Als SP und Gewerkschaften gegen «Überfremdung» wetterten und Ausländer loswerden wolltenDie Schweiz stimmt über die 10-Millionen-Initiative ab. Die Fronten sind dabei klar: Linke sind pro Migration, Rechte eher für eine Beschränkung. Früher war das noch anders.11.06.2026, 11.06 Uhr6 LeseminutenFür die Weihnachtsferien zurück in die Heimat: Italienische Gastarbeiter besteigen 1964 in Zürich den Zug in Richtung Süden.Photopress-Archiv / Keystone1964 kam der Bundesrat einer wichtigen Forderung der italienischen Gastarbeiter nach. In einem Abkommen wurde die Wartefrist für den Familiennachzug von 36 auf 18 Monate verkürzt. Saisonarbeiter, die fünf Jahre in der Schweiz gearbeitet hatten, bekamen das Recht auf eine Jahresbewilligung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Reaktionen waren heftig. Die Gegner des Abkommens verlangten eine Deckelung der ausländischen Arbeitskräfte bei einer halben Million. Da zu jenem Zeitpunkt bereits 720 000 im Land waren, hätte dies die Rückführung von 220 000 ausländischen Arbeitskräften bedeutet, also von fast einem Drittel.Urheber dieser Forderung nach Remigration war nicht etwa eine rechtsnationale Partei, sondern: der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB), unterstützt von prominenten Sozialdemokraten, unter ihnen der Parteipräsident und Nationalrat Fritz Grütter.Migration als «gröbste Form der Bedrohung»Schon drei Jahre zuvor hatte der SGB in seinem Arbeitsprogramm festgehalten: «Um die politische, kulturelle und sprachliche Eigenart der Schweiz zu erhalten und eine Überfremdung zu verhindern, ist der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte einer Kontrolle und der Aufnahmefähigkeit des Marktes zu unterstellen.»Solche Worte von linker Seite wären heute undenkbar. Mittlerweile hat sich bei Migrationsfragen eine klare Trennlinie festgesetzt, wie auch die gegenwärtige Debatte um die 10-Millionen-Initiative zeigt: Linke Parteien und ihre Anhänger sind migrationsfreundlich, die rechten eher migrationskritisch. Eine Aufteilung, die historisch gesehen ziemlich neu ist.Linke Migrationskritik hat eine lange Tradition in der Schweiz. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Gattung ist der Theologe Leonhard Ragaz, ein religiöser Sozialist, der in linken Kreisen bis heute verehrt wird. In seinem Bestseller «Die neue Schweiz» von 1914 plädierte er für einen basisdemokratischen Sozialismus, der auf der Schweizer Genossenschaftstradition basiert. Zugleich – und das wird bei den heutigen Würdigungen meistens weggelassen – sah er in der «Fremdenfrage» die «gröbste Form der Bedrohung» für das Land: «Von allen Seiten brandet die Flut fremden Volkstums heran und überschwemmt fast unmerklich Stück für Stück unseres Landes.» Wenn es so weitergehe, würden «in fünfzig Jahren mehr Fremde in unserem Lande wohnen als Schweizerbürger». Kein «Volk der Erde» kenne etwas Ähnliches. «Auf dieser Linie rückt uns das Finis Helvetiae (Ende der Schweiz) zum Greifen nahe.»Die Schweiz, wie sie viele bewahren wollten: Alpfest auf der Belalp oberhalb von Brig, 1942.Walter Henggeler / Photopress-Archiv / KeystoneRagaz’ Warnung ist im Kontext der damaligen Bevölkerungsentwicklung zu sehen. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg (etwa 1880–1914) hatte sich die Schweiz in rasantem Tempo von einem armen Auswanderungsland zu einem der begehrtesten Einwanderungsländer Europas entwickelt. