AnalyseDer Prüfkonzern überzeugt seit dem Amtsantritt von CEO Géraldine Picaud operativ, doch an der Börse ist der grosse Befreiungsschlag bisher ausgeblieben. Legt SGS vor Jahresende neue ehrgeizige Ziele vor, könnte dies die Aktien beflügeln.Kaum ein Interview mit Fondsmanagern, in dem SGS und CEO Géraldine Picaud nicht positiv zur Sprache kommen. Seit März 2024 führt die frühere Holcim-Finanzchefin den Prüfkonzern operativ. Sie steht für eine Leistungskultur, straffe Strukturen und klare Ergebnisverantwortung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Fortschritte sind sichtbar. SGS erzielte im ersten Quartal 2026 einen Rekordumsatz und erwartet für das Gesamtjahr trotz geopolitischem Gegenwind eine bereinigte operative Marge mindestens auf dem Vorjahresniveau.Seit der Bekanntgabe von Picauds Ernennung und der Strategie 2027 Ende Januar 2024 haben die SGS-Aktien zwar zugelegt, doch nach anfänglicher Euphorie blieb der grosse Kursschub aus.Ist die Zurückhaltung gerechtfertigt?Die folgende Analyse zeigt, welches Potenzial in den SGS-Aktien schlummert.InhaltsverzeichnisEin Weltmarktführer in einem lokalen GeschäftNordamerika ist neuer WachstumsschwerpunktDie Marge liegt bereits im ZielbereichFragmentierter Markt bietet OpportunitätenSGS holt operativ Konkurrenz einEin Weltmarktführer in einem lokalen GeschäftSGS ist der weltweit grösste Anbieter im TIC-Markt – TIC steht für Testing, Inspection and Certification. Das Unternehmen kontrolliert etwa Qualität gehandelter Waren, testet Produkte auf Leistungsfähigkeit sowie die Einhaltung von Gesundheits-, oder Regulierungsvorgaben und zertifiziert, ob Prozesse oder Dienstleistungen Standards wie ISO-Normen entsprechen.Organisatorisch ist SGS in zwei Divisionen gegliedert. Testing & Inspection steht mit 89% des Umsatzes klar im Zentrum. Die kleinere Division Certification, die unter dem Namen Business Assurance geführt wird, steuert 11% zum Umsatz bei.Viele Dienstleistungen werden wegen branchen- oder landesspezifischer Regulierung, Zulassungen und Kundenanforderungen vor Ort erbracht. Nur einzelne Bereiche wie Business Assurance sind stärker international organisiert. Entsprechend ist das Geschäft von SGS geografisch breit abgestützt. Weltweit betreibt SGS über 2500 Labore und Geschäftsstandorte.Nordamerika ist neuer WachstumsschwerpunktDer Markt für Prüf-, Inspektions- und Zertifizierungsdienstleistungen wächst strukturell um rund 4 bis 5% pro Jahr. SGS will schneller wachsen. Die Strategie 2027 sieht jährlich 5 bis 7% organisches Wachstum vor, ergänzt um 1 bis 2 Prozentpunkte durch kleine und mittlere Übernahmen.2025 wuchs SGS organisch 5,6%. Zudem steuerten neunzehn kleinere Übernahmen rund 1,7 Prozentpunkte bei. CEO Géraldine Picaud betont gegenüber The Market, SGS habe zehn Quartale in Folge gezeigt, dass 5 bis 7% organisches Wachstum möglich seien – trotz Zöllen, Nahostkrieg und der Bereinigung niedrigmargiger Verträge.«Das grösste geografische Potenzial liegt in den USA, zumal SGS dort untervertreten ist», sagt Patrik Jäger, Fondsmanager bei IFS. Anfang Januar wurde die Übernahme des US-Unternehmens ATS abgeschlossen, das ab 2026 rund 460 Mio. $ Umsatz beisteuern soll. Damit gewinnt SGS Zugang zu regulierten Wachstumsfeldern wie Industrie-Services, Energie, Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung. Bis 2027 soll sich der Umsatz in Nordamerika gegenüber 2023 auf 1,8 Mrd. $ verdoppeln.SGS profitiert von Nearshoring, neuen Lieferketten und mehr Regulierung. Besonders grosse Wachstumschancen sieht Rolf Rathmayr, Analyst bei Reichmuth & Co., bei Nachhaltigkeitsprüfungen, Cybersicherheit, Datenintegrität oder der Zertifizierung digitaler Systeme.Die Marge liegt bereits im ZielbereichParallel zum Umsatzwachstum hat SGS auch die Profitabilität gesteigert. Die bereinigte operative Marge erhöhte sich 2025 von 15,3 auf 16%.Damit liegt SGS bei der Strategie 2027 vor Plan. Die Zielmarge von 16,2% bis 2027 ist in Reichweite. «Die wichtigsten Bausteine sind umgesetzt», sagt Picaud. Entscheidend sei nun die Kombination aus einer Marge von 16 bis 16,2% und starkem Wachstum – das ergebe ein sehr attraktives Investmentprofil.Getrieben wird die Verbesserung vor allem durch klarere Zuständigkeiten, weniger Hierarchiestufen und effizienteren Einkauf. Auch höhere Volumen spielen eine wichtige Rolle. Dass der Konzern nun liefert, stärkt den Leistungsausweis und das Vertrauen ins Management – was sich eigentlich positiv auf die Bewertung auswirken müsste.