PfadnavigationHomeSportFußballWMArtikeltyp:MeinungInfantinismusBei den Fußball-Fans herrschen nur noch Wut, Entsetzen und DesinteresseStand: 07:33 UhrLesedauer: 5 MinutenAnbiederung bei der Auslosung: Donald Trump bekommt von Gianni Infantino (r.) den eigens für den US-Präsidenten geschaffenen Fifa-FriedenspreisQuelle: Chris Carlson/AP/dpaDie WM ist ein weiteres Beispiel für die traurige Fehlentwicklung, die der Fußball unter Gianni Infantino genommen hat. Die schon in Katar zu beobachtende peinliche Anbiederung ist auf ein neues Level gesunken. Wut, Entsetzen und Desinteresse sind die Folge.Als der alte weiße Mann des Weltfußballs die große Bühne verließ, waren die Erwartungen immens. Mit 79 und nach 18 Jahren im Amt räumte Sepp Blatter am 26. Februar 2016 seinen Posten als Präsident der Fifa. Kumpanei- und Korruptionsvorwürfe waren ein steter Begleiter der Ära des Schweizer Egomanen. Mit seinem Nachfolger Gianni Infantino, so dachte es seinerzeit ein Großteil der geneigten Betrachter, würde nun endlich Transparenz einziehen in die wichtigste Sportorganisation auf diesem Planeten. Es war eine vergebliche Hoffnung. Denn Infantino trieb es seither noch weitaus skrupelloser als sein Vorgänger. Der Mann aus dem Schweizer Kanton Wallis ist einer der Hauptgründe dafür, weshalb sich der Fußball zunehmend von der Fanbasis entfernt hat und endgültig zu einer Organisation mutiert ist, bei der Kommerz und Umsatz die wichtigsten Kennzahlen der Sportart sind – und nicht mehr Tore und Vorlagen.Die am Donnerstag startende Weltmeisterschaft ist da nur das nächste Beispiel einer dramatischen Fehlentwicklung. Wo früher ungeteilte Vorfreude auf den Beginn des globalen Kräftemessens zu spüren gewesen ist, sind heute bei den meisten Fußballfans nur noch Wut, Entsetzen und Desinteresse vorhanden. Dem Fußball werden durch den maßlosen Infantinismus die Seele geraubt und jegliche Glaubwürdigkeit oder Völkerverbindung genommen. Kaum Vorfreude zu spürenIm neuen Deutschlandtrend von Infratest Dimap im Auftrag von ARD-„Tagesthemen“ und WELT sagen nur 32 Prozent der Befragten, dass sie dem Turnier Beachtung schenken werden. 67 Prozent interessieren sich dagegen weniger oder gar nicht – und das bei der wichtigsten Veranstaltung, die die Sportart zu bieten hat. Eine vorherrschende Grundstimmung im Land des viermaligen Weltmeisters, die auch durch eine aktuelle, wenngleich nicht repräsentative Umfrage auf WELT.de gestützt wird. Auf die Frage „Freuen Sie sich auf die WM?“ gab es gleichsam ernüchternde Antworten. Nur 30 Prozent der immerhin mehr als 23.000 Abstimmenden gaben „sehr“ oder „etwas“ an, 70 hingegen „kaum“ oder „gar nicht“.An aus europäischer Sicht unattraktiven Anstoßzeiten in den drei Gastgebernationen USA, Kanada und Mexiko kann es kaum liegen. Die deutsche Nationalelf bestreitet ihr Auftaktspiel gegen Curacao zum Beispiel zur allerbesten Prime Time um 19 Uhr am Sonntagabend (ARD/Magenta und im WELT-Liveticker). Die Gleichgültigkeit hat andere Gründe: Ticket-, Hotel- und Flugpreise, die nicht einmal Gutverdiener stemmen können und einen Großteil der Anhänger schon im Vorfeld jegliche Reisepläne aufgeben lassen haben. Zudem gibt es eine Mammutausgabe der Weltmeisterschaft mit insgesamt 104 (!) Spielen, ehe der neue Titelträger feststeht. Das kommerzielle Ausschlachten dieses eigentlich so schönen Events wird durch Infantino und die Fifa auf die Spitze getrieben. Denn nicht nur die Spieler müssen Reisestrapazen in Kauf nehmen, auch auf die Fans, die ihrer Mannschaft durch das Turnier in Nord- und Mittelamerika folgen wollen, wartet ein nie dagewesener WM-Stress. Die Vergabe an drei gastgebende Nationen – 2018 vom Fifa-Kongress beschlossen – ist schlicht und ergreifend nicht mehr zeitgemäß. Schon vor dem Start steht fest, dass die kommende WM die klimaschädlichste in der bisherigen Geschichte des Turniers wird.