiegelt sich jedoch eine gewisse Wachstumsmüdigkeit. Geht es den Schweizern zu gut?Es geht uns so gut, dass viele Leute das Gefühl haben, wir könnten es uns gemütlich machen. Doch das ist ein Trugschluss. Eine Wachstumspause würde zu Wohlstandsverlusten führen. Unternehmen würden abwandern und nicht wieder zurückkehren.Hand aufs Herz: Hat es sich die Schweizer Wirtschaft nicht auch zu einfach gemacht, indem man massenhaft Arbeitskräfte aus dem Ausland holte, anstatt mehr in die Ausbildung im Inland zu investieren?Bei der Nutzung des Arbeitskräftepotentials im Inland haben die Arbeitgeber natürlich eine Verantwortung. Aber viele Schweizer sind nicht mehr bereit, Vollzeit zu arbeiten. Der größte Hebel läge darin, das Renteneintrittsalter von derzeit 65 Jahren schrittweise auf 66 oder 67 zu erhöhen. Doch dieses Thema ist für unsere Regierung tabu.Durch die nicht zuletzt von der SVP beförderte Niedrigsteuerpolitik sind viele ausländische Unternehmen und damit auch Expats in die Schweiz gekommen. Folgt jetzt die Quittung für diese Strategie?Die Standortattraktivität der Schweiz beruht auf stabilen Rahmenbedingungen, wettbewerbsfähigen Steuern und Offenheit. Internationale Unternehmen und Fachkräfte tragen wesentlich zu Wertschöpfung und Beschäftigung bei. Entscheidend ist, diese Stärken langfristig zu sichern und nicht durch Unsicherheit zu gefährden.Müssen Sie sich als wichtigster Wirtschaftsverband nicht an die eigene Nase fassen? Haben Sie es versäumt, die Schattenseiten der Zuwanderung wie steigende Mieten und eine überlastete Infrastruktur zu adressieren?Dies ist nicht in erster Linie Aufgabe der Wirtschaft, sondern der Politik. Natürlich ist es ärgerlich, wenn man keine bezahlbare Wohnung findet oder im Stau steckt. Aber die gleichen Schweizer, die sich darüber aufregen, wehren sich gegen den Neubau in ihrer Nachbarschaft und gegen den Ausbau der Nationalstraßen. Da gibt es eine gewisse Ambivalenz.In Regionen wie Genf und dem Tessin sind die Staus wegen der vielen Grenzgänger ein besonders großes Ärgernis. Diese Situation würde sich nach einer Annahme der Initiative doch noch verschlimmern, oder?Davon ist auszugehen. Die Unternehmen würden dann wohl versuchen, ihre Personallücken mit zusätzlichen Grenzgängern zu schließen, weil die nicht von dem Bevölkerungsdeckel betroffen wären.Die Schweiz will mit der EU ein neues Vertragspaket abschließen, mit dem das angeknackste Verhältnis zu Brüssel auf eine solide Basis gestellt werden soll. Hat sich das erledigt, falls die Zuwanderungsbremse angenommen wird?Wir wissen nicht, wie die EU dann reagieren wird, aber helfen würde ein Ja gewiss nicht, im Gegenteil. Die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens käme nicht sofort, bliebe aber ein erheblicher Unsicherheitsfaktor für die Schweiz. Dies würde die Wirtschaft stark belasten und wäre auch mit Blick auf die Attraktivität für Fachkräfte und für Investitionen wenig hilfreich.