PfadnavigationHomeSportFußballWMThomas Hitzlsperger„Infantino hat in puncto Kompromiss- und Schamlosigkeit noch einen draufgesetzt“Von Steven JörgensenStand: 07:13 UhrLesedauer: 8 MinutenDie Fifa hat entschieden, dass Zuschauer bei der WM keine Trinkflaschen mit in die Stadien bringen dürfen. Auch leere Plastikflaschen sind aus Sicherheitsgründen verboten. Bei der WM werden Temperaturen von weit über 30 Grad erwartet. Wie viel Wasser im Stadion kosten wird, ist unklar.Ex-Nationalspieler Thomas Hitzelsperger blickt mit einigem Befremden auf die bald beginnende WM. Fifa-Präsident Infantino hält er für einen skrupellosen und entrückten Macher, wie er im Interview deutlich macht.Am nächsten Donnerstag wird Mit-Gastgeber Mexiko die WM mit dem Duell gegen Südafrika eröffnen (21.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT). Die Gemengelage rund um das Turnier ist diffus. In Mexiko dämpfen Proteste und Sicherheitsbedenken die Stimmung, in den USA sorgen die horrenden Preise für Tickets, Parkplätze und Hotels bei den Fans für Frust. Laut ARD-Deutschlandtrend interessieren sich zudem nur zehn Prozent „sehr stark“ für die WM, 22 Prozent „stark“, 30 Prozent „weniger“, 37 Prozent „gar nicht“. Und laut ZDF-Politikbarometer traut die große Mehrheit der Deutschen unserer Nationalmannschaft nicht den Titel zu. Nur 15 Prozent glauben, dass die DFB-Auswahl beim Turnier in den USA, Kanada und Mexiko triumphieren wird, 72 Prozent bezweifeln das. Frage: Herr Hitzlsperger, die Stimmung vor Beginn der Fußball-WM ist schlecht. Welche Probleme sehen Sie im Vorfeld der WM?Thomas Hitzlsperger: Eines der größten Themen sind die Ticketpreise und wie viel da für einen Parkplatz, den Transport und die Karten verlangt wird. Meine Vermutung beziehungsweise Hoffnung ist, dass die Preise kurz vor Turnierbeginn noch einmal drastisch sinken werden. Frage: In den USA sind die Preise bei der NFL und anderen Ligen traditionell hoch.Hitzlsperger: Dort sind es aber in der Regel Amerikaner, die zu den Spielen gehen, und die werden als Kunden betrachtet, Fußball-Anhänger im Rest der Welt hingegen werden von den Klubs nicht ausschließlich als Kunden angesehen. Bei einer WM sind viele Zuschauer keine Amerikaner. Die sind dieses Preisniveau nicht gewohnt. Dazu kommen Unterkunft, Reise, Visum. Es ist schon abenteuerlich, was man für einen Aufwand betreiben muss, um dorthin zu kommen. Da nehmen Fußballfans schon viel auf sich. Ich habe aber auch Leute getroffen, die sagen: Jetzt ist das Fass zum Überlaufen gekommen. Ich will es nicht mehr anschauen unterstützen.Frage: Die Kritik richtet sich natürlich gegen die Fifa und deren Präsidenten Gianni Infantino. Der Ruf des Verbands war noch nie wirklich gut, aber erreicht er aktuell einen Tiefpunkt?Lesen Sie auchHitzlsperger: Ich glaube, der Fifa-Chef ist immun gegen Kritik. Ich wüsste gar nicht, wann der Ruf der Fifa mal gut war, und es wird jetzt auch nicht besser mit all den Maßnahmen. Man kann verfolgen, wie Infantino täglich dafür kämpft, dass es eine gute WM wird. Er verbiegt sich in alle Richtungen, um US-Präsident Donald Trump zu gefallen. Das tut er, um keine Spiele verlegen zu müssen, um Iran dabei behalten zu dürfen. Er versucht, ein super Turnier zu organisieren. Das ist auch der Auftrag, der Job der Fifa. Aber bei den Wegen, die er da in den vergangenen Jahren gegangen ist, ist es völlig legitim, das auch zu kritisieren. Es ist schon brutal, weil auch er, glaube ich, nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann: Das wird eine sichere WM, bei der