10-Millionen-Schweiz: Die Schweiz muss es besser machen als das AuslandDie Initiative zur Begrenzung der Schweizer Bevölkerung zielt direkt auf die Beziehungen der Schweiz zur EU ab. Doch das ist keine Lösung, wie Erfahrungen aus dem Ausland zeigen.11.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenIn Belfast entlud sich diese Woche die aufgestaute Wut über die Einwanderung gewalttätiger Asylbewerber in einem Gewaltausbruch.ImagoAm Wochenende stimmt die Schweiz darüber ab, ob die Bevölkerungszahl bei 10 Millionen gedeckelt werden soll. Sollte die Vorlage angenommen werden, wird sie die künftige Entwicklung des Landes erheblich prägen. Wird sie abgelehnt, sollte sich die Politik dennoch verstärkt mit ihrem Kernanliegen beschäftigen: dem Unmut über das kräftige Bevölkerungswachstum mit all seinen Nebeneffekten. Denn politisch ist die Entwicklung brisant.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Blick ins Ausland zeigt, wie andere Staaten mit hohem Bevölkerungswachstum und steigenden Wohn- und Lebenshaltungskosten zurechtkommen – oder eben nicht.Der Brexit löste keines der ProblemeDie Initiative zur 10-Millionen-Schweiz ist raffiniert. Sie nennt sich Nachhaltigkeitsinitiative und adressiert den Unmut über viele verschiedene Folgen des kräftigen Bevölkerungswachstums – von Überfremdungsängsten über Wohnungsnot und Kapitalismuskritik bis zur Sorge um den Naturschutz. Doch die konkretesten Folgen der Initiative beträfen die Beziehungen der Schweiz zur EU. Diese würden durch einen erzwungenen Einwanderungsstopp radikal infrage gestellt.Dieser gewiss beabsichtigte Konnex zur EU erinnert an Grossbritannien. Dessen Bevölkerung hat sich vor zehn Jahren mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der EU entschieden. Die Brexit-Befürworter hatten damals erheblichen Rückenwind durch das Migrationsthema, das just zu jener Zeit hochkochte. Deutschland und andere Staaten Kontinentaleuropas erlebten gerade im Namen der Willkommenskultur einen unkontrollierten Zustrom von Asylbewerbern aus dem Nahen Osten und weiteren Regionen. Die Art, wie Kritik und Bedenken aus der Bevölkerung von den Politikern beiseitegewischt und die Kontrolle über die eigenen Landesgrenzen freimütig aufgegeben wurde, wurde damals in Grossbritannien mit Graus verfolgt. Die Initianten des Brexits hätten sich keine bessere Hilfe wünschen können.Dabei hat die Euroskepsis in Grossbritannien eine lange Tradition, die keineswegs in der Migrationsfrage gründet. Die rebellische Fraktion der Euroskeptiker innerhalb der Konservativen Partei machte schon den Premierministern Margaret Thatcher und John Major in den achtziger und neunziger Jahren das Leben schwer. Grossbritannien war noch bis Anfang der neunziger Jahre meist ein Auswanderer- und kein Einwanderungsland. Die EU-Kritik fokussierte vor allem auf die Sorge um die nationale Souveränität und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Eine Folge davon waren spezifische Ausnahmen von europäischen Regulierungen und Integrationsschritten wie etwa dem Euro.Die grosse Einwanderungswelle begann erst mit dem Antritt der New-Labour-Regierung unter Tony Blair 1997. Diese feierte die Zuwanderung als kulturelle Bereicherung und nutzte deren kurzfristige Wachstumseffekte zur Finanzierung des wachsenden Sozialstaats. Schon ein Jahr später übersprang die Netto-Einwanderung erstmals die Marke von 100 000. 2005 waren es bereits mehr als 300 000. Die meisten Einwanderer kamen nicht mehr aus Irland oder den Commonwealth-Staaten wie früher, sondern aus Ostmitteleuropa. Blair hatte Grossbritannien als eines der wenigen Länder ohne Übergangsfrist für Arbeitskräfte aus den 2004 zur EU gestossenen ostmitteleuropäischen Staaten geöffnet.Gebrochene VersprechenAls 2010 der konservative Premierminister David Cameron im Regierungssitz an der Downing Street einzog, versprach er eine Rückführung der Einwanderung auf wenige Zehntausend pro Jahr. Doch nichts geschah. Die jährliche Netto-Migration bewegte sich weiterhin zwischen 200 000 und 300 000 Personen. Die Zuwanderung prägte immer deutlicher das Strassenbild, die verschiedenen Gewerbe, die Immobilienpreise und die Gesundheitsvorsorge. Sie wurde zunehmend zum Politikum, das von den EU-Gegnern dankbar aufgenommen wurde. Diese boten den Austritt aus der EU als Lösung an, um die Kontrolle über die Einwanderung zurückzugewinnen.Dieses Versprechen half der Brexit-Abstimmung 2016 zur knappen Mehrheit von 52 Prozent. 