„Today I feel gay“Hinzu kommen horrend hohe Ticketpreise. Nur ein Beispiel: Wer eine der 4500 für den Deutschen Fußball-Bund verfügbaren Eintrittskarten für das Finale am 19. Juli ergattern möchte, muss mindestens 3580 Euro investieren. Es zeigt, in welche bedenkliche Richtung sich der früher als Spiel des einfachen Mannes bezeichnete Fußball unter Infantinos Führung entwickelt hat. Der normale Fan kann sich keines der 104 Spiele live vor Ort anschauen – und bleibt frustriert zurück.Lesen Sie auch64 Spiele waren es noch beim globalen Kräftemessen 2022 in Katar. Und schon seinerzeit fand eine peinliche Anbiederung durch den Fifa-Chef an den Veranstalter statt. Infantino verlegte nicht nur kurzerhand seinen Zweitwohnsitz nach Doha, sondern hatte auch bei der offiziellen Eröffnungspressekonferenz („Today I feel gay“) einige denkwürdige Momente inne. Eine Stunde dauerte der kaum zu ertragende Monolog des Schweizers, dem auch der Schreiber dieser Zeilen aus zehn Metern Entfernung beiwohnte. Erst dann waren Fragen gestattet. Der König begrüßte sein Fußvolk.In den USA fand schon weit vor dem Start ein unfassbarer Anbiederungsprozess durch einen der wichtigsten Sportfunktionäre der Welt statt. Bei der Auslosung der WM-Vorrundengruppen erhielt Donald Trump aus den Händen von Infantino einen eigens für den US-Präsidenten geschaffenen Fifa-Friedenspreis – natürlich ist der Pott größer als die Siegestrophäe, die der neue Weltmeister erhält. Noch heute werden sie in den Veranstaltungsräumen wohl mit dem Säubern beschäftigt sein – derart groß war die Schleimspur, die Infantino seinerzeit hinterließ. Und vielen Fußballfans kommt immer noch die Stadionbratwurst bei dem Gedanken an den Auftritt des wichtigsten Fußballfunktionärs der Welt hoch – aus Fremdscham. Rund um den Termin gab sich Trump auch noch Allmachtsfantasien hin. „Wenn wir glauben, dass es in Seattle Probleme geben wird: Gianni, kann ich dann sagen, dass wir die Veranstaltung verlegen werden?“, fragte er angesichts der von ihm wenig geschätzten Seattle-Bürgermeisterin Katie Wilson. Widerspruch gab es von dem neben ihm stehenden Infantino zum Entsetzen der breiten Öffentlichkeit nicht. Und so wurde sukzessive der Boden bereitet für eine WM, die nie zu einem weltoffenen und völkerverbindenden Fest wird werden können. Statt Diplomatie großes AchselzuckenStattdessen umgibt einige Protagonisten offene Angst. Die iranische Mannschaft etwa darf nur an den Spieltagen in die USA einreisen und muss dann wieder umgehend zurück ins Teamquartier nach Mexiko fliegen. Der Verbandschef Mehdi Taj hat bislang kein Visum erhalten. Er wird ebenso fehlen wie der somalische Schiedsrichter Omar Artan, dem die USA am Dienstag die Einreise verweigerten. Man kann sich aktuell kaum etwas Schlimmeres vorstellen als eine WM in den von Trump nach Gutsherrenart geführten USA. 78 der 104 Spiele finden in dem Land statt, von dem es mal hieß, es sei ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Stattdessen ist es eine Nation geworden, die kein verlässlicher Partner mehr ist. Weder für die Politik noch für den Sport.Spätestens bei der jüngsten Fehlentwicklung hätten Infantino und seine Organisation zwingend eingreifen und auf diplomatische Lösungen in den Fällen des iranischen Teams und des somalischen Schiedsrichters drängen müssen. Doch stattdessen: das große Achselzucken. Es passt leider nur allzu gut in eine Fifa-Dekade unter Infantino.