«Wenn etwas gut läuft, wird es in Zürich schnell kopiert», meint Thomas Rosenberger, der die Belgrill-Gastronomie am Bellevue führt. Benjamin Brockhagen Die Bratwurst kommt seit eh und je vom selben Produzenten, vegane Würste sind kein Thema, und der Senf bleibt scharf: Der «Sternen Grill» bleibt sich erfolgreich treu. Der Inhaber Thomas Rosenberger verrät die Zutaten dieses Dauererfolgs und erklärt, wie die perfekte Bratwurst gelingt.Herr Rosenberger, eine Wurst, ein Bürli und Senf sind eigentlich etwas sehr Einfaches. Warum ist der «Sternen Grill» für so viele Zürcher fast heilig?Wahrscheinlich, weil wir seit den 1960er Jahren gute Qualität anbieten, und zwar konstant und gleichbleibend. Und weil unsere Bratwurst den Geschmack vieler Menschen trifft. Und wegen unseres Senfs.Wieso muss der eigentlich so scharf sein?Er muss nicht scharf sein, aber wir wollen ihn so. Der Senf war schon immer scharf, das ist Tradition. Er kommt sehr gut an so, sorgt aber auch regelmässig für Diskussionen. Das ist ein zusätzlicher Vorteil für uns: Die Medien und die Leute reden darüber. Mittlerweile ist der Senf fast so bekannt wie die Bratwurst selbst.Zur Person Thomas Rosenberger – Inhaber und Geschäftsführer Thomas Rosenberger führte die Belgrill-Gastronomie am Bellevue über dreissig Jahre lang mit seinem Bruder Peter. Seit diesem Jahr arbeitet er mit seinen Neffen Tim Rosenberger und Nik Rosenberger zusammen. Zum Familienunternehmen gehören der «Sternen Grill», das Restaurant «Rosaly’s» und das «Belcafé». Die Brüder absolvierten eine Kochlehre und die Hotelfachschule und stiegen in den 1990er Jahren in den Betrieb ihres Vaters Edi Rosenberger ein. Benjamin Brockhagen Die Bratwurst beziehen Sie seit Jahrzehnten von der Metzgerei Tanner aus St. Gallen. Kratzt das nicht am Zürcher Ego?Nein. In St. Gallen machen sie einfach die besseren Bratwürste.Was können die St. Galler in Sachen Bratwurst, was die Zürcher nicht können?Ich kann nicht genau erklären, weshalb St. Galler Bratwürste anders schmecken als Zürcher. St. Gallen hat mehrere hervorragende Hersteller, die Qualität ist dort traditionell sehr hoch.Darf da Ketchup drauf?Nein, das ist ein No-Go. Ausser für Kinder.Und wenn Erwachsene den scharfen Senf nicht vertragen?Dann sollen sie unsere Bruzzitosauce probieren. Das ist eine Art Cocktailsauce, nur etwas würziger und schmackhafter. Der «Sternen Grill»-Klassiker: eine Bratwurst, dazu das Bürli von der Zürcher Bäckerei Gold und der scharfe Senf. Benjamin Brockhagen Heute gibt es Take-away an jeder Ecke. Vor sechzig Jahren war das anders. Wie entstand der «Sternen Grill»?Mein Vater arbeitete damals im Restaurant Vorderer Sternen im Service. Als der Betrieb neu vermietet wurde, erhielt er den Zuschlag. Der «Vordere Sternen» sah damals völlig anders aus als heute. Es war eher eine klassische Beiz, die sich über die Jahre zu einer bekannten Adresse entwickelte. Die Idee für den Grillstand draussen kam dann von meinem Grossvater. Er sagte zu meinem Vater, er solle das einmal ausprobieren. Also stellte man einen kleinen Grill hin, verkaufte ein paar Bratwürste und schaute, was passiert.Kam ein Imbissgrill im feinen Zürich an?Das hat schon ein wenig Furore gemacht, mitten in der Stadt, neben all den Restaurants. Aber der Grill wurde Jahr für Jahr beliebter. Es kamen immer mehr Gäste, die Öffnungszeiten wurden länger, und aus dieser einfachen Idee entwickelte sich langsam der «Sternen Grill», wie man ihn heute kennt.Sie würden sagen, der «Sternen Grill» war seiner Zeit voraus?Heute ist es selbstverständlich, unterwegs etwas zu essen. In den 1960er und 1970er Jahren war das völlig anders. Man ging ins Restaurant, setzte sich an einen Tisch und ass dort. Dass man auf der Strasse etwas kaufte und gleich vor Ort ass, war noch nicht Teil des Alltags. In diesem Sinn war der «Sternen Grill» seiner Zeit voraus, ja.Wer waren die ersten Gäste?Eigentlich dieselben wie heute: Studierende, Geschäftsleute, Schülerinnen, Touristen, Opernbesuchende. Die Kundschaft war schon immer sehr durchmischt.Haben sich die Gäste über die Jahrzehnte verändert?Eigentlich gar nicht so stark. Die Jüngeren sind einfach älter geworden. Viele erzählen uns heute, dass sie schon als Studierende hierhergekommen sind. Jetzt kommen sie mit ihren Kindern oder sogar mit ihren Enkelkindern. Der Umbau brachte mehr Platz: Seit 2013 verfügt der «Sternen Grill» hinter dem Grillstand über einen zusätzlichen Gastraum. Benjamin Brockhagen Gab es Gäste, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?Wir hatten schon viele prominente Gäste. Sepp Blatter war schon einige Male hier, Tina Turner einmal, Roger Federer auch.Müssen sich auch Weltstars hinten anstellen?Nein. Meistens lassen sie jemand anderes für sich bestellen.Bekommen Prominente eine Extrawurst?Die haben natürlich eine kleine Sonderbehandlung erhalten, ja. Bratwurst am Tisch im Erdgeschoss, dazu ein Glas Senf für zu Hause. Ein günstigeres Marketing kann man kaum bekommen.