2019 wurde der eloquente Brexit-Befürworter Boris Johnson triumphal zum Premierminister gewählt mit dem Auftrag, diesen rasch umzusetzen. Seit 2020 ist Grossbritannien nicht mehr Mitglied der EU. Doch die Zuwanderung ging unter Johnson keineswegs zurück, sondern explodierte bis auf atemraubende 900 000 Personen pro Jahr. Auch Johnson war wie seine Vorgänger dem simplen Faktum erlegen, dass die Zuwanderung kurzfristig das Bruttoinlandprodukt und die Staatseinnahmen erhöht.Erst im vergangenen Jahr ist die Zuwanderung wieder unter die Marke von 200 000 gedrückt worden, ausgerechnet unter einer Labour-Regierung. Dazu trug allerdings wesentlich ein starker Anstieg der Zahl junger Briten bei, die wegen der misslichen Wirtschaftslage ins Ausland gingen.Die Kehrtwende kam zu spät. Die zu Wochenbeginn wegen des brutalen Mordanschlags eines Asylbewerbers aus Sudan auf einen weissen Nordiren unvermittelt ausgebrochenen Unruhen in Belfast zeigen, wie aufgeheizt die Stimmung ist.Die Empörung breiter Wählerschichten über die Ignoranz der Regierenden gegenüber dem Migrationsthema hat zum spektakulären Zerfall des britischen Parteiensystems beigetragen. Würde morgen gewählt, würde die Reform UK von Nigel Farage wohl in Downing Street einziehen. Die Protestpartei wurde erst vor wenigen Jahren als Nachfolgerin der United Kingdom Independence Party gegründet. Trotz Brexit hat sie mehr Zulauf als ihre Vorgängerin. Der wichtigste Grund dafür ist der Verlust des Vertrauens in die seit hundert Jahren regierenden Konservativen und Labour, welche die Chancen des Brexits nicht nutzten und den Wunsch nach einer deutlich reduzierten Zuwanderung viel zu lange ignorierten.Populisten in den NiederlandenDas Beispiel Grossbritannien illustriert die politische Sprengkraft der Migration. Dasselbe ist auch in weiteren europäischen Ländern zu beobachten. Die Bevölkerung Grossbritanniens wuchs in den letzten 15 Jahren um 5 Millionen oder knapp 10 Prozent. Die Bevölkerungsdichte beträgt heute 434 Einwohner pro Quadratkilometer. Ähnliche Dimensionen weisen die Niederlande auf, deren Bevölkerung im gleichen Zeitraum um 9 Prozent wuchs. Die Bevölkerungsdichte beträgt 545 Personen pro Quadratkilometer.In der Folge sind Wohnungsnot und stark gestiegene Immobilienpreise und Mieten in den urbanen Ballungszentren zu den primären politischen Themen geworden – sowie die Kritik an der Zuwanderung. Bei der niederländischen Parlamentswahl 2023 verdoppelte die Partei für die Freiheit (PVV) des Rechtspopulisten Geert Wilders den Stimmenanteil gegenüber 2021 und wurde die grösste Partei im Parlament. Sie übernahm im Juli 2024 erstmals Regierungsverantwortung. «Die Niederlande sind wirklich proppenvoll», hatte der Islamkritiker Wilders im Wahlkampf erklärt. Anfang 2024 schlug eine Regierungskommission eine deutliche Begrenzung der Zuwanderung vor. Dazu kam es freilich nicht. Die Koalitionsregierung mit der PVV zerbrach nach weniger als einem Jahr an ihrer Uneinigkeit in der Asylpolitik. Die Migrationsfrage bleibt ungelöst; die PVV ist heute die grösste Oppositionspartei im Parlament.Protestparteien in Frankreich und DeutschlandDie Zuwanderung nach Frankreich und Deutschland war in den letzten fünfzehn Jahren deutlich geringer. Die Bevölkerung Deutschlands wuchs in diesem Zeitraum nur um 2,1 Prozent, jene Frankreichs um 6,4 Prozent. Die Bevölkerungsdichte ist viel geringer als in Grossbritannien oder den Niederlanden. Trotzdem beherrscht der Streit über Zuwanderung und Integration von Ausländern die politischen Debatten. In beiden Staaten haben die nationalkonservativen Protestparteien Alternative für Deutschland (AfD) bzw. Rassemblement national (RN) die klare Führung in Wahlumfragen übernommen. Die AfD kommt derzeit auf fast 30 Prozent Zuspruch, das RN auf ein Drittel, deutlich vor den Traditionsparteien.Diese Konstellation hat in beiden Staaten zur weitgehenden Lähmung der Regierungen geführt. Sie wirft auch einen Schatten auf die Zukunft der EU, da diese