alle herzlich willkommen sind. Selbst wenn es keine gute WM wird, wird er aber immer noch einen Weg finden, zu sagen: Es war die beste WM aller Zeiten. Frage: Warum kann er das machen?Hitzlsperger: Er hat viele Jahre bei Sepp Blatter zuschauen können und dann noch einen draufgesetzt in puncto Kompromiss- und Schamlosigkeit. Man muss den Menschen etwas nur oft genug erzählen, bis sie es irgendwann glauben. Das ist so eine Fifa-Doktrin, wo ich denke: Okay, die Organisation hat es geschafft, immer mehr zu wachsen, immer mehr Geld einzusammeln. Da können sich Journalisten und Fans beklagen, am Ende gehen wir alle hin. Das einzige Mittel, das zu ändern, ist, keine Tickets mehr zu kaufen und nicht mehr den Fernseher einzuschalten. Aber wir kritisieren und trotzdem gehen wir hin. Das ist das, was Infantino verstanden hat. Das Spiel ist unkaputtbar. Deswegen kann er mit seiner Fifa einfach so weiter agieren, weil es keine Konsequenzen gibt. Denn nur die wenigsten sind konsequent, entziehen sich dem Fußball und sagen: Ich bezahle nicht mehr. Das ist die Realität, das weiß er und hat das zur Perfektion gebracht. Lesen Sie auchFrage: Bei Infantinos PR-Strategie gibt es sicherlich Übereinstimmungen mit Trump, oder nicht?Hitzlsperger: Auf mich wirkt er, als hätte er kein Bewusstsein, dass irgendwas nicht in Ordnung sei. Wenn es Kritik gibt, sagt er, dass der Fußball wächst, und auf dem Planeten haben wir da noch einen kleinen Flecken gefunden, wo wir einen Fußballplatz hinbauen, und die Leute sind begeistert. Er erzählt einfach eine positive Geschichte. Da geht er vorneweg, verteilt die Mehreinnahmen an die Mitgliedsverbände und sichert sich so die Wiederwahl.Frage: Mit 48 Mannschaften und 104 Spielen ist es die bisher größte Fußball-WM der Geschichte. Wie sehen Sie die Inflation der Spiele?Hitzlsperger: Ich kann die großen Fußballnationen verstehen, die sagen, es ist eine große Herausforderung. Ich glaube, die größte Herausforderung ist aber eher das Klimatische, verbunden mit den Reisen. Temperaturunterschiede, Stadien mit geschlossenem Dach und Klimatisierung, dann wieder draußen bei 40 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit: Das wird für die Spieler oder auch Fans sehr anstrengend. Insgesamt ist es eine Weltmeisterschaft, die so bunt wie nie ist, weil so viele Mannschaften dabei sind. Ich war kürzlich in Curaçao. Es ist schon großartig, zu sehen, mit welcher Begeisterung die an die WM herangehen. Ich wünsche mir das, was Weltmeisterschaften in der Vergangenheit ausgemacht haben: eine positive, friedliche Stimmung. Ich hoffe, dass das möglich ist, in Mexiko, Kanada und den USA.Frage: Ist eine Obergrenze für die Größe des Turniers erreicht?Hitzlsperger: Für die beiden Finalisten ist es ein Spiel mehr als bei der letzten WM. Für uns Fußballfans ist es aber schon enorm, wie viel Fußball stattfindet – nicht nur bei der WM, sondern auch auf dem Weg dorthin. Wegen der Menge der Spiele kann es zwar auch mal sein, dass es Partien gibt, die uninteressant, langweilig oder sehr einseitig sind. Das haben wir bei der Klub-WM 2025 gesehen. Aber Fußball ist immer noch ein verdammt cooler Sport, sodass die Leute nicht satt werden von Fußball und den Geschichten drumherum. Das ist meine Wahrnehmung. Frage: Am 27. Juni findet in Seattle ein Pride-Tag statt. Parallel treten Ägypten und der Iran in einem WM-Spiel gegeneinander an. Die Ägypter forderten, dass die LGBTQIA+-Events abgesagt werden. Mit was rechnen Sie für diesen Tag?Hitzlsperger: Ich wage jetzt keine Prognose. Davor werden