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 erreichte der Ausländeranteil einen historischen Höchststand von rund 15 Prozent. In einigen Städten und Grenzregionen lag er sogar deutlich höher (in Zürich bei 33, in Basel bei 37 und in Genf bei über 40 Prozent).Auch die späteren, heftig geführten Migrationsdebatten waren die Folgen längerer Phasen überdurchschnittlich starker Einwanderung.Die Basis stimmte für die Schwarzenbach-InitiativeIn den 1950er und 1960er Jahren strömten im Zuge des Wirtschaftsbooms Zehntausende von Arbeitskräften ins Land, hauptsächlich Italiener, die von vielen als Bedrohung wahrgenommen wurden. Der Gewerkschaftsbund verabschiedete 1956 eine Resolution mit der Forderung «einer zahlenmässigen Plafonierung des Fremdarbeiterimports». Dabei verteidigte der SGB auch das umstrittene Saisonnierstatut, das Arbeiter nach neun Monaten zur Ausreise verpflichtete und den Familiennachzug verbot.1970 kam die von der rechtskonservativen Partei Nationale Aktion lancierte «Schwarzenbach-Initiative» zur Abstimmung, die den Ausländeranteil bei 10 Prozent der Bevölkerung deckeln wollte. Wäre sie angenommen worden, hätten 350 000 Arbeiterinnen und Arbeiter ausreisen müssen. Die Gewerkschaften setzten sich zwar nach wie vor für eine Reduktion der ausländischen Arbeitskräfte ein, empfahlen aber ein Nein. Eine Mehrheit ihrer Mitglieder stimmte trotzdem zu, wie spätere Umfragen ergaben. Das Volksbegehren wurde nach einem emotionalen Abstimmungskampf knapp abgelehnt.Zwei Befürworter der Schwarzenbach-Initiative, aufgenommen im Juli 1970.Str / KeystoneDer nächste Einwanderungsschub folgte durch die Personenfreizügigkeit mit der EU, die ab 2002 schrittweise eingeführt wurde. Die Bevölkerung wuchs in hohem Tempo an, mittlerweile ist ein Drittel der in der Schweiz wohnhaften Menschen nicht im Land geboren. Das Unbehagen an dieser Entwicklung machte sich insbesondere durch die Volksinitiative «gegen Masseneinwanderung» bemerkbar, die 2014 mit 50,3 Prozent der Stimmen knapp angenommen wurde, und jetzt durch die 10-Millionen-Initiative. Unterstützung von links gibt es für diese Volksbegehren keine mehr, zumindest nicht offiziell, das Thema obliegt mittlerweile ganz den Rechten.Nach dem Unglück mit 88 Toten kam das UmdenkenDer frühere Gewerkschaftsführer Vasco Pedrina hat sich intensiv mit der Geschichte der gewerkschaftlichen Migrationspolitik befasst, was ihm offensichtlich nicht immer leichtfiel. «Aus gewerkschaftlicher Sicht ist besonders schwer zu ertragen, dass sie [die Gewerkschaften] sich – wie auch die Behörden – mit dem Reden vom Kampf gegen die Überfremdung des Vokabulars der xenophoben Rechten bedienten», schrieb er vor einigen Jahren. Als Beispiel führte er den SGB-Leitfaden für die Volksabstimmung zu den Konjunkturbeschlüssen 1965 auf, dessen Titel lautete: «Kampf der Überfremdung und der Teuerung! Konjunkturbeschlüsse: Ja».Pedrina beschönigt in seiner Darstellung nichts. Worin er aber falschliegt: Die Linken hatten sich nicht bei den Rechten bedient – das ist eine sehr heutige Sicht –, es handelte sich einfach um das Vokabular der Migrationsgegner und Ausländerfeinde, die es links wie rechts gab.Für Pedrina war das verheerende Unglück beim Mattmark-Staudamm vom 30. August 1965 der entscheidende Wendepunkt in der Haltung der Gewerkschaften zur Migration. 88 Arbeiter kamen beim Abbruch des Allalingletschers ums Leben, mehrheitlich Italiener. Es handelte sich um die grösste Baustellenkatastrophe der Schweizer Geschichte. Das Schicksal der Gastarbeiter rückte plötzlich in den Fokus. Die Gewerkschaften begannen, sich für sie einzusetzen und sie in den eigenen Reihen einzubinden. Allerdings war dies nicht nur eine humanitäre Geste, man erkannte in den Gastarbeitern auch ein Potenzial für (zukünftige) Mitglieder und Beitragszahler.Das Schicksal der Gastarbeiter rückte plötzlich in den Fokus: die Katastrophe von Mattmark, 1965, bei der 88 Menschen ums Leben kamen.Photopress-Archiv / KeystoneDie Kehrtwende erfolgte jedoch nicht sofort. 