beiden Parteien erheblichen Einfluss in Brüssel nehmen könnten, sollte ihnen künftig der Sprung in die Regierungsverantwortung in ihren Ländern gelingen. Der mächtigste Katalysator ihres Aufstiegs ist und bleibt die wachsende Unzufriedenheit mit der nationalen und europäischen Migrationspolitik und ihren Folgen.Abwanderung aus KalifornienDie Ursachen von Wohnungsnot und steigenden Mieten sind komplexer als nur die Einwanderung. Stichworte sind tiefe Leitzinsen, allgemeine Inflation, steigender Wohnkomfort, kleinere Haushaltsgrössen, kostspielige Regulierungen. So stiegen die Preise etwa auch in deutschen Ballungszentren kräftig, obschon das Bevölkerungswachstum gering war. In Kalifornien wächst die Bevölkerung seit einigen Jahren kaum noch. Dennoch ist die Wohnungsnot auch dort das politische Thema Nummer eins. Die Regierung findet kein Mittel gegen die astronomischen Preise für Eigenheime und Mieten. Das Hauptproblem ist die Unfähigkeit der Regierung, das Angebot neuer Wohnungen auszuweiten. Trotz hoher Wirtschaftskraft stockt der Wohnungsbau, hauptsächlich, weil sich die Gemeinden und ihre Einwohner gegen eine notwendige Verdichtung der Siedlungsflächen wehren. Ähnliche Probleme hat die britische Regierung.Für die Kalifornier gibt es eine einfache Alternative zu Protesten gegen die Unfähigkeit der Politik: Sie stimmen innerhalb der USA mit den Füssen ab. In den letzten zehn Jahren sank die Zahl der amerikanischen Einwohner des Gliedstaats um 2,5 Millionen; viele zogen in andere Staaten wie Texas oder Arizona mit tieferen Wohnkosten und Steuern. In Europa funktioniert dieses Ventil weniger gut, denn die Auswanderung in ein anderes Land ist deutlich aufwendiger. Deshalb drückt sich der Unmut primär im Zuspruch für Protestparteien aus.Riskanter Bruch mit der EUDie Schweiz hat mit einem Plus von 15 Prozent in den vergangenen fünfzehn Jahren ein Bevölkerungswachstum erlebt wie kaum ein anderer Staat. Die Bevölkerungsdichte im Mittelland ist nahe an Werte wie in Grossbritannien oder den Niederlanden gerückt. Was kann sie von der Entwicklung in diesen Staaten lernen?Die EU zeigte vor dem Brexit-Referendum 2016 wenig Bereitschaft, den Briten entgegenzukommen. Es war bekannt, dass die Migrationsfrage einen hohen Stellenwert hatte, doch die Personenfreizügigkeit war für die Politiker in Brüssel und den europäischen Hauptstädten sakrosankt. Die EU schloss eine von London gewünschte Aufweichung rigoros aus und machte die freie Mobilität von Arbeitnehmern zur Voraussetzung für die weitere Beteiligung am Binnenmarkt. Das erleichterte den EU-Gegnern die Werbung für den Brexit.Wenn Brüssel selbst gegenüber einem so grossen und wichtigen Mitgliedsland und Nettozahler so unnachgiebig blieb, dann ist das keine gute Voraussetzung für eine «10-Millionen-Schweiz».Sollten die Bürger am Wochenende die Initiative annehmen, dann wäre die Kündigung des Abkommens über die Personenfreizügigkeit mit der EU in einigen Jahren unausweichlich. Die britischen Erfahrungen führen zu dem Schluss, dass die EU dann die fortgesetzte Teilhabe der Schweiz am Binnenmarkt und den weiteren Abkommen kaum dulden würde. Die Initiative hätte damit einschneidende Folgen für die Schweizer Wirtschaft, ähnlich wie der Brexit für Grossbritannien, den heute eine klare Mehrheit der Briten bereut.Doch auch wenn die Initiative am Wochenende scheitert, sollte die Schweiz nicht einfach zum Courant normal übergehen. Damit würde sie die Fehler europäischer Länder wiederholen und eine weitere politische Stärkung der radikalen Migrations- und Wachstumskritiker provozieren. Die Schweiz muss sich verstärkt auf die Suche nach Mitteln machen, um die Zuwanderung und deren Folgen besser zu kontrollieren. Dafür mangelt es nicht an Ideen wie etwa einem Eintrittsgeld für Zuwanderer, der Entschlackung von Bauvorschriften, einer bedürfnisgerechten Raumplanung oder verstärkten Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur. Jetzt ist die Zeit der Umsetzung gekommen.
10-Millionen-Schweiz: Lehren aus dem Brexit und Europa
Die Initiative zur Begrenzung der Schweizer Bevölkerung zielt direkt auf die Beziehungen der Schweiz zur EU ab. Doch das ist keine Lösung, wie Erfahrungen aus dem Ausland zeigen.