sicherlich noch einige Gespräche zwischen Fifa, Verbänden und Veranstaltern stattfinden. Wie kann man diesen Tag so gestalten, dass irgendwie guter Fußball gespielt wird, dass irgendwie alles friedlich abläuft und die Stimmung gut ist? Ich werde das mitverfolgen. Aber in Bezug auf dieses Turnier hat sich immer wieder etwas verändert, sodass wir heute nicht sagen können, was im Juni passieren wird.Frage: Zu den WM-Favoriten gehört England, wo Sie als Profi lange aktiv waren. Wie würden Sie das Ansehen des deutschen Trainers Thomas Tuchel dort bewerten?Hitzlsperger: Es ist natürlich eine schwierige Ausgangslage. Aber ich finde, bisher hat er es sportlich sehr gut gemeistert. Nicht jedes Spiel war ein Spektakel, aber das kennt man auch von den Vorgängern. Das ist immer so ein bisschen das Problem. Man hat eine Ansammlung von wirklich tollen Talenten, und dann spielen die in Wembley nur durchschnittlich. Dann denken viele sofort: Warum geht da nicht mehr? Jetzt ist der einzige Maßstab, wie er mit seinem Team bei der WM abschneidet. Auf dem Weg dahin gab es immer wieder erwartbare Kritik, wenn die Spiele mal nicht gut waren. Es gibt auch den nötigen Respekt für Tuchel, wobei ich den zuletzt bei der Kadernominierung teilweise vermisst habe. Die Schlagzeilen, die reißerisch sind, sind ein Ausschnitt, jedoch nicht das Gesamtbild in England.Frage: Was schätzen die Engländer an Tuchel?Hitzlsperger: Dass er sich auch getraut hat, mal einen Jude Bellingham nicht einzuladen. Ich finde, er ist sich treu geblieben. Er agiert bei der englischen Mannschaft genauso, wie er auch in Deutschland, bei Bayern zum Beispiel, agiert hat. Er schreckt vor unpopulären Maßnahmen nicht zurück, ist sehr klar. Das finale Urteil kann nur nach dem Abschneiden bei der WM stattfinden. Da bin ich sehr gespannt. Frage: Was trauen Sie den Engländern zu?Hitzlsperger: Ich glaube, dass sie durchaus Chancen haben, weit zu kommen. Ich sehe sie aber auch nicht ganz auf dem Niveau von Spitzenteams wie Frankreich und Spanien. Frage: Es sind inzwischen 60 Jahre nach dem WM-Titel 1966 in Wembley. Ist der Druck inzwischen übermenschlich?Hitzlsperger: Diesen Druck haben doch alle großen Nationen. Die Deutschen empfinden es doch gar nicht anders. Wir sind zuletzt zweimal in der Vorrunde ausgeschieden. Wir haben massiven Druck. Ich will gar nicht an Brasilien denken, was die empfinden, weil der letzte Titel von 2002 ist. Bei den Franzosen fragt man sich auch: Kommt jetzt Genie oder Wahnsinn? Nur weil es 60 Jahre sind, müssen sie nicht anders liefern als die anderen Teams. Heutzutage kennen die Spieler den Druck aus den Vereinen. Wer heute Champions League spielt oder um die Meisterschaft spielt, wie bei Arsenal, spürt jeden Tag diesen Druck, Meister werden zu müssen oder zu wollen. Daher – finde ich – ist die Nationalmannschaft eine Steigerung der Intensität, aber nichts, was die Spieler nicht kennen würden. Das Prinzip, Druck auszuhalten, haben diese Spieler mittlerweile verinnerlicht. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum sie überhaupt so weit gekommen sind.Wenn Sie hier klicken, können Sie sich den Gruppenspielplan der WM als PDF herunterladen. Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
Fußball-WM: Hitzlsperger – „Infantino hat in puncto Schamlosigkeit noch einen draufgesetzt“ - WELT
Ex-Nationalspieler Thomas Hitzelsperger blickt mit einigem Befremden auf die bald beginnende WM. Fifa-Präsident Infantino hält er für einen skrupellosen und entrückten Macher, wie er im Interview deutlich macht.












