Die Zuwanderer aus der EU sind fleissiger als die Schweizer – aber reicht das, um das Unbehagen zu überwinden?Auch nach der Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz ist der Druck in der Migrationspolitik gross. Der Bund liefert neue Zahlen für die anstehenden Debatten. Sie klären nicht alles.26.06.2026, 05.29 Uhr4 LeseminutenDie Hotellerie gehört zu den Branchen, in denen Schweizer Angestellte zunehmend durch EU-Bürger ersetzt werden.Goran Basic / NZZDas Resultat war klarer als erwartet, aber nicht klar genug, um zur Tagesordnung überzugehen: 45,2 Prozent haben sich vorletzten Sonntag für die 10-Millionen-Initiative der SVP ausgesprochen. Die meisten Gegner waren schlau genug, nicht in Euphorie auszubrechen. Sie wissen nur zu gut, dass die Zuwanderung ein explosives Thema bleibt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die nächste Debatte folgt, wenn die neuen Abkommen mit der EU an die Urne kommen. Die Botschaft der meisten Befürworter ist klar: Sie anerkennen die negativen Auswirkungen der Zuwanderung, betonen aber, dass die positiven überwiegen.Der zweite Teil der These wird regelmässig untersucht. Kaum war die Personenfreizügigkeit 2002 eingeführt worden, hat der Bundesrat sie unter Beobachtung gestellt: Er gründete ein Observatorium, dem Spezialisten aus drei Departementen angehören, die sich mit Fragen zu Volkswirtschaft, Migration, Statistik und Sozialversicherungen befassen. Seit 2005 veröffentlichen sie jährlich eine Analyse, die zeigt, wie sich der freie Personenverkehr auf den Arbeitsmarkt, die Sozialwerke und die Wirtschaft auswirkt.Damit ist auch gesagt, was das Observatorium nicht untersucht: Dichtestress und Unbehagen gehören ebenso wenig zu seinem Portefeuille wie die Themen Wohnungsmarkt, Verkehr, Schulen und Stromversorgung. Doch auch so geht es um viel: Löhne, Arbeitslosigkeit, Wohlstand und soziale Sicherheit. Aus Sicht der SVP hat die Zuwanderung auch in diesen Bereichen negative Folgen. Würde sich diese Ansicht durchsetzen, wäre die Personenfreizügigkeit kaum mehr zu retten.Man muss aber relativ lange suchen, um im jüngsten Bericht des Observatoriums, der am Donnerstag veröffentlicht worden ist, negative Erkenntnisse zu finden. Auch wenn die Personenfreizügigkeit immer wieder zu Missbräuchen führt, die viel Aufmerksamkeit erhalten, scheinen diese Fälle zahlenmässig nicht ins Gewicht zu fallen. Das grosse Bild präsentiert sich weiterhin fast verblüffend positiv.Hier einige Daten aus dem neuen Bericht:SozialhilfeWären Missbräuche ein Massenphänomen, oder ginge die Einwanderung völlig am Arbeitsmarkt vorbei, müsste die Sozialhilfequote von EU-Bürgern steigen. Passiert ist das Gegenteil: Von 2014 bis 2024 ist sie von 3,2 auf 2,3 Prozent gesunken. Damit ist sie aber immer noch höher als jene der Schweizer (1,8 Prozent). Das liegt gemäss dem Bericht primär daran, dass EU-Bürger öfter in Bereichen wie Industrie oder Gastgewerbe arbeiten, in denen das Risiko konjunktureller Schwankungen und damit auch des Arbeitsplatzverlusts grösser ist.ErwerbsbeteiligungDie Zuwanderung aus der EU ist stark vom hiesigen Arbeitsmarkt gesteuert. Wenn er boomt, werden mehr Ausländer angeworben, wenn er stagniert, nimmt die Migration ab. Im Vergleich zu früher wandern mehr Hochqualifizierte ein, gleichzeitig werden aber weiterhin viele EU-Bürger für Tieflohnjobs rekrutiert, die Schweizer kaum mehr interessieren. Gesamthaft sind 87 Prozent der EU-Bürger im Alter von 15 bis 64 Jahren erwerbstätig, bei den Schweizern sind es 85 Prozent. Vor 15 Jahren lagen die Quoten näher beieinander (Schweiz: 82,1 Prozent, EU: 82,5).Das zeigt zweierlei: EU-Zuwanderer im Erwerbsalter sind stärker am Arbeitsmarkt orientiert als gleichaltrige Schweizer. Rechnet man in Vollzeitpensen, zeigt sich dies klarer: Dann beträgt die Erwerbsquote der EU-Bürger 79 und jene der Schweizer 72 Prozent.Gleichzeitig führt die fortschreitende Integration der Einwanderer kaum dazu, dass die Schweizer verdrängt werden, sonst wäre ihre Erwerbsbeteiligung nicht ebenfalls gestiegen.Der Bericht sagt nicht, dass es keinerlei Verdrängung oder Lohndruck gebe. Wenn solche Probleme auftreten, dann aber weniger wegen der Einwanderung als wegen der Grenzgänger. Namentlich in Genf und im Tessin gibt es Indizien wie grössere Lohndifferenzen. Für das ganze Land erkennt der Bericht keine Alarmzeichen.ArbeitslosigkeitIm Abstimmungskampf um die 10-Millionen-Schweiz hat die SVP unter anderem die Gastronomie angegriffen, die trotz vielen Arbeitslosen weiterhin Personal aus der EU rekrutiere. Die Daten im Bericht zeigen, dass sich die Erwerbslosigkeit von 2010 bis 2025 gesamthaft kaum verändert hat; im Durchschnitt betrug sie 4,6 Prozent. Spezifisch für die Gastrobranche zeigt der Bericht jedoch, dass hier die Zahl der Schweizer Angestellten ab- und jene der Ausländer zugenommen hat. Weil die gesamte Erwerbslosigkeit aber nicht zunahm, geht man beim Bund davon aus, dass dies primär daran liegt, dass junge Schweizer vermehrt eine bessere Ausbildung absolvieren und lukrativere Stellen suchen.WirtschaftswachstumZuwanderungskritiker monieren, die Schweiz sei in letzter Zeit nur noch in die Breite gewachsen. Der Bericht widerlegt diese Aussage mit den Daten der Jahre 2010 bis 2025: In dieser Zeit ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) im Durchschnitt um 1,8 Prozent pro Jahr gewachsen. Die Bevölkerung nahm um 1 Prozent zu. Folglich stieg das BIP pro Kopf im Schnitt um 0,8 Prozent. Manche finden, das sei im Vergleich mit früher zu wenig; andere entgegnen, auf dem hohen heutigen Niveau sei das relativ gut. Klar ist zumindest, dass es ein Wachstum ist.SozialwerkeDer Bericht bestätigt frühere Diagnosen: Bei der Arbeitslosenversicherung (ALV) beziehen EU-Bürger gesamthaft mehr Leistungen, als sie an Beiträgen einzahlen. Sie sind öfter auf Sozialhilfe angewiesen, hingegen seltener auf Ergänzungsleistungen. Die Kosten der ALV relativieren sich dadurch, dass EU-Bürger bei den grössten Sozialwerken – AHV und IV – zu den Nettozahlern gehören.Passend zum Artikel