GastkommentarRegine SauterInitiative zur 10-Millionen-Schweiz: Die Gefährdung des Gesundheitswesens ist realDas Schweizer Gesundheitssystem funktioniert nur, weil täglich Zehntausende von Fachkräften, viele von ihnen mit EU-Pass, zur Arbeit erscheinen. Die Abhängigkeit der Schweizer Spitäler vom Personal aus dem Ausland ist offenkundig. Eine Replik.21.05.2026, 12.00 Uhr3 LeseminutenBlick in einen Behandlungsraum des Spitals Moncucco in Lugano.Alessandro Crinari / KeystoneIn der NZZ vom 12. Mai schreibt Katharina Fontana, die Warnungen vor Versorgungslücken bei einer Annahme der Initiative zur 10-Millionen-Schweiz seien «überzeichnet». Als Kernargument führt sie an, dass weniger als drei Prozent der jährlich einwandernden Erwerbstätigen als Pflegefachkraft oder Arzt in die Schweiz kämen. Diese Zahl ist korrekt, die daraus abgeleitete Schlussfolgerung greift aber in verschiedener Hinsicht zu kurz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der erste blinde Fleck in der Analyse sind die Grenzgängerinnen und Grenzgänger. Diese Personen gehören zwar nicht zur ständigen Wohnbevölkerung und sind somit im Initiativtext nicht explizit genannt. Tatsache ist aber auch, dass die Annahme der Initiative über kurz oder lang die Personenfreizügigkeit gefährdet – und damit auch die Grenzgängerinnen und Grenzgänger betrifft.Ohne Personenfreizügigkeit sähen sich die Spitäler und Kliniken mit einem massiv verschärften Fachkräftemangel konfrontiert, nicht nur in den Grenzkantonen.Auch unsere Nachbarländer sind vom Fachkräftemangel im Gesundheitswesen betroffen. Ob und zu welchen Konditionen sie nach einer Kündigung der Personenfreizügigkeit einseitige Abkommen mit der Schweiz abschliessen würden, ist offen.Die Abhängigkeit der Schweizer Spitäler vom Personal aus dem Ausland ist hingegen klar: In Basel-Stadt haben fast 40 Prozent der Spitalbeschäftigten einen EU-Pass; im Tessin haben 70 Prozent der Ärztinnen und Ärzte einen ausländischen Abschluss. Grenzgängerinnen und Grenzgänger machen einen beträchtlichen Teil dieser Fachkräfte aus.Ohne Personenfreizügigkeit sähen sich die Spitäler und Kliniken mit einem massiv verschärften Fachkräftemangel konfrontiert, nicht nur in den Grenzkantonen. Was folgt, wäre die Rückkehr zu staatlichen Kontingenten. Die Schweiz hat dieses System seit zwanzig Jahren nicht mehr betrieben.Die Vorstellung, es liesse sich rasch und treffsicher so wieder einführen, dass Pflegefachkräfte und Ärzte bevorzugt werden, während gleichzeitig andere Branchen um Kontingente kämpfen, ist naiv. Gerade kleinere Institutionen und Betriebe in den Randregionen würden zu den Verlierern gehören.Ein zweiter Punkt: Die erwähnte NZZ-Analyse beschränkt sich auf den jährlichen Zufluss von Personal aus dem Ausland. Wir müssen aber auch einen Blick auf den Gesamtbestand werfen: Heute arbeiten in Schweizer Spitälern und Pflegeheimen durchschnittlich 21,8 Prozent Fachkräfte mit ausländischem Abschluss.Früher oder später müssen diese Fachkräfte infolge von Pensionierungen, Abgängen oder Berufswechseln ersetzt werden. Der inländische Arbeitsmarkt wird schlicht nicht ausreichen, um diese Lücken zu füllen, das Gesundheitswesen wird weiterhin und verstärkt auf ausländisches Fachpersonal angewiesen sein.Es bleibt ein drittes Argument, das in der Analyse fehlt: die demografische Entwicklung. Bis 2035 verlässt die geburtenstarke Generation den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig nimmt die Zahl von älteren Personen, welche durchschnittlich mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen, zu. Der Druck auf das System steigt also auf beiden Seiten. Die Personenfreizügigkeit ist das einzige Instrument, das kurzfristig Entlastung verschaffen kann.Dass in einer Abstimmungskampagne mitunter (zu) grelle Bilder eingesetzt werden, mag stimmen. Aber die Substanz der Warnungen ist berechtigt. Unser Gesundheitssystem funktioniert nur, weil täglich Zehntausende von Fachkräften, viele davon mit EU-Pass, zur Arbeit erscheinen. Reserven bestehen hier nicht, jede einzelne fehlende Fachperson hätte unmittelbaren Einfluss auf unsere Gesundheitsversorgung.Regine Sauter ist Präsidentin des Verbands der öffentlichen und privaten Spitäler und Kliniken der Schweiz H+ und Zürcher FDP-Nationalrätin.Passend zum Artikel
10-Millionen-Initiative: Was passiert mit dem Schweizer Gesundheitswesen?
Das Schweizer Gesundheitssystem funktioniert nur, weil täglich Zehntausende von Fachkräften, viele von ihnen mit EU-Pass, zur Arbeit erscheinen. Die Abhängigkeit der Schweizer Spitäler vom Personal aus dem Ausland ist offenkundig. Eine Replik.









