Zehn-Millionen-Schweiz: Der Brexit zeigt, wie komplex die Steuerung der Migration istDie Brexiteers hatten versprochen, nach dem Ende der Personenfreizügigkeit die Zuwanderung zu senken. Passiert ist das Gegenteil. Welche Lehren kann die Schweiz daraus ziehen?26.05.2026, 05.31 Uhr7 LeseminutenBlick auf die City of London: Die Steuerung der Migration gestaltete sich nach dem Brexit viel schwieriger als erhofft.Andy Rain / EPADass die Britinnen und Briten am 23. Juni 2016 knapp für den Brexit stimmten, hatte mehrere Gründe. Manche glaubten, mit den eingesparten Zahlungen an die EU werde der staatliche Gesundheitsdienst NHS saniert. Andere wollten die nationale Demokratie stärken oder hofften schlicht auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände in der heruntergewirtschafteten Provinz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der wichtigste Grund aber war der Unmut über die Migration. Nach der EU-Osterweiterung waren Zehntausende von Rumänen, Polen oder Balten nach Grossbritannien eingewandert, wo sie angesichts der boomenden Wirtschaft als Arbeitskräfte willkommen waren. Doch in der Bevölkerung wuchs das Unbehagen. Unter dem Slogan «Take Back Control» versprachen die Brexiteers, das Land werde die Migration künftig wieder souverän steuern und reduzieren. Doch passiert ist seit der Umsetzung des Brexits per Anfang 2021 das Gegenteil: In die Höhe schoss nicht nur die Zahl der Asylsuchenden, die über den Ärmelkanal gelangen, sondern auch die Zahl der Migranten, die regulär ins Land kommen.Wie ist diese Entwicklung zu erklären? Und welche Lehren ergeben sich daraus für die Schweiz, die am 14. Juni, fast exakt zehn Jahre nach dem Brexit, über die 10-Millionen-Initiative der SVP abstimmt?Wegen Brexit zum AsylmagnetenInsbesondere die Asylmigration konnte Grossbritannien weit weniger gut steuern als erhofft. Waren 2018 noch knapp 300 Personen in kleinen Booten über den Ärmelkanal gelangt, kamen 2025 knapp 41 500 an der englischen Küste an.Als Gründe für die Zunahme gelten diverse Faktoren, die Grossbritannien als Zielland attraktiv machen: Diese reichen von den Diasporagemeinschaften aus aller Welt über die Attraktivität der englischen Sprache bis hin zu den laschen Kontrollen im irregulären Arbeitsmarkt. Laut der britischen Migrationsexpertin Madeleine Sumption hat paradoxerweise auch der Brexit die Attraktivität Grossbritanniens als Asylland erhöht.Sumption ist Direktorin des renommierten Migration Observatory der Universität Oxford und seit dem März dieses Jahres Vorsitzende der nationalen Expertenkommission, welche die britische Regierung in Migrationsfragen berät. Im Gespräch räumt sie ein, dass das Dublin-System zu Zeiten der britischen EU-Mitgliedschaft aus Sicht Grossbritanniens nie besonders gut funktioniert habe. Das Dublin-System besagt, dass Asylsuchende im ganzen Schengenraum nur ein Asylgesuch stellen dürfen, und legt fest, welches Land für sie verantwortlich ist. In der Regel ist jenes Land zuständig, in dem die Asylsuchenden zuerst europäischen Boden betreten oder in dem sie bereits über enge Familienangehörige verfügen. Wegen des zweiten Kriteriums musste Grossbritannien viele Asylsuchende aus anderen EU-Staaten übernehmen.Nach dem Brexit nahm die Zahl der Bootsmigranten im Ärmelkanal dramatisch zu.Jean-François Badias / APDoch seit Grossbritannien mit dem Brexit auch aus dem EU-Asylsystem ausgetreten ist, sind die Zahlen noch höher. Da die Regierung keinen Zugang mehr zu den EU-Datenbanken hat, weiss sie nicht, welche Asylsuchenden zuvor in einem Land im Schengenraum bereits einen negativen Asylentscheid erhalten haben. Die Folge ist gemäss Sumption klar: «Abgewiesene Asylsuchende haben in Grossbritannien eine letzte Chance, es noch einmal zu versuchen.»