«Wir haben die Konzernkosten im Wesentlichen um ein Drittel gesenkt», sagt Picaud. Die Verlegung des Hauptsitzes nach Baar versteht sie als Signal: «Ich kann nicht in einem Palast in Genf sitzen und allen anderen sagen, sie sollen Kosten senken.»Fragmentierter Markt bietet OpportunitätenEin wichtiger Teil des Investment Case ist auch die Fragmentierung des TIC-Marktes. Boston Consulting Group schätzt das weltweite Marktvolumen auf mehr als 300 Mrd. €. Rund 60% davon sind ausgelagert, der Rest wird von Herstellern intern erbracht. Die Top vierzehn kommen zusammen nur auf rund 26% des infrage kommenden Marktes, die Top fünf auf etwa 15%. SGS ist Weltmarktführer, hält aber dennoch nur rund 4% Marktanteil.Remo Rosenau, Head of Research bei der Helvetischen Bank sieht bei den weltweit Tausenden kleineren Speziallabors, lokalen Prüfgesellschaften und Nischenanbietern das grösste Konsolidierungspotenzial, weil sowohl die Eintrittsbarrieren wie auch die Kundenansprüche kontinuierlich steigen. Das führe in der Industrie zu einem zwar langsam, aber doch stetig steigenden Konsolidierungsdruck.Gleichzeitig warnt Fondsmanager Alexandre Stucki von AS Investment Management davor, den Effekt zu überschätzen. Viele TIC-Märkte seien lokal geprägt und regulatorisch spezialisiert. Die Fragmentierung werde deshalb nie vollständig verschwinden. Konsolidierung sei eher ein zusätzlicher Wachstumstreiber als der Kern der Investment Story. Wichtiger seien die stabile, regulatorisch getriebene Nachfrage, wiederkehrende Umsätze und hohe Cashflow-Qualität – besonders in margenstarken Bereichen wie Nachhaltigkeit oder Zertifizierung.In einem fragmentierten Markt wie TIC sei Skalierung wichtig, betont hingegen Picaud: Sie bringe Volumen, eine bessere Marktposition und in den gewählten Geschäftsfeldern auch mehr operative Hebelwirkung.SGS holt operativ Konkurrenz einSGS ist durch Reichweite und Breite des Angebots stark positioniert. «Gerade multinationale Kunden profitieren davon, dass der Konzern komplexe Lieferketten über Länder und Regulierungen hinweg abdecken kann», sagt Jäger. Aufholbedarf sieht er bei der Wachstumsdynamik gegenüber Bureau Veritas oder beim Margenniveau gegenüber Intertek.Im Vergleich zu Eurofins oder Intertek ist SGS geografisch und sektoral breiter aufgestellt. Das macht das Geschäftsmodell robuster und weniger abhängig von einzelnen Endmärkten. Auch die Akquisitionsstrategie ist ausgewogen: Während Eurofins historisch aggressiver expandierte, setzt SGS stärker auf selektive und gut integrierbare Transaktionen.Hinzu kommt die grössere operative Disziplin. Lange galt SGS als träge Organisation mit erheblichem Optimierungspotenzial. Unter Picaud stehen Margen, Cashflows und Kapitalrenditen klarer im Fokus. Das zeigt sich besonders beim Return on Invested Capital, kurz ROIC: Er hat sich deutlich verbessert und liegt inzwischen über dem Niveau der wichtigsten Konkurrenten.Was den Aktienkurs bremstDas Interesse des Private-Equity-Investors EQT an SGS-Konkurrentin Intertek zeigt die Attraktivität des Sektors. Gut geführte TIC-Unternehmen erzielten Kapitalrenditen von klar über 20%, sagt Picaud. Das mache die Branche für Finanzinvestoren interessant.Trotzdem gibt es Gründe für den verhaltenen Aktienkurs. TIC-Firmen sind meist Qualitätsunternehmen mit hohen wiederkehrenden Umsätzen, aber nicht rein defensiv, da ihre Dienstleistungen auch am Wirtschaftszyklus hängen. Zudem ist SGS höher bewertet als Bureau Veritas, etwa gemessen am KGV oder am Verhältnis von Unternehmenswert zu Ebitda für 2026. Mehrere Broker