1967 sagte der SP-Nationalrat und SGB-Präsident Hermann Leuenberger in einer Parlamentsdebatte: «Das Bestehen einer Überfremdung ist unbestritten.» Und bekräftigte die gewerkschaftliche Forderung nach einer Reduktion der ausländischen Erwerbstätigen auf 500 000, um «die den einheimischen Arbeitnehmern nicht zumutbare Überfremdung» zu beseitigen.1969, bei der Nationalratsdebatte um die Schwarzenbach-Initiative, betonte der SP-Fraktionssprecher und Gewerkschafter Ernst Wüthrich, dass sich die Linke immer für die «Stabilisierung und sukzessive Senkung der Ausländerbestände» eingesetzt habe. Deswegen «fühle ich mich dazu berechtigt, jede Mitverantwortung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes und der Sozialdemokratischen Partei am heutigen Überfremdungszustand abzulehnen». Die Partei spreche sich zwar gegen die Initiative aus, jedoch mit einer «ernsten Mahnung an die Kantonsregierungen und Arbeitgeber, zu einer wirksamen Alternative Hand zu bieten».Zerreissprobe für die LinkenDie Migrationsfrage und insbesondere die Schwarzenbach-Initiative wurden für die Linken zur Zerreissprobe. Die SP des Kantons Zug gab entgegen der Parteilinie offiziell die Ja-Parole heraus, ebenso jene der Stadt Chur. Der damalige Nationalrat und spätere SP-Parteipräsident Helmut Hubacher erzählte noch Jahrzehnte später vom «heftigen Widerstand» aus den eigenen Reihen, als er sich gegen die Initiative eingesetzt hatte. Bei Gewerkschaftsversammlungen sei den Funktionären von der Basis viel Feindseligkeit entgegengeschlagen. Eine Erfahrung, die Hubacher ein Leben lang beschäftigte.Die innergewerkschaftlichen Auseinandersetzungen rund um die Schwarzenbach-Initiative markierten den Startpunkt für die Entfremdung zwischen der Arbeiterschaft und der Linken. Bei den Sozialdemokraten rissen zunehmend Akademiker aus der 68er Generation die Deutungshoheit an sich, deren Theorien und Ideale mit der Lebenswelt der Arbeiterschaft kaum etwas zu tun hatten.Die weniger privilegierte Bevölkerung, die die Folgen der Migration am stärksten zu spüren bekommt, fühlte sich von migrationskritischen Parteien aus dem rechten Spektrum besser vertreten – eine Entwicklung, die früher oder später in ganz Europa einsetzte. Auch jetzt, bei der 10-Millionen-Initiative, zeigen die Umfragen: Je tiefer das Haushaltseinkommen, desto höher die Zustimmungsrate. Die Linken haben jene Kreise, die sie zu vertreten glauben, längst verloren. Zumindest bei der Einwanderungsfrage.Abweichler unerwünschtIn der Sozialdemokratischen Partei gab es weiterhin einige mahnende Stimmen. 2001 verlangte eine Gruppe um die spätere Bundesrätin Simonetta Sommaruga im sogenannten Gurten-Manifest: «Die SP akzeptiert eine Begrenzung der Zuwanderung.» Die Gruppe wurde deswegen innerparteilich heftig angegriffen, das Manifest verpuffte. 2012 antwortete die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran auf die Frage, wie viele Menschen die Schweiz ertrage: «8 Millionen Einwohner. Mehr Menschen wären technisch zwar machbar, aber nicht wünschbar.» Eine Aussage, die ihr die Befürworter der 10-Millionen-Initiative heute genüsslich um die Ohren schlagen. Und die nicht nur wegen der längst überschrittenen Zahl – heute sind wir bei über 9 Millionen – völlig aus der Zeit gefallen scheint. Mit Ausnahme des SP-Urgesteins Rudolf Strahm wagt sich kaum mehr jemand aus linken Kreisen, die negativen Auswirkungen der Einwanderung zu thematisieren.Stattdessen hat sich der Grundsatz etabliert, dass Migration per se etwas Gutes sei – ausser natürlich, es wandern Millionäre ein. Um dieses Credo aufrechtzuerhalten, ist man zuweilen sogar bereit, urlinke Prinzipien über Bord zu werfen: Bei Missachtung von Frauenrechten, Gewalt, Nationalismus oder religiösem Fanatismus drückt man oft beide Augen zu, wenn Migranten im Spiel sind. Zur Freude der rechten Parteien, die solche Themen noch so gerne auf die politische Agenda setzen.Passend zum Artikel