«Global Britain» in der MigrationspolitikNoch bemerkenswerter ist die Zunahme der regulären Zuwanderung, welche die Regierung eigentlich staatlich steuern sollte. Mit dem Brexit wurde die Personenfreizügigkeit durch ein neues Punktesystem ersetzt, das die konservative Regierung von Boris Johnson nach dem Vorbild Australiens und Kanadas konzipiert hatte.Der Kerngedanke dahinter: Nicht mehr die (europäische) Herkunft soll darüber entscheiden, wer einwandern darf. Wichtigste Kriterien sollten vielmehr die Qualifikation der Migranten und ihr Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft sein. Im neuen System punktet ein potenzieller Zuwanderer mit Englischkenntnissen, Ausbildung und Berufserfahrung – und vor allem, wenn er ein Jobangebot eines britischen Arbeitgebers vorweisen kann.Mit einer Lohnuntergrenze von umgerechnet rund 28 000 Franken pro Jahr wollte die Regierung verhindern, dass niedrigqualifizierte Ausländer die Löhne der Einheimischen unter Druck setzen. Allerdings wurde eine lange Liste von Branchen mit Personalmangel erstellt: Krankenpfleger, Dachdecker, IT-Spezialisten, Schweisser und viele andere Berufsleute durfte man nach wie vor zu tieferen Löhnen ins Land holen.Die Brexiteers hatten unter dem Schlagwort «Global Britain» eine Neuausrichtung des Landes weg von Europa und hin zu den Ländern des einstigen British Empire und generell der weiten Welt angekündigt. Zumindest bei der Zuwanderung wurde «Global Britain» Realität: An die Stelle von Polen, Rumänen oder Spaniern zur Zeit der EU-Personenfreizügigkeit traten nun Inder, Nigerianer oder Filipinos.Und sie kamen in grosser Zahl: 2015, im Jahr vor dem Brexit-Referendum, betrug die Nettomigration (Differenz zwischen Ein- und Auswanderungen) rund 330 000 Personen, was damals als ausserordentlicher Spitzenwert galt. In den Spitzenjahren 2022 und 2023 errechnete die nationale Statistikbehörde eine Nettomigration von fast 900 000 Personen. Und dies, obwohl die Zuwanderung aus der EU nach dem Brexit markant zurückgegangen war.Nach den Spitzenjahren riss die Regierung zuerst unter dem Tory-Premierminister Rishi Sunak und später unter seinem Labour-Nachfolger Keir Starmer das Steuer herum, worauf die Zahlen wieder auf das Niveau von 2015 gesunken sind. So wurde die Lohnschwelle für Visa erhöht. Pflegefachleute dürfen keine Familienmitglieder mehr mitbringen. Und Studenten nach dem Abschluss weniger lang im Land bleiben, um einen Job zu suchen.Diese sinkende Tendenz hält an. Dennoch bleibt die Zuwanderung von rund vier Millionen Personen in den ersten Jahren nach dem Brexit ein grosses Politikum: Im Volksmund ist von der «Boris-Welle» die Rede – benannt nach dem Premierminister, der das Punktesystem entworfen hatte.Kontingente oder Visumsanforderungen?Die Explosion der Zuwanderung hatte mehrere Gründe. Die irreguläre Migration über den Ärmelkanal trug zwar auch dazu bei, fiel zahlenmässig aber kaum ins Gewicht. Wichtiger waren erstens die ausländischen Studenten, die sich an britischen Universitäten einschrieben.Zweitens kamen nach 2021 etwa eine halbe Million Flüchtlinge aus Hongkong und der Ukraine mit speziellen Visa ins Land. Am bedeutendsten war aber der dritte Faktor: Britische Firmen, aber auch staatliche Arbeitgeber wie Spitäler stillten ihren Bedarf an Arbeitskräften weiterhin im Ausland.Nach Ansicht der Migrationsexpertin Sumption hat die konservative Regierung die Auswirkungen ihres Punktesystems unterschätzt. So sei die Regierung davon ausgegangen, dass bloss einige zehntausend Pflegerinnen und Pfleger ins Land kommen würden. Am Ende aber kamen rund 150 000, und da viele ihre Familien mitbrachten, summierte sich die Zuwanderung in diesem Bereich auf rund 300 000 Personen.Bei der Personenfreizügigkeit steuern die Marktkräfte die Zuwanderung. Greift der Staat ein, kann er dies entweder über Kontingente und Höchstzahlen tun oder aber über Mindestanforderungen zur Erteilung von Visa. Mit Kontingenten lasse sich der Umfang der Migration am effektivsten steuern, sagt Sumption. «Aber die Verwaltung kann kaum sinnvoll vorhersehen, welche Wirtschaftssektoren und Regionen wie viele Arbeitskräfte benötigen.» Das staatliche Mikromanagement des Arbeitsmarkts könne zur Folge haben, dass die Verwaltung Kellner ins Land lasse, obwohl mehr IT-Spezialisten wirtschaftlich sinnvoller gewesen wären.Grossbritannien entschied sich für