«Der Zürcher hat seine Kreditkarte oder sein Bargeld bereits in der Hand und weiss genau, was er bestellen will.»Thomas Rosenberger, 2026Die meisten anderen Gäste müssen sich ihre Bratwurst noch mit Anstehen verdienen. Gibt es eine Schmerzgrenze beim Warten?Die Leute sind deutlich geduldiger als früher. Heute ist man das gewohnt, Warten gehört zum Erlebnis dazu, auch bei anderen Orten. Und selbst wenn unsere Schlange sehr lang aussieht, wartet bei uns kaum jemand länger als fünf Minuten.Das überrascht.Ich muss ehrlich sagen: Ich bin selbst schon lange nicht mehr in der Schlange gestanden. Aber wir haben noch nie negative Rückmeldungen zu den Wartezeiten erhalten.Beim «Sternen Grill» stehen Gäste aus aller Welt an. Woran erkennen Sie den echten Zürcher?Der Zürcher hat seine Kreditkarte oder sein Bargeld bereits in der Hand und weiss genau, was er bestellen will. Er kommt hin, bestellt seinen «Spezial Servelat» oder seine St. Galler Bratwurst, bezahlt und ist sofort wieder weg.Und der Tourist?Der schaut sich zuerst um und versucht herauszufinden, welche Wurst nun die berühmte ist. Das braucht manchmal etwas Beratung.Was trinken Sie persönlich zur Bratwurst?Ein Bier. Aber ein Glas Rotwein passt genauso gut.Welchen Wein würden Sie empfehlen?Am ehesten einen regionalen Pinot noir. «Das Gericht und der Wein aus der gleichen Region, wunderbar», meint Thomas Rosenberger. Benjamin Brockhagen Sie haben einmal gesagt, Sie hätten noch keine gute vegane Wurst gegessen. Falls morgen eine überzeugende auf den Markt käme: Würde sie beim «Sternen Grill» auf der Karte landen?Nein.Wieso nicht?Weil die Nachfrage schlicht nicht da ist. Wir haben in den letzten Jahren vieles ausprobiert. Aber die Leute kommen nicht zu uns wegen Fleischersatzprodukten. Sie kommen wegen der Bratwurst.Gab es je einen Trend, den Sie übernommen haben?Eigentlich eher umgekehrt. Die Currywurst gab es damals in Zürich praktisch nirgends. Wir haben sie eingeführt, und sie entwickelte sich zu einem Erfolg. Später tauchte sie an vielen anderen Orten auf. Wenn etwas gut läuft, wird es in Zürich schnell kopiert. Die Currywurst hat sich zu einem der beliebtesten Produkte des «Sternen Grill» entwickelt. Benjamin Brockhagen Warum halten Sie so Abstand zu Trends?Das war nie unser Weg. Wir funktionieren nicht über Trends, sondern über Beständigkeit. Das ist unser Erfolg. Denn Gäste, die wegen eines Trends kommen, verschwinden oft auch wieder, sobald der nächste Trend auftaucht. Das sind nicht sehr loyale Kunden.Verraten Sie, wie man die perfekte Bratwurst grilliert?Auf kleinem Feuer. Eine Bratwurst braucht da ungefähr zehn bis zwölf Minuten, bis sie vollständig durchwärmt ist. Dann kann man sie etwas näher ans Feuer legen. Aber auch dann nicht zu heiss, sonst platzt sie auf.Dann möglichst auch keine schwarzen Grillstreifen?Doch, Grillstreifen darf sie haben. Das Problem ist nur, wenn man zu heiss anfängt. Dann wird die Wurst aussen schwarz, platzt auf und ist innen noch kalt. Oft passiert es auch, dass man die Wurst zusammen mit Fleisch grilliert, das viel höhere Temperaturen braucht. Für eine gute Bratwurst braucht es etwas Geduld. Das neue «Sternen Grill»-Senf-Sujet des Schweizer Künstlers René Fehr. René Fehr Was ist ein absolutes No-Go?Einstechen. Und Bratwürste im Ofen.Wer kommt auf diese Idee?Das machen tatsächlich viele so.Drehen Profis die Wurst ständig oder möglichst wenig?Das hängt vom Grill ab. Wenn der Grill überall gleichmässig heiss ist, muss man die Wurst eigentlich nur einmal wenden. Die meisten Grills zu Hause haben aber unterschiedliche Temperaturzonen. Dann muss man die Wurst etwas verschieben, damit sie überall gleichmässig bräunt.Auf welcher Art von Grill grillieren Sie persönlich?Ich bin ein bisschen faul, ich habe einen Gasgrill.Schwören Grillfans zu Unrecht auf Holzkohle?Auf einem guten Gasgrill erreicht man ebenfalls hervorragende Resultate, mit Fleisch genauso wie mit Würsten. Er lässt sich sehr gut regulieren, und wenn man nach Hause kommt, ist er sofort einsatzbereit. Das ist ein grosser Vorteil.Was ist wichtiger: ein guter Grill oder eine gute Wurst?Eine schlechte Wurst wird auch auf dem besten Grill nicht gut. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Scharfer Senf und St. Galler Wurst: «Sternen Grill»-Chef Thomas Rosenberger im Interview
Der «Sternen Grill» bleibt sich erfolgreich treu. Der Inhaber Thomas Rosenberger verrät die Zutaten dieses Dauererfolgs und wie die perfekte Bratwurst gelingt.








