Die Bevölkerung hat sich zwar gegen einen Zuwanderungsdeckel ausgesprochen. Die Immigration bereitet ihr dennoch Sorgen. Deshalb wollen Politiker den inländischen Stellenmarkt stärken.Ralph Goldinger, Bern18.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAus welchem Land rekrutieren Firmen? Diese Frage dürfte auch bei der Abstimmung um das neue Vertragspaket mit der EU wichtig sein.Andre Veith / CH MediaDer FDP-Nationalrat Simon Michel gehört zu den Siegern des vergangenen Abstimmungssonntags. Seine FDP hat die Initiative für eine 10-Millionen-Schweiz abgelehnt. Das Volk tat es ihr an der Urne gleich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Michel dürfte der Sieg besonders freuen. Der Chef der Medizintechnikfirma Ypsomed zählt zu den glühendsten Befürwortern der neuen Verträge mit der EU. Und die Zuwanderung in die Schweiz ist vor allem von der EU-Personenfreizügigkeit getrieben. Mit dem Nein zur sogenannten Nachhaltigkeitsinitiative hat sich das Volk im Grundsatz dafür ausgesprochen, weiteres Bevölkerungswachstum zu tolerieren.Für die Europafreunde ist das nur ein Etappensieg. Vielleicht schon im Jahr 2028 wird das Volk über das neue Vertragspaket mit der EU abstimmen. Das Abstimmungsergebnis vom Sonntag zeigt, dass die Zuwanderung nach wie vor vielen Menschen Sorge bereitet.Simon Michel, Nationalrat sowie CEO und Verwaltungsrat von Ypsomed.CH MediaDie Politik will den Inländervorrang verschärfenZwei Tage nach der Abstimmung steht Simon Michel in der Wandelhalle und denkt an Lösungsansätze, um der verbreiteten Unzufriedenheit entgegenzuwirken: Der Inländervorrang bei der Stellensuche soll verstärkt werden.Michel will insbesondere bei der Stellenmeldepflicht – dem sogenannten «Inländervorrang light» – ansetzen. Wenn in einem Berufsfeld die gesamtschweizerische Arbeitslosenquote die 5-Prozent-Marke überschreitet, dürfen Stellen nicht direkt öffentlich ausgeschrieben werden. Unternehmen müssen diese zuerst den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) melden.Nachdem Firmen die offenen Jobs gemeldet haben, werden diese für fünf Tage nur registrierten Stellensuchenden in der Schweiz angezeigt. Das RAV kann in diesen Tagen Personen vorschlagen, die dem gesuchten Jobprofil entsprechen.Nur wenn sich hier keine passende Person findet, darf aus dem EU/Efta-Raum via die Personenfreizügigkeit oder aus Drittstaaten rekrutiert werden.«Man könnte den Schwellenwert der Arbeitslosigkeit je nach Berufsart auf 3 Prozent senken», sagt Simon Michel. Gleichzeitig sollten die Kriterien für die jeweiligen Jobgattungen verschärft werden. Die vorgeschlagenen Personen sollten auch tatsächlich über die gefragten Qualifikationen verfügen.Während Michel sich über einen möglichen Vorstoss Gedanken macht, wird ein Kollege aus dem Ständerat bereits konkreter. Der Mitte-Politiker Benedikt Würth reicht am Donnerstag eine Motion ein, die auf die Stellenmeldepflicht abzielt. Auch er befürwortet die Verträge mit der EU.Benedikt Würth, Ständerat.Keystone«Es kann nicht sein, dass meldepflichtige Unternehmen mit einer einfachen Begründung ohne irgendwelche Rechtsfolgen geeignete Inländer ablehnen», schreibt Würth in seiner Motion. Er fordert finanzielle oder administrative Sanktionen, etwa in Form eines Ausschlusses bei der Zuteilung von Drittstaatenkontingenten.Die Unternehmen haben heute noch einen gewissen Spielraum. Sie müssen oft nur nachweisen, wie viele Dossiers von Bewerbern sie angesehen haben. Theoretisch könnte man von ihnen zum Beispiel den Beweis verlangen, dass die Bewerbungsdossiers von Personen aus Drittstaaten tatsächlich passender gewesen sind als jene der Bewerber aus der Schweiz und der EU.Wie effektiv die Stellenmeldepflicht die Zuwanderung steuert, ist allerdings fraglich. Eine Mediensprecherin des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) schreibt auf Anfrage, dass der Stellenmeldepflicht bisher kein direkter Einfluss auf die Zuwanderung nachgewiesen werden konnte.Wirtschaftskreise dürften den Vorstoss von Würth nicht begrüssen. Eine solche Verschärfung brächte wohl grossen administrativen Aufwand mit sich. Davon lässt sich Würth nicht beeinflussen: «Die Wirtschaft muss aus dem Abstimmungsresultat vom Sonntag Lehren ziehen.»Auch die Wirtschaft steht in der PflichtSimon Michel ist in den nächsten Monaten nicht nur politisch gefragt. Dem Ypsomed-Chef kommt als Unternehmer bei der Zuwanderung eine Schlüsselrolle zu. Je mehr Arbeitskräfte die Firmen in der Schweiz statt im Ausland rekrutieren können, desto geringer fällt die Zuwanderung aus. So können Unternehmen die Immigration auf unbürokratische Weise beeinflussen.Im Inland sieht der Bundesrat eines der grössten Potenziale bei den älteren Arbeitnehmenden. Im Jahr 2050 werden die über 50-Jährigen 35 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung ausmachen.Und unter dem Aspekt der Zuwanderung sind gerade Arbeitnehmende, die über das gesetzliche Pensionsalter von 65 Jahren hinaus arbeiten, besonders interessant. Wie kann ein Unternehmen diese Menschen länger beschäftigen?Konzern contra KMU: andere Voraussetzungen bei der RekrutierungDie Firma Ypsomed bietet beispielsweise sogenannte Bogenkarrieren an: Führungspersonen dürfen gegen Ende ihrer Karriere in eine Expertenfunktion wechseln. Zudem ermöglicht Ypsomed Personen im Alter von 60 bis 70 Jahren flexible Pensen und zahlt in diesen Jahren überdurchschnittlich hohe Pensionskassenbeiträge.Über den wohl internationalsten Pool von Arbeitskräften verfügen die multinationalen Unternehmen, die in der Schweiz angesiedelt sind. Zu diesen gehört der Agrochemiekonzern Syngenta. «Grundsätzlich rekrutieren wir immer mit dem konkreten Ziel, einheimische Arbeitskräfte zu berücksichtigen», sagt die Schweizer HR-Chefin Elisabeth Vock im Gespräch. Um die Karriereentwicklung im Konzern zu fördern, hole man aber auch Mitarbeitende von ausländischen Syngenta-Tochtergesellschaften in die Schweiz.Elisabeth Vock, Schweizer HR-Chefin von Syngenta.PDBei Syngenta suche man individuelle Lösungen, wenn Personen länger arbeiten wollten, sagt Vock. Derzeit sind in der Schweiz 10 der 2700 Mitarbeitenden älter als 65 Jahre.Konkrete Regelungen existieren in der Produktion am Standort Monthey im Kanton Wallis für Mitarbeitende im Schichtbetrieb. Dort hat sich Syngenta mit den Sozialpartnern geeinigt: Ab dem 58. Lebensjahr wird die Arbeitszeit jährlich um 1 Prozent gesenkt, bis das Pensum im Alter von 63 Jahren auf 95 Prozent reduziert ist. Syngenta zahlt dennoch den vollen Lohn und die vollen Sozialleistungen weiter.Über ein weit kleineres Einzugsgebiet verfügen die meisten KMU in der Schweiz. So etwa jenes von SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr, die in Romanshorn im Kanton Thurgau einen Metall- und Stahlbaubetrieb mit 75 Mitarbeitenden führt. «Für uns ist es eine Herausforderung, qualifiziertes Personal zu finden», sagt Gutjahr.Derzeit arbeiten sechs Personen in der Firma, die älter als 65 Jahre sind. Diese seien nicht nur im Büro, sondern auch in der Montage tätig. «Dass ältere Mitarbeiter aufgrund des Lohns und der Pensionskasse teurer sind, müssen wir in Kauf nehmen.»Die Unternehmerin fände es allerdings sinnvoller, wenn sich die Löhne entlang einer Kurve entwickeln würden und nicht linear. So würden die Menschen im Alter von 35 bis 50 Jahren am meisten Geld verdienen – dann, wenn die Ausgaben etwa wegen heranwachsender Kinder am höchsten sind. Danach würden die Löhne wieder sinken. Realität ist dies allerdings in den wenigsten Firmen.Diana Gutjahr, SVP-Nationalrätin und Unternehmerin.KeystoneGutjahr ist auf ältere Fachkräfte angewiesen, diese brächten sehr viel Know-how und Lebenserfahrung mit. Sie beschäftige beispielsweise einen eigentlich pensionierten Montagearbeiter, der nur im Sommer arbeiten wolle. Im Winter sei er jeweils in Thailand.Bei der Debatte über die neuen EU-Verträge stehen Simon Michel und Diana Gutjahr auf verschiedenen Seiten. Was sie verbindet, sind der Fachkräftemangel und das Buhlen um ältere Arbeitnehmende.Passend zum Artikel
Nach 10-Millionen-Schweiz-Abstimmung: Die Europafreunde bringen sich in Stellung
Die Bevölkerung hat sich zwar gegen einen Zuwanderungsdeckel ausgesprochen. Die Immigration bereitet ihr dennoch Sorgen. Deshalb wollen Politiker den inländischen Stellenmarkt stärken.














