Gianni Infantino ist ein gläubiger Mensch, als solcher aber auch noch ein Suchender. Ob er eher den mono- oder den polytheistischen Lebensweg einschlagen wird, ist noch nicht ausgemacht. Als er kürzlich in einer Predigt die „Kathedrale des Fußballs“ lobpries, das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, nannte er es „vom Gott oder den Göttern des Fußballs gesegnet“. Einzahl oder Mehrzahl? Glauben heißt eben nicht wissen.Zwar hört der Weltfußballpräsident immer wieder diese Stimmen, wenn er allein den Zürichberg hinaufsteigt („Supergianni, Supergianni, hey, hey“). Aber man weiß ja nie, wie viele Fußballgötter da nun genau zu einem sprechen.Man stellt sich das so vor: Als Infantino, oben auf dem Zürichberg, einst aus einer brennenden Pyrofackel die zehn Fußballgebote empfing, da nahm er sie, prüfte sie und sprach: Okay, das mit Mutter und Vater kriege ich gerade noch hin. Aber ab Nummer sieben kann ich leider nichts versprechen. „Du sollst nicht stehlen?“ – „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten?“ – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut und Platinpartner und Kryptodeal und Servicegebühr?“ Leute, sprach Infantino, wie stellt ihr euch das vor? Das ist hier Big Business! Und selig sind doch die, die nach dem Kauf von WM-Tickets arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich!Viele, die ansonsten nicht so viel mit Fußball am Hut haben, fragen sich gerade: Was ist das für ein Mann, dieser Infantino? Im Lichte der alten Schriften betrachtet, erscheint der Fall ziemlich klar. Infantino ist ein moderner Moses. Er ist aber auch ein moderner Aron. Er ist es, der sein Volk von einem gelobten Land (Katar) ins nächste (Trumpistan) und überübernächste (Saudi-Arabien) führt. Er ist es aber auch, der den Leuten all ihr Gold abnimmt. Das schmilzt er dann ein und gießt es zu riesigen goldenen Buchstaben.F I F A.Ja, wirklich, mal drauf achten, wenn vor den Spielen mit der Kamera durch die Stadien geschwenkt wird: Hoch wie Mehrfamilienhäuser thront bei dieser Weltmeisterschaft der goldene Fifa-Schriftzug auf dem Rasen, auf den Tribünen, auf den Arenadächern. Und die Menschen? Das Volk der Fußballiten? Es setzt sich auf seine Plätze, um zu essen und zu trinken, und wenn ein Tor fällt, steht es auf, um seine Lust zu treiben.In Toronto war vermutlich ein sehr großer Kran nötig, um die vier Buchstaben aufs Stadiondach zu hieven. François Nel/Getty Images/AFPIm Fernsehen ist es genauso! Bei jeder Zeitlupe rauschen einem die vier goldenen Buchstaben entgegen, als sollten sie einem direkt durch die Stirn in den präfrontalen Cortex hineinsausen.F I F A F I F A F I F A F I F A!Es ist kein Zufall, dass alles Gold ist, was Infantino bei dieser WM senden und aufstellen lässt. Gold ist die Lieblingsfarbe des Herrn. Nein, nicht des Fußballgotts. Sondern dieses anderen, irdischen Gebieters, der da verkündet: Ich werde einen goldenen Ballsaal bauen, und darin werde ich meinen goldenen Friedenspokal ausstellen, auf dass du, Johnny, vor mir auf die Knie sinken mögest in den goldenen Staub.Man möchte vom Glauben abfallen. Wenigstens vom Glauben der Fußballiten.