bevorzugen deshalb kurzfristig Bureau Veritas.Möglicherweise belastet auch die Sorge um eine weitere Aktienplatzierung durch Groupe Bruxelles Lambert (GBL). Nach dem Verkauf im März 2025 hält der Grossaktionär noch 14,6% an SGS. Rosenau stuft das kurzfristige Risiko heute jedoch klar geringer ein als im März 2025: GBL setzte im November 2025 durch andere Verkäufe 1,7 Mrd. € frei. Solange SGS operativ liefert und Margenpotenzial realisiert, dürfte der Verkaufsdruck wohl gering bleiben – ausser wohl zu deutlich höheren Kursen.Auch der starke Franken bremst. Hinzu kommt Unsicherheit über den Effekt von KI. Die TIC-Unternehmen verweisen zwar auf Produktivitätsgewinne und zusätzliche Nachfrage nach Prüf- und Zertifizierungsdienstleistungen. «Die Analysten sehen im Geschäftsmodell wohl auch einen KI-Gewinner. Nur sehe ich das seltsamerweise nicht in den Zahlen», sagt Patrick Hasler, Fondsmanager bei der Migros Bank. Der Markt wolle zuerst Belege für die Produktivitätsgewinne sehen.Umstritten ist die Bilanz. Durch die Übernahme von ATS ist die Verschuldung gestiegen. «Der Markt will einen Schuldenabbau sehen», kommentiert David Windisch, Fondsmanager bei der Rothschild & Co Bank in Zürich. Auch wurde die Dividende trotz Rekordgewinn nicht erhöht, was dividendenorientierte Anleger enttäuschen kann. Die Wahldividende schont Liquidität und stützt die Bilanz, verwässert den Gewinn je Aktie aber leicht.Zuletzt habe die Verwässerung unter 2% gelegen, sagt Picaud. Entscheidend sei, diesen Effekt mehr als auszugleichen. Das sei gelungen: Der ausgewiesene Gewinn je Aktie sei in Franken in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 3% gestiegen – trotz Aktiendividende. Bei der Bilanz hält Picaud ein Verhältnis von Nettoverschuldung zu Ebitda von unter 2x für angemessen.Auch Jäger sieht die Verschuldung gelassen. «Das Geschäft ist recht stabil und planbar, weist hohe freie Cashflows auf und ist wenig kapitalintensiv. Die Nettoverschuldung im Verhältnis zum Ebitda erscheint daher absolut im Rahmen.» Ähnlich urteilt Rosenau von der Helvetischen Bank: SGS verfüge weiter über ein Investment-Grade-Profil. Kleinere bis mittlere Akquisitionen und eine attraktive Ausschüttungspolitik blieben finanzierbar.Der Kapitalmarkttag als nächster KurstreiberSGS steht heute für ein global diversifiziertes Geschäftsmodell mit defensiven Qualitäten, aber Wachstums- und Margenpotenzial. Der Burggraben liegt in Grösse, Fachwissen, Akkreditierungen, lokalen Zulassungen, Standards und Vertrauen. Gerade in regulierten Bereichen wie Food oder Pharma kann und will ein Kunde den Anbieter nicht beliebig wechseln und ist entsprechend wenig preissensitiv.Auch die Bewertung spricht nicht per se gegen SGS: Das KGV auf Basis der Konsensschätzungen für die nächsten zwölf Monate liegt bei 21, der Unternehmenswert beim Zwölffachen des Ebitda – beides unter dem Zehnjahresdurchschnitt.Der wichtigste Katalysator ist der Kapitalmarkttag am 17. und 18. November 2026. Dort dürfte SGS neue Mittelfristziele zu Wachstum, Margen, Dividendenpolitik und Kapitalallokation vorlegen. «SGS muss ehrgeizigere Ziele präsentieren», betont Windisch.Rathmayr hält 16,5 bis 17% Margenpotenzial für realistisch. Rosenau erwartet ebenfalls weitere Verbesserungen, aber etwas langsamer als zuletzt, weil SGS nun stärker in Wachstum, Digitalisierung, KI und Akquisitionen investiert.KI dürfte am Kapitalmarkttag ebenfalls Thema sein. Es soll Effizienz und Servicequalität erhöhen und zugleich neue Dienstleistungen ermöglichen. «Der Bedarf an Vertrauen im digitalen Raum wird weiter zunehmen», sagt Picaud. Digital Trust bleibe deshalb ein strukturelles Wachstumsfeld – auch im nächsten Strategiezyklus.Der starke Franken, geopolitische Risiken und die Konjunktur bleiben Belastungsfaktoren. Insgesamt ist die Investment Story aber intakt: Unter Picaud dürfte SGS Wachstum und Profitabilität weiter verbessern.«Ich versuche immer, mehr zu liefern, als versprochen wurde», sagt Picaud im Gespräch.The Market empfiehlt den Titel zum Kauf.