Soll man sich das noch anschauen? Alle vier Jahre wird so gefragt. Denn alle vier Jahre findet seit Längerem schon die Fußballweltmeisterschaft in einem Land statt, das autoritär oder diktatorisch regiert wird. Alle vier Jahre ekelhafte Begleitumstände. Das war schon 1978 in Argentinien so. Es geht darum, aus dem Fußball möglichst viel Geld herauszupressen. Dafür werden Menschenrechtsverletzungen, Tote und jede Art von Gängelei in Kauf genommen. Der Ertragsmaximierung halber findet jetzt ein Turnier in drei Ländern mit 104 Spielen und absurden Ticketpreisen statt.

Mit den Einnahmen kauft sich FIFA-Chef Gianni Infantino weltweit, also auch in Deutschland, verbandspolitische Zustimmung. An dieser Stelle sei der Hinweis auf eine instruktive Podcast-Serie des Deutschlandfunks zur Karriere des Generalsekretärs erlaubt. Die öffentlich-rechtlichen Sender hierzulande übertragen gleichwohl gut die Hälfte der Begegnungen für mehr als 2,5 Millionen Euro pro Spiel. Wer Irak gegen Norwegen sehen will, ist auf die Telekom verwiesen.Die Skala der KorruptionTrump, Infantino, Neuendorf, Rettig. Die Skala der Korruption und des Abwiegelns von Kritik ist ein Kontinuum, das von starker bis zu schwacher Verlogenheit reicht. Die einen suhlen sich in Angeberei, ziehen politische und ökonomische Profite aus dem Spektakel. Die anderen tauchen ab, speicheln mit, zucken mit den Achseln, fühlen sich, obzwar durchaus mit ihren Verbänden und Posten gewinnbeteiligt, für nichts anderes zuständig als für das Mitmachen. Denn es geht ja in erster Linie nur um Sport.Dagegen regt sich alle vier Jahre Protest, im Namen der Moral, der Fankultur, der angeblich intakten Vergangenheit und überhaupt des Guten. Dieser Protest ist verständlich, überschätzt aber einerseits die Eignung von Sportfunktionären, gar von Außenverteidigern für Gesellschaftskritik. Und er unterschätzt andererseits, was ihn empört: die Kommerzialisierung des Fußballs. Denn sie hat das Spiel zugunsten der Spielergehälter und auf Kosten der Spielerbiographien besser gemacht und die Gladiatoren leistungsfähiger. Wer über die Kap Verden und Usbekistan lachtDass diesmal die Kap Verden, Panama und Usbekistan einen Auftritt auf der globalen Bühne haben, kann überdies nur verachten, wer nicht von dort kommt. Infantinos Parole, die Länder der Welt sollten sich am Fußball um jeden Preis bereichern, ist zumindest für die Funktionäre, Spieler und Zuschauer aller Länder attraktiv.Das Spiel selbst hat, wie alles, ökonomische und politische Voraussetzungen. Aber es lebt davon, dass man sie nicht sieht, solange man das Spiel sieht. Wenn Haiti demnächst nachts um drei gegen Schottland antritt, denken wir allenfalls anfänglich noch an Donald Trumps widerwärtige Bemerkungen über Haitianer, an die vielen schottischen Fans verweigerte Einreise oder an das Elend Haitis. Spiele lassen, wenn sie gut sind, so viel vergessen, was um sie herum stattfindet, und das kann ihnen nicht vorgeworfen werden, denn genau das ist ihr Sinn.Die Stimmung ist bei Vielen nicht begeistertDie Stimmung ist derzeit bei Vielen, die dem Fußball zuneigen, nicht begeistert. Eine Vorrunde, in der es für die meisten Mannschaften schwer möglich ist zu scheitern, erscheint sinnlos. (Zurecht wurde bei „11 Freunde“ darauf hingewiesen, zu einer gelungenen WM gehöre das Ausscheiden eines Favoriten nach der Vorrunde.) Argentinien gegen Algerien, nachts um Drei, das kann, sportlich interessant, auch für die Zuschauer anstrengend werden. Je nach den Spielverläufen könnte dieses Gefühl jedoch zumindest lokal schnell verfliegen.Wer darum hofft, der Geist der Infantinos und Neuendorfs möge sich nicht durchsetzen, von dem Trumps ganz zu schweigen, hat nur eine Hoffnung: dass die Weltmeisterschaft ein politischer und ökonomischer Misserfolg wird. Dass die Stadien nicht ausverkauft sein werden, die Zuschauerquoten sich in Grenzen halten, dass Stadionpersonal in Inglewood erfolgreich streikt. Nichts anderes wird irgendjemanden zum Umlenken bewegen. Etwa dahin, keine Geschäfte mehr mit Diktatoren zu machen. Offen gestanden halten wir das für eine ziemlich verwegene Hoffnung. Stets noch war das Spiel stärker als die Abscheu vor seinen Umständen.