ein wirtschaftsfreundlicheres System mit Visamindestanforderungen. Zwar müssen sich britische Arbeitgeber, die Migranten anstellen wollen, seit dem Brexit mit der Visabürokratie herumschlagen. Doch wenn sie die Kosten dafür tragen und genügend hohe Saläre zahlen, ist die Rekrutierung aus dem Ausland unbegrenzt möglich. Im Gegenzug kann der Staat die gesamthaften Migrationszahlen viel weniger genau steuern.Nach dem Brexit rekrutierten die britischen Firmen und das Gesundheitswesen mehr Zuwanderer als zu Zeiten der Personenfreizügigkeit. Die Pandemie und die Auswanderung vieler EU-Bürger, die sich nicht mehr willkommen fühlten, verschärften den Fachkräftemangel. Dass die sogenannt «stille Reserve» von EU-Bürgern fehlte, aus der man den Personalbedarf jederzeit unbürokratisch decken konnte, führte überdies dazu, dass britische Arbeitgeber offensiver zu rekrutieren begannen.Regierung reisst Steuer herumDass die jüngsten Visaverschärfungen die Migration dämpfen, zeigt, dass die staatliche Steuerung möglich ist. Doch droht Grossbritannien nun in die andere Richtung zu übersteuern? Weil der Staat die Gebühren für einheimische Studenten gedeckelt hat, haben Hochschulen in den letzten Jahren von den höheren Gebühren der Ausländer gelebt. Als Folge der restriktiveren Visapolitik ist das Land für Studenten weniger attraktiv geworden – und die Finanzlöcher der Universitäten werden immer grösser. Auch Altersheime beklagen, sie hätten bei der Rekrutierung von Pflegepersonal immer grössere Schwierigkeiten.Die Beispiele zeigen, dass Grossbritannien mit der Migration auch innenpolitische Probleme kaschiert. Jeder zehnte Einheimische zwischen 16 und 65 Jahren arbeitet wegen körperlicher oder psychischer Erkrankungen nicht. Wer einen Billigjob annimmt, hat am Ende des Monats nicht mehr Geld in der Tasche, als wenn er Sozialhilfe bezieht. Auch darum arbeiten in Tieflohnbranchen wie der Altenpflege Migranten.Laut Sumption müsste der Staat in der Altenpflege höhere Löhne zahlen, um den Bedarf an Zuwanderern zu reduzieren. «Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen, ist kurzfristig billiger, aber kann langfristig hohe Kosten haben, zumal niedrigqualifizierte Zuwanderer volkswirtschaftlich nicht sehr produktiv sind.»Drei Lehren für die SchweizFür die Schweiz zeigt der Testfall Grossbritannien erstens, dass ein Ausstieg aus dem Dublin-System kontraproduktiv wäre. Wer das EU-Asylsystem verlässt, wird zum Magneten für abgewiesene Asylsuchende. Die 10-Millionen-Initiative sieht im Fall einer anhaltend hohen Migration explizit die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens vor, das politisch eng mit dem Schengen- und Dublin-System verknüpft ist.Zweitens gibt das Ende der EU-Personenfreizügigkeit dem Nationalstaat zwar die vollen Kontrollmöglichkeiten über die reguläre Zuwanderung zurück. Doch in der Praxis können Kontingente dazu führen, dass der Staat an der Wirtschaft vorbeiplant. Das wirtschaftsfreundlichere Punktesystem gab den britischen Firmen darum bewusst mehr Spielraum zur Rekrutierung von Ausländern. Aber es machte die Steuerung der Migration insgesamt überaus unberechenbar.Drittens zeigt die britische Erfahrung, dass in der Migrationspolitik Zielkonflikte entstehen. In Umfragen sprechen sich die Wähler für weniger Migration aus, befürworten aber gleichzeitig die Zuwanderung in vielen konkreten Fällen.«Wir wollen, dass unsere alten Leute gepflegt werden, dass Briten ihre Ehepartner ins Land holen können und dass ausländische Forscher und Studenten an unsere Unis kommen», sagt Sumption. «Wir wollen ein möglichst liberales System, das aber insgesamt zu möglichst tiefen Migrationszahlen führt.» Dass diese Rechnung nicht aufgehen kann, ist die wichtigste Lehre, welche der Brexit für die Schweizer Migrationspolitik bereithält.
Brexit und Migration: Lehren für die Schweiz vor der 10-Millionen-Abstimmung
Die Brexiteers hatten versprochen, nach dem Ende der Personenfreizügigkeit die Zuwanderung zu senken. Passiert ist das Gegenteil. Welche Lehren kann die Schweiz daraus ziehen?








